Mit Felix Meyer poetisch durch das Jahr


Zur Titelbildserie

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Aus meinen grafischen
Tagebüchern
Inmitten der Streuobstwiesen in Altkötzschenbroda stand es und „genoß“ die Stimmung zum Herbst- und Weinfest. Zwischen alten Obstbäumen lehnte es , ein Fahrrad mit einer von mir gestalteten Einkaufstüte, so als würde es dem bunten Treiben interessiert folgen und so als fühlte es sich in zwischen all den Bäumen sehr wohl.
Ein wenig habe ich das Bild „manipuliert“, habe die Papiertragetasche mit der stilisierten Silhouette von Altkötzschenbroda etwas hervorgehoben und Fahrrad und Hintergrund leicht „verschwimmen“ lassen.
Die ursprünglich für die Langen Kultur- und Kneipennächte entworfene Grafik war aber auch gut geeignet, um den kleinen Geschäften am Ort ein Werbemittel an die Hand zu geben, das diesen besonderen Stadtteil von Radebeul noch bekannter machen sollte.
Im Sinne des von Dieter Beirich gestalteten Signets der Kultur- und Werbegilde Altkötzschenbroda wollte ich ein ähnlich prägnantes Symbol mit hohem Wiedererkennungswert für diesen Ort schaffen.
Die Fotografik, so könnte man noch sagen, zeigt den Moment zwischen Angekommen und Weiterfahren, ein Bild mit Bäumen, Metall und Papier in dem die Zeit kurz innehält.

Matthias Kratschmer

 

Radebeuler Miniaturen

Hoffnungs Los

Ich seh noch die Birke, sagt er auf dem Weg zur Straßenbahn. Ich war ja noch nicht in der Schule damals, aber ich erinnere mich an diesen einen Moment ganz genau. Ich seh die Birken vor mir und höre den Gesang der „Elektrischen“ – klingt ganz anders als heute, manchmal siehst du ja die alten Kisten noch.
Großvater, sagte er, da saßen wir schon in der Bahn nach Norden raus, Großvater behauptete immer, noch Pferdebahnen in Dresden gesehen zu haben. Deshalb fuhren wir mit der „Elektrischen“, wenn wir mit ihm fuhren. Ich denke ja, er kannte die Pferdebahn auch nur noch vom Erzählen, ist ja alles lange her inzwischen, aber dabei gewesen bin ich natürlich auch nicht.
Aber ich war dabei, wenn er vom Krieg erzählte, der Großvater, „anno 16“ ist er ausgezogen, „ins Feld“, wie er sagte. Ich hatte ja keine rechte Vorstellung, was das bedeutete, „ins Feld“. Für mich begann das Feld gleich hinterm Zaun. Der Bauer konnte keine einzige Kartoffel ohne meine Hilfe ernten und keine Kornpuppe aufstellen ohne mich. Das Feld war für mich ein Stück Leben.
Großvaters Feld lag irgendwo weit draußen, hinter geheimnisvollen, fremden Namen, die ich mir nicht merken konnte. Mitten in der Nacht seien sie angekommen, erzählte er immer, und gleich in die Gräben geschickt worden, in denen sie kaum laufen konnten, weil überall Leichen rumlagen. Immer zu den Geburtstagen hat er das erzählt, der Großvater, wenn er die Familie bei Kaffee und Kuchen vollständig um sich versammelt wußte.
Eine Weile ist Schweigen in der Bahn. Seit Kindertagen, sagt er dann, und um die geht es ja heute, sind wir – wenn wir nicht mitm Großvater in der „Elektrischen“ saßen – mit der „8“ gefahren. Das war damals schon die Linie, die zu uns rauf fuhr. Das war gar nicht so einfach, für mich als ein Kind, das grade zählen lernt, das auseinanderzuhalten: 8haben, 8geben, in 8nehmen und dann mit der 8 fahren … Ich wußte nie, wem ich die 8 hätte geben sollen, wenn ich eine gehabt hätte, aber ich sollte ja dauernd 8haben! Mein Vater, fährt er nach einer Weile fort, ist als Kind auch schon mit der „8“ gefahren. Aber vom Krieg hat er wenig erzählt, vermutlich wußte er, warum. Schmerzen hat er gehabt, sein Leben lang Schmerzen, und auf die Ärzte hat er geschimpft, sein Leben lang, die nichts gefunden haben, weil nichts zu finden war – das war der Krieg. Naja.
Inzwischen ist die „8“ schon fast „aus der Stadt“ rausgefahren. Sie hat den ersten Anstieg bewältigt, das (ehemalige, aber heute noch so genannte) Industriegelände passiert, die Eisenbahnbrücke überwunden, quert eben den Heller, um gleich in die Junge Heide einzutauchen. Da packt er mich am Arm und ruft, hier, hier wars …
Die Birken sehen noch fast so aus wie damals. Da sind wir genau so wie wir jetzt aus der Stadt raus gekommen, aber es war eine kaum zu atmende Luft in dem Kasten. Das Geraune, ich hab ja mit meinen grade mal fünf Jahren nicht viel verstanden, ging um die beschlossene oder bevorstehende Einführung der „allgemeinen Wehrpflicht“. Heute würde ich sagen, eine Scheißstimmung war das. Und hier, genau an der Stelle, die ich dir gezeigt habe, da dachte es plötzlich in mir, „BIS ICH SO ALT BIN, IST DAS WIEDER ABGESCHAFFT“.

