Serkowitz.Neubau


Filmclub mobil präsentiert

3. Thematischer Filmclubabend
Donnerstag, 15.9.2022, Einlass 19.00 Uhr
Beginn 19.30 Uhr
in der Kunstscheune Altnaundorf 6
01445 Radebeul

Gezeigt wird
„Karbid und Sauerampfer“
1963, DDR, DEFA-Lustspielklassiker, P 16

Zum Inhalt: Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges liegt Dresden in Schutt und Asche, darunter auch die Zigarettenfabrik. Die soll wieder aufgebaut werden. Doch beim Wiederaufbau muss man schweißen und zum Schweißen benötigt man Karbid. Also wird der Arbeiter Kalle, von seinen Kollegen nach Wittenberg geschickt, wo er sieben Fässer Karbid erhält. Allerdings gestaltet sich der Rückweg ohne eigenes Fahrzeug und nur mit Zigaretten als einzigem Zahlungsmittel ausgestattet, schwieriger als gedacht. Unterwegs lernt Kalle die junge Bäuerin Karla kennen. Gern wäre er bei ihr geblieben, doch in Dresden wartet man auf die Fässer mit dem Karbid. Mehrfach zwischen sowjetischen und amerikanischen Sektoren wechselnd, heißt es für Kalle sehr trickreich zu agieren. Hinzu kommt, dass er sich einer lüsternen Witwe erwehren muss und es zwei Diebe auf seine Fässer abgesehen haben. Trotz aller Turbulenzen bringt Kalle schließlich zwei Fässer Karbid ans Ziel und auch mit seiner Karla gibt es ein Happy End. Unter welchen Umständen die restlichen fünf Fässer abhandengekommen sind, das alles zeigt auf vergnügliche Weise der Film.

Erwin Geschoneck, der die Rolle des Kalle spielt, wirkt als Arbeiter sehr authentisch und beweist sein großartiges komödiantisches Talent. Als Karla ist die junge Dresdner Schauspielerin Marita Böhme zu erleben und in der Rolle eines schlitzohrigen Sängers der bekannte Sänger Rudolf Asmus. Sehr erfrischend werden die Lebensumstände und Alltagsschwierigkeiten unmittelbar nach Kriegsende aus einer heiteren Perspektive dargestellt. Das mit vielen Pointen gespickte Drehbuch von Hans Oliva-Hagen und Frank Beyer überzeugt durch soziale Genauigkeit und ironisch politische Untertöne.

Karin Baum und Michael Heuser, Sprecher der Cineastengruppe „Film Club Mobil“ im Radebeuler Kultur e.V.

Reservierungen erbeten!
Kontakt: 0160-1038663
info@radebeuler-kultur.de

Zum Titelbild



… von flüchtigen Momenten …

tabula rasa | in wandlungsfreiheit
begehbare Installation
Hofgeismar in Nordhessen | 2021

April 2020. Damals, als das C sich wie eine große Ungewisse über uns legte, empfand ich jene Frühlingstage als unheimlich kraftvoll und energiegeladen. Nie zuvor erlebte ich solch einen Moment des Stillstandes so flächendeckend, weltweit, zugleich. Und genau in diesem Zur-Ruhe-Kommen loderte so viel Energie für Veränderung, die Chance für einen Neuanfang. Es entstand der Entwurf zur tabula rasa – ein frei wandelbarer, begehbarer Raum:

Alles ist ungeahnt, anders, neu. Das Blatt wieder weiß und unbeschrieben – ursprünglich und leer, frei aller Erfahrungen und Erwartungen. Es ist an uns, es neu zu beschreiben. Wir haben die Chance, die Wandlungsfreiheit, die Streifen des Blattes neu zu ordnen, den Raum neu zu formen, einen neuen Weg zu eröffnen … und ihn zu gehen.

Eineinhalb Jahre später fand es dann schließlich statt, das Windkunstfestival, und ich ließ die Arbeit in einem lichten Kiefernwald entstehen. Die Menschen bahnten sich ihre eigenen Wege durch die Papiere und konnten dabei erspüren, wie ihre Entscheidungen den weiteren Bewegungsraum beeinflussen. Eines Septembermorgens erwachte ich inmitten jener mystischen Stimmung, während die tabula rasa ganz licht aus dem Nebel hervortrat. Keine Ablenkung. Keine Orientierung. Alles ist möglich … in diesem flüchtigen Moment.

Constanze Schüttoff

Eine Gruppe von Radebeuler Häusern im Doppelpack – Winzerhaus und Villa

Foto: D. Lohse

Wenn man die beiden Baugruppen von typisch Radebeuler Häusern einzeln betrachtet, glaubt man nicht, daß sie als Zusammenbau, quasi „Zwitterhäuser“, eine Daseinsberechtigung haben könnten, also „ein Bild“ ergeben könnten. Es ist ein Kontrastprogramm. Ich dachte, wo heute alle Welt „gendert“ und über mehr als zwei Geschlechter nachdenkt, passen „Zwitterhäuser“ ganz gut dazu. Die nähere Betrachtung soll zeigen, daß aber so unterschiedliche Formen zusammengefügt eine interessante Wirkung erreichen können. Die drei von mir gefundenen und im Folgenden beschriebenen Beispiele lassen bald erkennen, daß es sich um eine spezielle Radebeuler Bauform handelt, die bisher von keinem hiesigen Bauforscher bearbeitet worden sein dürfte. Zunächst möchte ich ein paar Merkmale für jede der beiden Bautypen herausarbeiten und gegenüberstellen, um die Unterschiede zu zeigen.
Winzerhäuser wurden in einer größeren Zeitspanne etwa vom16. bis 19. Jh., im Kern im 17. u. 18. Jh., errichtet. Sie sind an den Weinbau gebundene Zweckbauten von meist einfacher Bauart, klarer Geometrie und unter Verwendung örtlicher Baumaterialien. Städtebaulich sind sie „Einzelgänger“, jeweils bezogen auf einen Weinberg. In den seltensten Fällen wird man einen Baumeister oder Architekten für ein Winzerhaus ermitteln können.

