Schmetterlinge im Weinberg (Teil 2)

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Foto: J. Kuhbandner

Zurück in die Weinberge, nun in die heimischen, in die sächsische Kulturlandschaft entlang der Elbe. Auch hier haben einige seltene Falterarten überlebt. Wer mit offenen Augen durch die Weinberge spaziert, kann sie fliegen sehen.
Die Schmetterlingszeit in den Weinbergen beginnt mit den ersten warmen Sonnentagen. Das kann schon im Februar oder März sein. Es erscheinen die Überwinterer – die Schmetterlinge, die als Falter den Winter in Kellern, auf Dachböden, in Mauerritzen oder geschlossener Vegetation schlafend verbrachten. Der Zitronenfalter, der Kleine Fuchs, der C-Falter und das Tagpfauenauge sind die ersten Boten. Ein erneuter Wintereinbruch lässt sie wieder verschwinden. Sieht man den Aurorafalter, zuerst die männlichen Tiere mit den orangen Flügelspitzen, wird es bald Frühling. Dieser Falter hat den Winter im Puppenstadium verbracht, wie auch der ihm folgende Segelfalter. Schlüpfen sie aus der Puppe, ist der Sommer nicht mehr weit.
April, Mai – die ersten warmen Tage. Wir nehmen den Weg über Schloss Wackerbarth zum Jacobstein. Mit viel Glück können wir den Segelfalter beobachten. Diese wärmebedürftige Art lebt hier in einem seiner nördlichsten Verbreitungsgebiete an den sonnigen Hängen mit Trockenmauern und Brachen mit wilder Schlehe, der Futterpflanze der Raupe. Der Wärmeanspruch und das Verschwinden geeigneter Biotope macht ihn in Deutschland zu einer sehr seltenen Schmetterlingsart. In der Roten Liste der Tagfalter Sachsens steht er als „stark gefährdet“ und „besonders geschützt“. Der Segelfalter – hellgelb mit schwarzen Streifen, einer Flügelspannweite von 5 bis 8 Zentimetern, an den Hinterflügeln je einen halbmondförmigen blauschwarzen Augenfleck mit orangeroter Randung und den auffälligen langen Schwanzfortsätzen, die ihn vom ähnlichen Schwalbenschwanz unterscheiden – fällt durch seinen elegant gleitenden Flug auf. Wir sehen ihn hier unterhalb des Jacobsteins durch den Weinberg segeln, unter Ausnutzung der Thermik zeitweise ohne Flügelschlag. Dann ein kurzes Flattern an einer Distelblüte und am Natternkopf, von einem Artgenossen aufgescheucht geht es senkrecht nach oben. Zwei Falter schrauben sich in den Himmel. Wir verlieren sie aus den Augen. Dieses Balzverhalten bezeichnet man als Hilltopping, zu beobachten meist an exponierten Stellen, einer Bergkuppe, wie hier am Jacobstein, oder auch am Bismarckturm in den Weinbergen der Oberlößnitz. Der imposante Falter fällt auch in den Gärten unterhalb der Weinberge auf. Dort locken ihn die Blüten zum Nektar tanken. Die Raupen fressen an wilder Schlehe, die zwischen den bewirtschafteten Weinbergflächen wächst. Im südlichen Europa kommt der Segelfalter häufiger vor, bringt im Jahr bis zu vier Generationen hervor. Nördlich der Alpen spricht man von meist nur einer Frühjahrsgeneration. Ich konnte aber in den letzten Jahren immer eine zweite Generation im Juli beobachten. Ein gutes Zeichen. Als ich einmal in der Webergasse mit meinem Teleobjektiv am Zaun stand und versuchte Segelfalter zu fotografieren, die dort um ein Blumenbeet flogen, erweckte ich die Aufmerksamkeit einiger Spaziergänger. Sie entdeckten das Objekt im Ziel meiner Linse und staunten nicht schlecht. So große Falter, wo sind die denn entflogen? Einer wusste ihn zu bestimmen: ein Schwalbenschwanz. Vor Jahren hätte er mal einen gesehen. Ich erklärte ihnen die Besonderheit. Eine Verwechslung mit seinem nächsten Artverwandten dem Schwalbenschwanz liegt nahe, da man beide Falter sehr selten zu Gesicht bekommt.