Es war die größte aller Hoffnungen, die ich je hatte – und sie ist natürlich bitterst enttäuscht worden…
Aber jetzt, sagt er, wie wir aussteigen und die „8“ allein weiterfahren lassen, jetzt müssen wir sehn, daß wir irgendwo ein Bier bekommen, denn, was die Zukunft angeht …

Thomas Gerlach

Korrespondenz aus einer Nachbargemeinde

In der Gegend um das Adlergebirge, (Und in dem…) Schneegebirge (…da fließt ein Brünnlein kalt), Heuscheuer-, Reichensteiner-, fast Altvater-, eher fernem Riesengebirge gibt es eine Stelle, da kann man innerhalb eines Spazierganges von zwei Stunden in drei Meere spucken. Irgendwann würden Cuxhaven (Elbe-Nordsee) erreicht, Swinemünde (Oder-Ostsee) und die parlamentarische Unentschlossenheit der Donau mit ihrer Deltamündung ließe die Hoffnung, das Schwarze Meer über den Bosporus ins Mittelmeer zu entlassen. Im Sommer kann es hier tagelang regnen oder es ist bei 20 Grad schon T-Shirt-wechsel-schwül. September und Oktober bieten dagegen oft längere stabile Hochdruckphasen, es ist noch lange hell, lohnt einen Aufbruch. Ich schreibe aus Neustadt an der Mettau/Nove M?sto nad Metují mit Blick auf Altstadtpflaster, Laubengänge und Schloss. Hier herrscht die Prinzessin Ka?enka, der es immer wieder gelingt, dem alten kautzigen Rübezahl die Gewitterwolken zurückzuschieben. Man sagt den beiden sogar eine Romanze nach. Einmal zur „Hölle“ (tsch. Peklo), bitte ich den Taxifahrer. Rückabholung in zwei Stunden. Es handelt sich um eine ehemalige Wassermühle an der Mettau, Holzhäuser mit Volksbemalung, Gastro. Ein schöner Ort. Wanderwege heißen nach Dichtern. Und selbst wenn Sie Božena N?mcová vom 500-Kronen-Schein anlacht, stecken Sie das Buch „Die Großmutter“ ein, bevor sie das „Großmütterchental“ (Filmkulisse!) entlangspazieren. Ein kleiner Grusel zum Abschluss wäre ein Ausflug in die Schädelkapelle, bei Náchod über die polnische Grenze und in Kudowa Zdrój links der Straße. Eine größere Stätte dieser Art ist mir nur aus Kuttenberg/Kutná Hora südlich von Prag bekannt. Sie müssen sich an das Makabre bitte selbst heranrecherchieren.
Im Winterhalbjahr übernimmt die Herrschaft im Adlergebirge übrigens der bärtige Berggeist Rampušák von Ka?enka. Also beeilen Sie sich bitte, um die Prinzessin zu grüßen von ihrem

