Radebeuler LebensArt

Kunst geht in Gärten
18 Stationen, 85 Künstler
11. und 12. Juli 2020

Seit jeher sehnen sich die Menschen nach Austausch und Kultur. Vieles, was uns bisher als selbstverständlich erschien, war durch den Ausbruch der Corona-Pandemie plötzlich nicht mehr möglich. Das Virus führte auch im kunst- und kultursinnigen Radebeul zu Stille und Isolation. Doch allmählich kehrt das Leben in den öffentlichen Raum zurück und es ist Zeit für neue Sinneseindrücke. Die Denkpause wurde vielfach genutzt, um Ideen reifen zu lassen und kulturelle Impulse zu setzen. So hat die Stadtgalerie Radebeul gemeinsam mit dem Radebeuler Kultur e.V. unter dem Motto „Kunst geht in Gärten“ eine neue Veranstaltungsreihe initiiert. Künstler, Radebeuler Gartenbesitzer, Winzer und Kulturschaffende haben sich nun vernetzt und starten ein ungewöhnliches Experiment aus Tradition, Fantasie und Lust an Improvisation. Ein Orientierungsplan verbindet 18 Stationen, die sich über ganz Radebeul verteilen. Gärten erzählen ihre Geschichte, laden zum Verweilen und anregenden Gesprächen ein. Natur und Kunst verbinden sich zu einer Symbiose. Malerei, Grafik, Plastik, Fotografie und Installation werden in ungewohnte Zusammenhänge gesetzt. Wandermusiker ziehen von Ort zu Ort. Performanceaktionen sowie vielfältige kulturelle Darbietungen tragen zur Belebung bei. Die rege Mitwirkungsbereitschaft aller Beteiligten hat die kühnsten Erwartungen übertroffen. Dafür sei herzlich gedankt. Trotz der noch immer notwendigen Abstandsregeln freuen wir uns auf ein lebendiges, achtsames Miteinander.

Stationen

1 Elbe
„TERROIR“ Aktionskunst
Tobias Wolf
herkulisches Ringen mit der Elbe
im größten Garten von Radebeul
SA 10-18 Uhr, SO 10-18 Uhr
Elbufer Altkötzschenbroda, Kontakt: 0172-3471023

2 Stadtgalerie Radebeul
Bernd Hanke „RÄUME & DINGE“ Fotografik
SA 14-18 Uhr, SO 13-17 Uhr
SA Performance: Klaus Liebscher
Altkötzschenbroda 21, Kontakt: 8311625

3 Hof Atelier Oberlicht / Kunstpasssage
„FreiArt“ – Kunst unter freiem Himmel
Regina Baum, Simone Ghin, Sabine Herrmann,
Frank Mehnert, Markus Retzlaff, Renate Winkler
Malerei, Grafik, Objekte, Keramik
SA 13-18 Uhr, SO 13-18 Uhr
Altkötzschenbroda 23, Kontakt: 0172-3030173

4 Café grünlich
Frank Hruschka
Malerei, Grafik
Musik: Mrs Columbo
SA 13-18 Uhr, SO 13-18 Uhr
Altkötzschenbroda 25, Kontakt: 8386888

5 Alte Molkerei
“Molke Open Studios 2020”
Johannes Flechtenmacher, Manuel Frolik, Nora Herrmann,
Franziska Hoffmann, Sophia Hoffmann, Thomas Judisch,
Kax Mowalewski, Moritz Liebig, Stephanie Lüning,
Simon Mann, Roswitha Maul. Frank Zitzmann
Einzelarbeiten, Installationen
SA 13-19 Uhr, SO 14-18 Uhr
SO 16:30 Uhr live: DRESDNER GNADENCHOR
Fabrikstraße 26, Kontakt: 0162-6883813

6 Kunsthaus Kötzschenbroda
„Insekten, Viren, Mauerblümchen & Exoten“
Christiane Latendorf, Gabriele Schindler,
Matthias Kistmacher, Matthias Kratschmer,
Ingo Kuczera, Pseudo 1, Pseudo 2
Malerei, Keramik, Objekte, Installationen, Kunstaktion
SA 15/16 Uhr „Märchenhafte Lieder aus liederlichen Märchen“
Wolf-Dieter Gööck (Gesang und Saiteninstrumente)
Max Lorenz (Gesang, Saiteninstrumente und Percussion)
SO 15/16 Uhr Die Affen
Ole Sterz (Mandoline, Geige)
Marie Luise Herrmann (Gesang, Akkordeon)
Georg Bergmann (Bass, Gesang)
Björn Reinemer (Percussion, Gesang)
SA 15-18 Uhr, SO 15-18 Uhr
Käthe-Kollwitz-Straße 9, Kontakt: 0160-2357039

7 Garten Atelier Mittag
Johanna Mittag, Ju Sobing
Malerei, Grafik, Objekte
Musik: Henriette und Johanna Mittag (Bratsche, Geige)
SA 13-18 Uhr
Bodelschwinghstraße 1, Kontakt: 0170-3859478

8 Garten Atelier Schulze
Annerose Schulze, Fritz Peter Schulze
Objekt, Plastik
SA 13-19 Uhr
Finstere Gasse 7, Kontakt: 8387425, 0173-3687169

9 Galerie mit Weitblick
Thorsten Gebbert, Horst Hille,
Dorothee Kuhbandner, Friedrich Richter
Malerei, Grafik, Keramik, Kleinplastik
Stille und Kuchen im Brunnen
Mitmachaktion am SA: Seifenherstellung
SA 13-18 Uhr, SO 13-18 Uhr
Obere Bergstraße 13, Kontakt: 0174-1471270

10 Garten Atelier Konheiser
Cornelia Konheiser
Malerei, Grafik
SA 14-18 Uhr
Dr.-Rudolf-Friedrichs-Straße 12, Kontakt: 8389081

11 Garten Atelier Reinemer
Gabriele Reinemer, Detlef Reinemer
Plastik
SA 14-18 Uhr
Bennostraße 15, Kontakt: 8301159, 0174-4721864

12 Weingut Drei Herren
Joachim Rauch
Malerei
SA 12-21 Uhr, SO 12-21 Uhr
Weinbergstr 34, Kontakt: 0171-5248000

13 Sächsisches Weinbaumuseum Hoflößnitz
„Unter demselben Blau, über dem nämlichen Grün“
Dietmar Kunze
Zeichnungen
SA 10-18 Uhr, SO 10-18 Uhr
Knohllweg 37, Kontakt:8398331, 0179-6674718

14 Café am Spitzhaus
Mechthild Mansel
Malerei
Besenwirtschaft Gebr. Lorenz / Wein F. Fourré
Tel: 0174-4956398
SA 13-18 Uhr, SO 13-18 Uhr
Spitzhausstraße 40, Kontakt: 0179-6790863

