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Mit Thomas Rosenlöcher poetisch durch das Jahr
Di., 1. Okt.. 2019 – 18:37
Art déco an und in Radebeuler Gebäuden
Di., 1. Okt.. 2019 – 18:36





Sie haben den Begriff schon mal irgendwo gehört, sehen aber gerade kein Beispiel vor Ihren Augen, schon gar nicht in Radebeul? Da wollen wir uns diesem Thema mal nähern.
Im Laufe der Geschichte haben sich verschiedene Baustile über eine bestimmte Zeit gehal-ten und wurden dann abgelöst. Mein Eindruck ist der, dass die Standzeiten der Stile immer kürzer wurden – Romanik und Gotik blieben jeweils etwa 200 Jahre bestehen, Renaissance und Barock waren mit ca. 100 Jahren schon kürzer und die Stilrichtungen des 19. und 20. Jahrhunderts hielten sich nur 20 oder gar 5 Jahre.
Hier soll also eine relativ kurze Stilrichtung in der ersten Hälfte des 20. Jh. betrachtet werden. Art déco ist die Kurzform des französischen Begriffs Art décoratif, also dekorative Kunst, die Deutschland in den zwanziger Jahren berührte. Das Zentrum dieser Bewegung lag in Paris, daher der französische Name, und verbreitete sich über Europa und bis in die USA. International gesehen liegen die Anfänge um 1912, wurden aber in ihrer Verbreitung vom 1. Weltkrieg unterbrochen. Art déco wirkte sich auf alle Kunstformen – Architektur, Plastik, Malerei (hier ist der Begriff Expressionismus üblich), Dichtung (man spricht auch von Dadaismus), Mode, Musik und Gebrauchsgegenstände – aus. Man muß Art déco als Gegenentwurf zum Jugendstil ansehen. Während sich der Jugendstil um 1900 an geschwungenen, organischen Formen der Natur wie Lilien, Schwänen oder Fledermäusen orientierte, wirkte Art déco expressiv, konstruierter auch abstrakter, mit gegen Bögen gestellten Geraden, mit zu Dreiecken aufgefächerten Geraden und Spitzen, die Farben oft kräftig und kaum abgemischt. Während es eine bewusste Unterscheidung des Art déco vom Jugendstil gab, kann man bei einigen Beispielen Annäherungen zum Deutschen Werkbund oder auch dem Bauhaus erkennen. In der modernen Zeit ging Fassadenschmuck immer mehr zurück. Das hatte durchaus gestalterische Gründe, wie am Bauhaus ablesbar, war aber auch dem Wunsch nach preiswerten Wohnbauten in der Nachkriegszeit geschuldet. Man könnte Art déco vielleicht als den letzten, Häuser schmückenden Stil in Europa bezeichnen. Da die Erinnerung an den 1. Weltkrieg noch relativ frisch war, hatte sich im Volksmund für diesen Stil der etwas makabere Begriff „Granatsplitterstil“ eingebürgert – das Bild traf es aber recht gut!


In Radebeul fand diese Stilrichtung keine sehr weite Verbreitung, aber, wenn man sucht, wird man gelegentlich auch hier das Art déco finden. Ich will im Folgenden auf ein paar Beispiele von 1925 bis 30 in unserer Stadt aufmerksam machen. Von den in dieser Zeit in Radebeul tätigen Architekten fällt dabei der Name Max Czopka besonders häufig, er hatte offenbar Gefallen an den Schmuckformen des Art déco gefunden. Die meisten seiner Siedlungshäuser zeigen Art déco nur durch ein gefächertes Blattgebilde (wohl ein vorgefertigtes Element), mal größer, mal kleiner – sein Markenzeichen sozusagen. Dagegen waren seine Kollegen Albert Patitz und Alfred Tischer bei durchaus vergleichbaren Häusern dieser Zeit mit derartigen Schmuckformen etwas zurückhaltender.



Das von Czopka 1927 geplante Wohnhaus Gartenstr. 77 für Familie Kelling (Großwäscherei-betrieb) zeigt an den Fassaden etwas derartigen Schmuck, im Inneren jedoch in mehreren Beispielen: an Türen, Geländern, mit Malerei im Treppenhaus und auch an Schmuckglas-fenstern. Auch an den vielen Mehrfamilienhäusern, die Czopka für die Baugenossenschaft zu Radebeul entwarf, finden wir bei einem Spaziergang durch die Schiller-, und Kantstr. oder in der Gartenstr., Pestalozzistr., Neubrunnstr. und Serkowitzer Str. bescheidenes schmückendes Beiwerk im Stil des Art déco. Stellvertretend für diese Gruppe von Häusern sei die Czopka-Mietvilla Einsteinstr. 20 (1929 errichtet) genannt. Eine ganz andere Anwendung sehen wir bei der kurz nach 1900 gebauten Fabrikantenvilla Spitzhausstr. 28, da gibt es Art-déco-Deckenstuck in der Veranda. Der Brunnen im Garten der Villa zeigt ebenfalls diese Formensprache. Hier wirkte 1928 der Chemnitzer Architekt Friedrich Wagner-Poltrock zwar nur ergänzend, in Chemnitz war er in jener Zeit bekannter, da er dort u.a. mehrere Schulen errichtet hatte. Bei der neuen Friedhofsfeierhalle in Radebeul Ost, wo Max Czopka 1928 / 29 tätig war, sind es weniger die Details, sondern ist es mehr die Gesamtgestaltung, die dem Art déco entspricht. Schließlich kann auch das Pfarrhaus in Kötzschenbroda mit dem Luthersaal durch seine Zollinger-Decke und andere Details im Inneren Merkmale des Art déco aufweisen. Der Entwurf der Gebr. Kießling stammt von 1928 / 29. Ebenfalls auf die Gebr. Kießling geht der Entwurf von 1928 für das Doppelwohnhaus Heinrich-Zille-Str. 34 zurück, hier wurden die oberen Teile der Fenstergewände, also die Stürze, mit spitzem Dreieck aufgebrochen. Etwa 1992 sah ich in einem gründerzeitlichen Mehrfamilienhaus in der Sidonienstr. zwei Öfen (wohl Teichert / Meißen), die mit „gezackeltem Dekor“ auch dem Art déco entsprachen. Hier waren diese Öfen offenbar eine Zweitausstattung, ob sie noch existieren, weiß ich allerdings nicht. Dem hier betrachteten Stil muß auch ein Gipsrelief aus einem unbekannten Radebeuler Haus zugerechnet werden. Es ist ein leicht defektes Sammlerstück, wahrscheinlich aus dem Innenbereich eines Wohnhauses, vielleicht einem Treppenhaus, das bisher noch keiner Adresse zugeordnet werden konnte.



