Schätze, dem Himmel so nah!

Historisch bedeutsame Funde im Turmknopf der Friedenskirche

Foto: S. Graedtke

Schon seit Monaten ragt weit sichtbar der eingerüstete Turm der Friedenskirche ins Land. Umfangreiche und längst überfällige Sanierungen erfolgen derzeit nach jahrelanger Vorbereitung am Außenbau. Ein sprichwörtlicher Höhepunkt in 47m war im Zuge dieser Arbeiten die Abnahme des Turmkreuzes mit der darunter befindlichen Turmkapsel. Nicht selten bergen jene über die Zeiten hinweg ungeahnte Geheimnisse, welche von kirchen- und stadtgeschichtlicher Bedeutung sein können. Die letzte Einsicht liegt mit den Renovierungen von 1962/63 immerhin bereits über ein halbes Jahrhundert zurück.
Was für ein erhebender Moment mag es daher eine Woche vor Pfingsten für die Anwesenden, darunter federführend Pfarrerin Annegret Fischer und Restauratorin Christina Nehrkorn-Stege wohl gewesen sein, der Öffnung von zunächst zwei von insgesamt drei versiegelten Kassetten beizuwohnen. Die Spannung war sicher groß, auch wenn eine Inhaltsliste aus den 1960er Jahren im Kirchenarchiv vorlag.
Wie erwartet traten, insbesondere aus den frühen Zeiten, zahlreiche handschriftliche Dokumente zutage. Sie wurden in enger Zusammenarbeit mit dem Radebeuler Stadtarchiv sachkundig gesichtet und dokumentiert. Aufgrund der in den letzten Jahren gewonnenen technischen Möglichkeiten, konnten dort

Blick in den Luthersaal mit den ausgebreiteten Fundstücken Foto: S. Graedtke

alle relevanten Autographe umfänglich digitalisiert werden, sodass sie der Nachwelt auch in diesem Medium erhalten bleiben. Dies ist insbesondere für die weitere wissenschaftliche Aufarbeitung interessant, da die oft nur schwer lesbaren Originaltexte einer geduldigen Transkription bedürfen. So gesehen bleibt auch uns Zeitgenossen manches schriftlich verfasste Detail zunächst auf Weiteres verschlossen. Immerhin geben die mit Initialen oft reich verzierten Deckblätter der Niederschriften zumeist über Autoren, Inhaltsangaben oder Jahreszahlen hinreichend Auskunft.

Kassette von 1746 Foto: S. Graedtke

Am 18. August wurden schließlich alle aufgefundenen Dokumente im Luthersaal der Friedenskirche der interessierten Öffentlichkeit – gemessen an einem Menschenleben durchaus einmalig! – zugänglich gemacht. Auf mehreren Tischen wurden die Kassetten platziert und ihre jeweiligen Fundstücke nummeriert nach ihrer Einlage aufgereiht. Ausgelegte Inhaltsverzeichnisse machten eine Übersicht und Zuordnung leichter. Die eintägige Ausstellung erlebte nach Öffnung am Vormittag regen Andrang, war über Mittag dann überschaubar, bis schließlich die an diesem Tag von kultureller Station zu Station wandernden Radebeuler vom „Bürgertreff“ kurz vor Toresschluss mit ihrem letzten Programmpunkt den Saal stürmten. Wer den Weg also nicht scheute, konnte sich über ein Schriftkonvolut aus über dreieinhalb Jahrhunderten einen Überblick verschaffen und in sich so in unterschiedlichste Zeitschichten vertiefen.

Älteste Handschrift von 1656 Foto: S. Graedtke

Im Rahmen des Gottesdienstes am 25. August werden die Kassetten vor der Gemeinde präsentiert und neu bestückt, um schließlich am 1. September an seinen angestammten Platz an der Spitze des Turms zurückzukehren.
Im Folgenden lohnt es sich, etwas genauer über den Inhalt der drei Kassetten zu berichten. Insgesamt beherbergen sie etwa einhundert gezählter Posten, auf die an dieser Stelle nur stichpunktartig eingegangen werden kann. Die zeitliche Abfolge aller Schriften steht nicht zuletzt im festen Zusammenhang mit den Arbeiten und Umbauten an Kirche und Turm in den Jahren 1746, 1834, 1885, 1912, und 1962.

