Zum Titelbild April 2020

Die Offsetlithographie „Moritzburg“ entstand Ende der 1990er Jahre und wurde in einer Auflage von 20 Exemplaren auf Büttenpapier gedruckt. Mit kraftvollen Pinselstrichen notierte Bärbel Kuntsche das Wesentliche. Senkrecht stehen im Vordergrund hochgewachsene Bäume und zwei alte Torsäulen, die ihrer eigentlichen Funktion beraubt sind. Denn das Tor ist nicht mehr vorhanden. Der Blick gleitet ungehindert über eine Allee zu einem imposanten Bauwerk, welches unschwer als das barocke Jagd- und Lustschloss Moritzburg zu erkennen ist. Die Zeichnung zeigt dessen nicht minder repräsentativ wirkende Rückansicht. Die Allansichtigkeit des Gebäudes im harmonischen Wechselspiel mit der Natur ist in der Tat verblüffend. Die Baumeister jener Zeit haben ihr Handwerk im Komplex verstanden.

Nach Moritzburg, dem Sehnsuchtsort vieler Künstler, kann man von Radebeul aus auf sehr unterschiedliche Weise gelangen: zu Fuß, per Rad, mit dem Auto oder Bus. Ein besonderes Vergnügen bereitet die Fahrt mit der Schmalspurbahn, liebevoll auch „Lößnitzdackel“ oder „Grundwurm“ genannt. Die Strecke führt durch den wildromantischen Lößnitzgrund hinauf zu einer sanften Hügellandschaft mit Wiesen, Wäldern, Tümpeln und Teichen.

In Moritzburg bildet das Schloss den touristischen Anziehungspunkt. Doch zu entdecken gibt es Vieles – und das zu jeder Jahreszeit. Eine Fülle dieser wunderbaren Motive spiegelt sich in Bärbel Kuntsches Schaffen. Mit freundlicher Erlaubnis der Künstlerin werden einige der Werke auch in der Online-Version des Monatsheftes “Vorschau und Rückblick“ zu sehen sein.

Karin (Gerhardt) Baum

Mit Wolf Biermann poetisch und politisch durch das Jahr

„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“

In Erinnerung an Dr. Dietmar Kunze, der im April seinen 70. Geburtstag gefeiert hätte.

Alles, was er anrührte, passte in die Zeit, immer – das zeigten seine Skizzen und Ausstellungen besonders – berührte er das Herz. Zeichnungen von Hand – jede stellt eine Kostbarkeit dar, seine Skizzen fangen das Flair der Umgebung ein, jedes Bauwerk an seinem Standort sollte dort wirken und einen Nutzen erfüllen.

Selten ist mir ein so bescheidener Mensch begegnet. Mit Heiterkeit und Freundlichkeit begegnete er mir, häufig per Rad oder mit Einkaufswagen und immer in Eile, weil etwas zu tun war. „Hallo, wie geht’s ? Ich hab gerade keine Zeit…“ so habe ich unsere Begegnung in Erinnerung.

Auch wenn unser Verein „Alter Gasthof Sörnewitz e. V. inzwischen aufgelöst wurde, so gibt es doch eine kleine Geschichte zu erzählen, wie sie das Leben nicht tragischer schreiben kann. Unser Verein lebte von Hoffnung, Zuversicht und Optimismus, um das größte und vielleicht älteste Gebäude inmitten des Ortes Alt-Sörnewitz, dem idyllischen Dorf an der Elbe, zu retten. Jeder brachte sich hier uneigennützig ein, mit Freude erhielten wir Unterstützung in jeder Hinsicht durch privates Engagement.

Es war im Jahr 2006, wir standen unter dem abgebrannten Dachbalken des Prunksaales voller Stuckelemente und träumten vom Wiederaufbau. Vor Jahren hatte jemand ein Feuer gelegt, durch welches der Saal völlig zerstört wurde und das Nebengebäude verfiel zusehends. Nach der Wende hatte ein Herr Jäger privat die Immobilie spekulativ für wenig Geld erworben, Kredite aufgenommen, die Miete für das griechische Restaurant ins Unermessliche gesteigert und schließlich, nach Kündigung des Gastwirtes Insolvenz angemeldet, mit all den Schulden, die auf dem Gebäude lasteten. Fortan dümpelte die Ruine vor sich hin, keiner im Ort wollte diesen Anblick ertragen und der Verein nahm die Rettung in die Hand.