Wir können zum Schluss feststellen, dass es andernorts möglicherweise mehr erhaltene Beispiele gibt und diese Kunstform in Radebeul keine allzu starke Verbreitung erreicht hat (nach 1933 paßte Art déco nicht ins Programm, bzw. wurde ausgegrenzt) und wir Beispiele dafür vorwiegend im östlichen Teil unserer Stadt finden.
Übrigens zeigt das Stadtmuseum Meißen noch bis zum 3. November 2019 eine sehenswerte Art-déco-Ausstellung – ein glücklicher Zufall, wie ich finde!
Dietrich Lohse
Bilder: Dietrich Lohse
Werke von Detlef und Gabriele Reinemer in der Hoflößnitz
Di., 1. Okt.. 2019 – 18:35
Noch bis zum 27. Oktober sind in der aktuellen Sonderausstellung des Sächsischen Weinbaumuseums Hoflößnitz (Knohllweg 37 in Radebeul, geöffnet Di-So 10-18 Uhr) Arbeiten der Radebeuler Künstler Gabriele und Detlef Reinemer zu sehen. Im Folgenden einige kurze Auszüge aus der Laudatio von Dr. Ingrid Koch zur Vernissage am 8. September:
»Detlef Reinemer hat seine Ausstellung ganz lapidar ›Keramische Objekte‹ genannt, Gabriele Reinemer holt poetisch-universell ›Sonne, Mond, Sterne‹ vom Himmel. Wir begegnen wieder einmal diesen zwei ganz unterschiedlichen Handschriften in unmittelbarer Nähe, sich gegenüber. Und schnell wird anhand verschiedener Akzentsetzungen klar, dass sie in der Weltsicht verbunden sind. Vielleicht mehr als in anderen Präsentationen scheint mir diesmal bei beiden das ›Grundrauschen‹ unserer Zeit hörbar. Gleichwohl sind die einzelnen Arbeiten beider Künstler zeitlos, nicht an konkrete Ereignisse gebunden. […]
Schaue ich in Detlef Reinemers Raum, auf seine ›Keramischen Objekte‹, so scheint mir von ihnen in dieser Zusammenstellung eine Botschaft – nicht zufällig sind wie auf einem Altar ›Geheime Botschaften‹ ausgelegt – auszugehen, die ich als eine Art Fazit deuten würde, das eher zweifelnd und pessimistisch ausfällt. Da ist der aus weiß glasiertem Porzellan geschaffene, auf Eisen gebettete ›Januskopf‹, dem Fisch aus dem Mund quillt und auf dem Kopf hängt – ein wenig glitschig vielleicht, wie die ständig wechselnden Standpunkte. Diese doppelgesichtige Gestalt ist einer der uralten Mythen, die Reinemer in seinen Arbeiten in die Gegenwart holt, zieht sich doch das Janusköpfige seit ewigen Zeiten durch das Handeln der Menschheit bis in die Gegenwart. […] ›Einer trage des anderen…‹ heißt die große Arbeit, in der zwei männliche Halbfiguren – eine weiß, eine schwarz – sich den Rücken zuwendend, eine Last geschultert haben. Allerdings werden sie auf diese Weise wohl nicht vorankommen, wenn die Verständigung fehlt. […] Die in Detlef Reinemers Plastiken verkörperten personellen Archetypen basieren auf den antiken und christlichen Überlieferungen, in denen im Grunde alles vereint ist, was die Existenz des Menschen immer noch prägt: Liebe und Freundschaft ebenso wie Verrat, Lüge, Hass und Gewalt.
In Gabriele Reinemers Raum scheinen wir eine andere Welt zu betreten. […] Zuvorderst fallen zeichenhafte, in die Höhe ragende, turmartige Objekte ins Auge, vorrangig schwarz-weiß gefasst, sowie klotzartige, ebenfalls – rot und schwarz – bemalte Gebilde, die eine seltsame Fremdartigkeit ausstrahlen. Hintergrund dieser exotisch wirkenden plastischen Arbeiten, die seit mittlerweile fast anderthalb Jahrzehnten das Schaffen der Künstlerin prägen, waren längere Reisen nach Nord- und Schwarzafrika, die tiefe Eindrücke hinterließen.
Die ›Stachel‹ an den turmartigen Gebilden sowie die Abgeschlossenheit der häuserartigen Blöcke, die sie hier ›Wehrdörfer‹ nennt, weisen wohl einerseits auf die vielen kriegerischen Konflikte der jüngeren Zeit. Sie weisen wohl aber auch auf die Empfindungen der Künstlerin, die die vorgefundenen Gesellschaften durchaus als schwer durchschaubar und verstehbar erlebte – nicht zuletzt in ihrer Mischung aus deformiert Archaischem bzw. Mittelalterlichem und Moderne.
Es war wohl die Mischung aus Reizvollem, Fremdartigem und Erstaunlichem, aus Verheerung und Stillstand, die Gabriele Reinemer bis heute nicht losgelassen hat. Die Objekte wirken spielerisch, aber ihr Hintergrund ist ein ernster. Nicht zuletzt wird der auch mit der kraftvollen Tuschezeichnung ›Das Boot‹ – einer vom Ozean ziemlich gebeutelten Nussschale – berührt, die daran erinnert, wie nah uns diese Konflikte kommen. So stößt man bei der Auseinandersetzung mit Reinemers Arbeiten diesmal verstärkt auf die ›großen‹ Fragen unserer Tage.