15 Terrasse Wilhelmshöhe
Sophie Cau, Jens Gebhardt, Karen Graf, Peter Graf, Klaus Liebscher,
Karola Smy, Wolfgang Smy, Claus Weidensdorfer+, Irene Wieland
Malerei, Grafik
Performance: „Quintravers“ (Flötenquintett)
Action Painting: Klaus Liebscher
Schlußakt: Künstlerin bemalt Künstler
Musik: Hartmut Dorschner,
Katharina Sommer, Günther Baby Sommer, Irene Wieland
SO 14-20 Uhr
An der Wilhelmshöhe 10, Kontakt: 8308601, 0177-2952652

16 Garten Atelier Wieland
Plastik, Malerei, Performance mit den Künstlern
der KUNSTSPUREN: Uwe Beyer, Sophie Cau, Silvia Ibach,
Gabriele Kreibich, Klaus Liebscher, Peter PIT Müller,
Anita Rempe, Gabriele Seitz, André Uhlig, Ralf Uhlig,
Anita Voigt, Irene Wieland, Bettina Zimmermann
Kunstspuren suchen Naturspuren,
Nähmaschine rattern für „Quintravers“ im Farbrausch
SA 13-18 Uhr
Meißner Straße 57, Kontakt: 8309452

17 Lügenmuseum
„Shutdown“ Exibition
Kurt Buchwald, Sophie Cau, Justus Ehras, Lutz Fleischer,
Richard von Gigantikow, Klaus Liebscher, Gabriele Reinemer,
Katrin Süss, Juliane Vowinkel, Dorota Zabka
Außerdem: Livestream und Sankt-Nimmerleins-Garten
SA 13-18 Uhr, SO 13-18 Uhr
Kötzschenbrodaer Straße 39, Kontakt: 0176-99025652

18 Garten Atelier Uhlig
„Bilderfindung im Garten“
Ralf Uhlig
Grafiken, Collagen
Janek Uhlig
Graffiti mit Schablonentechnik
SA 15-18 Uhr, SO 11-18 Uhr
Straße des Friedens 49, Kontakt: 8308760

19 Wandernde Musiker
SA Micha Winkler (Posaune)
SA und SO Robert Hennig (Akkordeon, Klarinette, Geige)
Gabriel Jagieniak (Akkordeon, Gesang)
Antonio Lucaciu (Saxofon)

HINWEISE
Der gedruckte Flyer ist ab Anfang Juli im
Radebeuler Kulturamt und weiteren Auslagestellen erhältlich.
Die Besucher bringen ihr eigenes Glas und wer will,
das eigene Picknickkörbchen mit.
Getränke sind vor Ort erhältlich.
Die Standorte von öffentlich nutzbaren Toiletten
sind besonders gekennzeichnet.
Eintritt frei.
Die Künstler freuen sich über eine Spende in den Hut.

Achtung: Im Orientierungsplan wurden die Nummern 8 und 10 vertauscht.
Flyer zum Download

Zur Titelbildserie

Zur Titelbildserie
Im Schaffen der Radebeuler Malerin und Grafikerin Bärbel Kuntsche nehmen Darstellungen des Menschen eine zentrale Rolle ein. Bereits in den 1960er Jahren entstanden erste Selbstbildnisse, was bei der Künstlerin auch in allen späteren Schaffensphasen bis heute eine kontinuierliche Fortsetzung fand. Die Gründe hierfür sind recht verständlich. Zum einen steht sie sich als Modell jederzeit zur Verfügung, zum anderen erfolgt hierbei eine fortwährende Selbstbefragung.
Für Bärbel Kuntsche war die Zeit des gesellschaftlichen Auf- und Umbruchs auch eine ideelle und existenzielle Herausforderung. Neue Formen der künstlerischen Zusammenarbeit bildeten sich heraus. Als eines der Gründungsmitglieder ist sie seit nunmehr drei Jahrzenten in der unabhängigen Künstlerinnenvereinigung „Dresdner Sezession 89“ aktiv.
So wird es wohl auch kein Zufall sein, dass sie verstärkt ab 1989 zahlreiche grafische Blätter und Bilder geschaffen hat, auf denen immer wieder Köpfe zu sehen sind. Dabei geht es der Künstlerin nicht um Porträtähnlichkeit. Was sie interessiert, sind die Beziehungen zwischen den Menschen. Mimik, Kopfhaltung, Körperspannung erzeugen Nähe oder Distanz, drücken Zuneigung, Staunen, Abscheu, Angst oder Freude aus. Das Gestische von Händen ermöglicht eine weitere Deutungsnuance.
Die Abbildung auf dem Deckblatt unseres Juli-Heftes, eine Offsetlithografie aus dem Jahr 1990, zeigt drei Frauen im vertraulichen Gespräch. Die Grafik benötigt keinen Titel, denn sie wirkt aus sich selbst heraus.
Karin (Gerhardt) Baum

Mit Wolf Biermann poetisch und politisch durch das Jahr

Radebeuls rote Häuser

Um es gleich klar zu stellen, es sind nicht die Häuser gemeint, wo politische Parteien ihren Sitz hatten oder haben, die die Farbe Rot zu ihrem Logo auserkoren haben. Vielmehr will ich mich heute Gebäuden nähern mit roten und manchmal auch gelben Fassaden. In Radebeul dominieren, erkennbar an den Bauern-, Winzer- und Siedlungshäusern, bekanntlich verputzte Fassaden. Darunter mögen wohl auch ein paar inzwischen rot gestrichen worden sein, diese Häuser will ich hier aber nicht betrachten. Aber welche roten Häuser würden dann noch für meine Beschreibung übrig bleiben?
Ich möchte als heutiges Thema über Häuser mit Backsteinfassaden, oder dem Backstein in der optischen Wirkung ähnlichen Ziegeln nachdenken und berichten. Klinkersteine und Backsteinziegel stellen das gleiche Baumaterial dar, sind gebrannte Tonziegel, deren unterschiedliche Namen regional bedingt sind. Gegenüber dem gewöhnlichen Mauerziegel ist Klinker das hochwertigere Material, hat allseitig eine kräftigere Farbe (gelblich, rot bis rotbraun) und ist witterungsbeständiger als Mauerziegel. Er wird im normalen Ziegelformat, sogenanntes Reichsformat (250x120x65 mm) hergestellt und als Fassade im Verband verbaut. Durch die Backsteingotik haben diese Ziegel vor allem im Norden Deutschlands schon eine lange Tradition.