Tobias Märksch

Glosse

Sklave des Systems?*

Neulich habe ich mal wieder in einer größeren sächsischen Stadt mit der Chefin eines Veranstaltungshauses geplaudert und mich mit ihr über die Probleme des gegenwärtigen Kulturbetriebes ausgetauscht. Neue Technik soll es da richten. Und so nutzen die Leute zwar das eingeführte elektronische Kartenbestellsystem, erzählte sie, aber, mal abgesehen von den ständig auftretenden technischen Pannen, lässt sich eine halbwegs aussagekräftige Besucherplanung damit eben nicht herzaubern. „Mitunter werden die Karten erst kurz vor Vorstellungsbeginn auf dem Weg zum Veranstaltungsort gebucht“, ließ mich die Frau wissen.
Also, langzeitige Planung war gestern! Kurzfristige Entscheidungen sind heutzutage angesagt. „Was weiß ich denn, was ich in einer halben Stunde mache und wo ich da überhaupt bin?“ Ja nicht festlegen, es könnte noch in allerletzter Sekunde ein Anruf über ein verlockenderes „Meeting“ geben. Immer auf dem Sprung! Immer am Ball! Nur nichts verpassen! Dran sein am neuesten Hit!
Natürlich gibt es auch die andere Sorte von Menschen. Unlängst erst scrollte ein neben mir sitzender Unbekannter kurz vor Beginn einer Show alle auf seinem Smartphone gespeicherten privaten Termine für das nächsten halben Jahres herunter und das auch noch seiner Begleiterin lautstark erklärend. Da wird er ganz schön zu tun haben, dachte ich mir. Dazwischenkommen – beispielsweise das Leben – darf da nichts.
Einerseits Planung bis ins Kleinste, andererseits Unverbindlichkeit und Egozentrik! Wie lässt sich da ein verlässliches Miteinander, ein gemeinsames Leben aufbauen? Immer mehr Menschen scheuen vor einer dauerhaften Beziehung zurück. Das Single-Dasein nimmt erschreckend überhand. Fast ein Drittel der Männer unter 30 Jahren wollen aus Bindungsangst allein bleiben, viele auch aus Existenzangst. Ist doch das Leben im Laufe der letzten 30/40 Jahren immer komplizierter geworden. Für alles und jedes gibt es Gesetze, Bestimmungen, Vorschriften, Verordnungen, Maßregeln, Instruktionen, Gebote, Hinweise, Ratgeber … In der Bundesrepublik – bezogen allein auf das Bundesrecht – existierten 2024 1.797 Gesetze und 2.866 Rechtsverordnungen mit insgesamt 96.876 Einzelnormen! Wer hier nicht durchdreht ist selber schuld.
Wie oft bin ich schon an der Bestellung einer Ware im Internet gescheitert, weil es an irgendeiner Stelle nicht weiter ging oder ich bei den vielen Zwischenschritten einen übersehen hatte. Dabei will ich mich nicht einmal über die vielen Nötigungen im Netz oder seitenlangen Fragebögen von Behörden auslassen.
Für Otto-Normalverbraucher ist das Leben einfach zu kompliziert geworden. Der immer stärkere Einsatz von Elektronik im Alltag spaltet auch deshalb die Gesellschaft, weil deren Handhabung angeblich permanent verbessert werden muss. Ständig muss ich wieder verlernen, was ich gerade begriffen habe! Nun ist es schon so weit gekommen, dass den Erwachsenen eine helfende Kraft, z.B. Schüler von Grund- und Mittelschulen, an die Seite gestellt werden muss, damit sie den Alltag bewältigen. Erst kürzlich war der gesamte Text meiner Webseite einfach verschwunden. Ich war völlig hilflos. Zum Glück hatte ich mir schon seit längerem einen Elektronik-Betreuer angelacht, der die Sache mit einem Handgriff erledigte. Er hat‘s mir erklärt: Ich hatte einfach zu wenig nach der Seite geschaut! Unglaublich! Bin ich jetzt schon Sklave des Systems?!
Neulich aber hatte ich doch noch eine kleine Freude erleben dürfen. So war ich zugegen, wie sich der Einlassdienst jenes anfänglich erwähnten Veranstaltungshauses mühte, das elektronische Kartenbestellsystem in den Griff zu bekommen, denn Eintrittskarten im klassischen Sinne gab es ja nicht mehr. Wer seinen Eintritt bezahlt hatte, bekam einen schlichten Kassenbon mit Scan-Code. Dieser wiederrum musste vom Einlass in ein Handy übertragen werden, damit zweifelslos nachgewiesen werden konnte, dass alle Besitzer von Karten auch in der Vorstellung saßen. Natürlich lief das alles andere als zügig ab, da mindestens die Hälfte der Besucher den Kauf ausschließlich über ihr Handy abgewickelt hatte. Über die Frage, wann, wo und unter welchem Begriff man die Daten gespeichert hatte, konnten quälende Minuten vergehen. Als sich letztendlich auch noch das Handy des Einlassdienstes „aufgehängt“ hatte, war die „Butter braun“ und die Besucher stauten sich bis vor die Tür. Da lob ich mir doch den Einlassdienst vergangener Tage, der die Karte entwertete und mir dazu noch ein freundliches Lächeln schenkte, meint

