Werke von Gussy Hippold-Ahnert wieder in Radebeul

Eine Retrospektive zum 100. Geburtstag

Am 12. März wurde in der Stadtgalerie Radebeul unter dem Titel »Im Schatten der Zeiten gewachsen« eine Gedenkausstellung mit Werken von Gussy Hippold-Ahnert (1910-2003) eröffnet. Seitdem herrscht reger Andrang in der kleinen Galerie. Viele Besucher haben die Künstlerin selbst noch in lebendiger Erinnerung und erfreuen sich an dieser erlesenen Präsentation.

Fast fünf Jahrzehnte verbrachte Gussy Hippold-Ahnert im Haus »Sorgenfrei«, einem der schönsten Anwesen inmitten der Oberlößnitz, bis sie fortschreitend sehbehindert zu Beginn der 90er Jahre in die Nähe der Tochter nach Dresden-Gorbitz in eine Neubauwohnung zog. Haus »Sorgenfrei« erwarb schon bald darauf ein tatkräftiges Architektenehepaar aus dem westlichen Teil Deutschlands und begann Gebäude und Parkanlage anhand alter Pläne wieder herzurichten. Das Haus nannten sie nun Villa. Doch die Villa »Sorgenfrei« blieb nicht frei von Sorgen und brachte den neuen Bewohnern kein Glück. Andere Besitzer folgten nach und bewirtschaften das Areal als Hotel mit Restaurant der Luxusklasse. Ein Schmuckstück auf Hochglanz poliert.

Getilgt sind die Spuren zweier Malerleben. Was bleibt, ist die Kunst, welche an diesem einst so inspirierenden Ort entstand. Auch der Lyriker Wulf Kirsten bewahrte in einem Gedicht aus dem Jahr 1974 das Vergängliche vor dem Vergessen. Worte wie »im verblichenen herrensitz Haus Sorgenfrei, empirestil, wohnt die malerin Gussy Hippold. … aufgeblättert berge lauterer kunst, im schatten der zeiten gewachsen…« stimmen die Ausstellungsbesucher im Foyer der Stadtgalerie auf Leben und Werk der Künstlerin ein.

Die Ausstellung zeigt vorwiegend Menschen- und Landschaftsbilder aus sieben Schaffensjahrzehnten. Das älteste Blatt ist eine kleine Buntstiftzeichnung aus Kindertagen. Erhalten blieb auch das erste Skizzenbuch der 13-Jährigen, in dem sie Menschen und Dinge ihrer unmittelbaren Umgebung naturgetreu festzuhalten versucht, den Blick bereits auf Wesentliches konzentriert.

Die Talente der in Berlin geborenen und in Dresden-Wachwitz aufgewachsenen Gussy Ahnert zeigten sich schon früh. Ihre musische Entwicklung wurde im Elternhaus gefördert. Sie nahm Klavier- und Zeichenunterricht. Auch dem späteren Besuch einer Kunstakademie stand nichts im Wege. Dix erkannte die außergewöhnliche Begabung der jungen Frau sofort und nahm sie auf in seinen Schülerkreis.

Das Jahr 1933 bildet für die noch am Anfang ihres Entwicklungsweges stehende junge Künstlerin sowohl in persönlicher als auch künstlerischer Hinsicht eine Zäsur. Ebenso wie ihr Lehrer Otto Dix verlässt sie die Akademie. Noch im gleichen Jahr zieht sie von Dresden nach Radebeul. Zunächst auf die Rennerbergstraße 11, später auf den Augustusweg 48. In der Lößnitz findet sie gemeinsam mit Erhard Hippold, ihrem späteren Mann, einen neuen Wirkungskreis. Die Arbeit in der väterlichen Miederwarenwerkstatt, notwendig zur Sicherung des Lebensunterhalts, und die Geburt der Tochter lassen für die aufwändige Technik des Lasierens keine Zeit. Es werden andere Techniken eingesetzt, die zu einem schnelleren Ergebnis führen. Die heitere Lößnitz mit ihrer üppigen Vegetation bietet eine Fülle darstellenswerter Motive. Es entstehen leuchtende Pastelle und duftige Aquarelle. Beziehungen werden gepflegt zu den Malern Karl Kröner und vor allem Paul Wilhelm, der seine gärtnerischen Ambitionen mit Erhard Hippold teilt. Während Dresden in Schutt und Asche versinkt, bleibt die liebliche Idylle der Lößnitz nahezu unversehrt. Für Künstler Glück und Fluch zugleich.