In der Gründerzeit, genauer gesagt als Teil dieser Bauepoche, wurden dann Verblendziegel entwickelt, um das Verputzen zu sparen, um die Bauwerke zu schmücken und farblich hervorzuheben und um die Baupflegekosten gering zu halten. Man könnte diese Mode salopp als den „kleineren Bruder“ des Klinkers bezeichnen, denn sie sind meist kleinformatigere Tonziegel (Ansicht 120×67 mm) mit Langlöchern und haben eine eingefärbte oder engobierte Front (rot oder gelb, seltener weiß, bzw. hellgrau). Der Name Verblendziegel kommt daher, dass die statisch erforderliche Außenwand aus Mauerziegeln (in der Regel 240 oder 360 mm dick) außen eine Schicht von farbigen Verblendziegeln vorgeblendet bekam. Insgesamt sind in Radebeul Fassaden mit Verblendziegeln häufiger anzutreffen als Häuserfronten mit echten Klinkern. Die beschriebenen farbigen Ziegelfassaden können auch in Kombination mit anderen Materialen beobachtet werden, z.B. mit Putzflächen im EG und Verblendziegeln im OG, Kombinationen mit Naturstein (hier meist der heimische Syenit) als Sockel oder Tür- und Fenstergewände aus Sandstein neben Verblendziegeln, vorwiegend verputzte Wandflächen mit Ecklisenen aus Verblendziegeln oder manchmal auch geometrische Muster z.B aus roten Verblendern in einer Fläche aus gelben Verblendziegeln. Die meisten dieser Häuser sind mit Schieferdächern abgeschlossen, was einen stärkeren Kontrast ergibt als bei Ziegeldächern. Beim näheren Betrachten fällt auf, dass Verblendziegelfassaden meist nicht den klassischen Mauerverband „Läufer – Binder“ im Wechsel zeigen, sondern ganze Wände nur „Köpfe“ also nur Binder haben. Das lässt uns erkennen, dass diese Gründerzeitfassaden reine Schmuckformen sind und nicht der Statik und den klassischen Regeln des Maurerhandwerks entsprechen.
Obwohl rote und gelbe Fassaden in ganz Radebeul relativ selten sind, fällt auf, dass ein paar wichtigere Gebäude darunter zu finden sind: so, beim Rathaus Niederlößnitz (Arch. A. Neumann, 1892-95), bei den Bahnhöfen Radebeul Ost und Kötzschenbroda, bei der älteren Friedhofskapelle Radebeul Ost (Schilling & Graebner, 1890) und bei der wahrscheinlich größten Villa Radebeuls, der Kolbevilla in der Zinzendorfstraße (Arch. O. March, 1890 / 91). Vielleicht bekommt Letztere vom Volksmund bald den Namen „Villa Sorgenvoll“ (zum Unterschied zum „Haus Sorgenfrei“ im Augustusweg) verpasst, weil hier seit Jahren der Verfall fortschreitet und kein Sanierungsfortschritt zu erkennen ist. Zur Gruppe der Wohn- und Geschäftshäuser, Villen und Mietvillen um 1880 – 1900 gehören u.a: das Wettinhaus (Deutsche Bank) Moritzburger Straße 1, Karlstraße 5, Bahnhofstraße 8/8a, „Villa Marie“, Dr.-Rudolf-Friedrichs-Str. 17, Clara-Zetkin-Str. 20 u. 22, Wichernstraße 6b, Meißner Straße 47 (Teekanne), die beiden kleinen Eisenbahnerhäuser in der Wasastraße hinter der Brücke (das waren mal Schrankenwärterhäuser, ehe die Bahnstrecke hoch gelegt wurde) sowie der stattliche Pavillon in der Pestalozzistraße gegenüber dem Rathaus. Und es gäbe durchaus noch ein paar weitere Häuser mit Verblendziegelfassaden, die jedoch den Rahmen dieses Berichts sprengen würden. An zwei Stellen in Radebeul kann man eine Konzentration derartiger Bauten wahrnehmen – im Raum Louisenstraße/ Albertplatz

und im Straßenzug Bahnhofstraße/ Moritzburger Straße. In den Fällen der Bahnhofstraße 8, 8a grenzen ein gelbliches und ein rötliches Haus aneinander und bei der Pestalozzistraße 16 und Schildenstraße 17 stehen sich jeweils ein gelbliches und ein rötliches Haus diagonal gegenüber. Meines Erachtens geht von diesen Häusern vor allem, wenn sie konzentriert stehen, ein stärkerer städtischer Charakter aus als sonst in Radebeul. Zunächst mögen sie hier als Fremdkörper wahrgenommen worden sein, doch wir haben uns längst an diese roten und farbigen Häuser im charakteristischen Häusermix von Radebeul gewöhnt.
Da wirft sich mir gerade noch eine Frage auf: warum wurden deutschlandweit, also über Radebeul hinaus, für Fassaden von Bahnhöfen, Stellwerken, Betriebsgebäuden und auch Dienstwohnungen der Bahn sehr oft Verblendziegel eingesetzt? Versuch Antwort 1, weil gerade in der Gründerzeit das Schienennetz stark erweitert wurde und damit auch neue oder vergrößerte Bahnhöfe entstanden. Antwortversuch 2, weil, wenn ein Schienennetz vorhanden war, auch der Materialtransport von nicht am Ort vorhandenem Material, hier Verblendziegel, günstig und billig war. Und Antwortversuch 3, weil durch die Erfindung des Ringofens und der Ziegelpresse (Mitte 19. Jh.) günstigere technische Bedingungen für eine massenhafte Ziegelherstellung gegeben waren.
Für die Fassaden der Lutherkirche (Schilling & Graebner, 1891 / 92) wurden Backsteine im Reichsformat mit klassischem Mauerverband verwendet. Es liegt nahe, dass diese Ziegel von der Serkowitzer Firma F. W. Eisold, die am Bau beteiligt war, hergestellt wurden. Das entspricht etwa den Kirchenfassaden in den Hansestädten im Norden. Davon sind zwei Vertreter von unverputzten, farbigen Ziegelhäusern, die in der Gestaltung etwas moderner wirken, zu unterscheiden, deren Fassaden aus sogenannten Kohlebrandklinkern bestehen. Es sind dies die Villa Mozartstr. 8 (1930/31) und das Fabrik- oder Werkstattgebäude an der Forststraße (1934, vormals wohl AWD). Hier wurden eindeutig echte Klinker und keine Verblendziegel verwendet. Sie sind typisch für die Zeit zwischen den beiden Kriegen.
Wenn diese Thematik beim ersten Lesen etwas für Verwirrung sorgen sollte, bitte ich um Entschuldigung, vielleicht hilft ein zweites Mal Lesen. Ich fürchte, wenn Sie liebe Leserin, lieber Leser, die im Artikel genannten Beispiele von Klinker- oder Verblendziegelhäusern als Spaziergang gestalten wollen, werden wohl zwei oder drei Spaziergänge praktikabler sein als nur einer. So verstreut wie diese Häuser über das Stadtgebiet auch sind, gehören sie doch, ob sie uns gefallen oder nicht, zur typischen Häusermischung unserer Stadt.
Ich danke den Herren Bialek und Henker, mit denen ich in Sachen Ziegel ein wenig fachsimpeln konnte, herzlich.