Euer Motzi

* erstellt mit natürlicher Intelligenz

Zur Reihe: Als die Läden noch die Namen von Leuten trugen

Läden meiner Kindheit

Meine Kindheit verlebte ich zusammen mit Eltern und drei jüngeren Geschwistern ab 1960 in Radebeul West auf der Wilhelm-Busch-Strasse. Bei einem großen Haushalt war es für uns Kinder selbstverständlich verschiedene Aufgaben zu übernehmen, um die Mutter zu unterstützen. Dazu zählte auch das Besorgen von Lebensmitteln. Einkaufen war in dieser Zeit völlig anders als heute. Es gab in unserer Nähe mehrere kleine, spezielle Läden. Alle waren gut zu Fuß oder mit unserem Roller zu erreichen.
Gleich rechts um die Ecke auf der Meißner Straße hatte der Schuster Schloms sein Geschäft. Bei einem 6-Personen-Haushalt gab es oft mal kaputte Schuhe zu flicken. Der Laden war klein und eng und es roch immer sehr intensiv nach dem Schuhkleister. Unglaublich, diese Arbeitsbedingungen.
Sehr oft hatten wir auch in dem Laden der drei älteren Schwestern Isaac etwas einzukaufen. Er befand sich an der Meißner Straße, kurz vor der Einfahrt zur Käthe-Kollwitz-Strasse. Das war ein sehr interessanter Laden, mit hohen braunen Holzregalen voller beschrifteter Schubkästen. Auf dem Tresen standen Bonbongläser mit verschiedenen bunten Leckereien, und auch Lackritze war dabei. In meiner Erinnerung war der Laden sehr voll mit den verschiedensten Waren. Das Meiste gab es lose. Die gewünschten Waren wurden abgewogen und in Papiertüten verpackt. Manchmal brachten wir auch unsere eigenen Gefäße und Flaschen mit.
Es war so eine Art „Tante-Emma-Laden“, es gab da fast alles, z.B. Malzbier, Essig, Waschpulver, Gewürze, div. Hygieneartikel. Die Schwestern waren stets freundlich und emsig. Manchmal stellten sie etwas zurück, wenn sie wussten, dass wir das gern kaufen wollten. Auch am Wochenende konnte man, natürlich nur ausnahmsweise, mal bei ihnen klingeln und um etwas bitten, was der Mutter gerade in der Küche fehlte.
Neben der ehemaligen Post gab es viele Jahre ein Fischgeschäft. Dort residierte die Fisch-Regine, eine kräftige, blonde Frau mit weißer Gummischürze. (Leider erinnere ich mich nicht mehr an ihren richtigen Namen.) Solche Fischgeschäfte gibt es heute gar nicht mehr. Am interessantesten für uns Kinder war ein Wasserbecken, in dem Fische herumschwammen. Die Hausfrauen konnten sie ganz frisch erwerben, sofort schlachten lassen oder lebend in einem Eimer nach Hause tragen. Ich erinnere mich, dass manchmal ein Karpfen in unserer Badewanne schwamm.
Brötchen und Brot kauften wir bei der Bäckerei Drechsel auf der Moritzburger Straße (jetzt ist dort ein Immobiliengeschäft). Ganz besonders begehrt waren die Fettbrötchen, Sie hatten eine etwas längliche Form und einen besonders guten Geschmack.
Das Milchholen gehörte auch zu unseren Aufgaben. Der Milchladen war auf der Moritzburger Straße (jetzt ist dort ein Blumenladen). In diesem Laden wirbelte die kleine Frau Gundermann herum. Sie füllte uns mit einem großem Metall-Maß Vollmilch oder Buttermilch aus den großen Milchkannen in unsere kleineren 1-Liter-Alu-Milchkannen. Auch die Kaffeesahne „Immergut“ und gute Butter gab es bei ihr. Anfangs wurden Kaffeesahne und Butter auf einer kleinen, blauen Pappkarte, die wir vorweisen mussten, registriert. Sie waren noch rationiert.
Die volle Milchkanne wurde dann meist an die Lenkstange des Rollers gehängt und ab ging es nach Hause. Wenn wir andere Kinder trafen, machten wir manchmal ein Wettspiel: Deckel ab von der Milchkanne und ganz schnell herumschleudern, es lief i.d.R.! keine Milch aus der Kanne!
Gleich daneben befand sich der Gemüseladen. Rotkraut, Weißkraut, Sauerkraut, Möhren, Äpfel und Kartoffeln kauften wir dort oft. Südfrüchte gab es damals nicht (nur manchmal in der Weihnachtszeit)
Fleisch und Wurst kaufte unsere Mutter selbst beim Fleischer Leschke auf der Moritzburger Straße, jetzt ist dort immer noch ein Fleischwarengeschäft. Manches musste bestellt werden, besonders Fleisch, es gab ja nicht immer alles.
Alle Einkäufe wurden nach Hause getragen, schwere Sachen transportierten wir mit dem sogenannten Rollfix, einem kleinen Handwagen. So war das damals üblich. Manche Leser erinnern sich sicher noch daran.