Das Dach wurde vorsichtig abgetragen, stets den Wiederaufbau im Blick. Dabei unterstützte auch Dr. Kunze, um so viel wie möglich zu erhalten. Die Stuckelemente wurden eingelagert. Der Verkauf des Grundstücks war angesichts der Sanierungskosten unabwendbar. Nun ging es nur noch um die Rettung des Hauptgebäudes an der Ecke, mit seinem besonderen Schnitt und auch dafür zeichnete Dr. Kunze Skizzen für eine gemeinnützige Nutzung wie Bibliothek, vermieteter Laden, Kaffee, Zeichen- und Kulturräume. Doch die Stadt Coswig enttäuschte uns sehr, sie fragte, wer sich um dieses Haus kümmern soll und ließ den Verein von den gespendeten Geldern die Grundschulden nachzahlen, die längst verjährt waren. Der Verein gab noch nicht auf, aber er war froh, als sich ein neuer Investor gefunden hatte. Dieser begann und alle hofften. Nun steht der halbfertige Bau wieder zum Verkauf, nachdem der Käufer schwer erkrankt ist. Der Gasthof sucht also wieder einen neuen Eigentümer, diesmal über den Nachfolger.

Wir haben als Verein noch eine Erinnerungsplatte gravieren lassen und wollten von dem letzten Geld im Hof einen Baum pflanzen. Wer wird dieses Erbe übernehmen?

Die Zeichnungen von Dr. Dietmar Kunze, wertvoll und durchdacht, konnten leider nicht in die Praxis umgesetzt werden und doch hat er so viel bewegt. Ohne seine Hilfe stände jetzt noch eine Ruine im Dorf. Er hat viel getan, an vielen Baustellen und immer nach vorn geblickt.

„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es., das Kästner-Zitat passte so gut zu Dr. Kunze! Er ist nicht nur zu zeitig gegangen, sondern seine positive, optimistische Lebensart wird uns sehr fehlen.

Ina Vogt

Der Fotograf Christian Borchert (1942-2000)

Die große Retrospektive in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden

Christian Borchert in Radebeul und das Wohnhaus von Marie Pelz in Dresden

Als im Jahre 1954 ein gerade einmal 12-ähriger Junge mit seiner Bakelit-Amateurkamera die ersten Bilder schießt, kann noch niemand ahnen, dass er später einmal beispielsweise neben Evelyn Richter, Sibylle Bergmann und Arno Fischer zu den wichtigsten Fotografen in Ostdeutschland in der zweiten Hälfte des 20.Jh. gehören wird. Bereits diese frühen Aufnahmen, im Format 6×6, von der noch zu großen Teilen in Trümmern liegenden Innenstadt Dresdens, wird er später immer als Beginn seiner photographischen Arbeit bezeichnen. Dem Kind von damals, Christian Borchert,1942 in Dresden-Pieschen geboren, widmeten die SKD im Kupferstich-Kabinett von Oktober 2019 bis März dieses Jahres eine umfangreiche wohlkonzipierte große Retrospektive, die einen Einblick in sein äußerst umfangreiches Œuvre gab. Nach seinem Studium zum Kopierwerkstechniker, schloss er 1967 eine Ausbildung als Fotograf ab, von 1971 bis 1974 absolvierte er an der einzigen Ausbildungsstätte für Diplomfotografie in der DDR, der Hochschule für Grafik u. Buchkunst in Leipzig, ein Studium als Fotografiker ab. In dieser Zeit, Borchert lebt inzwischen in Ost-Berlin, war er als Bildreporter bei der „Neuen Berliner Zeitung“(NBI) tätig. Das Anstellungsverhältnis bot zwar Sicherheit, eine echte kreative Entfaltung und Unabhängigkeit die künstlerisches Arbeiten jedoch voraussetzen, war nicht möglich. Im März 1975 entschloss er sich, ausschließlich freischaffend zu arbeiten und bereits in diesem Zeitraum begann Christian Borchert mit seinen umfangreichen Porträtserien, die ihn berühmt machen sollten. Mit seiner außerordentlichen Begabung, Situationen und Augenblicke einfühlsam zu erfassen, fand er zu seiner Bildsprache, die seine späteren Arbeiten und v.a.seine ab ca.1982 entstandenen Serien von weit mehr als 130 Familienporträts, zu beeindruckenden Zeitdokumenten werden ließen.