Dietrich Lohse

Karrasburg Museum Coswig: „raumgreifend – elementar“

»Vogelfrau« (2016)

Die Sonderschau des Radebeulers Friedemann Dietzel ist noch bis 19. Juli zu erleben
„raumgreifend – elementar“, so lautet der Titel der aktuellen Sonderschau des Bildhauers Friedemann Dietzel. Ein Ausstellungstitel, der sich nicht nur auf die Holz- und Bronzewerke Dietzels beziehen lässt. Die Ausstellungseröffnung lag zeitgleich mit dem Beginn der Corona-Verordnungen, die raumgreifend bzw. flächendeckend in unser aller Alltag elementare Veränderungen brachten.

»Hoffnung ist das Ding mit Federn« (2018)

Fast zwei Monate lang konnte die Ausstellung nicht besucht werden. In dieser Zeit hatten die Figuren aus Holz und Bronze den Raum ganz für sich.

Holzskulptur und Sägebilder

Die Materialien Wachs/Bronze und Holz sind die vorrangigen im Schaffensprozess des Künstlers. Als gelernter Tischler hat Friedemann Dietzel eine besondere Verbindung zum Werkstoff Holz als ein lebenspendendes, nachwachsendes und gut formbares Element.
1968 in Dresden geboren, führte das Leben Friedemann Dietzel nach der Wende zum Studium der Sozialarbeit/Sozialpädagogik an der Ev. Hochschule für soziale Arbeit in Dresden. Bis heute ist er in diesem Berufsfeld tätig.
Doch der Drang zur schöpferischen, bildhauerischen Auseinandersetzung blieb bestehen und so ergriff er 2009 das Basisstudium für Bildhauerei in der Bildhauerhalle Bonn bei Paul Advena.

»Malalas Schwestern« (2014)

Seit 2013 arbeitet Friedemann Dietzel parallel zum Beruf als freischaffender Bildhauer.
Das Holz wird von ihm mit der Kettensäge bearbeitet – dem Werkzeug des Waldarbeiters. Friedemann Dietzel beschreibt es als ein Werkzeug, welches effektiv, laut, aggressiv und häufig schneller als die menschlich gesteuerte Vernunft ist. Im Schaffensprozess geht es ihm aber auch darum, hierzu die Gegenpole wie Entschleunigung und Rückzug finden.
„Bei der Feinmodellage setzt die Kettensäge eindeutige Grenzen, dies führt zwangsläufig zur Reduktion und Abstraktion. Die Werkspuren der Kette geben eine eigene Oberfläche, eine expressive Landschaft, eine mechanische Textur“, so der Künstler.
Mit Acrylfarbe oder dem Element Feuer als gezielte Flamme wird das Holz weiterbearbeitet. Dabei wechselt das Auftragen der Farbe mit dem Abtragen des Holzes, bis sich ein stimmiger Zustand einstellt.
Mit den Materialien Wachs und Bronze ist es dem Künstler möglich filigran zu arbeiten. Die entstandenen Figuren mit ihren feinen Gliedmaßen und ausdrucksstarken Bewegungen erobern sich raumgreifend ihren Platz.

»Prometheus XXXY« (2017), im Hintergrund: Sägebild

Noch bis zum 19. Juli sind sie in der Karrasburg zu sehen und da eine Eröffnung nicht richtig stattfinden konnte, gibt es diesmal eine Finissage, gemeinsam mit dem Künstler und musikalischer Begleitung durch Frank Nestler am Saxophon. Ein bisschen greift Corona aber auch hier noch ein, die konkrete Gestaltung der Finissage muss sich nach den dann gültigen Hygienevorschriften richten.

 Katrin Kynast

Alle Informationen zur Veranstaltung erfahren Sie rechtzeitig auf der Internetseite des Museums: www.karrasburg.de
Museumsteam und Künstler freuen sich auf alle, die bis zum 19. Juli oder am Tag selbst die Gelegenheit eines Ausstellungsbesuches nutzen. Der Eintritt ist kostenfrei.

Zwischen „nicht mehr“ und „noch nicht“:

Aus dem Alltag an der ehemaligen EOS „Juri Gagarin“ Radebeul im Jahr 1990 (Teil 1)