Kunst kann auf diese Fragen keine Antwort geben. Aber sie kann mit ihren Mitteln Dinge auf ungewöhnliche Art ins Bewusstsein rücken.«
Ingrid Koch
Handverlesen
Di., 1. Okt.. 2019 – 18:34
Der Dichter Thomas Rosenlöcher zu Gast im Festsaal von Schloss Hoflößnitz

Gelegentlich tritt im Leben der glückliche Umstand ein, dass aus einer Idee ein Plan und aus diesem ein Ereignis wird. Als besonders glücklich kann ein solcher Umstand dann gelten, wenn das Ereignis die eigenen Erwartungen erfüllt, ja mehr noch, diese sogar übertrifft. Insofern war ich am späten Abend des 13. Septembers sehr glücklich, denn hinter mir lagen anregende, unterhaltsame und gesellige Stunden im und am Schloss Hoflößnitz, wohin unser Verein Radebeuler Monatsheft e.V. – namentlich die Redaktion von „Vorschau & Rückblick“ – geladen hatte. Den Anlass dafür bot die Tatsache, dass der weit über das Elbtal hinaus bekannte Dichter Thomas Rosenlöcher in diesem Jahr allmonatlich unserem Heft ein Gedicht zum Abdruck zur Verfügung stellt. Sascha Graedtkes bereits im letzten Winter geborene Idee, Thomas Rosenlöcher für eine Lesung zu gewinnen, mündete schließlich in eine Kooperation mit der Stiftung Hoflößnitz, wobei sich vor allem Frank Andert als Leiter des Weinbaumuseums gemeinsam mit Sascha Graedtke sehr um die organisatorische Vorbereitung verdient gemacht hatte. Und wer an jenem Freitagabend wie ich um 18.30 Uhr mit einem Glas Hoflößnitzer Weines auf einer Bank im Außenbereich des Schlosshofes Platz genommen hatte, der konnte anfangen zu genießen. Den Wein, die Wärme, die Atmosphäre. Denn ein laues Lüftchen wehte den Klang des Dresdner Dancla-Steichquartetts hinüber, das sich vor dem Eingang des Schlosses postiert hatte und die gemächlich eintreffenden Besucher der Lesung mit beschwingten Klängen erfreute. Im barock ausgemalten Festsaal im ersten Stock des Schlosses sammelte sich bald darauf eine erwartungsfrohe Menge, um Thomas Rosenlöcher zu erleben. Und wie er dann zu lesen begann! Stehend; in der linken Hand wechselweise Textblatt, Buch oder auch nur einen Zettel haltend, den rechten Arm bisweilen wie einen Dirigierstock schwingend und mit den Fingern dem einzelnen Wort oder der einzelnen Sentenz noch mehr Bedeutung gebend; mit verschmitztem Blick den Kontakt mit dem Publikum suchend; gelegentlich die Abfolge der vorbereiteten Texte wägend und diese kommentierend und reflektierend; sich selbst auch an dem stets durchscheinenden Humor erfreuend. Aus geplanten zwei Programmteilen wurde schließlich ein einziger langer Parforceritt durch das eigene Schaffen: frühe Texte und jüngere, Lyrik und Prosa, schließlich auch literarisch überformte Lebenserinnerungen, etwa an seinen Großvater. Das Publikum im gut gefüllten Saal lauschte andächtig und lachte oft mit Hingabe, bis der Dichter dann schließlich erschöpft das Jackett auszog und nach 90 Minuten in den bereitgestellten Sessel sank. Sehr zur Freude des begeisterten Publikums signierte Thomas Rosenlöcher anschließend noch die zahlreich mitgebrachten oder vor Ort erworbenen Bücher, bevor er für gut zwei Stunden mit einem engeren Kreis an Gästen den Abend bei Mondschein und einem guten Tropfen vom Orte ausklingen ließ. Manche Gäste ließen sich noch am Abend oder in den Tagen danach mit den Worten vernehmen: So etwas müsste es wieder geben! Das ist eine gute Idee, meine ich.
Bertram Kazmirowski
Hans Theo Richter – späte Zeichnungen
Di., 1. Okt.. 2019 – 18:33
Für den Vorstand der Hildegard und Hans Theo Richter-Stiftung unter Leitung der Geschäftsführenden Vorsitzenden, Frau Christine Meinhold, ist es eine besondere Freude, mit dem Käthe Kollwitz Haus in Moritzburg einen Ausstellungspartner gefunden zu haben, mit dem gemeinsam an den großartigen Zeichner und Meister der Lithographie Hans Theo Richter erinnert wird. Es ist ein kongenialer Ort, denn die Gemeinsamkeiten im Werk von Käthe Kollwitz und Hans Theo Richter sind evident. So verwundert es auch nicht, dass Hans Theo Richter im Jahr 1943 Käthe Kollwitz in Berlin, also unmittelbar vor ihrer Flucht vor dem Krieg nach Nordhausen und der Einladung von Ernst Heinrich von Sachsen nach Moritzburg in den Rüdenhof, besuchte.
Während sich Käthe Kollwitz unerschrocken gegen Unrecht, Krieg und nationalsozialistische Willkür einsetzte, vermied Hans Theo Richter die offene Konfrontation mit der staatlichen Macht, lehnte allerdings unerbittlich die Benutzung seiner Person für fremde politische Zwecke ab. Das betraf sowohl die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen als auch die kommunistische Diktatur im damals noch geteilten Deutschland. In der künstlerischen Meisterschaft auf dem Gebiet der Zeichnung und der Druckgraphik sind beide Künstler einander ebenbürtig, ebenso wie sie die tiefe Menschlichkeit ihrer Kunst, der grundsätzliche Humanismus, miteinander verbindet.
Bei der Durchsicht der von der Witwe des Künstlers, Hildegard Richter, akribisch gesammelten und abgelegten Berichte, Würdigungen und Rezensionen über Werk und Leben ihres Mannes fällt auf, dass die Rezeption seines Oeuvres in den Jahren um 1962 mit der großen Ausstellung im Dresdner Kupferstich-Kabinett ihren Höhepunkt hatte. Ihm wurden damals große Ausstellungen und Ehrungen in ganz Europa zu Teil. In jenen Jahren hat Hans Theo Richter eine ganze Reihe von Werken geschaffen, die zu seinen ausdrucksstärksten zu zählen sind.
Das zentrale Thema im Werk Hans Theo Richters ist die Darstellung der menschlichen Gestalt und ihrer dahinter liegenden psychischen Physiognomie. Von Ausnahmen abgesehen, beschränkt er sich auf diesen Bereich der bildnerischen Darstellung. Der Bogen spannt sich vom neugeborenen über das heranwachsende Kind bis hin zum alternden Menschen und präzisen Porträts. Oftmals sind es Mädchen und Frauen, die er gestaltet hat, zumeist hineingestellt in alltägliche Situationen, dabei ist eines allerdings in allen Jahrzehnten seines Schaffens immer wiederkehrend:
Die Beziehung von Mutter und Kind.

Richter, Hans Theo: Mutter mit Kind; um 1965, Pinsel in Tusche über Kreide, 421 x 295 mm, Foto: Herbert Boswank
Er zeigt die Mutter nicht nur als die ernährende, sondern lehrende, als Erziehungsmittelpunkt sowie seelische und geistige Stütze eines jungen Menschen. Damit ist er wohl der letzte deutsche Künstler der dieses Thema, das stets ein Hauptthema der deutschen Kunst von Albrecht Dürer bis hin zu Käthe Kollwitz gewesen ist, behandelt hat. In England hat zur gleichen Zeit Henry Moore, der etwa gleichaltrig war, dieses Thema besonders hervorgehoben. Und natürlich Picasso, der immer wieder aus seinem persönlichen familiären Leben und Erfahrungen heraus Mutter und Kind dargestellt hat. Gerade auch in diesem Vergleich scheint die Auffassung von Hans Theo Richter in ihrer besonderen Sensibilität und Empfindsamkeit, mit der er die Beziehung zwischen Mutter und Kind schildert, ganz besonders zu sein.