Villen dagegen sind bürgerliche, bzw. auch großbürgerliche Einfamilienhäuser, zT. mit aufwändigen Fassaden und luxuriöser Ausstattung. Sie treten in Radebeul in einer überschaubaren Zeitspanne etwa von der Mitte des 19. Jh. bis 1920 auf. Villen bilden oft einen städtebaulichen Zusammenhang, straßenbegleitend oder um einen Platz gruppiert. Hier gibt es aufwändige Gestaltungen in Grund- und Aufriß mit Türmen, Veranden und Balkonen. Villen haben immer Einfriedungen und Gärten als Umfeld, manchmal auch Parkanlagen. Die Planer von Villen lassen sich in den meisten Fällen über die Bauakten ermitteln, weil es in der Bauzeit bereits üblich geworden war, Planunterlagen einzureichen und diese zu archivieren.
Welche Gründe könnte es aber für eine eher seltene, baulich enge Kombination dieser beiden so verschiedenen Bautypen gegeben haben? Diese Kombination setzt erst einmal das Vorhandensein von Winzerhäusern voraus, wo dann nach Niedergang des Weinbaus (u.a. wegen der Reblaus) eine Verdichtung mit Villen stattfinden konnte – also in den Ortsteilen Ober- und Niederlößnitz. Der Normalfall beim Hausbau, so auch bei einer Villa, ist der Erwerb eines freien, bebaubaren Grundstücks. Dann gäbe es noch die Situation, daß auf dem Grundstück schon ein älteres, vielleicht baufälliges Haus steht – hier wäre ein Abbruch nötig, ehe mit dem Bau der Villa begonnen werden könnte. Ein Sonderfall ist dann der Erwerb eines mit einem zu erhaltenden Winzerhaus bebauten Grundstücks, wo noch eine Villa Platz finden mußte, der Grundstückszuschnitt aber zum Zusammenbau nötigte, oder, wenn eine Großfamilie unterzubringen war, das Winzerhaus als Altenteil, die Villa für die Jüngeren – so oder ähnlich sind die baulichen „Zwitter“ in Radebeul entstanden. Für eine solche Bauaufgabe, eine spezielle Form der Raumerweiterung, braucht der Architekt schon ein gewisses Gespür! Nun will ich in knappen Zeilen die Baugeschichte der drei Standorte, alle drei Häuser sind Kulturdenkmale, chronologisch vorstellen:

Foto: D. Lohse

Foto: D. Lohse

1. Dr.-Rudolf-Friedrichs-Straße 27 (Jägerhof)
Die Errichtung des zweigeschossigen, massiven Winzerhauses schätze ich um 1680, etwas älter als in der Denkmaltopografie genannt, ein. Das hohe Walmdach würde m.E. in diese Zeit passen. Karl Gottlieb Münch beantragte für sein Winzerhaus 1851 die Konzession zum Weinausschank, ab 1864 durfte er die Bezeichnung „Münchs Restaurant“ führen. Unter dem Eigentümer Adolf Louis Eberhardt wird dann 1892 der Bau einer Villa mit Turm als Erweiterung neben dem Winzerhaus beantragt und genehmigt. Den Entwurf und auch die Ausführung dieses großen Schweizerhauses besorgte Baumeister Adolf Neumann (u.a. bekannt durch das Rathaus für Niederlößnitz). Eberhardt eröffnet in dem Neubau seine Gaststätte „Jägerhof“. Geweihe an den Fassaden erinnern noch heute an den Namen der Gaststätte, obwohl sie schon lange geschlossen ist. Von 1907 bis 1931 erfolgten unter verschiedenen Eigentümern bzw. Betreibern bei schlecht laufendem Betrieb vier Zwangsversteigerungen – es war die Zeit des 1. Weltkrieges, der Inflation und der Weltwirtschaftskrise! Ab 1933 beginnt dann die reine Wohnnutzung an Stelle der Gastwirtschaft. Als prominente Mieter sind die Professoren Walter Howard (Bildhauer u. Hochschullehrer) und Fritz Jürgen Obst (Naturkundemuseum DD) zu nennen. Die Nebengebäude im Hof wurden auch gewerblich genutzt, haben aber zu dem Thema meiner Betrachtung keinen Bezug. Hier war es schwer, ein besseres Foto der Gebäudegruppe zu erhalten, weil der Garten inzwischen zugewachsen ist. Deshalb mußte ich auf eine Postkarte von um 1900 zurückgreifen. Hier erscheint das Winzerhaus fast eingeschossig, was aber an einer perspektivischen Täuschung liegt. Zuletzt hatte es wohl einer Familie Häse gehört. 2021 wird u.a. in V&R ein erneuter Verkauf angezeigt, der noch nicht abgeschlossen ist.

Foto: Radebeuler Stadtarchiv

2. Paradiesstraße 48

Das schlichte Winzerhaus aus der 2. Hälfte des 18. Jh. konnte auch keinem Baumeister zugeordnet werden. Durch die Fa. Gebr. Ziller wurde 1875 östlich des Winzerhauses ein flacher Bau mit Verbinder hinzugefügt, der 1908 teilweise in der Villa aufging.

