Tinechens Weg

Am 11. Oktober 2011 hat die Schriftstellerin Tine Schulze Gerlach die Augen für immer geschlossen. Sie war Gründungsmitglied auch unseres Vereines – wir  gedenken Ihrer gemeinsam mit allen, die sie kannten.

von Thomas Gerlach

Rückt zusammen, hast Du gesagt, seid fröhlich, singt und trinkt euch einen! Hast dabei an Tim Finnegan gedacht, und wie ihn seine Freunde trugen durch die Nacht, den irischen Maurer, von Kneipe zu Kneipe, bis endlich der Whiskey durchn Sargdeckel troff – lot of fun at Finnegan’s wake.

Tienchen

Und im Fortgang, so beim Wortklang und beim Glaskling, das im Raum hing lauschst Du dem Singsang im Stimmfang vieltausendmal; und millionenfach hättst dem tausendschönen Leben Du in die Saiten gegriffen und in die Seiten, die prallen Lebensseiten wie Anna Livia Plurabelle, die vielschöne Schönviele, wäre da die Pflicht nicht gewesen, die Kinder, der Mann, die Pflicht, die Dir, wie Du nicht müde wurdest zu behaupten, Bedürfnis war, ganz leicht von der Hand ging, gar nicht der Rede wert, selbstverständliche Selbstverständlichkeit, bis Dir viel später und wie nebenher der Halbsatz entglitt: ich war doch immer nur … die Pflicht also und die Leute, Leute, Leute …
Trinkt euch einen!

Die Mahnung nehmen wir ernst. Keine so gern wie diese. Mit einem fruchtigen Kötzschber zuerst. Reden dabei. Rücken zusammen. Dein erstes Gedicht fällt uns ein, Du hast nur noch erzählt davon, wie Dus beim Anstehn nach Kartoffeln formuliert hast, und daß es von jenem Holderbusch erzählt, von dem Du husch husch husch übern Zaun Dolden gemaust hast und Deinen Kindern dann endlich mal was kochen konntest, das auch schmeckte zu dieser Zeit. Da war der Krieg gerade aus, wir wissen das alle nicht mehr, aber Du hast es gewußt bis zuletzt, wie ihr es alle gewußt habt, Du warst fünfundzwanzig und für zwei Kinder zuständig, die auch nur Hunger hatten in der schweren Zeit, von der heute keiner mehr was wissen will, weil niemand bereit ist, aus Gewesenem zu lernen. Krieg also, von Lebensjahr neunzehn bis Lebensjahr fünfundzwanzig – schön ist die Jugend, sie kehrt niemals wieder. Merkt Euch das, die Ihr heute freiwillig …

Zwei Kinder also, wie gesagt, und der Mann irgendwo und der kleine Bruder in Buchenwald, dort gehen wir ihn suchen bald – darfst nicht suchen, darfst nicht finden, mußt es still für Dich verwinden und vor allem Schnauze halten, bevor andre Mächte walten – Jugend also, aber der Holderbusch hat Dich so beflügelt, daß Du Dein erstes Gedicht …
Trinkt euch einen!

Später – wir sind schon beim Traminer miner miner – reden wir über die heile Welt, wie du sie Dir geschrieben hast und Deinen Lesern; hast den Nerv der Zeit getroffen und die brave Leserschaft ganz so wie mit Rebensaft und natürlich viel Geduld so gewaltig eingelullt, daß keiner gemerkt hat, was Du ihnen eigentlich zugemutet hast: läßt lachend den Ehemann, Deinen Schlumski, zu seiner Liebsten ziehn, der Euch noch eine Schüssel Apfelmus hingestellt hat, daß Ihr ihn nicht vergeßt während er sich selbst vergißt – Apfelmus, so heiter kann die Welt sein, lot of fun at finnegan’s wake, und wer spürte, wer ahnte, was da stand, überblätterts rasch, blätterts rasch, damit das Rascheln den Schreck übertönt: aber nein doch! Und liest im Paradiesischen weiter. Ihr müßt unbedingst den Whiskey probieren!
Trinkt euch einen!

Irgendwann, ziemlich spät erst, hat jemand diesen ganz anderen Satz von Dir gehört: Im Grunde war ich immer allein.

Das späte Bekenntnis überrascht und erschreckt: hattst Dich so schön hinterm Lächeln versteckt, wolltest die Wahrheit nur tröpfchenweis sagen, wußtest, daß wir sie im Wein nur vertragen und die wässrige Lösung auf morgen vertagen …
Und Anna sagt in die Stille hinein, aber wir sind doch im Grunde alle allein –
Was schon niemand mehr hört überm Ruf nachm Wein …
Trinkt euch einen!