Das Frühwerk gerät zunehmend in Vergessenheit. Erst mit dessen Wiederentdeckung durch den Dresdner Kunsthistoriker Dr. Fritz Löffler zu Beginn der 70er Jahre und einer sich unmittelbar anschließenden Ausstellung in der Galerie Kühl werden Fach- und Sammlerkreise aufmerksam. Ein Großteil der frühen Werke befindet sich heute in Museen, öffentlichen und privaten Sammlungen. Ein Umstand, der zunächst die Befürchtung weckte, dass für die geplante Retrospektive zum 100. Geburtstag von Gussy Hippold-Ahnert kaum noch bedeutende Arbeiten aufzutreiben wären. Der Berliner Kunstwissenschaftlerin Frizzi Krella, die als profunde Kennerin ihres Werkes gilt, ist es zu verdanken, dass sich zahlreiche private Sammler freudig bereit erklärten, Leihgaben aus ihrem Besitz für die Radebeuler Gedenkausstellung zur Verfügung zu stellen.

Der Erdgeschossraum der Galerie wird dominiert von elf ausdrucksstarken Porträts aus den frühen 30er Jahren, darunter die Bildnisse »Trude« , »Rothaarige«, »Jüdisches Mädchen«, »Erhard Hippold«, »Frau Möckel« und »Fischermädchen« sowie ein Rückenakt und der Halbakt »selbst«. Wenngleich der Einfluss des Lehrers Dix zu spüren ist, durchdringt die Künstlerin das Wesen ihrer Modelle mit der ihr eigenen weiblichen Sensibilität. Gezeigt wird auch eine Stadtlandschaft, bei der es sich um den Blick aus dem Dresdner Atelier auf der Zirkusstraße handelt. Daneben hängt, quasi als Gegenstück, ein Winterbild von Erhard Hippold. Es zeigt den Blick aus dem Haus »Sorgenfrei«, der späteren Wirkungsstätte beider Künstler. Ebenfalls von Erhard Hippold wurde in Ergänzung das Porträt der jungen »Gussy« aus dem Jahr 1931, dem Jahr des Kennenlernens, in die Serie der Porträtdarstellungen eingefügt. Beide letztgenannten Werke stammen aus der Städtischen Kunstsammlung Radebeul.

Ein kurzer Film von Dr. Hans Cürlis aus dem Jahr 1926, der während der Ausstellung im Obergeschoss zu sehen ist, zeigt den Maler Otto Dix, wie er zeichnet, aquarelliert und lasiert. Techniken also, die auch Gussy Ahnert zu Beginn der 30er Jahre von ihm erlernen sollte.

Erstmals in einer Ausstellung präsentiert werden einige der Pariser Skizzenblätter aus dem Jahr 1933. Zu sehen sind auch Radierungen, die im Schaffen der Künstlerin jedoch eine Ausnahme bilden. Der Anstoß hierzu dürfte wohl von Erhard Hippold ausgegangen sein.

Gemalt und gezeichnet wurde, sobald sich die Möglichkeit bot. Anregungen, die Gussy Hippold-Ahnert während ihrer Reisen – anfangs in der Schweiz, in Lettland, Litauen und Frankreich, später dann in Bulgarien, Ungarn und Polen sowie an der Ost- und Nordsee – empfing, flossen in ihr Schaffen ein. Auch nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1972 war Gussy Hippold-Ahnert, so lange es ihre Sehkraft erlaubte, künstlerisch aktiv. Mit einem Skizzenbuch, das bis ins Jahr 1986 hinein datiert ist, schließt sich der zeitliche Bogen dieser Gedenkausstellung.

Für deren Besuch bietet sich Gelegenheit bis zum 25. April. Ebenfalls zu empfehlen ist eine Ausstellung in der Städtischen Galerie Dresden mit frühen Arbeiten der letzten lebenden Dix-Schülerin Erika Streit, welche in freundschaftlicher Beziehung zu Gussy Hippold-Ahnert stand.

Karin Gerhardt

[V&R 4/2010, S. 11-14]

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