Bild: Wikipedia


Bekanntheit erlangte der Fotograf auch mit Aufnahmen von Landschaften und unverfänglichen Alltagssituationen in der DDR. Als Pendler zwischen Berlin-Pankow und Dresden konnte er die stillen Veränderungen vor allem hier beobachten und festhalten und so mit seinem fotografischen, subtilen Blick bis weit in die Nachwende 90er Jahre eine eindrucksvolle Chronik des Lebens in Ostdeutschland hinterlassen.

Verschiedene Schaffensschwerpunkte überlagern und verschieben sich, entstehen parallel. So verdanken wir Christian Borchert in der Zeit von 1977 bis 1985 mit ca.10.000 Fotos, die umfangreichste fotografische Dokumentation des Wiederaufbaues der Semperoper in Dresden. Anfangs aus eigenem Interesse, geschieht dies später im Auftrag des Verlages der Kunst. Dem so entstandenen opulenten Bildband „Bilder einer Baulandschaft“ wo etwa 200 Aufnahmen des Bauprozesses vereint sind, wird in der Dresdner Schau, wie auch anderen wunderbaren Bildbänden, ein gebührender Platz eingeräumt.

1978 porträtierte er im Auftrag eines Verlages die Mitglieder der Akademie der Künste. Die teilweise in der Ausstellung gezeigten Künstlerporträts sind es, die eine besondere Anziehungskraft auf den Autor auswirkten. Die Eindringlichkeit und Unverfälschtheit der Physiognomien eines Fritz Cremer, Hermann Glöckner, der Schöpferin wunderbarer Tierplastiken Etha Richter, Charlotte E.Pauli, Christa Wolf oder des gerade 44-jährigen Claus Weidensdorfer haben etwas Magisches. Borchert legte großen Wert darauf, das alle Porträtierten frontal in die Kamera schauen. Der daraus resultierende unmittelbare Blickkontakt wird persönlich, der Betrachter kann kaum ausweichen, er will es auch nicht,sondern lässt sich auf die scheinbare Zwiesprache gern ein. Ganz ähnlich die Wirkung, die sich bei der Betrachtung der gezeigten Familienporträts entfaltet. Borchert verfährt auch hier konsequent nach sich wiederholenden Mustern: die Abgelichteten, stellen immer (zumindest nach außen) intakte Familienverbände dar und beide Eltern sind berufstätig, sie werden stets frontal aufgenommen, immer im Querformat sogar mit der selben Kamera und stets mittlerer Brennweite. Und doch, individueller hätten die Menschen unterschiedlichster Berufsgruppen nicht gezeigt werden können,in ihrem wohnlichen Umfeld, in Gestus und Mimik, sie zeigen sich selbstbewusst und offen. In das Wo und Wie der Anordnungen der Personen vor der Kamera hat Borchert interessanterweise nicht eingegriffen. Vielmehr hat er dies den Familien selber überlassen, was uns wiederum auf das systemische Verhältnis der Familienmitglieder untereinander viel verrät. Jahre später, zwischen 1993/94 kommt es mit ca.40 Familien zu einer (fotografischen) Wiederbegegnung. Möglich wird dies durch ein Arbeitsstipendium des Kunstfonds Bonn. Auch diese Bilder werden als Gegenüberstellung gezeigt,die Eltern nun sichtbar älter, die Kinder von einst nicht mehr schutzbedürftig auf dem Schoß oder an der Hand. Borcherts fotografischer Blick ist unaufgeregt und präzise. Sie geben uns Einblick in Alltägliches und werden so zu sozialhistorischen Bildquellen.