Im Jahr 1969 verschwinden diese mehrfigurigen, oftmals delikat lavierten Darstellungen fast völlig, dennoch dominieren der Tuschpinsel und die zarte Kreidezeichnung auch die letzten Werke des Künstlers.
Von Rembrandt hat Richter sicher das dramatische Hell/Dunkel übernommen, allerdings stiller und zurückhaltender eingesetzt. Von Käthe Kollwitz stammt das Modellieren der Figur. Richter arbeitete nach Modell, es diente ihm als Vorlage und Anregung. Er zeichnete in Verdichtung, abstrahiert, vereinfacht, er fügt zusammen, verstärkt. Durch die Kunst des Weglassens, die besonders in den späten Zeichnungen hervorsticht, gelangt er nicht in eine Erstarrung, sondern zur Vielfalt und Reinheit der Formen und gleichzeitig zum Verzicht auf alles Nebensächliche. Ein einheitlicher Klang beschreibt die späten Zeichnungen, gepaart mit einer merkwürdigen Melancholie.
Aus Erzählungen von Hildegard Richter wissen wir, dass sie an seinen Geburtstagen einen großen Strauß Sonnenblumen, die er besonders liebte und die für ihn die Boten des nahen Herbstes waren, arrangierte.
Der innere Blick von Hildegard Richter ging oftmals zurück in den Februar des Jahres 1945, als Hans Theo Richter in Leipzig mit tiefster Bestürzung und Fassungslosigkeit vom Tod seiner ersten Frau und dem fast vollständigen Verlust seines bisherigen Werkes erfuhr. Er schrieb damals: „Der Krieg hat mir die Farbe verschüttet, der Krieg und die Erlebnisse“. Hans Theo Richter wandte sich den folgenden Jahrzehnten fast ausschließlich der Schwarz-Weiß Kunst zu, eine Ausnahme ist lediglich eine kleine Gruppe von Aquarellen, die anlässlich eines Aufenthaltes an der Ostsee im Jahr 1951 entstanden sind. Frau Richter erzählte, wie sehr ihr Mann vom Anblick des Landes am Meer überwältigt war und zum Pinsel griff, allerdings hat er sehr schnell gefühlt, dass die Farbe nicht mehr sein Element war, zu schwer lasteten die Erfahrungen aus der Vergangenheit auf ihm.
Hans Theo Richter musste in seinem letzten Lebensjahrzehnt sehr sorgsam mit seiner Arbeitsfähigkeit umgehen, so entstanden seine letzten großformatigen Lithographien im Jahr 1960, auch bedingt durch die Krankheit des fabelhaften Druckers Roland Erhardt, danach widmete sich Richter fast ausschließlich der Zeichnung. Mitte April 1966 erlitt er einen Herzinfarkt, im folgenden Jahr kam ein schwerer Diabetes hinzu. Er nahm sich immer stärker zurück. Er verfügte über die Weisheit, sich zu beschränken und hat vermutlich gespürt, dass er nicht sehr alt werden würde. Die Tonlage in seinen Zeichnungen wurde insgesamt leiser, die Stimmung noch stiller und zurückhaltender. Die Kompositionen sind lockerer, atmen freier in hellen Flächen und versinken zuweilen in einem feinen, empfindsamen Dunkel. Zumeist sind es Köpfe in gewohnter enface Darstellung, Profile und Halbprofile. Der voreingenommene Betrachter wird vielleicht eine gewisse Eintönigkeit vermuten, plötzlich jedoch erkennt man den inneren Zusammenhang: Egal ob es sich um die Darstellungen namhafter Personen wie den Doyen der Dresdner Kunstwissenschaft, Fritz Löffler, handelt, oder aber eine einfache Angestellte der Hochschule für bildende Künste, wie das Portrait Frau Pfütze, deren Profil sich gleichsam dem Matterhorn aus dem Nebel schält. Während Hans Theo Richter speziell in den 1950er Jahren im Verborgenen viel experimentiert hat, durchaus auch Picassos figürliche Zeichnungen im Blick hatte, so hinterlässt er uns dann mit den letzten Blättern aus dem Jahr 1969 in gewisser Weise sein künstlerisches Testament.
In seinem Todesjahr hat er Künstlerkollegen und Menschen, die ihm besonders nahe standen, portraitiert. So sind diese wunderbaren präzisen Zeichnungen das letzte Wort und ein starkes Vermächtnis des Künstlers. Er hat die Künstler dargestellt, die die modernen in Dresden waren: Hermann Glöckner, Willy Wolff, Max Uhlig, seinem besten und bedeutendsten Schüler, so dass diese Porträts seiner Kollegen zugleich auch ein künstlerisches, geistiges Bekenntnis zu diesen Außenseitern in der Kunst der DDR sind, unabhängig von der bis zu letzt beherrschenden Konzentration Hans Theo Richters auf die menschliche Erscheinung. In diesen letzten Zeichnungen nahm er sich besonders zurück.
Die Darstellungen erscheinen modelliert, gleich den Bozetti des Bildhauers, die Motive sind eher zusammengefügt, als aus einem Stück gehauen. Fast meint man, vor Bildhauerzeichnungen zu stehen. Die Dargestellten erscheinen in sich gekehrt, zumeist in einer leichten Versunkenheit, ohne allerdings die große Traurigkeit der Werke Paul Klees aus seinem Todesjahr zu atmen.
Hans Theo Richter verstand sich ausschließlich als Zeichner und Graphiker und er war sicherlich einer der besten seiner Zeit. Die feinen Blätter knüpfen in gewisser Weise an die unübertroffenen Zeichnungen Michelangelos an, sind natürlich in Duktus und Stil ganz anders als diese Inkunabeln der italienischen Renaissancekünstler, ebenso wie sie sich deutlich von dem Klassizismus eines Dominique Ingres oder aber dem Nazarener Julius Schnorr von Carolsfeld und dem Romantiker Carl Philipp Fohr unterscheiden. Trotzdem sind sie unbestritten die logische Fortsetzung in dieser Reihe der großen europäischen Kunstgeschichte.
„In der Beharrlichkeit ist die hohe Achtung begründet, die ihm heute gezollt wird.“ Diesen Worten von Elmar Jansen, einem Kunstkritiker und Zeitgenossen Richters, bleibt nichts hinzuzufügen.
Christine Meinhold
Geschäftsführender Vorstand der Hildegard und Hans Theo Richter-Stiftung
Sebastian Schmidt
Ehrenamtlicher Vorstand
Schüler entdecken Zukunft und Vergangenheit II
Di., 1. Okt.. 2019 – 18:32
Mit großer Freude kann ich hier berichten, dass es auch in diesem Jahr eine Fortsetzung der Zusammenarbeit des Vereins für Denkmalpflege und neues Bauen Radebeul e.V. und des Luisenstifts gibt.