Der Segelfalter hat eine offensichtliche Beziehung zum Weinbau, dessen Anbaumethoden sich in letzter Zeit hin zum ökologischen geändert haben. Sein Lebensraum wird nicht mehr bedroht
Juni, Juli – kleine Bläulinge sind nun an den Wildblumen zwischen den Weinreben und am Wegesrand zu beobachten. Kohlweißlinge vervollständigen das Bild, noch sind sie relativ zahlreich vertreten. Hat der Sommer die Oberhand bekommen, fliegen die Gäste aus dem Süden ein, die sogenannten Wanderfalter wie Admiral, Distelfalter oder Taubenschwänzchen.
Das Taubenschwänzchen ist ein kleiner Schwärmer und erinnert an einen Kolibri, wenn es in der Luft an einer Blüte verweilt und mit seinem langen Rüssel Nektar trinkt. Diese Vertreter haben einen weiten Weg hinter sich – über die Alpen bis zu uns in den Weinberg. Hier pflanzen sie sich fort, fliegen weiter nördlich oder sind bis in den Spätsommer bei uns zu Gast.
Noch eine Seltenheit. Der Russische Bär oder auch Spanische Flagge genannt, ist eigentlich ein Nachtfalter. Er fliegt aber auch tagsüber im Weinberg. Man nimmt etwas orangerotes Flatterndes war. Sitzt der Falter an einer Mauer oder auf einem Blatt, sind die Flügel geschlossen. Braun mit weißen Streifen, bilden sie eine dreieckige Form. Die orangeroten Hinterflügel sind verdeckt.
Bekannt ist der Falter als Touristenattraktion auf der Insel Rhodos. Dort sammeln sich alljährlich tausende Falter im Tal der Schmetterlinge (Petaloudes). An Felsen und Stämmen sitzen die Falter dicht gedrängt. In den sächsischen Weinbergen und nahen Taleinschnitten ist der schöne Falter von Mitte Juli bis Ende August zu beobachten. Etwas Glück gehört aber immer dazu und man kann froh sein, wenn man einen einzelnen zu Gesicht bekommt. In der Roten Liste Sachsens ist die Art in die Kategorie „stark gefährdet“ eingestuft.
Zum Schluss etwas Statistik. Schmetterlinge sind die zahlenmäßig zweitstärkste Gruppe an Arten unter den Insekten nach den Käfern. In Deutschland sind ca. 3700 Arten beschrieben, davon entfallen 190 Arten auf die Tagfalter. In Sachsen sind 114 Tagfalterarten nachgewiesen. Davon gelten 66 Arten als gefährdet bzw. ausgestorben. 16 Arten sind bereits ausgestorben, 20 weitere sind vom Aussterben bedroht. (Quelle: Rote Liste Tagfalter Sachsens, Landesamt für Umwelt und Geologie, Juli 2007)
Ausgeräumte und intensiv genutzte Landschaften sind eine Ursache für das Verschwinden vieler Schmetterlingsarten. Den Futterpflanzen der Raupen und Schmetterlinge wird die Wachstumsgrundlage entzogen. Es bleiben nur wenige Refugien und Nischen, die Rückzugsorte für viele bedrohte Tiere und Pflanzen darstellen. Diese sollten wir schützen und erhalten.
Einer dieser wertvollen Lebensräume für Schmetterlinge ist der Weinberg. Wir sind auf einem guten Weg.
So könnte auch bei uns, wie an der Mosel der Apollofalter, ein Vertreter der fliegenden Gaukler der Lüfte symbolhaft auf dem Etikett einer Weinflasche von einer lebenswerten Kulturlandschaft erzählen. Der heimische Segelfalter wäre ein würdiger Botschafter.

Jörg Kuhbandner

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