Barbara Heinrich

Ulfrid Kleinert – Abschied von Radebeul und ein neues Buch

PR Verlag Herder

Mehr als drei Jahrzehnte war Radebeul für Prof. Ulfrid Kleinert und seine Familie Lebensmittelpunkt, Wirkungsstätte und zugleich Ausgangspunkt für zahlreiche Reisen. 1991, nach der politischen Wende, kehrte der 1941 in Dresden geborene Theologe in seine sächsische Heimat zurück. Zunächst wohnte die Familie in der Karlstraße, später in der Käthe-Kollwitz-Straße.
Die Verbindung zum Diakonischen Werk Sachsen und vor allem die Gründung der Evangelischen Hochschule Dresden führten Kleinert nach Radebeul. Als deren Gründungsrektor prägte er die Aufbaujahre der Hochschule entscheidend mit.
Doch Kleinerts Wirken reichte weit über Hochschule und Wissenschaft hinaus. Als Theologe, Sozialwissenschaftler und profunder Kenner des Alten Orients verband er wissenschaftliche Arbeit mit einer großen Leidenschaft für Geschichte, Kunst und Kultur. Gemeinsam mit dem Verein Studienreisen Radebeul organisierte er zwischen 2000 und 2019 zahlreiche Reisen in den Nahen Osten sowie nach Nord- und Ostafrika. Viele dieser Erfahrungen fanden später Eingang in seine Veröffentlichungen.
Nun heißt es Abschied nehmen. Gemeinsam mit seiner Frau, Prof. Dr. Angelika Franz, ist Kleinert nach Hamburg gezogen, um näher bei den Kindern zu leben. „Ich werde Radebeul vermissen“, sagt er – ein Satz, der nach 35 Jahren an der Elbe mehr als verständlich ist.
Passend zum Abschied lohnt sich ein Blick auf sein neuestes Buch: „Und sie zogen aus in ein wüstes Land … Auf den Spuren der Bibel durch den Sinai“, das Kleinert gemeinsam mit Rolf Kühn verfasst hat. Die Reise führt in eine Landschaft, die wie kaum eine andere mit den Überlieferungen des Alten Testaments verbunden ist. Zwischen Wüste, Gebirge und alten Klosterstätten gehen die Autoren den biblischen Spuren nach und verbinden historische, archäologische und theologische Perspektiven. Entstanden ist so weit mehr als ein Reisebericht: eine anschauliche Einladung, den Sinai als Landschaft von Geschichte, Glauben und Erinnerung neu zu entdecken.