Die Motivation des Vereins, das bewusste Erleben und das Begleiten von Baukultur in Radebeul an junge Leute weiterzugeben, habe ich in V&R Heft 10/18 beschrieben.
Die Veranstaltung im Oktober 2018 im Weinberghaus des Luisenstifts, zu der wir damals einluden, wurde für alle Beteiligten ein informativer und inspirierender Abend. Der Einladung zur öffentlichen Veranstaltung waren neben Vereinsmitgliedern auch andere interessierte Radebeuler und zu unserer Freude auch Schülereltern (auch wenn es hätten mehr sein können) gefolgt.
In einem großzügigen hellen Raum der Schule stellten verschiedene Schülergruppen ihre Arbeiten mit einer Präsentation vor. Besonders Themen, bei denen es etwas zu erforschen galt, wo scheinbar ein kleines Geheimnis gelüftet werden konnte, schienen besonders Freude gemacht zu haben. Es wurde Literatur, Bilder und Zeitzeugen gesucht und gefunden. Teilaufgaben wurden an verschiedene Mitglieder der Arbeitsgruppen verteilt, Exkursionen unternommen und die Ergebnisse dann in der Gruppe zusammengetragen und diskutiert. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir das Thema einer ehemaligen Laube im Gelände des Luisenstifts, wo sogar an die Wiedererrichtung gedacht wurde oder die Beschäftigung mit der Villa Annabella, die sich so den Blicken entzog.
Gleichzeitig gab die Veranstaltung auch dem Verein die Gelegenheit, den Schülern seine Anliegen und Aktivitäten aus erster Hand zu erläutern. Dabei zog sich das Zitat „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“ als roter Faden durch die Gedanken.
Im Zuge der von den Schülern geleisteten Materialsammlungen waren diese nun schon auf das Wirken des Vereins gestoßen und einige Publikationen oder der Radebeuler Bauherrenpreis waren Ihnen keine Unbekannten mehr.
In der sich nach der Präsentation sehr offen und angenehm entwickelnden Gesprächsrunde konnten wir hinterfragen, wie man den Schüler auch über den Kurs hinaus das Anliegen „Denkmalpflege und neues Bauen“ näher bringen könne. Im Ergebnis gehen jetzt das Jahresprogramm des Vereins oder Einladungen z.B. für die Bauherrenpreiswanderungen oder zur Verleihung des Bauherrenpreises als Information an die Schule, wobei wir uns auch über die Annahme dieser Einladungen freuen würden.
Ganz spontan bot die Familie von Minckwitz an diesem Abend an, dass doch die Schülergruppe sich mal ihr Baudenkmal inklusive Lusthaus auf der Bergkante in der nächsten Zeit ansehen könne. Diese Einladung wurde freudig angenommen und wurde zu einem schönen Erlebnis.
In diesem Schuljahr wurde zusammen mit dem Kunstunterricht das Thema „Radebeuler Villen“ aufgelegt. Im Ergebnis soll dazu ein Kalender entstehen. Wir sind schon gespannt, welche Objekte und welche Mittel die diesjährigen Schülergruppen dazu ausgewählt hat.
Um diesen Blick auf die schönen Radebeuler Villen durch Schüleraugen, vielleicht sogar mit künstlerischer Umsetzung, mitzuerleben, laden wir alle Interessierten herzlich zu unserer öffentlichen Veranstaltung am Freitag, 01. November 2019, 19.30 Uhr ins Weinberghaus des Luisenstifts ein.
Wir hoffen, dass auch noch mehr Eltern und Klassenkameraden den Mut haben, die Arbeitsergebnisse ihrer Kinder und Freunde mitzuerleben und sich für die Baukultur Radebeuls begeistern zu lassen.
Katrin Wysujak
Michael Mitzschke
Radebeul geWENDEt
Di., 1. Okt.. 2019 – 18:31
Das Motto, oder, wie wir damals gesagt hätten, die Losung für den heutigen Abend spielt auf Ereignisse an, die vor dreißig Jahren geschahen. Im Herbst des Jahres 1989 stand die, wie sie sich gern selbstkritisch nannte, Partei- und Staatsführung eines eingemauerten zornigen kleinen Landes im Schatten des Großen Bären, einmal mehr vor der Wahl, sich ganz im Sinne Brechts ein neues Volk wählen oder dem aktuellen Volk, das gerade dabei war, sich glücklich aber bestimmt als solches zu fühlen, ein paar Angebote machen zu müssen. Scheinbar etwas klarer sehend, als die greise Führungsetage, verkündete Kronprinz Egon Krenz daraufhin vollmundig: Wir haben die Wende eingeleitet. (DER also war das. Das zu wissen, gehört zur Erinnerungskultur. Und wer heute meint, etwas davon sei unvollendet geblieben, wende sich bitte vertrauensvoll an ihn). Krenz hatte damit jedenfalls gehofft, das Ruder noch einmal rumreißen und retten zu können, was nicht mehr zu retten war.
Das schlechte Beispiel hat, wie so oft, Schule gemacht. Seither verkünden nach jeder Wahl Politiker fast aller Farben, die Botschaft verstanden und die Wende eingeleitet zu haben. Dem Mainstream gehorsam und den bunten Blättern mit den großen Buchstaben, folgen sie willig jeder möglichen oder unmöglichen Auffassung, biegen sich wie ein Rohr im Wind in immer wieder neue Richtungen und wundern sich, nicht als Persönlichkeiten wahrgenommen zu werden.
Zurück zum Thema: Mir ist beim ersten Hören dieser beiden Worte ganz spontan der alte Mantel meines Großvaters eingefallen. Sein ehemals guter – nein, teurer, also sehr guter – Stoff war inzwischen vom vielen Tragen ziemlich abgeschabt und an manchen Stellen schon etwas speckglänzig. In der schweren Zeit nach dem Krieg – mal Hand hoch, wer sich daran noch erinnert – wurde der Mantel gewendet, er wurde auseinandergetrennt und mit der bisherigen Innenseite nach außen wieder zusammengenäht. Da war er wieder wie neu.
Ich halte es für ein großes Glück, daß nur die Generation 70+ diese Jahre noch aus eigenem Erleben kennt. Freilich darf das Wenden eines Mantels noch zu den sinnvollen Erscheinungen jener Jahre gerechnet werden, das sich im Sinne der Ressourcenschonung auch heute noch lohnen könnte. Hier dürfen wir also mal zu Recht stolz sein auf unsere Großväter und vor allem natürlich auf unsere Großmütter, denn die haben genäht, während die Männer bloß im Kriege waren.