Foto: D. Lohse

Foto: D. Lohse

Der Generalmajor A. Mehlhorn beauftragte den namhaften Dresdner Architekten Georg von Mayenburg (er hat später den Rückumbau von Schloß Wackerbarths Ruhe in der heutigen Form als Entwurf betreut) seinen Altersruhesitz zu planen. Der Bau wurde durch die Firma von Paul Ziller errichtet. Die Nahtstelle zwischen Winzerhaus und Villa ist hier die Längsseite des Winzerhauses. Stilistisch wäre diese, wie auch die unter 3. vorgestellte Villa, der Reformbaukunst, bzw. dem Heimatstil zuzurechnen. Die Frau des Offiziers lebte hier noch bis nach 1945, später verwaltete die Gebäudewirtschaft das Grundstück. Familie Dr. Tobias Plessing erwarb das Anwesen 2006 von Herrn Armin Hoch, der das Haus unsaniert genutzt hatte. Jetzt konnte das Grundstück neu geordnet und Villa und Winzerhaus mit eigenen Wünschen und denkmalpflegerischen Auflagen in Stand gesetzt werden. Freilich ist die Kombination zweier Häuser in dieser Weise städtebaulich nicht optimal, man sieht hier die Villa von der Straße aus nicht, sondern nur das Winzerhaus. Daß sich die Villa ganz dem Garten zuwendet, ist zum Wohnen allerdings ideal.

3. Weinbergstraße 32 / 32a
Auch hier stand das weit vor 1800 errichtete Winzerhaus mit einer Weinbergslage am Berg zuerst da. Anfang des 20. Jh. war es baufällig geworden und sollte eigentlich durch Sanierung erhalten werden. Als dann 1908 der damalige Firmeninhaber, Richard Adolf Lange, der Glashütter Uhrenfabrik Lange & Söhne auf dem westlichen Teil des Grundstücks eine Villa für einen Teil seiner Kinder bauen wollte, fand man bei einer Untersuchung der Bausubstanz des Winzerhauses, das in Kubatur und Gestaltung dem benachbarten Haus Lorenz ähnlich gewesen sein muß, daß es nicht mehr zu erhalten sei. Arch. Paul Ziller (eigene Firma, – nicht Gebr. Ziller) wollte es nach dem Abriß wieder in gleicher Größe und mit gleichen Ansichten neu aufbauen. Dem stimmte die Baubehörde aber nicht zu. Es gibt auch eine künstlerische Ansicht mit freistehender Villa und Winzerhaus vor den Lößnitzbergen, doch diese Idee mußte dann nicht weiterverfolgt worden sein. Nach Hinweisen des Sächsischen Heimatschutzes erarbeitete daraufhin Architekt Steinmetz (angestellt bei der Fa. Gebr. Ziller) das Projekt für die Villa mit Turm, so wie wir sie heute als eine der „Perlen“ der Weinbergstraße sehen können. Das alte Winzerhaus existiert seit 1908 nicht mehr, der Neubau ist einem Winzerhaus ähnlich, jedoch etwas kleiner und in den Zeichnungen gelegentlich auch als „Pförtnerhaus“ der Villa bezeichnet.

Foto: D. Lohse

Die Bauausführung lag in den Händen der Fa. Gebr. Ziller, 1910 war das Haus endlich bezugsfertig. Im Laufe der Geschichte wurde das Grundstück mehrmals geteilt, so daß das einem Winzerhaus ähnliche Gebäude die Weinbergstraße 32a wurde und auch der Weinbergpavillon in halber Hanghöhe, einst wohl Zubehör zur Villa, in andere Hände kam. Ein gehörloses Mitglied der Familie Lange und Sohn des o.g. Lange, Paul Alfred Lange (von Beruf Gärtner) wohnte, wie mir ein ehemaliger Bewohner vom OG des Winzerhauses aus den 50er Jahren sagte, hier noch nach 1945. Die Villa wurde durch Familie Schubert mit wenigen Veränderungen als Kulturdenkmal saniert. Der heutige Eigentümer, der Arzt Dr. Felix Schubert, wohnt seit längerem hier und übernahm den Besitz 1999 von seinem Vater. Der Zusammenbau von Winzerhaus und Villa ist an diesem Standort am besten erlebbar. Einen guten, höher gelegenen Fotostandort fand ich durch freundliche Bereitschaft im gegenüberliegenden Haus.
Ich bedanke mich bei allen Personen sehr herzlich, die mich bei meinen aufwändigen Recherche- und Fotoarbeiten unterstützt haben.

Dietrich Lohse

 

 

