Ausgetauscht

Ein Interview mit der jungen Buchautorin

Charlotte Riedel war von August 2010 bis Juli 2011 ein Jahr in Russland. Als Austausch-Schülerin, freiwillig. Sie hat darüber ein Buch geschrieben. Das erschien nun unter dem Titel „Ausgetauscht“. Karin Funke hat sich mit ihr darüber unterhalten.

Charlotte Riedel

K.F. Es ist ja ziemlich ungewöhnlich, dass man mit 16 schon anfängt ein Buch zu schreiben, und dies ist sicherlich nicht das erste Interview dazu. Wirst du an der Schule schon als Promi angesehen?
C.R. Nein, es ist eigentlich genau das Gegenteil! An meiner Schule (Luisenstift) ist es momentan eher so, dass kaum einer etwas davon mitbekommt. Viele Mitschüler kommen aus Dörfern wie Friedewald und Moritzburg, die haben die Interviews gar nicht gelesen. Aber die, die davon wissen, haben das Buch auch gekauft.
K.F. Kam die Idee ein Buch zu schreiben, von dir oder von deinen Eltern?
C.R. Eigentlich eine Idee der ganzen Familie. Wenn ich nicht gewollt hätte, hätte ich es auch nicht machen müssen, ich war anfangs zögerlich, ob ich mir das zutrauen kann.
Ganz wichtig als Motivation für mich war: Ich habe keine Literatur gefunden, die mich gezielt auf meinen Austausch vorbereitet hätte. Es gibt zig Bücher über „Mein Jahr in Amerika“, „Mein Jahr in Australien“, aber nichts über Russland!
K.F. Also ist dein Buch auch als Handreichung gedacht für andere, die vor der Entscheidung stehen?
C.R. Ja, genau. Das habe ich von vielen gehört, dass sie eigentlich gern nach Russland fahren wollten aber sich dann doch für die USA entschieden haben, weil sie sich nicht vorbereiten konnten. Das hat mich schockiert. Es steht jetzt auch drin, wie man sich bewirbt, was einen erwartet und so.
K.F. Warum ist das Buch deinem Vater Udo Riedel gewidmet?
C.R. Weil er die leitende Kraft dahinter war. Der Herausgeber, der die Texte, wo ich noch in Russland war, gekürzt und darauf hingewiesen hat, welche Fotos noch fehlen und so weiter. Eigentlich waren meine Eindrücke anfangs nur als „blog“ (Internet-Einträge auf facebook) für Freunde gedacht. Aber schon nach kurzer Zeit wurde mein blog so populär, dass es Zugriffe aus allen möglichen Ländern der Welt gab, nicht nur aus meiner Schule (USA, Moldawien, sogar Korea), so dass mein Vater meinte: Ab sofort schreibst du ausführlicher, wir machen ein Buch daraus!

K.F. Hattest du, als du die Reise antratst, bestimmte Vorurteile und Klischees über Russland im Kopf – Kälte, Vodka, sentimentale Lieder – oder warst du einfach offen?
C.R. Eigentlich hatte ich keine, d.h. das sind ja keine Klischees, das ist ja wirklich so in Russland – zumindest da wo ich war, in Tschuwaschien: im Sommer plus 40 Grad, im Winter minus 40 Grad: ein Land der Extreme!
K.F. Tschuwaschien kennt ja hier keiner. Wie bist du ausgerechnet da gelandet?
C.R. Das war mir auch unbekannt. Ich habe mir eine Austauschorganisation gesucht, dann muss man eine Länderwahl treffen, da stand Russland an erster Stelle. Und ich wusste: fast keiner fährt nach Russland, das wird schon klappen. Meine Austausch-Organisation, die YfU, arbeitet nur mit freiwilligen Familien, nicht kommerziell. Und die meisten haben sich eben dort gemeldet, der Hauptstadt Tscheboksary, da gibt es schon ein Netzwerk und auch die entsprechenden Schulen dafür.
K.F. Du beschreibst in deinem Buch, was du alles zusammen mit der „Gastschwester“ unternommen hast, bist du denn immer mit Kjuscha gut ausgekommen?
C.R. Kjuscha ist in der Familie die ältere Tochter. Ich hatte auch anfangs Angst, dass sie mich nach spätestens zwei Wochen aus dem Zimmer schmeißt, aber es ist die ganze Zeit gut gegangen, wir haben viel zusammen gemacht. Ehrlich gesagt, die kleine dreijährige Tochter Dascha hat viel mehr genervt, weil sie immer so früh wach wurde.
K.F. Wie hast du es 2400 km von Radebeul entfernt, überhaupt so lange ausgehalten, ein ganzes Jahr?
C.R. Es war ja kein ganzes Jahr, eigentlich nur zehn Monate. Aber das ist üblich und sinnvoll, in der Schule ein komplettes Schuljahr mit zu machen. Wenn man nur drei Monate machen würde, müsste man das Schuljahr wiederholen. Und dann ist es so, dass man sich meistens erst nach einem halben Jahr eingewöhnt hat, mit dem Leben und der Sprache vertraut ist. Der Anfang ist sehr Kräfte zehrend. Man muss mit allem Neuen klar kommen, ohne seine Verwandten und Freunde, fern der Heimat, man versteht vieles nicht. Und dann kommt die dunkle Jahreszeit. Wenn man in dieser „Tiefphase“ im Dunkeln wegfahren würde, nähme man einen negativen Eindruck mit nach Hause. Aber wenn man sich durch den russischen Winter gequält hat, ist alles gut.

