Mehr als drei Wünsche für Radebeul-West

…und viele, viele Fragen

Radebeul-West im Aufbruch? Das klingt ja toll! Doch wer bricht auf, warum und wohin? Kein Plan, nirgends? Das Bahnhofsgebäude eine Black Box. Der neue Eigentümer vorerst inkognito. Die leer stehenden Geschäfte (Aktueller Stand: 9 im Bereich von 500 Metern) vermehren sich inflationär. Höchste Zeit, dass sich etwas verändert. Also, ran an die Basis! Denn, grau ist alle Theorie und bunt ist das Leben.

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Foto: Karin (Gerhardt) Baum

 Mit einem neuen Konzept startete das traditionelle Frühlingsspektakel am 11. April unter dem Motto „Radebeul-West macht mobil“. Die Händler formierten sich zur kooperativen Gemeinschaft, erstmals in Zusammenarbeit mit dem Bürgeraktiv von Radebeul-West, der Oberschule Kötzschenbroda, dem Radebeuler Kulturamt und der Stadtgalerie. Zarte Bande wurden auch zur Kultur- und Werbegilde Altkötzschenbroda geknüpft. Kleinster gemeinsamer Nenner: Das Frühlingsspektakel fand am gleichen Wochenende wie die Langen Kultur- und Kneipennächte statt, und man bewarb und besuchte sich gegenseitig.

Was war nun so hervorhebenswert, neu oder anders in diesem Jahr? Wimpelketten in Frühlingsfarben flatterten fröhlich an Straßengeländern, Hausfassaden und zwischen Bäumen. Tische und Stühle vor den Geschäften verbreiteten südländisches Flair. Voller Spannung und mit vielen Sonderaktionen erwarteten die Händler ihre Kundschaft. Den unüberhörbaren Auftakt bildete Punkt 10 Uhr auf dem kleinen Platz vorm Bettenhaus Hennl der „Spielmannszug Weinböhla“. Eine Stunde lang zogen die 23 Musiker übers ganze Terrain und gaben 15 Mini-Platzkonzerte. Als Rettungsengel war der Performer Tim Schreiber 6 Stunden im pantomimischen Einsatz und bezog sowohl Händler als auch Kunden in das improvisierte Spiel ein. Auf großes Interesse stießen auch die zwei Stadtteilführungen mit Hans-Georg Staudte, so dass es wohl eine Fortsetzung geben wird. Geschäftsbetreiber stellten sich und ihre Einrichtung vor. Alteingesessene Händler präsentierten kleine Ausstellungen zur Firmengeschichte. Das „Schau ins Schau-Fenster-Gewinnspiel“ wurde so gut angenommen, dass es für die vielen Preisträger schließlich 32 (!) „West-Pakete“ zu packen galt. Die ursprünglich geplante Aktion, ein leer stehendes Geschäft mit Schülerkunst temporär zu beleben, scheiterte im letzten Moment am Vermieter. Die Kunstwerke fanden schließlich „Asyl“ beim Raumausstatter Rau und ergänzten sich sehr ästhetisch mit den Warenauslagen. Auch die farbintensiven Bilder des Radebeuler Künstlers Klaus Liebscher machten sich gut im Geschäft von Farben Oehme. Der Verein „Bündnis Buntes Radebeul“ stellte sein Kochbuch einschließlich schmackhafter Kostproben vor, der Volksschauspieler Herbert Graedtke lud zum Mitmachtheater ein und der SZ-Treffpunkt entschloss sich nahezu in letzter Minute ebenfalls aktiv dabei zu sein.

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Foto: Karin (Gerhardt) Baum

Das Fazit der Händler: Der Gemeinschaftssinn wurde gestärkt, die Veranstaltung machte den Mitwirkenden viel Spaß und die Stimmung war durchweg positiv. Wichtiger als der Umsatz war an diesem Tag die Werbung für den Standort Radebeul-West. Und so soll das Frühlingsspektakel mit dem neuen Konzeptansatz keine Eintagsfliege bleiben. Geplant ist vom 1. bis 3. Advent ein „Weihnachtsspektakel“ wiederum mit einem „Schau ins Schau-Fenster-Gewinnspiel“, vorweihnachtlichen Händler-Sonderaktionen und abwechslungsreicher Alternativkultur an ungewöhnlichen Orten. Bis dahin will man einen humorvollen kleinen Stadtteilführer erarbeiten, um vor allem auch die Radebeuler Neubürger auf vorhandene Potentiale aufmerksam zu machen.

Von der im Rahmen des Frühlingsspektakels gestarteten Wunschbriefkastenaktion versprechen sich nicht nur die Händler anregende Impulse. Die Kästen, welche Schüler der Oberschule Kötzschenbroda sehr originell gestaltet hatten, wurden in verschiedenen Geschäften von Radebeul-West für 7 Wochen stationiert.
Das verblüffende Ergebnis: 25 Kästen waren gut bis sehr gut gefüllt, 14 Kästen blieben leer und ein Kasten wurde sogar weggeworfen. 172 Wunschzettel hatten sich angesammelt, darunter einige von vorn bis hinten eng beschrieben. Die Auswertung erfordert allerdings Zeit. Vorschau und Rückblick wird darüber berichten.