1. Halbjahr 1990
Es waren unruhige Tage, Wochen, Monate. Der Wind des Wandels hatte spätestens seit Oktober 1989 auch durch die Gemäuer der Erweiterten Oberschule (EOS) „Juri Gagarin“ Radebeul geweht, und also fegte er mit unverhoffter Stärke und Geschwindigkeit gewohnte Abläufe im pädagogischen Regime, jahrzehntelang festgefügte organisatorische Strukturen und später dann auch einige deren prominentester Vertreter vor Ort hinweg. Jeder, der damals zur Schulgemeinschaft gehörte, wird sich an jeweils unterschiedliche Details erinnern, je nachdem, worin das eigene Leben konkret verstrickt war. Für uns Schülerinnen und Schüler stand der Aufbruch in eine zwar ungewisse, aber dennoch ungeahnte Möglichkeiten eröffnende Zukunft im Vordergrund. Für die beteiligten Lehrkräfte allerdings muss die Situation nicht nur persönlich schwierig gewesen sein, sondern vor allem auch institutionell. Es ging schließlich um die Frage, wie der Schulbetrieb aufrecht zu erhalten wäre in einem Land, dessen Gesetzgebung gar nicht schnell und verlässlich genug auf die sich unablässig ändernde politische Lage reagieren konnte. Erinnern wir uns: Als die Schüler der 11. und 12. Klassen – damals wurden jeweils vier Klassen in beiden Stufen an der Schule unterrichtet, im Ganzen ca. 160 junge Erwachsene – am 7.2.1990 ihre Halbjahreszeugnisse ausgeteilt bekamen, bestand formell die DDR noch und war die Regierung Modrow im Amt. Erst wenige Tag später, am 13.2.1990, wurde auf einer KSZE-Konferenz in Ottawa beschlossen, dass die sogenannten 2+4-Gespräche über die Zukunft des Status beider deutscher Staaten beginnen sollten – mit noch ungewissem Ausgang; erst am 18.3. sollten die ersten freien Wahlen in der DDR stattfinden. Von einer Wiedervereinigung wurde in jenen Winter- und Frühlingstagen zwar schon geträumt und gesprochen, aber sowohl die Wirtschafts- und Währungsunion war noch nicht absehbar (am 18.5. wurde ein diesbezüglicher Beschluss gefasst) als auch nicht die Gründung des Freistaates Sachsen (fand am 3.10.90 in Meißen statt). Die von der DDR-Zentralregierung in Berlin eilig erlassenen Übergangsregeln zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung im Land galten auch für das Bildungswesen, aber wie der Name schon sagt: Ein Übergang ist ein Prozess aus einem Daher zu einem Dahin. Diesen Prozess mussten die einzelnen Schulen, so gut es ging, mitvollziehen und mit Leben erfüllen. Etwas überspitzt gesagt könnte man sagen: Der pädagogische Alltag in der ersten Jahreshälfte 1990 fand in einem Niemandsland zwischen „nicht mehr gültig“ und „noch nicht eingeführt“ statt. Mir liegen Dokumente und Mitschriften aus einem Pädagogischen Rat vom 7.2. 1990 vor, die das am Beispiel der EOS Radebeul ganz konkret erfahrbar machen.
Direktor Dr. Glöckner hatte für den Nachmittag des letzten Schultages im 1. Halbjahr das Lehrerkollektiv – so nannte man es damals noch – in das Zimmer 11 des Hauptgebäudes (was damals das alleinige Schulgebäude der EOS war) eingeladen. Zentrales Dokument zur Beratung war der „Arbeitsplan für das 2. Schulhalbjahr“, worin es gleich zu Beginn heißt: „Die in den Umgestaltungsprozeß der Gesellschaft der DDR eingeschlossene Erneuerung der Schule bedarf in Übereinstimmung mit einem neuen Bildungsgesetz auch der Erarbeitung einer neuen Schulordnung.“ […] Ausgehend vom Gesetz zur Veränderung der Verfassung vom 1.12.1989 ist eine Entflechtung von Partei und Staat auch in der Schule, als einer staatlichen Einrichtung, erforderlich.“ Damit war das politische Spannungsfeld aufgemacht, in dem sich diese Zusammenkunft der Lehrer bewegt haben muss. Handschriftliche Aufzeichnungen einer Teilnehmerin künden von zum Teil noch ungelösten Fragen, die bestimmte Fächer und schulische Abläufe betrafen: Was würde an Stelle des zum Halbjahr auslaufenden Staatsbürgerkundeunterrichtes treten? Das Fach „Gesellschaftskunde“, wofür allerdings erst eine Konzeption erarbeitet werden muss. Wie soll mit den zuvor erteilten Noten in Staatsbürgerkunde verfahren werden? Sie werden in die Feststellung der Jahresnote mit eingehen. Wer sollte dieses neue Fach unterrichten? Grundsätzlich müsste es jede Lehrkraft können, aber der bisherige Staatsbürgerkundelehrer Dr. Babik sollte weitermachen dürfen. Womit könnten die erfahrungsgemäß zahlreichen Interessenten für ein Medizinstudium besser darauf vorbereitet werden? Mit einem fakultativ zu belegenden Latein-Unterricht, der für die Elftklässler ab dem 2. Halbjahr einmal wöchentlich angeboten werden würde. Wie könnte man das zwar allgemein hohe, aber besonders in den Naturwissenschaften und Mathematik doch heterogene Niveau und Interesse der Schüler auffangen? Durch die Bildung von sogenannten „Leistungsklassen“, was allerdings als Übergangslösung angesehen wurde.i Welche Bedeutung würde das Fach Russisch künftig haben? Ab dem 2. Halbjahr sollte Russisch mit weniger Stunden unterrichtet werden, was auch eine Reaktion auf die Abschaffung des Sonnabendunterrichts sein würde, wodurch sich eine Anpassung der Stundentafel ohnehin erforderlich machte. Was würde aus den „Freundschaftsbeziehungen zur 38. Oberschule in Moskau“ werden? Sie sollten vorerst „trotz schwieriger aktueller Bedingungen“ beibehalten werden. Sollte man Mädchen und Jungen im Sportunterricht trennen? Für die 11. Klasse wurde das zu dieser Konferenz so festgelegt, die 12er sollten die wenigen Wochen bis zum Abitur noch wie gewohnt gemeinsam weitermachen. Apropos Abitur 1990: Deutsch, Mathematik und eine Naturwissenschaft (Biologie, Chemie, Physik) wurden Ende April/Anfang Mai zu je 300min schriftlich geprüft, Russisch zu 90min.ii Noch ganz im DDR-Duktus gehalten sind weitere Hinweise, wonach „VMIiii-Leistungen durch Lehrer und Schüler im Zusammenwirken mit der Kommission ‚Materielle Belange‘ des Elternbeirates realisiert“ werden sollten; „[d]ie Produktionseinsätze für die 11. Klassen“ vom 18.6.-5.7. in Radebeuler Betrieben stattfinden und der „Klub ‚Junger Pädagogen‘ zielstrebig auf die Festigung der Berufsentscheidung der Schüler hinarbeitet“. Spannend ist, dass beim letzten Punkt das schreibmaschinengeschriebene Arbeitspapier eine handschriftliche Streichung aufweist, was auf eine Diskussion im Kollegium hinweist. Denn ursprünglich hieß es weiter, dass dieser „Klub“ mit seiner „Wirksamkeit auf das Schulkollektiv [ausstrahlt]“. Dieser Passus wurde dann getilgt, wohl in Einsicht dessen, dass Berufs- und Studienwahlentscheidungen in einem freien Land auch unbeeinflusst getroffen werden müssten. Aus heutiger Sicht unvorstellbar ist die Tatsache, dass die „Reinigung des Schulhauses […] durch Lehrer und Schüler vorerst noch zu sichern“ sei, wobei noch hinzugefügt wird, dass mit den Kollegen, „die eine Reinigung von Zimmern übernehmen“, darüber eine „Vereinbarung abgeschlossen [wird].“ Ein sehr dezenter Verweis auf die im Wandel begriffene Gesellschaftsordnung findet sich im Arbeitspapier unter dem Stichwort „Zur außerunterrichtlichen Arbeit“, wo zu lesen ist: „Notwendigkeit, Stellenwert und Inhalt der Wandzeitungen in der Schule sind zu prüfen.“ (Wer jemals „Wandzeitungsredakteur“, auch „Agitator“ genannt, an einer DDR-Schule war, weiß, worauf sich diese Aussage bezieht.) Schließlich wird aus den Mitschriften der Versammlung auch deutlich, dass die seit der Grenzöffnung mit der saarländischen Partnerstadt St. Ingbert eingegangenen freundschaftlichen Beziehungen recht intensiv waren: Musiklehrerin Weise hatte die Sitzung mit einer kurzen Vorstellung von Musik aus der Partnerstadt begonnen und am Ende wurde festgelegt, dass das Lehrerkollegium vom 16.-18. März eine Reise ins Saarland antreten würde. Bereits zuvor, im Dezember 1989, war eine Gruppe Schüler aus St. Ingbert zu Besuch an der Schule gewesen.
Vorstehende Einblicke mögen verdeutlichen, dass im Hintergrund vieles verhandelt und geregelt werden musste, wovon wir Schüler keine Vorstellung hatten. Im Nachhinein muss man den Pädagogen von damals Respekt dafür zollen, dass sie sich diesen Herausforderungen verantwortungsvoll gestellt hatten und das turbulenteste Schuljahr der deutschen Nachkriegsgeschichte einigermaßen geordnet zu Ende brachten.