Charlotte Riedel: Ausgetauscht (2011)

K.F. Was hat dich persönlich überrascht, womit hattest du gar nicht gerechnet?
C.R. Ganz eindeutig: das russische Dorf! Kleine Holzhäuschen, kein fließend Wasser, als ob die Zeit stehen geblieben wäre. So mit großem Ofen und frei laufenden Tieren ((auf Nachfrage: nur für den Eigenbedarf – Gänse, Hühner, Kühe, manchmal Schweine)), eine alte Oma mit Rock und Kopftuch – eben wie das russische Mütterchen im Märchen!
K.F. Wie geht es weiter nach dem Abitur? Willst du wieder nach Russland, vielleicht für ein Praktikum? Oder hast du die erstmal die Nase voll von Russland?
C.R. Nein, überhaupt nicht! In den nächsten Sommerferien fahren wir alle, also meine Familie wieder dorthin, ich möchte die beiden Familien miteinander bekannt machen. Und nach dem Abi ist bisher ein freiwilliges Soziales Jahr geplant. Ich würde dafür gern nach Argentinien oder Peru….
K.F. Dann müsstest du ja noch eine weitere Sprache lernen: Spanisch!
C.R. Eben deshalb, ich lerne gern Sprachen. Aber ich glaube, ich halte es nicht länger als zwei Jahre ohne Russland aus.

„Ausgetauscht“ von Charlotte Riedel erschien im Verlag „edition winterwerk“ und kostet 16,90 €. Es ist nicht in Buchläden, sondern nur Online z.B. über amazon.de oder bei der Autorin erhältlich. Weitere Infos auf: www.russlandlotte.de
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2 Kommentare

  1. Thomas Eber
    Veröffentlicht am Do, 5. Jan. 2012 um 21:03 | Permanenter Link

    Ich finde es gut, dass in dem altmodischen Heft mal ein Interview mit einer Jugendlichen erscheint. Ich fand das sehr interessant. Das zeigt das Lebensgefühl der jungen Leute in Radebeul. ich finde, es sollten noch mehr Artikel zum Leben unserer Generation geben und nicht so viele historische Rückblicke und Berichte von Verstorbenen aus früheren Jahrhunderten. Das interessiert doch keinen!

  2. Redaktion
    Veröffentlicht am Do, 5. Jan. 2012 um 21:08 | Permanenter Link

    Lieber Herr Eber,

    vielen Dank für Ihr Kompliment. Sie sind natürlich herzlich eingeladen, das Lebensgefühl der Jugend selbst zu Papier zu bringen. Denn wenn wir schon beim Thema Vorurteile sind: Ältere Herrschaften kramen nur in der Vergangenheit, und die Jugend interessiert sich für nichts wirklich und ist nicht bereit, Mühen auf sich zu nehmen und etwas selbst zu gestalten. Stimmts?

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