Fundstücke aus der mittleren Kassette von 1834 Foto: S. Graedtke

In seiner wechselvollen Geschichte, die bis in die zweite Hälfte des 13. Jahrhundert zurückreicht, war die Zerstörung des Gotteshauses während des Dreißigjährigen Krieges durch schwedische Truppen im Jahr 1637 die letzte dramatische Zäsur. Schon im selben Jahr erfolgte durch Landbaumeister Ezechiel Eckhardt und großzügig gefördert durch Kurfürst Johann Georg I. der Wiederaufbau. Während dieser Zeit, seit 1623, war Augustin Prescher (1593-1675) Pfarrer der Kirche, der schließlich über 50 Jahre dem Ort sein Gepräge geben sollte. Von überregionaler Bedeutung ist, dass Prescher 1645 in Kötzschenbroda Gastgeber für die Friedensverhandlungen zwischen Sachsen und Schweden war. Eine Denkschrift aus seiner Feder, datiert vom 25.9.1656 dokumentiert den 20 Jahre währenden Wiederaufbau der Kirche. Sie zählt zum ältesten und wohl kostbarsten Fundstück. Eine weitere Denkschrift vom 22.9.1699 ist mit der Unterschrift von Georg Friedrich Köhler versehen.
Warum die mit Abstand beiden ältesten Schriftzeugnisse in der dritten Kassette mit den „neuesten“ Unterlagen aus der Zeit zwischen 1884 und 1962 völlig zeitfremd verbracht wurden, muss ein Rätsel bleiben.

Fundstücke aus der großen Kassette von 1886 Foto: S. Graedtke

Auf der ersten und weitaus kleinsten Kassette, kaum größer als eine Postkarte, ist im Deckel die Jahreszahl 1746 eingestanzt. In ihr befanden sich 12 Posten mit Münzen und Handschriften zu unterschiedlichen Themen. So u.a. ein Bericht über den Friedensschluss zwischen Preußen und Ungarn, …, eine Liste über Getreidekosten in Dresden oder Reparationszahlungen. Zudem wird auch das trockene Wetter erwähnt. Erwähnenswert ist ferner eine gebundene Zeitschrift mit dem blumigen Titel: „Genealogisch-historische Nachrichten von den Allerneusten Begebenheiten, welche sich an den Europäischen Höfen zugetragen worinn zugleich Vieler Standes-Personen und anderer Berühmter Leute Lebens-Beschreibungen vorkommen, als eine Fortsetzung des Genealogisch Historischen Archivarii“.
Die zweite Kassette, in der Größe eines schmalen und überhöhten Schuhkartons, mit über 40 Einzelposten aus den Jahren zwischen 1812 und 1834 gefüllt, stammt von Sanierungsarbeiten aus dem Jahr 1834. Als zentrale Gestalt ist hier Pfarrer Johann Gottlob Trautschold (1777-1862) zu nennen, der sich in zahlreichen Denkschriften und im Rahmen anderer Feierlichkeiten umfassend verewigte. Ferner sind u.a. Münzen, Meißner Gemeinüziges Wochenblatt von 1827, Dresdner Anzeigen von 1812, Predigten u.a. zur Taufe und Ernte, Jubelfeiern, „Zum festlichen Empfang der neuen Glocken“ 1834 oder eine Chronik der Stadt Dresden und ihrer Bürger in 15 Heften zu nennen.
Wann die dritte, jüngste und zugleich größte Kassette erstmalig Verwendung fand, ist nicht mit Gewissheit zu sagen. Sie enthält mit etwa 50 Einzelposten von 1862 bis 1962, bis auf die o.g. beiden Ausnahmen, die meisten Dokumente. Der umfassenden Verbreitung drucktechnischer Erzeugnisse im 19. Jahrhundert folgend, waren hier weitgehend publizierte Hefte, Blätter und Fotos in ungeordneter Reihenfolge zu finden. Stellvertretend seien genannt: Adressbuch von Kötzschenbroda 1883, Denkschrift für den Turmknopf zu Kötzschenbroda vom 6. August 1885, Bild vom Turm mit Gerüst/ Umbau des Turmes 1886, Fotopostkarte zum Besuch von König Friedrich August in der Kirche zu Kötzschenbroda am 4. Mai 1908, Programm des Weihnachtsoratoriums von 1960, Leitung Kantor Hoch, Abschrift: Gutachten zur Erneuerung der Kirche, gez. Dr. Magirius.
Und die Geschichte geht weiter. Eine neue, vierte Kassette wird mit lebendigen Grüßen unserer Tage, so von Pfarrern, Gemeindemitgliedern, Bürgern und Broschüren für kommende Generationen befüllt. Wohl wissend um die Inflation des gedruckten Papiers und in Bewahrung der individuellen Handschrift jetzt wieder weitgehend mit persönlich notierten Gedanken.
Die erste Ausgabe vom Mai 1990 und das aktuelle Heft von „Vorschau & Rückblick“ gehen auch auf die Zeit-Reise. Wo wären sie denn auch besser aufgehoben – als dort oben?

Sascha Graedtke

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