Bertram Kazmirowski

(Schüler an der EOS 1989-91)

Von Stummfilmkino bis Kurzfilmnacht

Oder: Kino in Radebeul – wen interessiert das noch? (Teil 2)

Neue Außenbeschilderung fürs alte Kino, 1993, Foto: Karin Baum

Nachdem man 1988 in Radebeul-West die „Freundschaft“ geschlossen hatte, war von einstmals vier Lichtspieltheatern in der Stadt nur noch die „Union“ in Radebeul-Ost als schwacher Trost geblieben.
Doch nichts währt ewig. Auch diese Kinoräume waren lediglich angemietet. Mit Kündigung des Mietvertrages durch den privaten Hausbesitzer folgte auch für Gerd Schindler, der im Kreis Dresden-Land für die Wartung der Filmtechnik und nebenberuflich als Filmvorführer im Filmtheater Union sowie während der Saison im Bilz-Bad und Freilichtkino Radebeul-Ost tätig war, am 31. Juli 1991 das Ende seiner Beschäftigung bei der Dresdner Bezirksfilmdirektion. Neuer Arbeitgeber wurde Wolfgang Gerecke, ein ehemaliger Kollege, welcher das Filmtheater als Geschäftsführer bis zum Jahresende auf privater Basis weiter betrieben hat. Doch finanziell ging es zunehmend bergab. 1991 veranstaltete sogar der Radebeuler Gewerbeverein eine Spendensammlung zur Unterstützung der „Flohkiste“ (Filmtheater Union) in Not. Alles Weitere ist schnell erzählt. Im März 1992 wurde der Interessenverein Film gegründet. Neben den mehr oder weniger gängigen „Kassenfüllern“ waren nun auch wieder „gesellschaftskritische und künstlerisch anspruchsvolle“ Filme im Programm. Der Publikumsstamm wuchs allmählig. Die Programmqualität sprach sich in den Insiderkreisen sehr schnell herum. Ab 1. Januar 1993 erfolgte die vollständige Übernahme des Filmtheaters durch den Verein. Gerd Schindler war nun Filmvorführer, Kinoleiter und Vereinsvorsitzender in Personalunion und das alles nach einem langen Arbeitstag als festangestellter Mitarbeiter in der Radebeuler Tourist-Information. Die finanzielle Situation des Kinos begann sich zu stabilisieren. Dann hieß es plötzlich, das Grundstück wird verkauft, das Kino soll abgerissen werden. Die letzte Vorstellung fand in der „Union“ am 4. Dezember 1993 statt. Nicht ohne Hintersinn wurde der deutsch/französische Film „Cinema Paradiso“ (1988) gezeigt. Die Geschichte erzählt von einem kleinen altmodischen Kino in der Provinz und von Menschen, deren Sehnsüchte und Träume mit diesem Ort – der zuletzt nur noch als leere Hülle existiert und abgerissen werden soll – auf eine rührende Weise verbunden sind.

Kinder- und Jugendfilmtheater Union mit Eingangstür (Mitte) und Notausgang (rechts), 14.1.1993, Foto: Karin Baum

Die Parallelen zum Schicksal der „Flohkiste“ lagen auf der Hand. Geblieben sind viele nostalgisch gefärbte Erinnerungen sowie eine Sammlung von Zeitungsberichten, Programmzetteln, Fotos, Ton- und Filmaufnahmen. Quasi in letzter Minute hatte die Medieninitiative noch eine siebzehnminütige Dokumentation gedreht. Den einfühlsamen Film mit dem Titel „Für immer ausverkauft“ kann man sich auf YouTube anschauen. Die in einem Anbau befindliche „Flohkiste“ wurde schließlich im Januar 1994 abgerissen. Das Haupthaus hingegen blieb noch sehr lange stehen.

Sitzbänke des ehemaligen Freilichtkinos in der Gartensparte „Am Waldrand“, links im Bild der Holzbau, in dem sich der Vorführraum befand, 1990, Foto: Sebastian Hennig

Fazit: Das älteste, noch im Betrieb befindliche Kino, hatte 83 Jahre Filmgeschichte miterlebt und bis zum gesellschaftlichen Umbruch in der sogenannten Wendezeit überdauert. Wie sich später herausstellte, hätte es gut und gerne noch einige Jahre bespielt werden können.
Unmittelbar nach der Schließung des Filmtheaters fegte von 1993 bis 1994 ein medialer Sturm durch den Blätterwald. Das Entsetzen war groß. Doch wie nun weiter? Der Verein bemühte sich um Alternativen. Bereits am 27. Juli 1994 erfolgte die Eröffnung der Spielstätte „Union 2“ in den Räumen der Großraumdiskothek Mega-Drome an der Stadtgrenze zu Coswig. Eine weitere Spielstätte wurde durch den Verein im Bahnhof Radebeul-West, genauer gesagt in den Räumen des Seniorentreffs (ehemalige Bahnhofsgaststätte) betrieben, wo es auch Vorstellungen für Kinder gab.
Der Schlagzeile in der SZ vom 10. Mai 1995 „Kinopublikum blieb aus – Ehe mit Großdiskothek ist gescheitert – Radebeuler Interessenverein Film löst sich auf“ gibt es nichts mehr hinzuzufügen.