Doch wie die Wahlergebnisse zeigen, ist das Glück brüchig. Und wenn die Borisse und Donalds dieser Welt ihre paranoiden Egoismen weiterhin so ungehemmt ausleben wie bisher, werden wir hier im Gauland eine neue schwere Zeit kaum vermeiden können.
Inzwischen hat ja das Klima von sich aus die Wende eingeleitet. Es hat dabei weder auf Wahlvölker noch auf Mehrheitsverhältnisse, geschweigen denn auf Chinesen Rücksicht genommen.
Aber unser Thema heißt ja Radebeul.
Die heißen Sommer nützen dem Wein und helfen Heizkosten sparen – also was solls, haltet den alten Mantel, gewendet oder nicht, in den Ostwind und freut euch des Sommers.
Was aber bedeutete es vor dreißig Jahren wirklich, einen Mantel zu wenden, der Radebeul hieß?
Von Kötzschenbroda etwa wurde nichts weniger als das komplette Schicksal gewendet. So ist es zwar heute auch kein Dorf mehr, aber es gibt auch keine WBS 70 Wohnblocks. Es läßt sich hier leben und es gibt mehr besuchenswerte Gastwirtschaften, als in einer Woche zu bewältigen sind – aus meiner Sicht eher ein Grund zu Dankbarkeit als zum Protest.
Wo früher Gärtnereien waren, gibt’s es jetzt Wohnparks. Dafür kommt das Gemüse aus Holland. Das schafft neben wichtigen Arbeitsplätzen im Transportwesen und in der Automobilindustrie vor allem Treibhausgase.
Wo früher Kulturhäuser waren, gibt es jetzt Eigenheime. Dafür entstand im Osten der Stadt ein Kulturbahnhof, der seinen Namen zurecht trägt und ebenfalls alle Anerkennung verdient.
Der Bahnhof in Radebeul West ist zwar auch kein Bahnhof mehr, dafür heißt er wieder Kötzschenbroda. Offenbar versteht es die Bahn, auch ohne Höfe Akzente zu setzen. Die Vorstände in Saarbrücken und Berlin wissen einfach, was außer Fernzügen in Radebeul ankommt.
Solange es noch steht, steht das schöne alte Empfangsgebäude unter Denkmalschutz. Gäbe es in Radebeul ein Wettbüro, könnten Wetten abgeschlossen werden, wie lange es noch steht. Der sogenannte freie Markt bewirkt da gar nichts, jedenfalls nichts Sinnvolles.
Als das Postamt in West noch kein Papierladen war, gingen zwar die Türen schwerer auf, aber es konnten mehr Leute in der Schlange stehen, ohne naß zu werden.
Erstaunlicherweise stehen vor Feiertagen heute noch fast so viel Leute vor der Post in der Schlange, wie sonntags beim Bäcker. Das hätte es früher nicht gegeben: sonntags beim Bäcker Schlange stehen.
Die 4 – also die Straßenbahn gleichen Namens – kommt immer noch aus Weinböhla, fährt aber nicht mehr nach Pillnitz. Das ist insofern schade, als das Dampfschiff von hier aus auch nicht mehr nach Pillnitz fährt. Aber das hängt nun wieder mit dem Wasserstand und der hängt damit zusammen, daß das Klima, wie angedeutet, die Wende eingeleitet hat.
Die Klimawende – offiziell wird immer noch sanft von Klimawandel gesprochen, vielleicht, weil dabei keine Treuhand gebraucht wird – die Klimawende also ist ja nach fundamentaler Erkenntnis des ultimativen Oberamerikaners eine Erfindung der Chinesen. Dem folgend ist es an der Zeit, die Grenzen dicht zu machen, auf daß die Chinesen ihre Erfindung für sich behalten. Sollen sie das Klima doch alleine wendeln – wir machen da einfach nicht mit.
Da können wir uns nun endlich einbringen: 40 Jahre lang hatten wir uns im Nichtmitmachen geübt, bis wir dann im Herbst 89 gar nicht mehr mitgemacht haben, und der Krenz die Wende – aber das sagte ich ja schon.
Bis dahin war das ein Tanz auf dem Vulkan, der nicht wenige das Leben und viele die Freiheit gekostet hatte. Dann haben die Chinesen – schon wieder die – ein Beispiel gegeben, wie himmlischer Frieden auch aussehen kann. Da war es wirklich gefährlich, die Meinung zu sagen, oder gar die Wahrheit, was ja nicht unbedingt dasselbe sein muß.
Entsprechend hoch war die Angst.
Auf einem Bild, das Dieter Beirich im November unter dem unmittelbaren Eindruck der Montagsdemonstrationen malte, wird sie in ihrer ganzen Vielschichtigkeit greifbar. Er hat es mir später geschenkt, weil ich keinen Grund sah, mit ihm anders zu reden als mit jedem anderen Menschen.
Der Tanz auf dem Vulkan wurde mit dem Tanz auf der Mauer belohnt. Die stand zwar nicht in Radebeul, aber viele haben mitgefeiert. Und plötzlich war die Welt ganz klein geworden. Rom, Paris, New York – über Nacht erreichbar – es war getan, fast eh gedacht. Enttäuscht waren zuerst nur die, die nach 12 oder fünfzehn Wartejahren endlich ihren Trabi abholen durften: Zwölf, fünfzehn Jahre Hoffnung, und im Moment der Erfüllung gibt’s plötzlich richtige Autos und richtige Bücher und richtige Marmelade … Über nachfolgende richtige Enttäuschungen wird zu reden sein – zum Teil rühren die sicher daher, daß wir vor lauter Freude vergessen hatten, was uns Goethe – der jüngst seinen 270. Geburtstag hätte feiern können, wenn das menschenmöglich wäre – mit auf den Weg gegeben hatte. Jetzt nicht gleich einschlafen, ich weiß,
die Schulen aller Zeiten ham uns den vermiest,
so daß den Goethe heute eben
keiner kennt und keiner liest
Und keiner mehr glaubt den weisen Schluß:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muß –
Täglich: und nicht nur in einer glücklichen Nacht im November, bei der auch noch der Zufall seine Hände im Spiele hatte. So richtig paßt mir das, ehrlich gesagt, auch nicht, aber der Mann hatte einfach Recht. Ich bin übrigens inzwischen lange genug aus der Schule raus, um wieder sagen zu können, von Zeit zu Zeit les ich den Alten gern …
In diesem Sinne stimmt nun tatsächlich, was auf einigen dieser Plakate zu lesen war, die wochenlang den Anger verunzierten: Der Egon hat die Wende tatsächlich nicht vollendet – wie denn auch?!
Wir haben ihm das abgenommen, jeder für sich und alle miteinander und wir werden bis an unser mehr oder weniger seliges Ende damit beschäftigt sein:
Immer tapfer, immer heiter, wenden wir uns täglich weiter.