Sascha Graedtke

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Das Buch ist im Verlag Herder erschienen und kostet 30€.

Nachlese

Foto: S. Graedtke

Die Redaktion der „Vorschau“ fieberte über Monate unserer Jahresverstaltung, einer Lesung mit der Schauspielerin Julia Siebenschuh und Moderator Thomas Bille, am Abend des 14. August entgegen. Wiederholt waren wir im Garten des Weinguts Aust am Fuße der Weinberge zu Gast. Bei schönstem Sommerwetter strömten die Zuschauer, respektive Zuhörer unter das große Festzelt und die angrenzenden Gartenbäume. Der Zuspruch übertraf weit unsere Erwartungen, wie sicher auch der Gastgeber.
Während der über zweistündigen Lesung entspann sich ein fiktiver Dialog zwischen den Dichtern Rainer Maria Rilke und Mascha Kaléko – zwei Schriftsteller, die sich wohl nie begegnet sind, aber sich viel zu sagen gehabt hätten.
Es war eine Freude beiden versierten Sprechern zu lauschen, die facettenreich den literarischen Protagonisten ihre Stimme liehen.
In geselliger Runde klang am späten Abend im Weingutsgarten, nunmehr unterm Himmelszelt, unsere überaus gelungene Veranstaltung aus.

Sascha Graedtke

Foto: M. Zacharias

Foto: M. Zacharias

Der Schatten auf Familie Kohlmann Stolpersteine für „Villa Kolbe“ am 22. September, 15 Uhr

Dr. Daniel Ristau, Foto: H. Weckbrodt

Mit einer werbenden Postkarte zum Tag des offenen Denkmals Mitte September 2025 hat René Kuhnt ein Dreigestirn geschaffen, das sich wegen seiner Alliteration in das Radebeuler Gedächtnis einprägen sollte: Kolbe – Kohlmann – Kuhnt. Dass es andere „Zwischenwirte“ gab, von Milkau, Paul, Schramm sowie das Münchner Dreigestirn Jäger/Saniter/Walter, welches sich mit der Verwahrlosung der Villa ein ganz eigenes Denkmal gesetzt hat, sei‘s drum!, bei den drei „K“ kann es bleiben.
Ältere Radebeuler können mit dem Namen Kohlmann etwas anfangen. Der Familie gehörte das von dem Chemiker Carl Kolbe erbaute Villen-Prachtstück von den 1930ern bis in die 1970er Jahre. Doch auf dem Namen Kohlmann liegt ein Schatten. Wegen der „jüdischen Versipptheit“ hatte die Familie in der Nazi-Zeit ein schweres Schicksal. Daran wird am Dienstag, 22. September 2026 mit Verlegung von „Stolpersteinen“ vor der nunmehr Kuhnt-Villa auf der Zinzendorfer Straße 16 erinnert.
Hauptinitiatoren sind die beiden Radebeuler Thomas Berndt und der Historiker Dr. Daniel Ristau, unterstützt und begleitet vom Verein Stolpersteine Dresden e.V., der AG Geschichte Radebeul, der Musikschule des Landkreises, der Stadt Radebeul sowie Schülerinnen und Schülern und privaten Spendern wie das Radisson Blue Hotel und nicht zuletzt vom jetzigen Villen-Eigner René Kuhnt. Denn nach der Steinverlegung lädt Kuhnt zum Kaffeetrinken in den Villengarten ein. 18:30 Uhr folgt im Radisson Blue ein moderiertes Gespräch, an dem Nachfahren der Familie Kohlmann teilnehmen.
Der Arzt Anton Johannes Kohlmann begann in den 1920er Jahren, die Villa nach und nach für seine Klinik zu nutzen, zunächst als Mieter, 1939 als Eigentümer. Mit Machtergreifen der Nazis ging der Ärger los: Herr Doktor Kohlmann durfte die Klinik betreten, Frau Kohlmann nicht. Brunhilde (Bronislava) Kohlmann, geborene Weich, war zwar evangelisch getauft, doch nach der pseudowissenschaftlichen NS-Rassenterminologie wurde sie als „Volljüdin“ erachtet, mit allen Konsequenzen: Drangsalierung und Entrechtung. 1941 wurde die Ehefrau des angesehenen Chirurgen zu Zwangsarbeit verpflichtet. Öffentliche Verkehrsmittel für den Weg zur Arbeit in der Kartonagenfabrik von Adolf Bauer auf der Neuen Gasse im Dresdner Stadtzentrum (1945 zerstört) durfte sie nicht nutzen.