Die neun Sitzplätze im Palastkino, undatiert, Foto: Palastkino-Archiv

Danach wurde es still ums Kino in Radebeul. Die einstigen Mahner, zu denen stadtbekannte Filmkenner und Kinoenthusiasten wie Joachim Richter (1926–2015), Lieselotte Schließer (1918–2004) oder Wolfgang Zimmermann gehörten, wurden im Laufe der Jahre müde oder sind durch ihr Ableben endgültig verstummt. Die Zeitzeugen einer lebendigen Radebeuler Kinoszene werden rar. Kommunalpolitische Versprechungen, dass es auch künftig in Radebeul ein Kino geben werde, blieben unerfüllt.
Joachim Richter, der 1964 den Radebeuler Filmclub mit gegründet hatte und diesen über viele Jahre leitete, schrieb 1995, als allerorten 100 Jahre Kino gefeiert wurde, sarkastisch „Das Kino lebt. In Radebeul ist es tot.“ Der ewige Rufer in der nun entstandenen Kinowüste blieb hartnäckig und ließ sich von den stereotypen Antworten, dass der gute Wille ja vorhanden sei, allein es fehle an Geld, nicht abschrecken.
Dem gesellschaftlichen Umbruch folgte eine radikale Neuordnung der Kinolandschaft. Die Verwaltungsstrukturen der Bezirksfilmdirektionen lösten sich auf. Kinogebäude wechselten ihre Besitzer. Die Mieten schnellten in die Höhe. Betonklötze wurden in den größeren Städten aus dem Boden gestampft. Die gewinnorientierte Vermarktung hatte Priorität. Inhalt und Anspruch blieben zunehmend auf der Strecke. Fernsehen und Videotheken ließen die Zahl der Kinobesucher beständig schrumpfen. Multiplexkinos zeigten die aktuellen Blockbuster. Geworben wurde mit 3D-Technik und Supersound. Die Digitalisierung machte vor allem den kleinen privat betriebenen Ein-Raum-Kinos zu schaffen. Umso erstaunlicher erscheint der große Zuspruch, den die Dresdner Programmkinos in zunehmendem Maße erfahren, was nicht zuletzt dem engagierten Filmenthusiasten und Kinobetreiber Frank Apel (1954–2020) zu verdanken ist.
Kino in Radebeul – das ist auch eine Geschichte von vielen kleinen Initiativen, die ohne stabile Strukturen und finanzielle Förderung über kurz oder lang gescheitert sind. Erinnern sollte man hier unbedingt an das „Café Color“, welches Wolfgang Zimmermann zwar in abseitiger Lage am Ende der Gartenstraße (Nr. 75) aber voller Optimismus in der Nachwendezeit eröffnet hatte. Aus der Idee vom kulturellen Szenetreff mit einem alternativen Programmangebot der unterschiedlichsten Genres wie Film, Musik, Literatur oder Bildender Kunst, wurde endlich Realität. Selbstausbeutung stand auf der Tagesordnung. Doch die eigene Kraft, mit der er sich gegen die Marktwirtschaft stemmte, hatte der rührige Kulturorganisator letztlich überschätzt.
Für Experimente immer wieder aufgeschlossen, zeigte sich auch der Jugend- und Kulturverein Noteingang, der sich 1991 gegründete hatte und 1992 im Gemeindehaus der Friedenskirche das „Café Noteingang“ eröffnete. Das Konzept war eine ziemlich schräge Mischung aus Szenetreff und soziokulturellem Zentrum. Der Zuspruch war enorm. Man platzte aus allen Nähten und zog schon bald in das Tonnengewölbe des Familienzentrums um. Der Verein Noteingang glich in seinen besten Zeiten einer sprudelnden Ideenquelle, aus der beständig weitere Vereine und Initiativgruppen hervorgegangen sind. Einen Schwerpunkt bildete dabei u. a. auch das Medium Film. So sind im Eigenauftrag zahlreiche Bild-, Ton- und Filmdokumentationen entstanden. Vor allem Jugendliche wurden ermutigt und unterstützt, eigene Filmideen umzusetzen. Themenabende waren mit Filmaufführungen und Publikumsdiskussionen verbunden. Stummfilmklassiker wurden durch Live-Musik begleitet.
Um den Radebeuler „Kino-Notstand“ ein wenig auszugleichen, wurde an verschiedenen Orten improvisiert. So entwickelte sich von 2000 bis 2006 das „Galeriekino“ in der Radebeuler Stadtgalerie zu einer beliebten Veranstaltungsreihe. Die Auswahl der Filme erfolgte gemeinsam mit dem Publikum. Zum Ehrenmitglied wurde Joachim Richter ernannt, der sich keine Vorstellung entgehen ließ. Die nostalgisch anmutenden Filmmaschinen bediente Gerd Schindler und in die jeweiligen Filme führte Wolfgang Zimmermann ein. Für die Mitarbeiter der Galerie brachte das einen ungeheuren Arbeitsaufwand mit sich, eignete sich die Örtlichkeit doch in keiner Weise für ein derartiges Vorhaben.

Palastkino mit Eingangstür, undatiert, Foto: Palastkino-Archiv

Ebenfalls 2000 startete in der Stadtbibliothek Radebeul-Ost die Veranstaltungsreihe „Literaturkino“. Hier hatte der Kulturverein der Einrichtung die Organisation in der Hand, welcher die Existenz des Kinos bis heute sichert. Trotz des durchgängig anspruchsvollen Programms decken die Einnahmen kaum die Kosten.
Ein spektakuläres Kapitel in der Radebeuler Kinogeschichte stellt sicher das „Palastkino“ dar, welches sich im Erdgeschoß des Bahnhofs Radebeul-West befand. Am 30. Oktober 2006 startete hier Johannes Gerhardt mit dem „Kleinsten Kino der Welt“ und schaffte es bis ins Guinness Buch der Rekorde. Das Team von Außenseiter Spitzenreiter kam nach Radebeul und die Presse berichtete deutschlandweit. Geworben wurde mit dem Slogan „Eine Leinwand, ein Filmvorführer, neun Plätze“. Wie im richtigen Kino ertönte ein Gong, es wurde allmählig dunkel, der Vorhang öffnete sich und die Vorstellung begann. Der Name „Palastkino“ wirkte einerseits (gewollt) paradox, sollte aber andererseits auch an das ehemalige Filmtheater „Palast“ erinnern (s. „Vorschau und Rückblick“, Heft 3/2020). Neben den öffentlichen Vorstellungen konnte das Kino auch privat für einen kleinen Kreis gemietet werden. Das Interesse daran war groß. Gefeiert wurden hier u. a. unzählige Kindergeburtstage. Und selbst der Zigarrenclub fühlte sich in dieser besonderen Atmosphäre recht wohl. 2013 war dann Schluss. Der neue Besitzer des Bahnhofsgebäudes hatte andere Pläne. Sieben Jahre sind seitdem vergangen. Das denkmalgeschützte Gebäude steht leer und der Verfall schreitet voran. Geblieben ist beim ehemaligen Bertreiber, die Liebe zum Kino, eine Sammlung nostalgischer Filmvorführgeräte und der Wunschtraum mit dem Kleinsten Kino der Welt noch einmal in Radebeul neu durchzustarten.