Und wenn das hier nicht klappt, wende ich mich weiter!
Thomas Gerlach, Sept. 2019
Editorial 10-19
Di., 1. Okt.. 2019 – 18:30
Wie bereits vor längerer Zeit angekündigt, wurde nun von uns das Radebeuler Stadtarchiv von „überzähligen“ Vorschau-Heften befreit. Was sich da an Kisten, insbesondere aus den 1990er Jahren angesammelt hat, ist erstaunlich. Warum die Kisten damals keine Verteilung fanden, muss dann auch ein Rätsel bleiben. Tatsache ist aber, dass das aufgefundene Konvolut, verstreut über Monate und Jahre mehrere tausend Hefte bildete, was immerhin einige komplette Monatslieferungen bedeutet. Schade drum!
Die Redaktion verfügt nach mühseliger Sortiererei nun über ein eigenes und wohlgeordnetes Archiv, welches aus all den Jahren und von jedem Monat bestenfalls sieben Hefte verwahrt. Dies ergibt mit einer Kiste pro Jahr nun immerhin 30 Kisten die ihren Raum einfordern.
So ist für Interessierte und Suchende über einen langen Zeitraum ein Fundus gesichert, auch mit der Möglichkeit, seine eigene Sammlung zu vervollständigen.
Kapazitätsbedingt konnten wir leider nicht den gesamten Bestand dislozieren. Einiger „bunter Kisten“ haben wir uns dennoch angenommen, die, solange der Vorrat reicht, bspw. bei Thalia in Radebeul-Ost am gewohnten Platz zu finden sind.
An dieser Stelle möchten wir Sie schon jetzt an unseren Stand beim diesjährigen Grafikmarkt am 3. November einladen, wo Sie ebenfalls ein breites Angebot unserer Ausgaben vorfinden werden.
Sascha Graedtke
Von der Glashütte in den Reichstag
So., 1. Sep.. 2019 – 00:04
Zum Gedenken an den 100. Todestag von Georg Horn
Wer von der Kottenleite in Lindenau die Ringstraße aufwärts geht, findet am Fuße der verfallenden Lößnitzburg zwei Häuser aus der Zeit um 1900 einträchtig beieinander stehen, die Villen „ Mathilde“ (Namensschild leider nicht mehr vorhanden) und „Margarethe“. Hier starb vor 100 Jahren ein streitbarer Kämpfer gegen menschenverachtende Arbeits- und Lebensbedingungen in der deutschen Glasindustrie. Aufgewachsen im fränkischen Steigerwald musste er frühzeitig in einer Glashütte für seinen Lebensunterhalt sorgen. Später engagierte er sich im Dresdner Raum als Gewerkschafter für die Interessen der Glasarbeiter und wurde Kommunal- und Landespolitiker. Krönung seines Wirkens war eine über zwei Jahrzehnte währende Mitgliedschaft im Deutschen Reichstag als Abgeordneter der sozialdemokratischen Fraktion. Mit der folgenden Würdigung möchten wir sein Andenken wieder wachrufen; vielleicht findet die Stadt Radebeul auch eine Möglichkeit, ihm so wie bereits seinem Freund August Kaden eine Straße zu widmen.
Geboren wird Georg Horn am 30. August 1841 in Fabrikschleichach als unehelicher Sohn der Barbara Horn. Bereits Großvater und Urgroßvater arbeiteten als Glasmacher im Steigerwald. Von 1847 – 1854 besucht er die nur recht mangelhafte örtliche Volksschule. Trotzdem beschreibt Georg Horn seinen Schulbesuch als Vergnügen. Sein Empfinden für Gerechtigkeit ist schon frühzeitig ausgebildet. Er vermerkt in seinen Lebenserinnerungen: „Ein in meinem Innern schlummernder Gerechtigkeitssinn erstarkte immer mehr und kam manchmal recht impulsiv zum Ausdruck.“ Georg Horn ist kaum 13 Jahre alt, da muss er als Schürer in der Glashütte arbeiten („…ebenso schwere wie ungesunde Arbeit“). Eine Lehrzeit als Glasmacher schließt sich an. Seine große Liebe Margaretha Bickel kennt Georg Horn schon aus der Volksschule. Bereits vor ihrer Eheschließung 1867 stellt sich Nachwuchs ein. Dem jungen Paar fehlt in Fabrikschleichach jedoch die Existenzgrundlage. So begibt sich der Familienvater auf Arbeitssuche in die Schweiz und arbeitet später u.a. in Biebrich am Rhein und in der Glashütte Korbetha, wo er sich zum Meister qualifiziert.
1869 zieht Georg Horn mit seiner Frau und nunmehr zwei Kindern nach Dresden. Die Familie wohnt bis etwa 1889/90 in der damaligen Dresdner Vorstadt Löbtau in der Wilsdruffer Straße (heute Kesselsdorfer Straße), wo sich noch weitere Kinder einstellen. In Löbtau findet Georg Horn eine Anstellung in der nahegelegenen Dresdner Glasfabrik Friedr. Siemens. Die Glasfabrik wird als Zentrum organisierter Arbeiterbewegung beschrieben, woran Georg Horn, der auch hier verbesserte Arbeitsbedingungen der Glasarbeiter einfordert, maßgeblichen Anteil hat. Von ihm wird 1873 der erste Streik der Glasarbeiter in Löbtau organisiert. Auf Betreiben von Georg Horn wird im September 1875 der Erste Kongress der Glasarbeiter Deutschlands im Dresdner „Waldschlößchen“ einberufen, auf dem die Gründung einer Glasarbeiter-Gewerkschaft mit dem Namen „Allgemeiner Glaskünstler-Bund Deutschland“ (später „Bund der Glasarbeiter Deutschlands“) beschlossen und Horn als Vorsitzender gewählt wird. Gleichzeitig ist er jetzt auch Vorstand einer neu gegründeten Glasarbeiterkranken- und Sterbekasse, eine Funktion, die er viele Jahre ausübt. Sein gewerkschaftliches Engagement führt ihn als deutschen Vertreter auf die internationalen Glasarbeiterkongresse in Paris 1889 und London 1892.
In der Flaschenfabrik Kreuznacher Glashütte (Rheinland-Pfalz) war Georg Horn bereits 1867 mit 27 Jahren in den „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“ (ADAV) eingetreten. Dieser und die 1869 gegründete Sozialdemokratische Arbei terpartei(SDAP) schließen sich im Mai 1875 in Gotha zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands zusammen (SAP). So kommt Georg Horn im Herbst 1890 zur Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Dort ist er Mitglied bis zum März 1916.