Lehrt die Gläser Zug um Zug – nicht umsonst ist Dein Schlumski bei der Reichsbahn gewesen – ja, und dann kam irgendwann der Um-Zug, da waren dann schon vier Kinder zu versorgen, denn der Mann war doch noch heim gekommen, der Umzug also ins mütterliche Erbe: aus der Großstadt raus ins Lößnitzhaus. Da ist Heimat entstanden unterm Wasserturm, den Du Gaston genannt hast, weil es Franzosen waren, die ihn gebaut hatten, Dir aber hat der Turm so manche Parisreise ersetzt, wenn Du ihn anschaun konntest aufm Weg zum Briefkasten.

Vier Kinder also nun: Ihr seid ja zu Hause auch vier Geschwister gewesen. Du warst die älteste und bist es geblieben bis zuletzt. Und wie als zweite Deine Schwester geboren wird, sagt Dein Vater zu Deiner Mutter, von Dir krieg ich ja gar keine Kinder … Welch ein Stern, auf dem wir gern glücklich wärn …
Trinkt euch einen!

Dein Fenster im neuen alten Haus ist das Küchenfenster. Es hat den schönsten Blick in den immergrünen Lößnitzgarten hinaus. Zuerst wars ja ein Nachkriegs-Nutzgarten, der alles hergab, was das Herz begehrte, wenn es denn nach Erdbeeren schrie, das Herz, nach Bohnen, Gurken, Möhren, Kirschen, Birnen und ein paar Blumen natürlich und vor allem Grün grün grün. Im kleinen Zimmer nebenan  Dein Schreibtisch. Und das Fenster daneben zeigt ein gleich schönes Bild wie das aus der Küche. Hier hast Du Dein Leben in die Tasten geklappert, hast nachgeformt, was Dein Völkchen so plappert und hast immer wieder aufgeblickt und hinaus geschaut. Das Fenster stand offen alle Zeit. Denn oben, der Himmel, der war so weit, und Du warst hier unten so klein, so klein – sollte das alles gewesen sein? Du schaust aus dem Fenster als dächtest Du eben – laßt mir doch mein scheiß bissel Leben.
Trinkt euch einen!

Im stets offenen Fenster ein steter Schimmer, die offene Kerze im Fenster brannte fast immer. Sie machte Deine Dunkelheit so besonders, wenn der Himmel die Erde bewegte und der Wind in die Fichte fegte und von dort in den alten Nußbaum sprang, wo ständig irgendein Vogel sang – war es die Nachtigall, die Lärche? – Hast viele Sommer lang unter ihnen gesessen im Dreigesträuch, wo Dein Stuhl noch steht und das eiserne Tischchen und der Korb mit dem Schreibzeug und dem Telefon und dem Flachmann, den nun wirklich nicht jeder sehen sollte. Manchen lieben Abend haben wird dort aufn Vollmond gewartet, ich hol schon mal die Gläser, was trinken wir denn – riefst es, wenn der Besucher den Weg runter kam vom Tore her, Freude klang aus den Worten, warme herzliche Freude, doch wars immer nur ein Gast und nie der Ertäumte, denn Du hattest sie noch, die Träume der Jugend –
Trinkt euch einen!

Bücher, Bücher, Bücher. Dazwischen Dein Leben. Gelesene, geschriebene, gewesene, gebliebene, gebliebene, geliebene – der scheußliche Joyce, der joycliche Scheuß, der arnosche Schmidt, die Bruns gleich selbdritt – Du aber warst die erste und einzige, die den Jesus von Saramago nicht nur gelesen sondern auch geliebt hat: zu Tränen begeistert ob der Sprachkraft, die uns bei allem doch verwehrt geblieben. Stets war die neuste Literatur zu finden bei Dir, wo sonst, und ganz schnell voll von Zeitungsschnipseln und Notizen. Ein Esel, wer sich verzettelt? Nein! Sie gehören in Sommernachtsträume hinein! Anna Livia Plurabelle, lies mal das noch auf die Schnelle!
Trinkt euch einen!

Rückt zusammen, hast Du gesagt, seid fröhlich, singt und trinkt euch einen –
Und was hast Du noch gesagt?

Tschüß, Ihr alle!

Die Antwort folgt Dir nach, vieltausendfach!

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