Zur Titelbildserie

Aus meinen grafischen Tagebüchern
Die schwarz-weiße Grafik zeigt eine abstrakte, collageartige Szene mit einer angedeuteten Frau im linken Bildbereich. Ihr Gesicht ist nur teilweise erkennbar, sie trägt eine große Sonnenbrille, die ihr einen geheimnisvollen und modernen Ausdruck verleihen soll. Mit etwas Phantasie könnte man links unterhalb des angedeuteten Gesichts der Frau das Auftauchen eines Wales vermuten.
Für mich lebt das Bild vom Zusammenspiel aus Abstraktion und Emotion. Die Figur bleibt anonym und geheimnisvoll, während die Umgebung fast wie ein Spiegel innerer Zustände wirkt – unruhig, vielschichtig und gleichzeitig voller stiller Momente.
Die starken Kontraste, rauen Strukturen und gebrochenen Linien deuten Spuren von Vergänglichkeit an. Die unterschiedlichen Muster und Schichten, strukturierte Flächen, Linienmuster und graue Farbverläufe erinnern an verwitterte Mauern, Papiercollagen oder urbane Graffiti und dann noch, ziemlich unrealistisch, auf die weite Welt der Meere durch den angedeuteten Wal.
Mit den schwarzen Linien die die einzelnen Formen voneinander trennen wollte ich und dem Bild Dynamik und Tiefe verleihen.

Matthias Kratschmer

Mit Felix Meyer poetisch durch das Jahr

Radebeuler Miniaturen

Empathie

In jenen Jahren hoffnungsvollen Neubeginns hatte ich das Vergnügen, so manche Mittagsstunde in einer ebenso hoffnungsvollen Gastwirtschaft verträumen zu können. Während noch die Sonne die Hauswand wärmte, fand ich meist Tisch und Stuhl unterm Fenster an der Straße, zog sich der Himmel zu, gabs im Innern ein zu dieser Stunde stilles Plätzchen.
Für den Wirt begann erst der Tag, die Gäste fanden sich zögerlich ein, und oft genug hatten wir Beide eine schöne Stunde ruhigen Einvernehmens. Da gab dann ein Wort das andere – mehr als diese beiden brauchten wir nicht, eine stille aber heitere Freundschaft wachsen zu lassen. Unsere Haltungen allem Leben gegenüber waren ähnlich genug. So war er etwa, wie er mit einer Prise Selbstironie bemerkte, ganz stolz darauf, durch seine Fähigkeit, Zahlen im Kopf addieren zu können, mindestens schon einen halben Baum eingespart zu haben. Was brauchts da noch Worte …

Eines grauen Herbsttages aber saß, als ich kam, schon eine Dame am Tresen. Sie blätterte eifrig in Papieren und Prospekten, und wurde nicht müde, auf den armen Gastwirt einzureden, ohne freilich auf dessen zunehmende Einsilbigkeit zu reagieren.
Ganz dem Spiel der von Ewigkeit zu Ewigkeit hin aufsteigenden Gasbläschen in meinem Glase hingegeben, war ich doch recht bald im Bilde: Die Dame war hoffnungsvoll jung und voller Elan. Sie hatte Angebote zu unterbreiten, Vorschläge zu machen, Prospekte zu präsentieren, die wie die scheinbar aus dem Nichts aufsteigenden Bläschen in meinem Glas, aus ihrem wichtigen Koffer quollen. Ich hörte Worte wie … Einbruch … Quadratmeter … Diebstahl … Sicherheit … es ging also um Versicherungen. Die Vertreterin war offenbar neu im Geschäft und spürbar bemüht, das in der letzten Schulung Gelernte wortgetreu an den Gastwirt zu bringen.

Mein Freund konnte seine Sympathie zu dem Menschenkind nicht verhehlen. Ihre Jugend und ihr Eifer rührten ihn. Doch grad das brachte ihn zunehmend in Bedrängnis. Ich sah, daß er die Versicherung, die sie für ihn ausfüllte, nicht wollte. Und ich sah auch, wie er sich vor dem Moment der Offenbarung fürchtete. Er bereitete nicht gern Enttäuschungen, doch er wußte, es würde nicht ohne gehen.
Ja, sagte sie nun, da hätten wirs schon – sie erläuterte noch einmal kurz die Striche und Kreuze – Sie brauchen nur noch hier zu unterschreiben.
Der Wirt holte zwei Tassen Kaffee, schob die eine zu ihr hin und sagte, liebe Dame, sagte er, große Nationen sind an ihrem Sicherheitsbedürfnis zugrunde gegangen.

Sie war sprachlos. Ich spürte, daß er sie am liebsten väterlich-tröstend in den Arm genommen hätte. Aber sie brauchte nicht seinen Trost, sondern seine Unterschrift.
Als mein Stündlein schlug, saß sie noch immer wie verloren vor ihrem Kaffee.
Ich hab Sie ja bewundert, sagte ich im Hinausgehen zu meinem Freund, ich hätte nicht an Ihrer Stelle sein wollen.
Sie tut mir ja leid, sagte er, aber ich kann doch nicht aus lauter Mitgefühl jede Woche einen neuen Staubsauger kaufen …

