MEISSNER STRASSE 172

War das kleine Radebeuler Kulturdenkmal mal ein Winzerhaus?

Warum war ich so zögerlich, anders als in anderen Fällen, mit dem Schreiben zu diesem kleinen Anwesen zu beginnen? Sicherlich weil es kein herausragendes Denkmal in der Radebeuler Kulturlandschaft ist und weil die Bau- und Nutzungsgeschichte noch viele Rätsel hat. Dem steht gegenüber, dass das Haus seit über drei Jahren durch Freunde von mir mühevoll in Stand gesetzt wird und ich mich mit ihnen freue, dass im September 2016 trotz einiger Restarbeiten der Einzug erfolgen konnte. Anderseits sind auch in meinem weiteren Bekanntenkreis durchaus ein paar Leute, die meinen, das Haus sei ein Fall für die Abrissbirne und sich an den Kopf greifen, wie man in einem alten Haus wohnen will, wo die Bahn quasi durchs Schlafzimmer fährt. Aber gerade diese Mischung ist doch eine spannende Geschichte!

Die Fragen beginnen schon bei der Eintragung des Hauses in der Radebeuler Denkmaltopografie – „kleines, zweigeschossiges Wohnhaus errichtet um 1880“ – wodurch die Baugeschichte stark abgekürzt wird und eventuelle andere Nutzungen ausgeschlossen werden.

Ohne Zweifel würde ein Makler das Haus Meißner Straße 172 mit „verkehrsmäßig gut erschlossen“ beschreiben und da hätte er Recht. Die eigentümliche Lage hart an der verkehrsreichen Meißner Straße kann man nur durch die Historie erklären. Dabei sollten sich auch frühere Nutzungen besser erkennen lassen. Das Grundstück (Fl.st. 2703) war im 18. Jh. etwa 15.960 m² groß, ging im Westen bis zu einem längst nicht mehr existierenden Weg zwischen Bor- und Meißner Straße und wurde im Laufe der Geschichte mehrmals geteilt und bebaut, so dass das heute betrachtete Grundstück Meißner Straße 172 nur noch etwa 1970 m² misst. Hinzu kommt, dass die Heidesandterrasse, eine Südlage, zwischen Borstraße und Meißner Straße quer durch das Grundstück verläuft. Und wenn man dann noch den sehr alten Gewölbekeller sieht, wird man bald auf Wein kommen – also die ehemalige Grundstücksgröße ließe zusammen mit der Südlage Weinanbau grundsätzlich zu. Das ursprüngliche Haus, insbesondere der Keller spricht dafür, könnte also ein kleinerer Winzerbetrieb gewesen sein. Das findet man auch in alten Lageplänen mit entsprechender Symbolik für Weinbau bestätigt. Als Rest einer Weinbergsumzäunung kann eventuell die Mauer längs der Zillerstraße betrachtet werden, solche Einfriedungen schützten oft die Weinberge. Anderseits teilte die um 1880 angelegte Zillerstraße das große Grundstück ein weiteres Mal. Der Haustypus ähnelt vielleicht auch einem sächsischen Bauernhaus, könnte man meinen. Doch hier war kein Dorf; Serkowitz oder Fürstenhain sind weiter als 1km entfernt. Man weiß auch, dass noch im 19. Jh. Niederlößnitz sehr spärlich mit Gebäuden bestanden war und dass, entgegen zum heutigen Anbau fast nur am Steilhang, Wein auch auf flacher geneigten Flächen bis nahe der Elbe stand. An mehreren Stellen in Radebeul können wir außerdem ablesen, dass Winzerhäuser niemals mitten im Weinberg errichtet wurden, sondern, wie auch hier, eher in Randlage. Heute Vorbeikommende sehen auffallend starken Baumbestand gerade auf der Heidesandterrasse, doch der ist maximal 200 Jahre alt und hatte den Wein noch vor der Reblauskatastrophe allmählich verdrängt. Außerdem war die Linie der heutigen Meißner Straße im 18. Jh. ein Feldweg und für Fernverkehr bedeutungslos. Das änderte sich erst mit Verlegung der alten Poststraße 1784 aus Serkowitzer Elbnähe auf hochwassersichereres Terrain und damit vor unser betrachtetes Haus, das damals schon gestanden haben muss. Der Verkehr auf der Poststraße war hier bis weit ins 19. Jh. jedoch nicht mit den heutigen Verkehrsverhältnissen zu vergleichen.

Bevor wir das bzw. die Gebäude etwas näher anschauen, muss ich zunächst den merkwürdigen, im Volksmund verhafteten Namen des Hauses – Hexenhaus – gerade rücken. Das ist natürlich Quatsch, Hexen sind eine mittelalterliche, religiös gestützte Erfindung und ich habe nicht die Phantasie, die Wurzeln dieses Hauses im Mittelalter zu suchen. Diese liegen frühestens in der Mitte des 18. Jh., konnten aber bisher keinem genauen Jahr zugeordnet werden. Sollte ich dem Haus einen Namen geben müssen, hielt ich Märchenhaus für passender. Vielleicht würde das Lotte, der z.Z. jüngsten Bewohnerin, gefallen?

Der Bau des Gewölbekellers aus Sandsteinquadern entspricht der Bauweise, die in der Lößnitz etwa vom 16. bis ins 18. Jh. üblich war, ist aber hier leider an keiner Stelle datiert. Er ist über eine Falltür im Korridor und eine relativ breite Treppe (Fasstransport!) zu erreichen und stellt ganz sicher das älteste, bzw. ursprünglichste Bauteil des Gebäudes dar. Wir gehen nicht fehl, wenn wir diesen Keller als in der Mitte des 18. Jh. errichtet einstufen.