Vorab seien hier schon immer einige der zahlreichen Wünsche bzw. Hinweise genannt: Ordnung, Sauberkeit, Sicherheit, Behinderten-, Senioren- und Familienfreundlichkeit, öffentliche Toiletten, Stellplätze für Fahrräder sowie PKWs mit Parkleitsystem und gestaffelter Parkdauer, Sitzmöglichkeiten mit Lehne und im Schatten, gepflegte Grünbereiche, Barrierefreiheit, Gastronomie mit Außensitzplätzen vom gemütlichen Café bis zum Schnellimbiss für Ernährungsbewusste, Spiel- und Beschäftigungsmöglichkeiten für Kinder, eine kleine Bar für Jugendliche, öffentliche Gemeinschaftsräume, eine zentral gelegene Bibliothek mit Lesecafé, ein Programmkino, die Wiederbelebung verfallender Gebäude und Brachflächen, eine durchgängige Geschwindigkeitsbegrenzung 30 km/h auf der Moritzburger Straße und der Bahnhofstraße vom Mohrenhaus bis nach Altkötzschenbroda, die Umleitung des Schwerlastverkehrs, ein zentraler Infopunkt (Kultureinrichtungen, Sehenswürdigkeiten, Veranstaltungen, Rad-, Spazier- und Wanderwege), ein Frischemarkt am Samstag auf dem Bahnhofsvorplatz, die Ergänzung des Warensortimentes mit Fisch, Spielwaren, Fahrkarten, Sportartikeln, Feinkost, Bekleidung, Tierzubehör, Lebensmitteln, Geschenkartikeln, preiswerten Schuhen…
Einheitliche bzw. verlängerte Öffnungszeiten waren ebenfalls Thema der Wunschzettelaktion. Allerdings haben sich gelegentliche Tests, einzelne Geschäfte bis 19 Uhr offen zu lassen, nicht bewährt. Vielleicht wäre die Konzentration auf einen familienfreundlichen stressfreien „Einkaufs-Samstag“ (auch mal ohne Auto) mit Frischemarkt und einer Kernöffnungszeit von 10 bis 14 Uhr effektiver? Das alles lohnt sich aber nur, wenn möglichst viele Geschäfte mitmachen.

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Im Frauen-Fitness-Studio kommt selbst ein Engel ins Schwitzen Foto: Karin (Gerhardt) Baum

Als positiv wurden u.a. in Radebeul-West die schönen Gründerzeitgebäude, die Nähe zur Flaniermeile Altkötzschenbroda und zum Elbradweg, die optimale Anbindung an den Öffentlichen Nahverkehr, die vielen kleinen Läden, die fachliche Kompetenz der Einzelhändler und ihre guten Serviceleistungen hervorgehoben.

Zu einem abschließenden Gespräch über den Verlauf der Aktion wurde im Kreise der Händler lebhaft diskutiert. Einigkeit bestand darin, dass der kleinteilige Einzelhandelsstandort Radebeul-West akut gefährdet ist, wenn nicht bald etwas Grundlegendes passiert. Einen interessanten Aspekt berührte die Frage: Welche Spielräume sind überhaupt noch vorhanden, um einen lebendigen Innenstadtbereich zu entwickeln, wo sich Menschen wohl fühlen und gern verweilen? Öffentliche Räume im städtischen Besitz sind rar und privat ist privat. Deshalb dürfte es für die Zukunft des Stadtteilzentrums nicht unerheblich sein, was der neue Besitzer des ehemaligen Bahnhofsgebäudes plant. Diskussionsrunden zum Thema Radebeul-West gab es in der Vergangenheit mehr als genug. Doch wer hat die Wortmeldungen fixiert, gebündelt, bearbeitet? Wo laufen die Fäden zusammen? Gibt es einen Maßnahmeplan? Wie sieht die Zeitschiene aus? Wie spiegelt sich Radebeul-West im Stadtentwicklungskonzept INSEK, dessen Entwurf noch bis zum 31. Juli 2015 zur Kenntnis und Diskussion im Technischen Rathaus, in beiden Bibliotheken und im Kulturamt ausliegt? Was bedeutet es, wenn Radebeul-West zum Sanierungsgebiet erklärt wird?

Mit dem Frühlingsspektakel und der Wunschbriefkastenaktion wurde ein viel versprechender Anfang gemacht. Wie aber nun weiter? Das Kulturamt und die Stadtgalerie werden noch einige der genannten Vorhaben bis zum Jahresende fachlich begleiten. Eine aufgeschlossene Gruppe junger Händler will projektbezogen auch künftig zusammenarbeiten. Dabei ist man sich durchaus bewusst, dass Radebeul-West nicht losgelöst von Gesamt-Radebeul betrachtet werden kann. Ein kontinuierlicher Informationsaustausch mit den Fachämtern der Stadtverwaltung, den Radebeuler Stadträten, der Kultur- und Werbegilde Altkötzschenbroda, den Händlern von Radebeul-Ost, dem Fremdenverkehrsverein sowie dem „verein für denkmalpflege und neues bauen“ wird angestrebt.

Manches lässt sich schnell und unkompliziert regeln. Anderes wiederum erfordert sehr viel Geduld. Auch ein Stadtteilkonzept kann man nicht aus dem Boden stampfen. Es muss von innen heraus wachsen, denn es leitet sich aus den Bedürfnissen der Menschen ab, die vor Ort ansässig und wirksam sind. Das Mit-Denken und Mit-Handeln wird man sich dabei allerdings nicht ersparen können, selbst wenn das manchmal auch ganz schön anstrengend ist.

Karin (Gerhardt) Baum

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