Mit Gerhard Schöne poetisch durch das Jahr

Ein Jahr »Arbeitsgemeinschaft Geschichte Radebeul«

Für die Stärkung von Erinnerungskultur und Vermittlung regionaler Geschichte des 20. Jahrhunderts
Im Herbst 2022 jährt sich zum ersten Mal die Gründung der »Arbeitsgemeinschaft (AG) Geschichte Radebeul«. Engagierte Bürger der Stadt und aus der Stadtverwaltung haben sich 2021 zu dieser AG zusammengeschlossen, um im Sinne einer lebendigen Erinnerungskultur sowohl Forschung und Wissensvermittlung zu regionalen oder lokalen Ereignissen und Epochen des letzten Jahrhunderts zu unterstützen wie auch Gedenkveranstaltungen zur Erinnerung an Opfer aus Radebeul und der Region zu organisieren. Im Mittelpunkt stehen dabei die Zeit des Nationalsozialismus und seine Opfer in und um Radebeul sowie der Einbezug von Schülern Radebeuler Schulen in die Auseinandersetzung mit diesem Themenkreis.
Die AG Geschichte hat sich aus zwei Gruppen gebildet, die hinsichtlich ihrer engagierten Mitglieder und thematischen Schwerpunkte eine große Schnittmenge aufwiesen, einmal einer Arbeitsgruppe zur Organisation des Gendenkens an den 75. Jahrestag des Kriegsendes 1945, zum anderen einer Gruppe von Bürgern, die sich bereits 2009 zusammengefunden hatten, um jährlich an zentralen Gedenktagen wie dem 9. November (Novemberpogrome 1938) und dem Gedenktag zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar (Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz 1945) Veranstaltungen durchzuführen.
Im Jahr 2020 beging die Bundesrepublik Deutschland den 75. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkrieges. Ende 2019/Anfang 2020 trafen sich mehrere Aktive mit dem Oberbürgermeister und entwarfen ein Veranstaltungsprogramm zu diesem Anlass (Themen: Gedenktag 27. Januar 2020, Schulmann-Gedenken an die kampflose Übergabe Radebeuls an die Rote Armee am 7. Mai 1945, Erinnerung an die Befreiung des Kriegsgefangenenlagers Zeithain am 23. April, Friedensgebet zum 8. Mai, Erinnerung an die Novemberpogrome an den Stolpersteinen in der Moritzburger Straße und weitere). Die Corona-Pandemie führte jedoch zur Streichung vieler geplanter öffentlichen Veranstaltungen. Erst im Mai 2020 konnte sich die Gruppe wieder treffen und beschloss, bis zum September 2020, anlässlich der 81. Wiederkehr des Kriegsbeginns vom 1. September 1939, eine Ausstellung zu einem zentralen Verbrechenskomplex der NS-Herrschaft zu erarbeiten und zu präsentieren, dem Einsatz ausländische Zwangsarbeiter in der Kriegswirtschaft, der auch in Radebeul stattfand. Auf der Grundlage bereits längerer Forschungen von Klaus-Dieter Müller zum Thema Zwangsarbeit (das Buch dazu ist im Herbst 2021 erschienen, Amtsblatt Radebeul, Mai 2022, S. 35) und zusätzlichen Archivrecherchen wurde von diesem und Frank Andert eine Ausstellung zum Thema »Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz. Deutsches Reich – Sachsen – Radebeul« erarbeitet und mit einer Vortragsveranstaltung am 18. September 2020 im Gymnasium Luisenstift eröffnet. Da im Herbst 2020 die Pandemie wiederum zu verstärkten Einschränkungen des öffentlichen Lebens führte, blieb dies unsere einzige öffentliche Veranstaltung in geschlossenen Räumen. 2021 wurde die Ausstellung vom 23. Juli bis 5. September im Weinbaumuseum Hoflößnitz in erweiterter Form erneut gezeigt; am 1. September 2021 gab es dazu in der Hoflößnitz zwei Vorträge zum Thema. Schon am 15. Juli 2021 hatte die AG an den 80. Jahrestag des am 22. Juni 1941 erfolgten deutschen Überfalls auf die UdSSR mit der Vorführung des Films »Das Wunder von Leningrad« erinnert, der die dreijährige Blockade von Leningrad thematisiert.
Das andere »Standbein« der AG Geschichte bilden Mitunterzeichner eines 2009 von Thomas Berndt entworfenen offenen Briefes, in dem die mangelnde Aufmerksamkeit seitens der Radebeuler Einwohnerschaft für Gedenkveranstaltungen zur Erinnerung an Opfer des Nationalsozialismus beklagt und eine breitere gesellschaftliche Basis hierfür eingefordert wurde. Aus den 25 Ernstunterzeichnern des offenen Briefes kristallisierte sich ein Arbeitskreis heraus, dem u.a. die Radebeuler Courage-Preisträger Ingrid Lewek und Thomas Berndt sowie Ingrid Claußnitzer und Roland Hering angehörten und der von einigen Stadträten unterstützt wurde. In den folgenden Jahren organisierte dieser Arbeitskreis jeweils am 27. Januar Gedenkveranstaltungen an verschiedenen Orten sowie zu verschiedenen Opfergruppen und Verbrechenskomplexen des Nationalsozialismus (Vernichtungslager Auschwitz, »Euthanasie«-Verbrechen, Kriegsgefangenenlager Zeithain, »Judenlager« Hellerberg, Ghetto Theresienstadt, frühes KZ Hohnstein, um nur einige zu nennen). Das Neue an diesen Veranstaltungen war, dass der Arbeitskreis bei der Vorbereitung ganz bewusst auf die Radebeuler Oberschulen und Gymnasien zuging, die im jährlichen Wechsel eigene Projekte entwickeln sollten, was dank des Engagements der Geschichtslehrerinnen und -lehrer auch gelang. Zum Teil konnten zu den Themen beeindruckende Recherchearbeiten von Schülern der Klassenstufen 9 bis 11 präsentiert werden. Die Kreismusikschule unterstützte diese Veranstaltungen. Als weiteres Thema kamen Gedenkveranstaltungen an die Opfer der Novemberpogrome jeweils am 9. November hinzu. Gleichwohl war die Basis für eine gelingende Gedenkarbeit nicht stabil (Belastung der wenigen Aktiven, Aufwand für die Motivation und Betreuung von Schülerprojekten, finanzielle Unterstützung), so dass die Gruppe um Thomas Berndt 2018 dem Ältestenrat des Stadtrates eine kritische Bestandsaufnahme ihrer bisherigen Bemühungen vortrug und Änderungen anmahnte.
In dieser problematischen Lage entwickelte sich dann die schon beschriebene Initiative zum 75. Jahrestag des Kriegsendes, die ebenfalls nur einen kleinen Teil ihres Programmes verwirklichen konnte. Im Herbst 2021 gab es daher erste konkrete Überlegungen, das Nebeneinanderbestehen zweier Initiativgruppen zu beenden und eine auf Dauer und Stabilität ausgerichtete neue »AG Geschichte Radebeul« unter Beteiligung von Mitarbeitern der Stadtverwaltung zu gründen. Eine erste gemeinsame Veranstaltung konnte am 11. November 2021 im Kulturbahnhof mit einem Vortrag des Radebeuler Historikers Daniel Ristau (inzwischen Mitglied der AG) »Pogrom / Gewalt. Die Novemberpogrome in und um Radebeul 1938« durchgeführt werden; eine umfassende, von ihm konzipierte Ausstellung zu den sächsischen Novemberpogromen war gleichzeitig im Kulturbahnhof zu sehen. Zum traditionellen Gedenken am Rosa-Luxemburg-Platz trugen Schüler Radebeuler Schulen Textpassagen aus einer Publikation über die verfolgte Dresdner Jüdin Henny Brenner vor, umrahmt von Musik.
Eine weitere Veranstaltung fand im März 2022 statt. In Erinnerung an die Entstehung wilder und früher Konzentrationslager im März 1933, wo auch Radebeuler Bürger inhaftiert und umgekommen waren, wurde am 11. März 2022 der aktuelle Film unter dem Titel »Folterkeller in Wohnquartier« gezeigt, der auch die Radebeuler Opfer im Konzentrationslager Hohnstein/Sächsische Schweiz beleuchtet. Im Anschluss gab es eine lebhafte Diskussion unter Beteiligung der beiden Regisseure des Filmes, des Oberbürgermeisters und der Besucher. Die Veranstaltung konnte am 24. Mai 2022 im Riesaer Stadtmuseum wiederholt werden. Im weiteren Jahresverlauf wird es wie gewohnt am 17. September eine Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an den Sturz Salvador Allendes am 11. September 1973 geben; am 9. November 2022 folgt noch eine Vortragsveranstaltung im Kulturbahnhof, wo die von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem erarbeitete Ausstellung »Lichter im Dunkel: Frauen während des Holocaust« zu sehen sein wird. Gleichzeitig blicken wir schon auf das Jahr 2023 voraus (27. Januar, 23. April, 7./8. Mai, 9. November) und wollen uns für die Verlegung weiterer Stolpersteine in Radebeul einsetzen. In der Diskussion sind auch Veranstaltungen zu geschichtlichen Ereignissen der Zeit ab 1945.
Die AG Geschichte Radebeul versteht sich ausdrücklich nicht als unpolitisch, aber als strikt überparteilich. Weil sie nicht als Verein organisiert ist, bestehen auch keine inneren Hierarchien. Einzelne oder mehrere sind jeweils für bestimmte Veranstaltungen verantwortlich und führen sie federführend durch. Die AG umfasst inzwischen rund ein Dutzend Mitwirkende, unter ihnen auch Frau Dr. Gabriele Lorenz und Alexander Lange vom Kulturamt der Stadt Radebeul sowie Romy Leidhold vom Stadtarchiv. Informationen zu den Veranstaltungen werden regelmäßig im Amtsblatt veröffentlicht, zudem nach Möglichkeit auch in der regionalen Presse. Weitere Informationen zur AG Geschichte können in Kürze über die Website des Stadtarchivs Radebeul abgerufen werden.