Da der Kellergrundriss nicht mit dem EG-Grundriss übereinstimmt, ist das Erdgeschoss mit einem Natursteinsockel extra gegründet. Darauf baut ein zweigeschossiges, nicht durchlaufendes Fachwerk-Wandgefüge heute mit Lehmausfachungen auf. Ältere, verputzte Ziegelausfachungen waren schadhaft. Eine Putzstelle ließ einen roten Beistrich erkennen, ein Zeichen, dass das Winzerhaus vor 1872 sichtbares Fachwerk hatte. Dieses weist aber keinerlei kunstvolle Arbeiten auf. Alle verwendeten Hölzer sind Nadelhölzer, was für einfache Häuser auf dem Lande durchaus üblich war. An zwei Stellen wurden Holzproben für eine dendrochronologische Untersuchung entnommen und von zwei unabhängigen Prüfern grob als 1. nicht älter als 1740 und 2. nicht jünger als 1840 eingeschätzt – da ist viel Luft dazwischen!

Meißner Straße 172, Ansicht von Süden vor der Sanierung
Foto: D. Lohse


Die Fensteranordnung mit 3 (Traufseite) x 2 (Giebel) Achsen ist, abgesehen vom Westgiebel, regelmäßig. Die Verbretterung beider Geschosse lässt sich einer Umbauphase von 1872 (diese Jahreszahl geht aus dem handschriftlichen Vermerk auf der Rückseite eines alten Brettes von einem am Bau beteiligten Zimmerer hervor, der Rest unleserlich) zuordnen, eine Ausführung dieser Arbeiten, wie auch Änderungen der Dachkonstruktion wird der Fa. Gebr. Ziller zugeschrieben. Das Dachsystem eines Satteldaches, vorher wohl Sparrendach, wurde zu dem Zeitpunkt in ein Pfettendach ohne Drempel geändert und ist so in der Lößnitz nur in der 2. Hälfte des 19. Jh. verwendet worden. Ein Vergleich zu dem Zillerbau Bennostr. 27a (1873) mit ähnlichem Dachstuhl und gleicher Holzzier bestärkt die obengenannte Zuschreibung der Arbeiten. Bei diesem Umbau erscheinen nun bescheidene künstlerische Ausstattungen mit Rundbogenfries an der Verschalung und geschweiften äußeren Fensterrahmungen.

Fensterdetail mit Holzzierleisten
Foto: D. Lohse


Ursprünglich waren in diesem Haus Holz-Einfachfenster mit zwei Sprossen je Flügel mit Klappläden. Bei der laufenden Rekonstruktion folgten die Eigentümer diesem Prinzip, jedoch werden die z.T. aufgearbeiteten Fenster durch neue Kastenfenster ergänzt. Wenn die noch fehlende Verbretterung in diesem Frühjahr wieder angebracht wird, soll dahinter eine zeitgemäße Wärmedämmung unsichtbar befestigt werden. Apropos Wärme, künftig wird das Haus alternativ beheizt – dafür kann Erdwärme von einem neuen ca. 150m tiefen Brunnen genutzt werden. Das scheint mir eine intelligente Lösung zu sein. Dadurch fielen zwei ältere Schornsteine weg.

Wie das Haus in früheren Zeiten gedeckt war, ist nicht bekannt. Eine letzte Dachdeckung (nach 1945) mit roten Strangfalzziegeln war noch so gut, dass hier nur sparsame Ergänzungen erforderlich waren.

Ein westlicher, eingeschossiger Anbau, der früher auch ein Satteldach hatte, diente als Stall und Waschhaus und soll in einer zweiten Sanierungsphase dem Wohnbereich zugeschlagen werden. Ein anderes, nicht mehr stehendes Nebengebäude längs der Zillerstraße, an das nur noch ein Fenstergewände in der Mauer am Fußweg erinnert, diente wohl einst als Kleintierstall. Es war durchaus üblich, dass sich Winzer Ziegen, Kaninchen und Hühner hielten, ohne dass man sie deswegen als Bauern bezeichnet hätte. An der Stelle dieses Nebengebäudes wollte in den 30er Jahren die katholische Kirche offensichtlich eine kleine Kapelle bauen. Wir fanden dazu Skizzen von Architekt Max Czopka, die aber nie verwirklicht wurden.

Zu den Vorvorbesitzern des Grundstücks weiß man nicht sehr viel – seit 1931 gehörte es aber bis zum Verkauf im Jahre 2013 der benachbarten katholischen Kirche, die es untervermietete bzw. später auch für Rüstzeiten junger Katholiken genutzt hatte.

Das Ziel der Denkmalpflege war eine konstruktive Ertüchtigung des Hauses innerhalb des überkommenen Gefüges und die Wahrung des äußeren Bildes nach dem letzten Umbau von 1872 als das Haus bereits kein Winzerhaus mehr war, auch verbunden mit einer Modernisierung der technischen Ausstattung. Dieses Ziel wurde m.E. prinzipiell erreicht; natürlich blieben Überraschungen während der Zeit der Sanierungsarbeiten nicht aus, wo man dann auch ein paar Kompromisse eingehen musste. Ich möchte den Bauherren, meinen Freunden Frank S. und Andrea L., ausdrücklich für die Leistungen während der langen Bauzeit danken, ich bewundere das Durchstehvermögen und weiß, dass das Geld nicht in den Sand gesetzt wurde, wiewohl auf Sand (sh. Heidesandterrasse) gebaut wurde.

Die durch die Überschrift aufgeworfene Frage möchte ich nachdrücklich mit Ja beantworten, es muss sich hierbei um ein um 1750 erbautes Winzerhaus handeln!

Dietrich Lohse

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