Thomas Gerlach

Eckhouts brasilianische Vögel an einer sächsischen Decke

Wer im Vatikan in der Sixtinischen Kapelle steht, schaut gebannt nach oben und verliert sich in Michelangelos Weltenschöpfung. Wer sich hingegen bei den gegenwärtigen Sprit- und Flugpreisen nicht auf den Weg nach Rom machen möchte, kann einfach im Schloss Hoflößnitz in den Festsaal treten und dort ebenfalls den Kopf in den Nacken legen – kein Michelangelo, gewiss, aber ein echter Eckhout. Genauer gesagt: viele Eckhouts. Eine ganze Schar südamerikanischer Vögel, die seit dem 17. Jahrhundert über Sachsen kreist, ohne je müde zu werden.Ob ihr Schöpfer selbst ein „bunter Vogel“ war, verschweigen die Quellen höflich.
Albert Eckhout wird um 1607 in Groningen geboren und stirbt Ende 1665 oder Anfang 1666 auch dort – ein Leben, das geografisch im Kreis endet, aber einmal über den Atlantik und wieder zurückführt. Über seine Lehrjahre weiß man wenig; sicher ist nur, dass er zu gut malte, um ein Zufallstalent zu sein, und zu neugierig war, um brav im Atelier zu bleiben und Tulpen abzumalen. Dabei wäre das damals durchaus ein solides Geschäftsmodell gewesen: In den frühen 1630er Jahren wurden Tulpenzwiebeln so heiß gehandelt, dass einzelne Knollen den Wert eines Grachtenhauses erreichten. Eckhout war jung genug, um den Rausch mitzuerleben, und klug genug, sich nicht für eine angeblich nachtschwarze Zwiebel zu verschulden, die im Frühjahr dann doch nur gelb geblüht hätte.
Irgendwann beschließt er, dass die Welt größer ist als Holland – und dass er sie zeichnen möchte. In den 1630er Jahren reist er nach Nordostbrasilien, in das Herrschaftsgebiet des Grafen Johann Moritz von Nassau-Siegen, der aus dem Zuckerrohr nicht nur Rum, sondern auch Ruhm gewinnen wollte. Nassau-Siegen hatte früh verstanden, dass Kolonialmacht nicht nur aus Kanonen besteht, sondern auch aus Dokumentation: Man muss zeigen können, was man besitzt – und sei es auf Leinwand. Also holt er sich Eckhout als malenden Naturkundler und Ethnografen.
Eckhout streift fortan durch Mangrovensümpfe und Plantagen. Er porträtiert Menschen, Früchte, Pflanzen und Tiere in oft monumentalen, fast katalogartigen Bildern. Seine Vögel, die später in Radebeul an den Decken hängen, beginnen als Studien in einer Welt aus Hitze, Insekten und Regenwald. Mehr als tausend Skizzen, Zeichnungen und Ölgemälde entstehen. Der „Brasilianer“, wie man Graf Johann Moritz später nannte, hatte mit diesen Bildern noch anderes vor, als sie nur an die eigenen Wände zu hängen. 1652 verschenkte er einen ganzen Schwung Tropenstudien an seinen Vetter, den brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm. Dessen Leibarzt Christian Mentzel machte daraus das mehrbändige Theatrum rerum naturalium Brasiliae – ein großformatiges Naturtheater auf Papier. Viele jener Vögel, die wir heute in Hoflößnitz sehen, treten dort bereits auf.
Die Tropen landeten schließlich als sieben dicke Folianten in der Preußischen Staatsbibliothek unter dem gelehrten Namen Libri Picturati A 32–38. Im Zweiten Weltkrieg ausgelagert, galten sie lange als verschollen – bis man Jahrzehnte später feststellte, dass sie keineswegs verschwunden, sondern lediglich nach Krakau „davongeflogen“ waren, in die Jagiellonische Bibliothek. Ein brasilianischer Farbtupfer auch als Zeichen des hoffentlich schlechten Gewissens im polnischen Bücherhimmel.
1644 kehrt Eckhout nach Holland zurück, bringt seine tropische Bilderbeute mit, heiratet, zieht nach Amersfoort – kurz: Er versucht, wieder ein sesshaftes Künstlerleben zu führen. Seine Brasilienbilder zirkulieren, werden gesammelt, verschenkt, bestaunt; ein großer Teil gelangt schließlich in das dänische Königshaus. Die berühmten Porträts und Stillleben hängen heute im Nationalmuseum in Kopenhagen, weitere Werke im Mauritshuis in Den Haag.
Doch 1653 ruft ihn ein neuer Auftrag: Der sächsische Kurfürst Johann Georg II. will ihn in Dresden haben. Wer Tropenbilder liefern kann, ist in einer Zeit, in der Wunderkammern boomen und Exotik zur Währung wird, ein gefragter Mann. Eckhout zieht nach Sachsen, arbeitet rund ein Jahrzehnt für den Hof und malt in dieser Zeit jene Deckenbilder mit brasilianischen Vögeln. Seine Skizzen und Ölstudien dienen ihm als Vorlagen, um in Sachsen Decken und Wände mit exotischer Fauna zu bevölkern. In Hoflößnitz verewigt er rund 80 brasilianische Vögel. Die Aktenlage zur Mitarbeit ist lückenhaft, aber die stilistische Einheit legt nahe, dass Eckhout selbst konzipiert und wohl auch den Löwenanteil der Ausführung übernommen hat.
Er malt die Vögel auf einzelne Leinwände und lässt sie dann mit Leisten an der Decke anbringen. Offensichtlich hatte er auch schon mal alleine eine Decke tapezieren müssen.
Einer der ersten Vögel, die den Blick fesseln, ist ein großer Papagei seitlich auf einem Ast: Kopf hell, fast weißlich, Körper in intensivem Scharlachrot, das nach unten in einen goldgelben Gürtel und schließlich in dunkle, blaugrünliche Flügel übergeht. Die langen Schwanzfedern beginnen rötlich und laufen in Rot- und Blautönen aus. Oben rechts steht in kräftigem Rot „ARARA“. Dieser Papagei ist nicht einfach ein Vogel – er ist eine kleine tropische Majestät, die damals über einem sächsischen Kurfürsten schwebte und heute noch so tut, als sei das die natürlichste Sache der Welt. Zwischen den lauten Stars der Decke gibt es leisere Gestalten: einen Vogel, den wir heute vermutlich als Ameisenwürger identifizieren würden – im tropischen Ökosystem der stille Angestellte, der die kleinen Dinge erledigt. Im Festsaal jedoch wirkt er fast wie ein kleiner Hochstapler, als hätte er sich, eigentlich ein Gärtner, in einen ballsaaltauglichen Smoking gezwängt. Eindrucksvoll auch ein einzelner Scharlachsichler im Hochformat, elegant und irgendwie ein wenig arrogant, auf zwei dünnen rosafarbenen Beinen über einem grün-braunen Uferhügel. Körper, Hals und Kopf leuchten in warmen Scharlach- und Lachsrosa-Tönen, am Flügel ein heller Bereich mit fast schwarzer Spitze. Der lange, sichelförmig nach unten gebogene Schnabel ist tief dunkel und kontrastiert mit dem hellen Kopf. Links oben steht in roten Großbuchstaben „GVARA“ (hab ich vergessen einzufügen, sorry).
Wer selbst mal zum Eckhout werden will, kann die Beschreibung nutzen, um die drei Bilder auszumalen:

Zeitgenössische Beschreibungen sprechen von „tropischen Pfauen“ und „brasilianischen Papageien“. Gemeint sind Trogone, Aras und andere spektakuläre Arten – alles, was bunt ist und einen halbwegs eindrucksvollen Schwanz trägt, wird zum „Pfau“, so wie alles Fremde schnell zum „Wunder“ wird, sobald es in der Nähe eines Throns auftaucht.
Ideengeschichtlich steckt hier ein größerer Anspruch: Der Saal inszeniert eine zweite Schöpfung. Gott hat die Vögel gemacht, aber der Kurfürst hat sie in seiner Kassettendecke sortiert. Der exotische Pfau braucht keinen Hof – der Hof braucht den Pfau, um sich selbst zu (v)erklären.
Alle diese Vögel existieren an der Saaldecke gleichzeitig als naturhistorische Notiz und als dekorative Kunst. Die Hoflößnitz ist aber keine gemalte Voliere: Auch in den kurfürstlichen Nebengemächern im Obergeschoss tauchen exotische Tiere, heimische Arten, Hunde, Weinranken und Blumen auf – höfische Selbstinszenierung im Bund mit Naturbeobachtung.
Ein Besuch im Schloss Hoflößnitz ist lehrreich, weil man schon in diesem einen Saal sehen kann, wie eng im 17. Jahrhundert Kunst, Naturkunde und Machtdemonstration ineinandergreifen. Und angenehm ist er außerdem, weil man nach all diesen Eindrücken unter den Kastanien im Hof noch entspannt einen guten Wein trinken kann. Also unbedingt mal wieder hingehen.

Volker Rönsch

Korrespondenz aus einer Nachbargemeinde

Bis zum 1. November dreht ein Wanderbus samt Anhänger (für max. 16 Räder) am Wochenende und an sächsischen Feiertagen fünfmal täglich eine Runde durch Böhmen. Von Pirna/ZOB Steig 9 geht es in Bahratal über die Grenze, bevor an mehreren Stellen in Petrovice/Peterswald, Tisá/Tyssa und Sn?žník/Schneeberg ausgestiegen werden kann, zurück über Rosenthal nach Königstein und genauso in die andere Richtung. Anschluss zur S 1. Zuzüglich zum VVO- oder D-Ticket kauft man beim Fahrer eine Tísa-Tageskarte (Einzelpreis € 2). Landschaften und Aussichten sind fantastisch. Ich habe eine ältere Dame getroffen, die nutzte die Linie für ihre Sonntagsausfahrt. Zielgruppe sind aber Wanderer, Radler, Geschichtsfans, Liebhaber böhmischer Restaurants…oder bitte, wer meinen Anteil an Zigaretten mitrauchen will: „Hier ham se den!“
Ein paar Beispiele für lohnende Ziele. Die Felsenstadt der Tyssaer Wände mit ihren skurrilen Gebilden begeistert selbst Kinder im lauffaulen Alter. Der D??ínsky Sn?žník/Tetschener Schneeberg mit Hotel, Imbissbude und einem besteigbaren Turm (man sieht sogar, bei sehr guter Fernsicht, den Berg vom Blauen Wunder als eine Art Riegel in der Landschaft!) bietet Aussichten bis zum Jeschken, Milleschauer, ja, man sieht sogar die TV-Türme von Wachwitz und Ústí n.l./Aussig. Apropos TV: Prof. Matthias Färber vom Technikum in Bodenbach, jetzt Teil von D??ín, empfing auf dem Berg in 722 müNN die ersten Fernsehbilder auf dem Gebiet der damaligen Tschechoslowakei 1936. Olympische Spiele, Sender Berlin-Witzleben. An diese Olympiade erinnert auch der 1956 direkt an der Grenze in Bahratal aufgestellte Obelisk, denn das Feuer vom Staffellauf Athen – Berlin wurde hier unter Volksfeststimmung übergeben. Völkerverbindung vor der Katastrophe. Wer tiefer in die Geschichte eindringen mag, findet bemerkenswerte Infotafeln zum historischen Leben in Tyssa im Aufstieg zur dortigen Felsenstadt, in Schneeberg zum Schicksal der Wlassow-Armee am Ende des 2. WK, findet sogar den mystischen schwedischen Friedhof aus dem 30-jährigen Krieg am Südhang des Schneeberges. Es gäbe noch viel zu erzählen, aber entdecken Sie nur selber. So, ich sitze im Flieger, einer fast 80-jährigen Tupolew 104, die irgendwann in Peterswald „gelandet“ ist und nicht mehr weg wollte, habe mir ein kühles Bier bestellt. Prost! Und wie geschrieben, selbst wenn Sie nur billige Zigaretten holen wollen…

Tobias Märksch

 

Glosse

Radebeuler Wege

Nun habe ich fast ein Drittel meines Lebens in einer Stadt verbracht, die für unsereins unerreichbar schien und auch in der vorherigen Republik als Villen- und Gartenstadt dem Bürger eher Ehrfurcht einflößte. Mit der Landeshauptstadt kann heutzutage Radebeul allemal mithalten. Aktuell liegen wir mit 10,44 € pro Quadratmeter Wohnraum gar 3 Cent über der Dresdner Durchschnittsmiete!
Auch wenn ich mich diesmal nicht mit Mieten beschäftigen will, sei die Frage erlaubt, warum diese einstige Industriestadt so eine Entwicklung genommen hat.
Wer will, kann in Hartmut Pfeils Buch (Welch ein Reichtum) über die Industriegeschichte der Lößnitzstadt nachsehen. Da bekommt man zumindest eine Antwort.