Aufgang zum Vorführraum des Filmtheaters Union, im Hintergrund übern Hof die Besuchertoiletten, 14.1.1993, Foto: Karin Baum

Der Kinogedanke war den Radebeulern nicht auszutreiben und keimte immer mal wieder auf. So standen die Langen Kultur- und Kneipennächte im Jahr 2010 unter dem Motto „Kneipen, Kunst und Kino“. Die Kultur- und Werbegilde Altkötzschenbroda hatte als Veranstalter zum Kurzfilmwettbewerb aufgerufen und dem Sieger als Preis den „Silbernen Kötzschbär“ verliehen. Was in den Jahren danach passierte, ist – sieht man einmal vom regelmäßig stattfindenden „Literaturkino“ ab – nicht allzu viel. Im Bilz-Bad erfuhr das Freilichtkino eine Renaissance und in der Hohlkehle konnte man jüngst die Internationale Kurzfilmnacht erleben.
Ein Kino der herkömmlichen Art wird es in Radebeul wohl vorerst nicht mehr geben. Schon eher denkbar wäre ein kommunalgefördertes Filmclub-Kino, das mit „Abspielringen“ kooperiert. Ob in der „Kulturellen Mitte“ oder an einer der „Kulturellen Randzonen“ verortet, sei vorerst dahingestellt. Wo ein Wille ist, da lassen sich auch Räume finden. Eine große Hoffnung für Filmfreunde verbindet sich mit dem neu gegründeten Radebeuler Kulturverein, einer bunten aufgeschlossenen Truppe, die nicht nur redet, sondern schon mehrfach zur kulturellen Tat geschritten ist.
Womit allerdings keiner gerechnet hatte, ist die Corona Pandemie und deren Auswirkungen auf nahezu alle Lebensbereiche. Was die Filmbranche anbelangt, ist die gegenwärtige Lage ernst, sehr ernst sogar – aber, wie man so schön sagt, nicht alternativlos. Und Kino in Radebeul – das wird wohl auch in den Nach-Corona-Zeiten ein spannendes Thema bleiben.
Karin (Gerhardt) Baum

Der Beitrag „Kino in Radebeul…“ (Teil 1) wurde in der März-Ausgabe 2020 veröffentlicht und kann jederzeit als Online-Version unter www. vorschau-rueckblick.de abgerufen werden.

Editorial 7-20

Liebe Leserinnen und Leser,
gut drei Wochen hatte die Wahl zur Bestimmung des neuen Leiters des Kulturamts die Gemüter vieler Radebeuler bewegt und unsere Stadt in die Schlagzeilen gebracht – bundesweit. Nun ist seit dem 2. Wahlgang bzw. der Wahlwiederholung vom 15. Juni klar, dass nicht der umstrittene Schriftsteller Jörg Bernig, sondern die noch voraussichtlich bis Jahresende in Annaberg-Buchholz tätige Kulturmanagerin und promovierte Romanistin Gabriele Lorenz den vakanten Posten ab Januar 2021 bekleiden wird. So weit, so gut? Ja und nein. Ja, denn ich finde, Gabriele Lorenz ist eine geeignete Kandidatin für dieses Amt, nach allem, was ich über sie erfahren konnte. Ich wünsche ihr einen erfolgreichen Start in der für sie neuen Aufgabe. Nein, denn mit etwas Abstand muss ich mir sagen, dass aus den Vorgängen rund um den 1. Wahlgang mit der Wahl Jörg Bernigs Lehren gezogen werden sollten. Von der Stadtverwaltung wünsche ich mir, dass sie Stellenausschreibungen und nachgeordnete Auswahlprozesse so gestaltet, dass die fachliche Eignung der Bewerber für den jeweiligen Posten bzw. deren Berufserfahrung im Vordergrund stehen. Von den Mitgliedern der Fraktionen im Stadtrat wünsche ich mir, dass sie nicht vordergründig eigene (politische) Ziele verfolgen, sondern stets mit Augenmaß und Weitsicht Entscheidungen treffen und deren Folgen für die Stadt realistisch einschätzen. Von Bewerberinnen und Bewerbern wünsche ich mir eine kritische Sicht auf die persönliche Eignung für eine Funktion, für ein Amt. So hätte im aktuellen Fall ein für sein literarisches Werk zu Recht geehrter Individualist zeitig genug erkannt, für ein Verwaltungsamt mit Personalführungsaufgaben nicht ausreichend qualifiziert zu sein, ganz unabhängig von seinen politischen Ansichten. Von der Stadtgesellschaft, also von uns allen, wünsche ich mir, dass wir miteinander Demokratie (aushalten) lernen und akzeptieren, dass sie anstrengend ist. Auch 30 Jahre nach den ersten freien Wahlen ist das offenbar etwas, worin sich viele von uns fortgesetzt üben sollten.

Bertram Kazmirowski

Zur Titelbildserie

Die kleine Aktzeichnung passt wunderbar zum Juni-Heft. Die schöne Jahreszeit macht das Leben leichter. Alles drängt in die Natur. Die Hüllen fallen und man fühlt sich zunehmend frei. Die Offsetlithografie von Bärbel Kuntsche entstand 1993. Sie zeigt einen liegenden weiblichen Akt, ganz ohne Scheu. Der Kopf ruht auf dem linken Arm. Das Gesicht ist im Profil zu sehen. Vor allem das Auge zieht die Blicke der Betrachter an, und es scheint, als schaue es in sich selbst hinein.

Die Figur steht in Beziehung zu verschiedenen Linien von unterschiedlicher Stärke, die der Zeichnung Dynamik und räumliche Tiefe verleihen. Deren Rhythmus umschmeichelt den Akt und besticht durch heitere Musikalität. Nur angedeutet ist der Hintergrund. Ob es sich dabei um eine hügelige Landschaft handelt, bleibt der Fantasie überlassen.

Die Erkundung und Darstellung der menschlichen Gestalt haben auf Künstler aller Gattungen seit jeher eine große Anziehungskraft ausgeübt. Wie damit umgegangen wird, hängt jedoch von den jeweiligen Moralvorstellungen der Gesellschaft ab. Die radikale Befreiung aus zivilisatorischen und akademischen Zwängen fand u. a. bei den ”Brücke Künstlern“ einen Höhepunkt.

Doch vor der Kür kommt selbst bei Künstlern die Pflicht. Für Bärbel Kuntsche hieß das, an der Hochschule für Bildende Künste Dresden eine solide Ausbildung zu absolvieren. Dort erwarb sie auch genaue Kenntnisse von der menschlichen Anatomie. Bis heute vertritt sie die Auffassung: „Erst wenn man die handwerklichen Grundlagen souverän beherrscht, kann man sich als Künstler frei entfalten.“

Karin (Gerhardt) Baum

“Vorschau und Rückblick“ Heft 6/2020

Mit Wolf Biermann poetisch und politisch durch das Jahr

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