Thomas Berndt, Foto: B. Zscheischler

1944 erfuhren die beiden Kinder der „Mischehe“ als „jüdische Mischlinge 1. Grades“ das gleiche Schicksal. Ursula Kohlmann, Jahrgang 1922, erhielt zunächst Studienverbot, dann musste sie wie die Mutter bei Bauer in Dresden Zwangsarbeit leisten. Ihr jüngerer Bruder Alexander, Jahrgang 1925, erhielt zunächst Schulverbot und wurde 1944 zur Zwangsarbeit nach Frankreich verfrachtet. Weil der Ehemann und Vater ein hohes Ansehen bei den Machthabern genoss, entgingen Frau und Kinder dem Schicksal der Deportation und Ermordung. Sie haben überlebt, Brunhilde, Ursula und Alexander. Doch der Schatten will nicht weichen.
Der Kölner Künstler Gunter Demnig hat das Kunst- und Denkmalprojekt „Stolpersteine“ 1996 ins Leben gerufen. Es hat viele Nachahmer gefunden, in Deutschland und darüber hinaus. Europaweit liegen heute weit mehr als 100.000 Steine, die an im Dritten Reich verfolgte und ermordete Juden erinnern. Noch heute kommt Demig selbst zu Steine-Verlegungen, zweimal war er in Radebeul, 2005 und 2025.
„Juden in Radebeul“ hieß das vor gut 20 Jahren herausgegebenes Buch von Ingrid Lewek und Wolfgang Tarnowski. Die Schrift gab die Initialzündung für die Verlegung erster Stolpersteine in Radebeul, am 26. Juli 2005 im Gehweg vor dem Wettin-Haus auf der Moritzburger Straße 1 in Kötzschenbroda. Die Steine erinnern an fünf Mitglieder der Familie Freund, die in Ausschwitz und Theresienstadt ermordet wurden. Organisator war der damalige Geschichtsverein um Ingrid Lewek und Christine Ruby. Bei dieser Verlegung war Gunter Demnig dabei. Danach, so erzählt es Christine Ruby, gab es anrührende Gespräche mit Anwohnern, die sich erinnerten, wie sie in ihrer Jugend mit den Kindern der Familie Freund gespielt haben.

Villa Kolbe-Kohlmann-Kuhnt, Postkarte

2009 beklagte Thomas Berndt in einem offenen Brief die geringe öffentliche Aufmerksamkeit für die Radebeuler Opfer der NS-Vergangenheit. Aus den 25 Erstunterzeichnern bildete sich ein neuer Kreis Engagierter heraus. Ingrid Clausnitzer, Ingrid Lewek, Thomas Berndt und Roland Hering gingen bewusst auf die Radebeuler Schulen zu. Ganze Schulklassen haben an Projekten mitgewirkt und das Wissen um die deutsche Schuld aus der Nazi-Vergangenheit in eine weitere Generation getragen. Für sein Konzept für den Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus wurde Berndt 2010 mit dem Radebeuler Courage-Peis bedacht. Das Autoren-Duo Lewek/Tarnowski erhielten diesen Preis 2017.
Einen weiteren Schub bekam die Initiative 2021, als sich Bürgerinnen und Bürger sowie Mitarbeitende der Verwaltung in der „Arbeitsgemeinschaft (AG) Geschichte Radebeul“ vereinten, um im Sinne einer lebendigen Erinnerungskultur Forschung und Wissensvermittlung zu lokalen Ereignissen des zurückliegenden Jahrhunderts zu unterstützen sowie Gedenkveranstaltungen zu organisieren. Ein Stadtratsbeschluss gab der Initiative 2022 den amtlichen Segen. Erinnert sei an die Ausstellung „Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz. Deutsches Reich – Sachsen – Radebeul“, maßgeblich organisiert von Frank Andert und Dr. Klaus-Dieter Müller.