Für die AG Geschichte Radebeul: Dr. Klaus-Dieter Müller

_________________
Wir würden uns sehr freuen, wenn noch andere an diesen Themen und diesen Anliegen Interessierte zu uns stoßen könnten; insbesondere wollen wir die Kooperation mit interessierten Lehrern und ihren Schülern verstärken (Kontakt: Stadtarchiv Radebeul, Romy Leidhold, Tel. 0351-8305252).

Radebeuler Miniaturen

Das Urteil

An delphischem Lorbeer war ihm nie gelegen. Ein Denkmal, dauerhafter als Erz? Um Himmelswillen, bloß nicht!
Im Stillen vergessen wollte er werden, denn das Vergessen war es, das ihm zeitlebens verwehrt geblieben ist.
Hoffnungsvoll war er zur Welt geboren, wie jedes Kind. Die Mutter aber sah bald den Soldaten in ihm, den Helden, der er nicht war und der er nicht werden konnte. Erspart blieb ihm nichts: Siebzehnjährig sollte er im letzten Aufgebot „für Führer, Volk und Vaterland“ die Kartoffeln aus dem Feuer holen. Aber da waren keine mehr. Ohne großen Schaden angerichtet haben zu können, geriet er in Kriegsgefangenschaft. Immerhin hatte er mehr erlebt, als gut für ihn war. „Schön ist die Jugend, sie kehrt niemals wieder …“ daß ich nicht lache! Ha!
Als er nach Hause kam, waren die Jugend vorbei und die Gesundheit ruiniert. Was ihm blieb, waren Magenkrämpfe, Darmkoliken und schwere Träume, für die kein noch so geschulter Mediziner auch nur den Hauch einer Ursache finden konnte. Was ihm verwehrt blieb, war das Vergessenkönnen.
Erst als er mit achtundachtzig Jahren starb, war der Krieg für ihn beendet.