Recht verblüffend aber ist etwas anderes, nämlich die Entwicklung dieses sächsischen Ortes in der Neuzeit. Zumindest hat mich die Richtung überrascht die eingeschlagen wurde. Wobei mir nicht ganz klar ist, ob absichtsvolles Handeln dahinter steckt oder die Sache einfach nur so „gekullert“ ist. Da will ich jetzt auch nicht in die Tiefe dringen. Fakt aber ist, dass die Jahre 1989/1990 der Stadt gehörig mitgespielt haben und die entscheidenden Industriebetriebe damals nicht nur „Federn“ lassen mussten, sondern größtenteils sogar ganz von der Bildfläche verschwunden sind.

Nicht schlecht habe ich dann allerdings gestaunt, dass wir uns 2012 wieder aufgerappelt hatten und sich in unserer Stadt über 42 Prozent produzierendes Gewerbe versammelte, etwa so viel wie zu Ostzeiten! Völlig aus den Wolken bin ich dann aber gefallen, als ich mich rein interessehalber erneut diesem Thema zuwendete. Gewissermaßen über Nacht hatte sich offensichtlich die Lage drastisch gewandelt: Aus der Industriestadt war plötzlich ein „Dienstleistungskombinat“ geworden! So arbeiteten im Jahr 2025 in Radebeul 71,4 Prozent im Dienstleistungssektor! Die Beschäftigten in Industrie und Bauwesen waren auf ganze 27,5 Prozent gesunken!

Hatte ich irgendetwas nicht richtig verstanden? Aber so oft ich den Textabschnitt auch durchlas, die Zahlen waren eindeutig. Da hatte offensichtlich der alte Fuchs Hans Olaf Henkel – erinnert sich noch einer an den einstigen Chef des „Bundesverbandes der Deutschen Industrie“? – unrecht, wenn er behauptete: „Wir können doch nicht dauerhaft davon leben, dass wir uns gegenseitig die Haare schneiden.“. Nun wird dem Hamburger Huldigung von „alten Zöpfen“ vorgeworfen. Doch es scheint ja zu klappen, denn die ganze Republik hat diese Marschrichtung eingeschlagen. Geheuer kommt mir das aber nicht vor.

So haben wir seit einiger Zeit nur noch anderthalb Freibäder. Das Lößnitzbad beispielsweise, ein beliebter Badeort, wird heute als „offene Badestelle“ geführt und muss deshalb nur noch mit „halber Kraft“ von der Stadtbäder und Freizeitanlagen GmbH Radebeul betreut werden. Das Bad gehört gewissermaßen zu den Freizeit- und Erholungsstätten in unserem Ort. Schon die an der westlichen Grenze des Bades entlangführende Straßenanbindung für die Niederwarthaer Brücke und das Fällen der Pappeln im Bad haben sicher zu einer höheren Belastung der Freizeitoase geführt. Durch den geplanten Ausbau der Fabrikstraße für den Schwerlasttransport sowie die vorgesehene Erweiterung der gewerblich genutzten Flächen in dem städtischen Mischgebiet, werden die Aufenthaltsqualität im gesamten Wohngebiet weiter gemindert. Vermutlich wird dies nicht gerade auf helle Begeisterung bei den Anwohnern stoßen.

Dennoch ist die Stadt Spitze, wenn man der aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) glaubt. Die sieht Radebeul, was Wohnen und Leben angeht, im deutschlandweiten Ranking auf Platz 7 und damit herausragend positioniert! Dem Kenner kommen nicht nur wegen des Auftragsgebers der Studie Zweifel. Eine gewisse Schieflage lässt sich nicht leugnen.
Auch will ich jetzt nicht erst davon anfangen, was schon alles den Lößnitzbach heruntergegangen ist und nicht von den 11,5 Millionen Euro, die voraussichtlich die 1,6 Kilometer lange Strecke der Verlegung des keineswegs wasserreichen Baches kosten werden. Hochwasserschutz gibt es halt nicht umsonst. Und auch die ökologische Aufwertung des Gebietes sollte es wert sein. Nun muss nur noch Wasser fließen, meint

Eurer Motzi

 

 

 

Über den Tellerrand geschaut: Die Junge Heide

Foto: D. Lohse

Heute steht mir der Sinn nicht nach alten Häusern oder Details von diesen, was ja sonst meist meine Profession ist. Ich möchte mich mit etwas ganz anderem beschäftigen. In der Stadt Radebeul spielt Wald eine eher untergeordnete Rolle, es gibt den Waldpark in Kötzschenbroda/ Niederlößnitz, die bewaldeten Hänge der Seitentäler wie Fiedler-, Lößnitz- oder Rietzschkegrund und die bewaldeten ehem. Weinberge wie im Bilzgrundstück am Augustusweg oder am Hohenhaus zu finden. Diese Waldgebiete sind zum großen Teil identisch mit dem Landschaftsschutzgebiet Lößnitz.
Größere, echte Waldgebiete grenzen nordwestlich und östlich an Radebeul an: der Friedewald und die Junge Heide, letztere gehört aber zu Dresden. Beide Wälder sind auch für Radebeuler Bürger interessant als Wander- und Erholungsgebiete, wir sollten nur nicht im juristischen Sinne von „unseren Wäldern“ sprechen. In diesem Artikel wollen wir die Junge Heide zwischen der Ostgrenze von Radebeul,der Autobahn A4 und bis oberhalb der Moritzburger Landstraße und dem Augustusweg etwas näher betrachten. Das Waldgebiet ist vorwiegend flach strukturiert und mit Kiefern bestockt und hat anteilig Hangwald. Es wird von zwei Bächen durchflossen, die zeitweilig trocken fallen können: dem „Verlorenen Wässerchen“ vom alten Boxdorfer Steinbruch kommend, das nirgends einmündet, sondern beim „Katzenbuckel“ (Sandboden) versickert und dem „Fiedlergrundbach“, der zwei Äste von Boxdorf und Wahnsdorf her hat und nahe der Waldstraße versickert.