Buchcover »Juden in Radebeul« Notschriften-Verlag

Nach 2005 wurden erneut am 17. Juni 2024 an drei Orten in Radebeul Stolpersteine verlegt, am Augustusweg 1 und 62 sowie vor den Landesbühnen, erinnernd an die Familien Schaye und Wach. Die Übergabe an der „Villa Wach“ erfolgte zunächst symbolisch, die Steine können erst verlegt werden, wenn Hort und Grundschule der Kinderarche fertig sind. Projekt-Erfinder Gunter Demnig persönlich verlegte am 7. Mai 2025 vier Stolpersteine an der Clara Zetkin-Straße 5. Sie erinnern an Familie Aronade, wovon zwei in Ausschwitz ermordet wurden.
Genius Loci nahezu aller Veranstaltungen ist der Historiker Dr. Daniel Ristau. Er leistet den Großteil der inhaltlichen Arbeit, wozu vor allem die diffizile biografische Recherche gehört. Thomas Berndt hält einerseits die organisatorischen Fäden in der Hand und andererseits den Kontakt zu den Radebeuler Schulen und allen anderen Initiativen.
Mehr zu dieser Thematik in V&R im September-Heft 2022 von Dr. Klaus-Dieter Müller sowie von Frank Andert in der Ausgabe von Januar 2025.
Gesucht werden auch Paten für Stolpersteine, das sind aufmerksame Mitmenschen, die auf die Steine achten, öfter mal vorbei schauen, sie putzen und Schäden melden.

Burkhard Zscheischler
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Spendenkonto bei der Stadt Radebeul:
IBAN: DE97 8505 5000 3100 0031 00 (Sparkasse Meißen)
Betreff: 831000 – Stolpersteine
https://www.radebeul.de/stolpersteine

TAG DES OFFENEN DENKMALS AM 13.09.2026

Der Pavillon im Mohrenhauspark

Foto: R. Bialek

„Netzwerke: Denkmale & Infrastruktur“. Unter dieses Motto hat die Deutsche Stiftung Denkmalschutz die deutschlandweite Aktion in diesem Jahr gestellt. „Netzwerken“ ist wichtiger denn je geworden! Aber was hat der Pavillon am Mohrenhaus damit zu tun?
Mindestens das gute Zusammenspiel von Stadtverwaltung, Verein, Kinderschutzbund und Denkmalbehörden sei hierfür erwähnt. Und in diesem Rahmen sei auch an die Infrastruktur um den Pavillon gedacht! Die Gestaltung des umliegenden Parks, Zugänglichkeit und Nutzbarkeit des Pavillons sind zukünftig die Themen, um die wir uns gemeinsam Gedanken machen müssen!
Um den Baufortschritt inkl. Stuck in der Kuppel im und am Pavillon zu betrachten, sind alle herzlich eingeladen, den Tag des offenen Denkmals dafür zu nutzen! Machen Sie sich selbst ein Bild vom Einsatz der Stadt-, Spenden- und Fördergelder. Wir rechnen weiter mit Ihnen und danken bereits vorab für Ihren Besuch und vielleicht auch neue umsetzbare Ideen!

Foto: R. Bialek

Wir öffnen den Pavillon am 13.09.2026 von 13 -17 Uhr. Geboten werden unter anderem Baustellenführungen, die Möglichkeit, bei einem Glas Wein ins Gespräch zu kommen und handgemachte Musik zur Untermalung der Veranstaltung. Das genaue Programm entnehmen Sie bitte der Homepage des Vereins (www.denkmalneuanradebeul.de) ab Ende August.
Noch ein Hinweis: Vom 10.-12.9.26 finden bundesweit die Tage der Restauratoren im Handwerk statt. Ausnahmsweise wird es aus gegebenem Anlass am 13. September beim Pavillon eine Präsentation einiger Fachkundiger aus dem Verein zum Thema „Restaurator im Handwerk“ geben.
An dieser Stelle sei jetzt schon allen Beteiligten im Vorfeld und am Tag des offenen Denkmals herzlich für ihr Mitwirken gedankt.

Robert Bialek
für den verein für denkmalpflege und neues bauen radebeul e.v.

Dr. Jörg Müller
für die Stadtverwaltung Radebeul

 

 

 

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