Das Jahr 1878 wird für die Sozialdemokratie zum Schicksalsjahr. Unter den neuen Bedingungen des „Sozialistengesetzes“ 1878-1890 fühlen sich nun auch die Glashüttenbesitzer darin bestärkt, konsequent gegen „sozialdemokratische Umtriebe“ in ihren Unternehmen vorzugehen. So kündigt die Firma Siemens das Arbeitsverhältnis mit Georg Horn zum Jahresende. Der Familienvater verliert nach etwa zehnjähriger Tätigkeit seinen Arbeitsplatz. Für ihn gibt es keine Chance, in einer anderen Glasfabrik eine neue Anstellung zu finden. Längst ist er als unliebsamer Agitator und „Hetzer“ bei den Hüttenbesitzern bekannt und gefürchtet. Nun gilt es den Lebensunterhalt für die Familie anderweitig zu sichern. Georg Horn wird 1879 Inhaber eines Lebensmittelgeschäftes. Später wird er im Reichstagshandbuch und in Adressbüchern als Redakteur und Schriftsteller geführt.
Am 30.Juni 1877 erscheint die erste Nummer der „Neuen Glashütte“, ein von Georg Horn herausgegebenes Fachorgan der deutschen Glasarbeiter, dessen Herausgabe schon bald durch das Sozialistengesetz abgebrochen wird und das 1885 als „Der Fachgenosse“ neu ersteht. Im gleichen Verlag erscheint 1897 eine 91seitige Broschüre zu den Rechten und Pflichten der Glasarbeiter, verfasst von Georg Horn. „Die Geschichte der Glasindustrie und ihrer Arbeiter“ (1903) von Georg Horn wird in aktuellen Publikationen zur Geschichte der Glasindustrie auch gegenwärtig noch erwähnt. Seine als Manuskript erhaltenen „Lebenserinnerungen“ beginnt er vor seinem 75. Lebensjahr, sie bleiben aber leider unvollendet.
Von 1885 bis 1896 vertritt er seine Partei im Gemeinderat Löbtau und ficht schwere Kämpfe mit dem Vorstand und den konservativen Mitgliedern aus. Im November 1891 wird Georg Horn als Vertreter des 16. Wahlkreises Tharandt in den sächsischen Landtag (II. Kammer) gewählt. Von seinen Parteigenossen gehören die „Urgesteine der Sozialdemokratie“ August Bebel (1881-1890) und Wilhelm Liebknecht (1879 bis 1892) dazu. Auch seine Freunde Friedrich Geyer (1885-1896) und August Wilhelm Kaden (1885 bis 1896) gehören zeitgleich mit ihm zur II. Kammer. Bürgerliche Parteien setzen 1896 eine Wahlrechtsänderung vom Zensus- zum Dreiklassenwahlrecht durch. Das führt dazu, dass die Sozialdemokraten aus der II. Kammer verdrängt werden. Georg Horn und weitere Genossen sind nach 1896 nicht mehr vertreten..
„Das größte Vertrauen überbrachten mir aber die Genossen des 6. sächsischen Reichstagswahlkreises, indem sie mich im Jahre 1895 bei einer Ersatzwahl in den Reichstag wählten, dem ich bis zu seiner Auflösung während der wahnsinnigen Kriegsperiode angehörte“.
In vielen seiner Reden im Reichstag geht es ihm während seiner gesamten Zeit als Abgeordneter um eine Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen ausgewählter Berufsklassen und um das Problem der gewissenlosen Ausbeutung von Kindern in der deutschen Glasindustrie. Schon im frühen Verlauf des Ersten Weltkrieges spricht sich ein immer größerer Teil der SPD-Abgeordneten im Reichstag gegen die Unterstützung des Krieges aus. Im Dezember 1915 votieren 19 Abgeordnete, unter ihnen Georg Horn, zusammen mit Karl Liebknecht gegen die Bewilligung weiterer Kriegskredite. Der Streit über die Haltung zum Ersten Weltkrieg führt zur Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung. Die Abweichler bilden zunächst die Fraktionsgemeinschaft Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft (SAG) innerhalb des Reichstages. Die SAG beschließt im April 1917 in Gotha die Gründung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD). Dieser Partei gehört Georg Horn bis zu seinem Tod an.
Als Herausgeber und Redakteur einer gesellschaftskritischen Zeitschrift („Der Fachgenosse“) und als Agitator sieht sich Georg Horn zunehmenden Strafverfolgungen ausgesetzt. Zwar genießen die Reichstagsabgeordneten Immunität, allerdings nur während der Sitzungsperiode. „Mein rücksichtsloses Eintreten für die Kollegenschaft in Wort und Schrift hatte natürlich zur Folge, dass sich der ganze Hass und Zorn der Unternehmer über mich ergoss und ich wegen fortgesetzter Kritik der Unterdrückung und Ausbeutung 25 Monate ins Gefängnis wandern musste; auch Geldstrafen blieben mir nicht erspart“. Im Landesgefängnis Zwickau arbeitet er am Konzept zu einer Geschichte der Glasindustrie und verfasst Gedichte, in denen sich seine Trauer über die verlorene Freiheit widerspiegelt. Beispielhaft ist hier der erste Teil von „Des alten Jahres Abschied 1896“
„Das Jahr ist um, ein Jahr fängt an!“
So ruft herab von Turmes Höh‘n
der Glocken reiner eherner Mund,
den Scheidegruß zur zwölften Stund‘
dem alten Jahr „kein Aufersteh‘n!“
„Kein Wiederseh‘n!“ Ruf ich ihm zu,
„Du hast geraubt mir Glück und Ruh‘.“
Und mit den Glocken stimm‘ ich an:
„Das Jahr ist um! Ein Jahr fängt an.“
Auch die Sehnsucht nach seiner Familie bringt er darin zum Ausdruck. 1897 bezieht die Familie Horn eine Villa in Kötzschenbroda/Oberort (Ringstr. 36d, jetzt Nr. 12). Etwa ab 1900 bewohnen auch Tochter und Schwiegersohn Mathilde und Hermann Schneider die benachbarte Villa Mathilde.
Das Jahr 1919 beginnt mit inneren Unruhen – Spartakusaufstand, Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Die innenpolitischen Verwerfungen im Deutschen Reich, die Ungewissheit über künftige Machtverhältnisse und der Tod seiner Frau im Jahr zuvor haben bei Georg Horn gesundheitliche Spuren hinterlassen. Doch kann er noch feststellen, dass sich sein unermüdlicher Kampf zur Durchsetzung von Arbeiterrechten letztendlich gelohnt hat. Wohl in diesem Bewusstsein verstirbt er am 18. August 1919 in Lindenau. Angehörige und ehemalige Parteifreunde sorgen für eine angemessene Bestattung auf dem Friedhof in Kötzschenbroda.
Rainer Horn, Rolf Haußig