Foto: D. Lohse

Auf den ersten Blick sieht der Wald grün aus, noch(!), es ist ein fast langweiliger Wald, er wird forstwirtschaftlich genutzt und ist zugleich auch Landschaftsschutzgebiet. Das ist eine Art Spagat. Erst auf den zweiten Blick entdeckt man schöne Wege und gelegentlich auch malerische Waldpartien. Wege zu lohnenden Zielen führen durch die junge Heide, zum Fiedlergrund, zum Waldmax (Einkehr) und zum Heidefriedhof. Überwiegend finden wir hier Kiefernbestände auf Sandböden, die ursprünglich als Schonungen, also Forstplantagen in Reihenpflanzung, angelegt und dann über die Jahre ausgelichtet wurden. Tannen, Fichten und Lärchen gibt es in diesem Revier nicht. Nach etwa 80 Jahren können die Kiefern dann als Nutzholz geschlagen und der Industrie zugeführt werden. Früher wurden die Bäume flächig als Kahlschlag gefällt, heute erfolgen Fällungen eher im Auswahlverfahren durch den Revierförster, damit so der Kahlschlag vermieden wird und noch ein gewisses Waldbild bleibt. Ich glaube erkannt zu haben, dass man im Kiefernwald jetzt mehr Unterholz (Eiche, Buche und Ahorn) stehen lässt als früher. Dem Mischwald gehört wohl die Zukunft. Den damaligen Revierförster, Herrn Kamenz, lernte ich in den frühen 60er Jahren kennen, als ich in den Schulferien beim Forst mein Taschengeld aufbessern konnte. Er hatte seinen Dienstsitz im alten Forsthaus (a.D.) gegenüber der „Baumwiese“ (auch a.D.). Interessant kann ein Waldspaziergang auch im Kiefernwald schon werden, wenn man dafür eine gute Tages- oder Jahreszeit erwischt oder gewählt hat – früh am Morgen mit tiefstehender Sonne und Tautropfen in den Spinnwebennetzen oder auch im Spätherbst, wenn der erste Schnee unter den Schuhsohlen knirscht. Heute ist das Revier Junge Heide forstwirtschaftlich anders eingebunden. In Teilbereichen des betrachteten Waldgebietes findet der Spaziergänger auch Laubbäume. So gibt es zwischen dem Radebeuler Musikerviertel und dem Sternweg einen älteren Stieleichen-Bestand, der durch den versickerten Fiedlergrundbach feucht gehalten wird. Eine andere Abteilung südwestlich der Moritzburger Landstraße hat einen Altbestand Eichen und Buchen, begünstigt durch das „verlorene Wässerchen“. Birken tauchen gelegentlich als Begleitpflanzung von Wegen auf, so am Sternweg und einem Weg oberhalb der Moritzburger Landstraße. Als ausgewilderte Exoten verbreiteten sich einzelne Esskastanien zwischen Augustusweg und Waldstraße.
Die Junge Heide teilt sich in verschiedene Gebiete mit jeweils anderen Eigentümern, in Staatsforst, Waldteile der Kirche und Privatwald. Jedes Teilgebiet wird anders bewirtschaftet. Der Laie, also ein Spaziergänger, kann aber diese Teilgebiete kaum unterscheiden, weil trotzdem ein einheitlicher Charakter angestrebt wird.
Ich weiß gar nicht, ob der o.g. „Katzenbuckel“ heute noch von Kindern, wenn mal Schnee liegt, noch mit Schlitten und Skiern genutzt wird? Für uns war das damals so was wie „unsere Alpen“! Heutzutage trifft man in der Jungen Heide öfter Laufsportler und manchmal auch Reiter an.
Das Waldgelände wird von Verkehrsstraßen (z.B. Moritzburger Landstraße u. verlängerte Waldstraße) durchzogen, forstwirtschaftliche Wege und Spazierwege gliedern den Wald in Jagen, die mir jedoch unregelmäßiger erscheinen als in der Dresdner Heide. Apropos Heide, obwohl das Waldgebiet von alters her als Junge Heide bezeichnet wird, hat sie keine Ähnlichkeit mit der weithin bekannten Lüneburger Heide – derartige mit Gras und Heidekraut bestandene Freiflächen fehlen in dem betrachteten Waldgebiet.

Foto: D. Lohse

Ja, weil eben wieder die Dresdner Heide genannt wurde, die Junge Heide war ursprünglich ein fester Bestandteil der Dresdner Heide, was aber über die Jahrhunderte in Vergessenheit geraten ist. Der Zusammenhang wurde u.a. durch den früheren Truppenübungsplatz des Hellers und auch durch den Autobahnbau ab 1936 gestört. Heute müssen wir zwei separate Waldgebiete betrachten. Ebenfalls 1936 wurde von der Jungen Heide das Gebiet des Heidefriedhofs abgeteilt und auch mit Gebäuden für Trauerfeiern und die Verwaltung bebaut. Eine wesentliche Anlage innerhalb des Friedhofs ist die Gedenkstätte für die Toten des 13. u. 14. Februar 1945 in Dresden. Die Gestaltung des Friedhofsgeländes behält weithin durch Erhaltung alter Kiefern den Charakter dieses Waldes und verzichtet bisher auf Kahlschlag. Irgendwann wurden von der Jungen Heide am Ende der Clara-Zetkin-Straße ein Tennisplatz und eine Kleingartensparte abgezweigt. Als die Wettiner vom 16. bis zum 18. Jh. hier noch jagten, muss die Junge Heide noch ursprünglicher ausgesehen haben und entsprach mehr einem Mischwald. Auf die zweifellos auch heute noch vorhandene Tierwelt, u.a. Hirsche, Rehe, Wildschweine, Kaninchen, Vögel, Eidechsen und Schlangen in der Jungen Heide kann ich hier aus Platzgründen leider nicht näher eingehen. Vielleicht findet sich dafür später auch eine fachlich berufenere Person?
In der Dresdner Heide kennt man zumindest drei Arten der Wegekennzeichnung – schwarze Zeichen (Symbole u. Muster), rote Kennzeichen (an Zahlen u. Buchstaben orientiert), beide Arten um 1570 entstanden und in Resten erhalten bzw. ergänzt und neuzeitliche Wander- und Wegzeichen (bunte, geometrische Zeichen). Nun hat ein findiger Kopf vor etwa fünf Jahren ein paar der alten roten Zeichen der Dresdner Heide in der Jungen Heide längs der alten Wege neu angebracht, genauer gesagt, wohl mit einer Schablone auf markante Baumstämme oder auch Zaunpfosten aufgemalt. Sie sollen auf diese Weise daran erinnern, dass die Junge Heide mal ein Teil der Dresdner Heide war. Im Wesentlichen stimmen die alten Wege, die auch früher echte Handelswege waren, mit heutigen Forst- u. Wanderwegen überein.