Die Schäden jener bösen Jahre vor 1945 sind noch längst nicht behoben, auch wenn die Frauenkirche „schön wie nie…“ über Dresden ragt. Selbst wenn der letzte Zeitzeuge erlöst sein sollte, tragen wir Nachgeborenen weiter an dieser Last, bis ins vierte Glied.
Gut siebzig Jahre immerhin lebte die Hoffnung auf ein NIE WIEDER!
„Schwerter zu Pflugscharen…“ diese schöne Vision trug auch ich jahrelang am Ärmel. Doch spätestens mit dem Anschlag auf die Twintowers begann die Illusion zu bröckeln. Nun ist sie zerstört.

Ich bin dankbar, daß meinem Vater das Erlebnis des Rückfalls in die Steinzeit der Gewaltrhetorik erspart geblieben ist!

Am 1. September 1939 begann der zweite Weltkrieg. Wir haben immer noch nichts gelernt. Und es besteht keine Aussicht auf Besserung.
Wir Nachgeborenen der Kriegsväter und Kriegsgroßväter sollten uns zusammentun und als Menschheit den Ehrentitel „homo sapiens“ (d. i. „der verständige Mensch“) für immer als ungerechtfertigt zurückgeben!

Im Augenwinkel nehme ich wahr, wie Ulrike auf Zehenspitzen aus dem Zimmer schleicht und leise die Tür hinter sich zuzieht …
Thomas Gerlach

WeinBergKulTouren verbinden

SkaZka Orchestra Trio Foto: Radebeuler Kulturverein e.V.

Mit über 30 Einzelkünstlern, Künstlerinnen und Gruppen 2021 gestartet, entwickelt sich das Format auch in diesem Jahr zum Publikumsmagnet. Einmalig ist dabei das Zusammenwirken von Winzerinnen und Winzern mit dem Radebeuler Kultur e.V. zum Wohle der Kultur sowie der Stärkung unserer einmaligen Region. Keine andere Stadt ins Sachsen hat das Glück, so viele Weingüter und Straußwirtschaften über das Stadtgebiet verteilt zu haben, wie Radebeul.

The Saxonz Foto: Radebeuler Kulturverein e.V.

Per Pedis oder mit dem Fahrrad kann den Bands hinterher gewandert beziehungsweise geradelt und die Natur dabei erkundet werden. Zur Halbzeit in diesem Jahr lässt sich jetzt schon eine Steigerung der Besucherzahlen vermelden. Eine bunte Mischung von Genres beginnend mit Folk, Chanson, Jazz, Blues, bis hin zu Pop sowie Swing lockt Besucher aller Generationen sowohl aus der Nachbarschaft als auch aus der Ferne. Keine Frage, — die WeinBergKulTour soll als „niedrigschwelliges“ Angebot weiter bestehen. Eine erste Prämierung durch den Simultanplusfond 2021 half dieses Jahr mit großartigen Künstlerinnen und Künstlern zu bestücken. Dabei stammt ein Teil aus Radebeul, ist regional verwurzelt, während andere aus weiteren Teilen Deutschlands, Polens, Tschechiens, Frankreichs, Islands oder Burkina Faso anreisen. Wichtig ist die Vermittlung von Lebensfreude sowie der unglaublichen Vielfalt von Musik. Das Publikum kann beim Hören ein gutes Getränk von den Weinhängen der Lößnitzstadt genießen, bevor nach 30 Minuten das Bandsset endet und freundliche Rekommandeure um eine Spende in den Hut für die jeweilige Gruppe und das Projekt bitten. Zwei Mal gibt es 2022 noch die Chance, dabei zu sein und mindestens einen der elf teilnehmenden Orte mit Freunden oder der Familie zu besuchen, bevor es dann 2023 weiter geht.

Janosch Bianco
____________
Nächste Termine sind: 4.9. + 16.10.22 jeweils ab 13 Uhr. Mehr Infos finden sich unter: www.radebeuler-kultur.de

Bild: Josefine Lippmann

20 Jahre Kulturverein Stadtbibliothek Radebeul e.V.

Mit der Eröffnung der Erlebnisbibliothek am 08. Juni 2002 im historischen Bahnhofsgebäude in Radebeul Ost gründete sich am 21. August 2002 der Kulturverein der Stadtbibliothek Radebeul e.V..
Zu Beginn fanden sich 16 engagierte Radebeuler zusammen, um die Bibliothek mit neuen Ideen zu unterstützen. In der Veranstaltungstätigkeit sollten gemeinsam interessante Projekte angeregt, organisiert und durchgeführt werden.
Neue Veranstaltungsreihen wurden geboren: die Gespräche über Literatur (jeden ersten Montag im Monat um 17.30 Uhr), das Literaturkino (jeden zweiten Donnerstag im Monat um 17 und 20 Uhr) und die vierteljährlich wechselnden Ausstellungen Radebeuler Künstler und Künstler des Umlandes.
In den 20 Jahren stellten etwa 72 Künstler ihre Werke in den Räumen der Bibliothek aus. Darunter examinierte Künstler und Autodidakten auf den Gebieten Malerei, Grafik und Fotografie.
Mehr als 200 Literaturgespräche über Werke der Weltliteratur sowie zeitgenössischer Literatur fanden statt. Außerdem wurden ca. 400 Kinoveranstaltungen mit anspruchsvollen Filmen (u.a. Literaturverfilmungen, Familien-, Jugend- und Kinderfilmen) gezeigt.
Vereinsmitglieder wählten kenntnisreich die zu besprechenden Bücher und die gezeigten Filme aus, übernahmen die Organisation und Werbung für die Veranstaltungen. Eine Arbeit, die viel Aufwand erforderte. Und nicht zu vergessen: auch die vierteljährlich wechselnden Ausstellungen in den Räumen der Bibliothek wurden mit Liebe zum Detail vorbereitet und betreut. Bis heute können die Besucher in der Bibliothek Kino erleben, literarisch diskutieren und sich interessante Ausstellungen ansehen.
Am Montag, den 5. September geht es in den Literaturgesprächen über Sasa Stanisics Roman „Herkunft“. Im Literaturkino am Donnerstag, den 8.9. wird der Oscar-prämierte Film „Nomadland“ gezeigt.
Vereinstätigkeit ist auch dazu da, um soziale Unterschiede abzuschwächen. Die Veranstaltungen stehen allen Bevölkerungsschichten offen. Auch einkommensschwache Familien sollen Zugang zum Kulturprogramm erhalten. Viele Veranstaltungen haben freien Eintritt, beim Literaturkino entfällt der Unkostenbeitrag für Radebeul-Pass-Inhaber.
In der aktuellen Ausstellung von Markus Retzlaff sind noch bis
28. Oktober 2022 „Radierungen im kleinen und großen Format“ zu sehen.
Am Samstag, den 10. September um 17.00 Uhr findet die Midissage zur Ausstellung statt (Sidonienstr. 1c).
Der Kulturverein Stadtbibliothek Radebeul unterstützte auch Projekte der Bibliothek zur Leseförderung von Kindern und Jugendlichen, wie die „Radebeuler Kinder-Lese-Kino-Tage“, den „Jahrmarkt des Wissens“, die „RADEBULer-mitmach-ERLEBNIS-Woche für Kinder“, die „Bücherkiste“ – für Schüler der 5. bis 8. Klassen, das Kinderkino in den Sommer- und Herbstferien und vieles mehr.
Es ist schön zu sehen, welche Früchte die langjährige Zusammenarbeit trägt. So sind die Veranstaltungen des Vereins für viele Radebeuler Mitbürger und mittlerweile auch für Besucher aus dem Umland zu einer festen Größe im privaten Kalender geworden.
In den 20 Jahren kam auch das Vereinsleben nicht zu kurz. Neben den regelmäßigen Treffen wurden runde Geburtstage und Weihnachten gefeiert, Wanderungen organisiert und Ausstellungen besucht, wie z.B. der Besuch des Richard-Wagner-Museums in Graupa, des Großen Zittauer Fastentuchs und weitere interessante Besichtigungen.
Und die Geschichte ist natürlich noch nicht zu Ende. Auch in Zukunft möchte der Verein die Bibliothek bei der Veranstaltungstätigkeit unterstützen und freut sich weiterhin auf eine konstruktive Zusammenarbeit.

Der Kulturverein Stadtbibliothek Radebeul e.V. bedankt sich für die finanzielle Unterstützung durch die Stadt Radebeul und durch die Meißner Sparkassenstiftung sowie bei dem Amt für Kultur und bei den Bibliotheksmitarbeiterinnen für die organisatorische und fachliche Betreuung bei den vielen Veranstaltungen.
Immer auf der Suche nach engagierten Mitgliedern, die das Team bei der Vereinsarbeit unterstützen, sind alle Interessenten herzlich willkommen, die die Freude an Literatur und an der Organisation von kulturellen Veranstaltungen mit uns teilen möchten.

Die Mitglieder des Kulturvereins Stadtbibliothek Radebeul e.V.

 

Mit einem Lächeln dem Leben begegnen

Tine Neubert gestaltet das Etikett für die diesjährige Wein-Sonderedition zum Wandertheaterfestival

Foto: A. Wirsig

Vielleicht ist es ja so gewesen: Irgendwann vor 45, 47 oder auch schon 50 Jahren bemerkte die Radebeuler Schülerin Tine Neubert, dass die aus Langeweile im Schulunterricht entstandenen, in Hefter und auf Zettel verewigten Kritzeleien eigentlich ganz gut gelungen waren. In der Pause bekam sie anerkennende Worte ihrer Freundinnen für die Männchen mit großen Füßen und spitzen Nasen. „Die sind ja lustig!“ riefen sie aus, und wer genau hinhörte, der bemerkte, dass sich auch ein bisschen Neid unter das Lob gemischt hatte. Vielleicht ist es auch anders gewesen und hat die Kunstlehrerin das talentierte Mädchen unmerklich gefördert, ihre Begabung zielgerichtet unterstützt, weshalb der Kunstunterricht ihr Lieblingsfach war. Vielleicht war es auch eine Mischung aus beidem, sodass aus dem Mädchen, das einst Tierpflegerin oder Tierärztin werden wollte, mit der Zeit eine Künstlerin wurde, die autodidaktisch inzwischen einen unverwechselbaren Stil ausgeprägt hat. Tine Neubert malt überwiegend „Gute-Laune-Bilder“ in Tusche und mit Aquarellfarben, wodurch sie vor allem Kinder, Jugendliche und Erwachsene anspricht, die das Leben mit einem Augenzwinkern zu leben verstehen – oder gern so leben würden. Tine Neuberts Figuren sind einerseits Träumer, Faulenzer und Lebenskünstler, also Abbilder dessen, was viele von uns Erwachsenen insgeheim auch gern ab und an sein würden. Wer sehnt sich denn nicht danach, dem durchgeplanten und auf Effizienz ausgerichteten Alltag einmal zu entfliehen und für eine kleine Weile ein heiteres Leben zu führen? Andererseits hat sich Tine Neubert in ihren Figuren nun doch den Berufswunsch der Tierpflegerin auf ganz kreative Weise erfüllt, denn viele gut gelaunte Tiere bevölkern ihre Bilder: zottelige Hunde, verschlafene Uhus, Pinguine im Frack, Frösche in Badehosen, Pferde mit Blumenkränzen in der Mähne und noch viele andere Kreaturen, die Tine Neuberts Fantasie entsprungen sind. „Ich finde, mit Humor lassen sich die kleinen und großen Herausforderungen des Alltags viel besser meistern.“