Foto: D. Lohse

Foto: D. Lohse

In der Jungen Heide bilden die alten Wege, Rennsteig (ein Z mit Querstrich), Schwesternsteig (ein Z mit aufgesetztem Kreuz) und Diebsteig (ein Z mit Längsstrich) eine Art Wegefächer, der vom Sternweg (ein sechseckiger Stern) gekreuzt wird. Den Diebsteig erkennen wir auch als ausgeschriebene Wegbezeichnung in der Kleingartensparte hinter der Gleisschleife. Auf einer Länge des Sternweges hatten die Jugoslawen in den 70er Jahren eine Beton-Baustellenzufahrt für das AWD (Arzeimittelwerk Dresden) gebaut, die heute zu bröckeln anfängt.
Das Sprichwort „Wie du in den Wald hineinrufst, so schallt es heraus“ gilt hier wohl nicht mehr! Die nahe liegende, inzwischen verbreiterte Autobahn hat ja auf der Waldseite keine Schallschutzwand bekommen und brummt ständig vor allem bei Ostwind und wird besonders im Friedhof als störend empfunden. Und ferner stört im Walde der Schrott von 4 Brunnen am Sternweg, ehemals fürs AWD gebaut, aber längst überflüssig, weil der ehemalige Großbetrieb nach der Wende stillgelegt, bzw. verkleinert und umstrukturiert wurde. Heute ist offensichtlich niemand mehr dafür zu finden, der den Schrott wegräumt … .
Die Junge Heide hat nicht unbedingt den Charakter eines touristischen Anziehungsortes, wir finden keine Sensationen wie die älteste Eiche Deutschlands (da müsste man schon mal nach Ivenack fahren!), sie ist aber eine „grüne Lunge“ für Spaziergänger, Leute, die mit Hund „Gassi gehen“, oder für Krippen- oder Kindergartengruppen. Durch die Waldnähe haben Anwohner von Radebeul Ost ja auch meist ein angenehmeres Klima. Man sollte einfach wieder mal in den Wald gehen!

Dietrich Lohse

Gewonnen wie zerronnen

Nicht alle Kultur in Radebeul erwünscht?

Da kann man nicht schweigen, wenn laut gerichtlichem Urteil ein international anerkanntes Museum die Stadt Radebeul verlassen muss, welches sich Jahrzehnte hat nicht nehmen lassen, die einmalige Kulturlandschaft der Lößnitz durch vielfältige kulturelle Aktivitäten zu bereichern. „Als formgebundene Landschaft ist die Lößnitz auch formgebend“, schreibt der Altmeister Karl Kröner am Ende seines Beitrages „Die Lößnitz, Gestalt und Wirkung einer Landschaft“. Und er schlussfolgert: „Musische Menschen aus allen Geistesgebieten fühlen sich daher wohl immer von ihr angezogen.“. Aber, auch ein Kröner konnte die heutige Entwicklung nicht voraussehen.

Nun sollen hier nicht Zweifel an der Richtigkeit der richterlichen Entscheidung gestreut werden. Die
eine Dame und die beiden Herren haben nach Aktenlage korrekt den einzig möglichen Beschluss gefasst. Gleichwohl hat man das Bedauern beim Verlesen des Urteils aus der Stimme des Vorsitzenden Richters vernehmen können, keine bessere Lösung gefunden zu haben.

Was ist geschehen, in dem einstigen kulturvollen Hauptort der Lößnitz, der sich heute Große Kreisstadt Radebeul nennt, dass in den letzten 36 Jahren mehr kulturelle Einrichtungen verschwunden sind als in den hundert Jahren seit Erlangung des Stadtrechts? Die Liste der Grausamkeiten will nicht enden. Nachfolgend eine Aufzählung kultureller Einrichtungen und was aus ihnen geworden ist:

– Haus der Kunst – Wohnungen
– Kulturhaus Arzneimittelwerk Dresden – Wohnungen
– Klubhaus „Heiterer Blick“ Planeta – Abriss
– Kreiskulturhaus Völkerfreundschaft – Abriss
– Kulturzentrum „Haus der Werktätigen“ – Wohnungen
– Kreisjugendklubhaus „X. Weltfestspiele“ – privatisiert
– Jugendclub Sekte – Wohnungen
– Pionierhaus Radebeul – Wohnanlage
– Filmtheater Freundschaft – Abriss
– Filmtheater UNION – Abriss
– Filmtheater Palast – Abriss
– Staatliche Puppentheatersammlung – abgewandert nach Dresden
– Villa Hohenhaus, zeitweiliger Wohnsitz Hauptmanns – privatisiert
– DDR-Museum – Schließung
– Orchester der Landesbühnen Sachsen – Auflösung
– Schmalspurbahnmuseum – Schließung
– Heimatmuseum Schloß Hoflößnitz – Umwandlung in ein Sächsisches Weinbaumuseum

Nicht zu vergessen, der Wegfall unzähliger Zirkel kulturell-künstlerischer Selbstbetätigung durch die Schließung aller Radebeuler Kulturhäuser.