Foto: B. Kazmirowski

Tine Neubert, die seit 30 Jahren in München lebt, kann sich die Freiheit nehmen, ihrer Kunst ohne wirtschaftlichen Druck nachzugehen. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass sie ihre Tuschezeichnungen, Acrylbilder und Aquarelle nicht zwanghaft den Regeln des Kunstmarktes unterwirft. Erlaubt ist, was ihr gefällt – und vor allem den Betrachtern, womit sie jedoch weniger die Kritiker der Feuilletons im Sinne hat als die kunstinteressierte Öffentlichkeit. Die Freude an dem, was unter ihren Händen entsteht, merkt man ihren Werken an, diese lächeln dem Betrachter quasi entgegen. Ihren beruflichen Alltag verbringt sie übrigens seit 35 Jahren als Bibliotheksassistentin für wissenschaftliche Bibliotheken, vor der Wende in der Fachbibliothek für Sozialhygiene an der Medizinischen Akademie Dresden, nach ihrem Umzug nach München zuerst bei der Linde AG, seit 16 Jahren am Deutschen Jugendinstitut.
Als begabte nebenberuflich aktive Künstlerin hatte sich Tine Neubert schon hierzulande einen Namen gemacht, bevor sie Anfang der 1990er nach Süddeutschland gezogen war. Bereits in den 1980er Jahren hatte sie erste Erfahrungen durch eine Zusammenarbeit mit der Radebeuler Puppentheatersammlung sowie dem Puppentheater Dresden und dem Tanztheater Leipzig beim Bühnen- und Puppenbau gesammelt. In den 1990er Jahren zeichnete sie Cartoons für die Sächsische Zeitung und den Elbhangkurier und seit 2009 nimmt sie regelmäßig am Radebeuler Grafikmarkt und an intermedialen Kunstprojekten teil. Hinzu kamen etliche Auftragsarbeiten für die evangelische Oberschule in Radebeul zur Gestaltung von Unterrichtsmaterialien und Illustrationen für die Kinderarche Sachsen e.V., worunter ganz aktuell anlässlich des 30-jährigen Bestehens des Vereins die Gestaltung eines Weinetikettes für den Wein vom eigenen Weinberg fällt. In München wiederum ist Tine Neubert seit mehr als 20 Jahren mit einem Stand auf dem Schwabinger Künstler- und Kunsthandwerker-Weihnachtsmarkt vertreten und hat sich in vielfältiger Weise auch als Gebrauchsgrafikerin Anerkennung verschafft. In Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe Werkstatt München zeichnete sie für die Gestaltung von Kalendern, Präsentationen, Broschüren, Tassen und Adventskalendern verantwortlich. Hinzu kommen auch noch Illustrationen für Lehrbücher, für die Lernplattform „Digitale Schule Bayern“ und für ein Literaturmagazin für Kinder. Heiterkeit strahlen auch ihre Postkarten mit Münchener Motiven aus, wobei es ihr eben nicht um die klassischen Ansichten von Frauenkirche, Viktualienmarkt oder Olympiastadion geht: „Die Bewohner Münchens illustriere ich oft und gerne: Seien es Nackerte im Englischen Garten, ausgelassenes Feiervolk bei einer Isarfloßfahrt oder die Blasmusik am Chinesischen Turm. Vorlagen für neue Bilder tummeln sich überall.“
Der nicht ganz ernst gemeinte Blick auf das Leben, der sich in den vielen nicht ganz ernst gemeinten Figuren ausdrückt, war sicherlich einer der Gründe, warum der Radebeuler Förderverein des Internationalen Wandertheaterfestivals an Tine Neubert mit der Bitte herantrat, das Etikett für die Wein-Sonderedition 2022 zu gestalten, die seit vielen Jahren fester Bestandteil der Festivaltradition ist. Tine Neubert lädt mit ihrem Entwurf die Käufer dieses besonderen Weins, übrigens ein Bio-Johanniter vom Weingut Hoflößnitz, dazu ein, die beim Genuss empfundene Heiterkeit in den Aufführungen des Festivals künstlerisch verwandelt zu entdecken. „Stelzenläuferin und Feuerschlucker geben sich ein Stelldichein, dazu Musik, Theater und die Winzer aus Radebeul und Umgebung bieten die Schätze aus ihren Weinkellern an – das ist die Verbindung von Internationalem Wandertheaterfestival und Weinfest. Fröhlich und leicht geht es zu auf diesem Fest! Altkötzschenbroda als Ort des Geschehens und die Hoflößnitz, wo die Reben für diesen Wein stehen, dürfen natürlich auch nicht fehlen. Mit großer Freude habe ich das Etikett für die Jubiläums-Edition gestaltet und wünsche viel Spaß beim Betrachten der Flasche und Genuss beim Leeren des köstlichen Inhalts.“ Und so mögen all jene, die Ende September eine dieser limitierten Flaschen erwerben, sich beim Schmunzeln über das Etikett auch gleich noch das erste Novemberwochenende vormerken, an dem Tine Neubert beim Radebeuler Grafikmarkt vertreten sein und ausstellen wird. Das wäre doch eine gute Gelegenheit, mit der Künstlerin über die Verbindung von Wein, Theater und Kunst ins Gespräch zu kommen – mit einem Lächeln im Gesicht…

Bertram Kazmirowski

 

 

Copyright © 2007-2022 Vorschau und Rückblick. Alle Rechte vorbehalten.