Unbeeindruckt davon, berichtet OB Bert Wendsche in der Juni-Ausgabe 2026 des Amtsblattes über den „erfolgreich abgeschlossenen“ Rechtstreit der Stadtverwaltung gegen den Betreiber des Lügenmuseums, den kulturellen Verlust für die Stadtgesellschaft nicht erwähnend. Am Ende seines Beitrages drückt der amtierende Oberbürgermeister seine Hoffnung aus, „dass der Mieter und Betreiber des ,Lügenmuseums‘ nun seinerseits das Objekt in der gewährten Frist räumt.“.

Wohl kaum wird man es der Stadt als Ruhmesblatt anrechnen können, wenn vermutlich der unsäglichen Liste des Kultursterbens in unserem Ort ein weiterer Fall hinzu gefügt werden müsste. Auch wenn es manchem nicht recht sein wird, ein kleiner Hoffnungsschimmer mag sich am Ende dieser langen Kontroverse doch noch abzeichnen: Es gibt einen Käufer für das umkämpfte Objekt des in städtischer Hand befindlichen Sekowitzer Gasthofes, dem ältesten erhaltenen und kulturhistorisch bedeutenden Gasthof der Stadt!
Dies würde aber voraussetzen, dass der Verkauf des Anwesens noch vor dem Auszug des Lügenmuseums erfolgt. Ob allerdings hier die Stadt bereit ist, über ihren Schatten zu springen, bleibt zumindest zweifelhaft. Rein rechtlich kann sie den Auszug des Museums erzwingen, hat doch „die Stadt vollumfänglich im Rechtsstreit obsiegt“, so der Oberbürgermeister in seinem Beitrag.

Was aber ist ein gewonnener Rechtsstreit gegen den Verlust einer international bedeutenden kulturellen Einrichtung? Diese Frage wird sich nicht nur die Stadtverwaltung beantworten müssen.

Karl Uwe Baum

Gedenkblatt für Ingeborg Hauptmann

28. Juli 1923 – 7. April 2026

Foto: privat

Unsere erste Begegnung begab sich an einem milden Sommerabend des Jahres 1998 im Biergarten vor der Oberschänke in Altkötzschenbroda. Ingeborg hatte mit ihrem Lebensgefährten Klaus Heller das Zitzschewiger Hohenhaus besucht. Anderntags wollten beide nach Erkner fahren, um die Totenmaske ihres Großvaters Gerhart Hauptmann (1862 – 1946) dem dortigen Museum zu übergeben.
Wir sprachen viel an diesem Abend.
Über das Werk ihres Großvaters sprachen wir, vor allem aber über das Schicksal ihrer Großmutter Marie Thienemann (1860 – 1914), Gerharts erster Ehefrau. Sie war in dem alten Hohen Haus im großen Park an der Berglehne aufgewachsen. Von hier aus hatte sie dem jugendlichen Kunstschüler mit ihrer Liebe und natürlich auch mit ihrem Geld einen Weg geebnet, der ihn später zum Nobelpreis führte. Nachdem Hohenhaus 1885 verkauft worden war, haben es weder Marie noch ihre vier Geschwister jemals wiedergesehen. Geblieben war ihnen einzig eine lebenslange Sehnsucht nach der Geborgenheit, die sie im Schutz der alten Mauern erfahren hatten.

Auf der Suche nach Lebensspuren der ihr ja nur durch Erzählungen vertrauten Großmutter war Ingeborg schon vor 1990 mehrfach in Radebeul gewesen und mit dem Hohenhaus sehr verbunden. Ihr Vater Eckart Hauptmann (1887 – 1980) war der zweite Sohn von Marie und Gerhart Hauptmann. Er hatte zahlreiche, oft noch aus dem Hohenhaus stammende Erbstücke sorgsam bewahrt. So konnte er die Erinnerung an seine „Muttel“ lebendig halten und seinen Töchtern vermitteln. Der über zehn Jahre sich hinziehende Trennungsprozeß seiner Eltern und die daraus resultierenden Leiden Maries hatte seine Kindheit überschattet.
Wir haben heute keine Vorstellungen mehr davon, was es in den Jahren um 1900 für eine „verlassene Ehefrau“ gesellschaftlich bedeutete, mit drei Kindern allein zu sein.
In dem erhalten gebliebenen Briefwechsel zwischen Eckart und Marie aus den Jahren 1905 bis 1914 klingt das immer wieder an. Ingeborg hat die Herausgabe der Briefe durch Elisabeth Südkamp mit Hingabe und Begeisterung befördert und vor allem finanziert. Sie hoffte, damit der Erfüllung ihres größten Wunsches nahezukommen, Großmutter Maries Rang und Würde zurückzugeben und ihre Bedeutung für das Werden des Nobelpreisträgers ins rechte Licht zu rücken.
Das Buch erschien 2001 bei der Edition Reintsch in Radebeul.

In dieser ihrer Hoffnung und in der damals gemeinsamen Sorge um die Zukunft des Hohenhauses waren wir uns begegnet. Ingeborg hatte lebhaft Anteil genommen an unseren Versuchen, die literarische Tradition des Hauses zu bewahren. Auch die Überführung des Grabsteines von Marie in den Park durch Torsten Schmidt hat sie mit Begeisterung begleitet. Die aus ungezählten Begegnungen wachsende Freundschaft aber ging weit darüber hinaus.

Ingeborg war im Niederländischen Haarlem geboren worden, wo ihr Vater in leitender Stellung für die AEG tätig war. Den 13. Februar 1945 erlebte sie in Dresden.
Als nach dem Krieg die deutschen Staatsbürger aus den Niederlanden ausgewiesen wurden, fand sie schließlich mit ihren Eltern in Wiesbaden ein dauerhaftes Zuhause. Fortan arbeitete sie für ihren Vater, der sich nun als Handelsreisender selbstständig gemacht hatte, als Sekretärin.
Ingeborg begleitete ihre Eltern durch das Alter, und erst nach ihrem Tod fand sie Zeit für sich selbst. „Gerade noch rechtzeitig“ lernte sie, wie sie selbst einmal sagte, den um neunzehn Jahre jüngeren Klaus Heller kennen. Als nahezu sprichwörtliche Verkörperung der „rheinischen Frohnatur“ wirkte er auf Ingeborg wie ein Jungbrunnen. Und er saß am Steuer, wenn sie auf den Spuren der Vorfahren nach Radebeul, Erkner, Hiddensee oder ins polnische Schreiberhau wollte. Nicht ganz zufällig haben die beiden schließlich nach mehr als zwanzig gemeinsamen Jahren im Radebeuler Standesamt auf dem Rosa-Luxemburg-Platz geheiratet.
Schließlich kam das Alter doch. Mit ihm war irgendwann der Umzug ins Heim unabwendbar. Als Klaus starb, mußte Ingeborg allein weitergehen. Mit Staunen sah sie sich das Jahrhundert vollenden.

Nun kam sie also, die Nachricht vom Tod Ingeborg Hauptmanns – nach einem so langen erfüllten Leben ist die Ruhe mehr als verdient. Ihr herzhaftes, erfrischendes Lachen wird auch in Radebeul ebenso in Erinnerung bleiben, wie ihre lebhafte Anteilnahme an Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Am 28. Juli wäre sie 103 (in Worten: einhundertdrei!) Jahre alt geworden.
Thomas Gerlach

Endlich hat der legendäre VT 18.16.10 in Radebeul ein Zuhause gefunden

Ankunft in Radebeul, Foto: D. Lohse

Unter dieser Nummer lief seit 1965 der neu entwickelte Schnellzug der Deutschen Reichsbahn, bekannt unter dem Namen „Vindobona“, der die Strecke Berlin – Dresden – Prag – Wien und umgekehrt bis 2003 befuhr. Der gleiche Typ Schnellzug wurde auch als „Berlinaren“, „Neptun“, „Karlex“ und „Karola“ auf weiteren internationalen Strecken eingesetzt. Seit 1970 lief der Zug auch als Baureihe 175, Bauart Görlitz. DDR-Bürger durften z.B. den „Vindobona“ bis 1989 nur bis Prag benutzen. International gesehen war der moderne Zug ein Prestige-Objekt der DDR mit dem Valuta verdient werden konnten. Der Prototyp des Zuges wurde 1963 im Waggonbau Görlitz entwickelt und ab 1965 in Serie gebaut. Der Antrieb erfolgte dieselhydraulisch mit 2×900 PS und erreichte Geschwindigkeiten von 140 km/h (sechsteilig), bzw. 160 (vier- u. fünfteilig). Die Ausstattung war sehr bequem und hatte auch ein Speisewagenabteil. Man könnte ihn durchaus als Vorläufer der inzwischen aufgelegten ICE-Züge betrachten, auch wenn er dessen technische Parameter nicht erreicht. Für viele ein Sehnsuchtszug – oft gewünscht, einmal mitfahren zu können!
Nach offizieller Stilllegung aller o.g. Züge 2003 wurden die meisten verschrottet bis auf einen, den VT18.16.10. Die Idee von Eisenbahnfans, die sich ab 2020 unter Mario Lieb als „Club der 175“ formierten, war, diesen Zug zu erhalten und später auch wieder für Sonderfahrten zu nutzen. Ob der Zug bereits einen Denkmalstatus (technisches Denkmal) hat oder bekommen soll, konnte ich über das Landesamt für Denkmalpflege kurzfristig leider nicht in Erfahrung bringen.

Foto: D. Lohse

Foto: D. Lohse

Zwei Oldtimer, Foto: D. Lohse

Inzwischen ist daraus die SVT Görlitz gGmbH mit Förderverein geworden und es war viel Engagement und Arbeit vonnöten. Das Ergebnis steht nun vor uns! Nachdem der Zug die längste Zeit Eigentum der DR (Deutsche Reichsbahn) war, ging er 2019 in das Deutsche Eisenbahnmuseum Nürnberg über. Da er aber für dieses Museum zu groß, bzw. zu lang war, wurde er zeitweilig in Berlin, in Ketzin / Bbg., Chemnitz Hilbersdorf, Lichtenfels/ Oberfranken und Dresden Altstadt abgestellt und in Teilen repariert. Dazwischen lagen mehrere VIS (Inspektionen) in Halberstadt. 2024 wurde beschlossen, nach langer Odyssee in Radebeul Ost neben dem Schmalspurbahn-Museum eine neue Halle als dauerhafte Heimstatt für den VT 18.16.10 zu schaffen. Die für den Neubau in Metallleichtbau mit transparentem Dach 2024 geschätzten Kosten beliefen sich auf 300 000 Euro, die aus dem Fond von ehemaligen Parteigeldern der DDR gespeist werden sollten. Die Halle ist ein zwar großer, nüchterner Zweckbau, der sich aber am Standort Forststraße in das Industriegebiet gut einfügt. Die eingezäunte Halle scheint ausreichend Schutz zu bieten gegen Wetterunbilden (die auch am 14.06.2026 herrschten), gegen Diebstahl und Zerstörung sowie gegen „böse Buben“ mit Spraydosen. Die Halle ist nicht als Museum anzusehen.
Das Fest am 14. Juni wurde gut besucht – ich meine, hier müssten mehr als 500 interessierte Besucher da gewesen sein – es wurden kleine Speisen und Getränke gereicht und es gab fachliche Informationen. Leider war eine vorgesehene Ballonfahrt wegen böigem Wind nicht möglich und das Gelände um die Halle herum noch etwas stolprig. Die Besucher erwarteten sehnsüchtig den von Halberstadt einfahrenden Zug, alle wollten ein gutes Foto „schießen“ – zum Glück hat es dabei keine Verletzten gegeben.

Foto: D. Lohse

Dank an die Veranstalter, es war ein schönes und würdiges Fest! Ein bißchen stolz darf Radebeul sein, so eine Sehenswürdigkeit – den VT 18.16.10 – zu beherbergen.
Einen mir bekannten Radebeuler, den über 90-jährigen Dieter Krause, Eisenbahn- und Straßenbahn-Fan und Leser der Vorschau sah ich nicht im Gelände. Früher hätte er sich so ein Event sicherlich nicht entgehen lassen. Ich grüße ihn mit diesem Artikel ausdrücklich!

Dietrich Lohse

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