Der West-Berliner Verleger Hansgert Lambers lernte Christian Borchert 1979 bei einem Besuch im Osten kennen. Er beschreibt Borchert als jemanden, „der sehr sanft aufgetreten sei, mit viel sächsischem Charme, und das meine ich ganz ernst. Die zurückhaltend freundliche Art öffnete dem Fotografen die Türen. Die DDR-Gesellschaft sei in diesem Punkt sehr offen gewesen, Misstrauen gegenüber dem Fremden, der bis ins Wohnzimmer kam, gab es nicht. Oft sei er sogar weiterempfohlen worden, etwa durch den Pfarrer einer Gemeinde, oder er fand seine Protagonisten per Zeitungsannonce.“ 1983 fotografierte Christian Borchert ein großes Treffen von „Indianistikgruppen“ in Radebeul. Das Kupferstichkabinett zeigte zahlreiche kleinformatige Karteikarten mit Kontaktabzügen die das Ereignis dokumentieren. 1985 beginnt die Arbeit an einem weiteren Projekt, welches Christian Borchert bereits lange interessierte. Aus Dokumentarfilmen zur Geschichte Dresdens aus den Jahren 1910 bis 1949 entstehen bis in die Zeit nach dem Ende der DDR, Hunderte von Einzelbildern. Nur diesen Bildern aus Dokumentarfilmen ist im übrigen das einzige Foto, welches die Straße Am See in der Dresdner Seevorstadt vor ihrer Zerstörung zeigt, zu verdanken. Der Autor konnte das Wohnhaus seiner Ur-Ur-Großmutter Marie Pelz,geb. Brenner auf besagtem Foto ausfindig machen.

Beim kompletten Untergang des Stadtteiles im Februar 1945 sollte auch sie wenige Tage vor ihrem 66.Geburtstag den Tod finden. Der Verleger Hansgert Lambers über Christian Borchert: „Ihm ging es darum, dass andere – jetzt oder später oder an fremden Orten – sich eine Vorstellung machen können von Situationen und Verhältnissen. Es ist Fotografie gegen das Verschwinden.“ Im Alter von 58 Jahren ertrinkt Christian Borchert im Juli des Jahres 2000 in einem Berliner See. Sein immenses Schaffenswerk besteht aus 230.000 s/w Negativen, 2.300 Kleinbilddias u.a.sind archiviert im Kupferstich-Kabinett Dresden und der Berlinischen Galerie in Berlin. Mit Unterstützung der Zeit-Stiftung konnte die Deutsche Fotothek 18.000 Arbeitsabzüge aus seinem Nachlass erwerben, wovon über 12.000 in der dortigen Datenbank abrufbar sind. Wir haben dem Fotografen Christian Borchert viel zu verdanken. Mit seinen Arbeiten hilft er uns beim Innehalten und Rückblick auf unser eigenes Leben. Den Menschen aus den alten Bundesländern, die nach dem Mauerfall gern bei uns leben wollten, hätte ein Studium seiner Bilder sicher geholfen, die Seele der Ostdeutschen besser zu verstehen. Zur Nachhilfe für die Einen und uns allen zur Freude, sei deshalb zum Abschluss auf den umfangreichen Band „Tektonik der Erinnerung“ (Verlag Spector Books, Leipzig 2020), trotz einer gewissen Unübersichtlichkeit, ausdrücklich hingewiesen.

Uwe Wittig

Zum Tod vom Maler und Grafiker Claus Weidensdorfer

Du bist nicht tot, Du wechselst nur die Räume.
Du lebst in uns und gehst durch unsere Träume.

Michelangelo

In einer sehr bewegenden Trauerfeier in der Kirche von Dresden-Kaditz mussten wir am 13. März Abschied nehmen vom Maler und Grafiker Professor Claus Weidensdorfer, der am 3. März im Alter von 88 Jahren verstorben ist. Familie, Freunde und Weggefährten verabschiedeten sich mit sehr persönlichen Reden bei einfühlsamer Musik von Günther „Baby“ Sommer und Katharina Hilpert. Beim Verlassen der Kirche fegte ein starker Wind die Hüte von den Köpfen – ein letzter ironischer Gruß von Claus?

Bild: K. (Gerhardt) Baum


Claus Weidensdorfer war einer der profiliertesten Künstler der Stadt Radebeul, der mit seinen gewichtigen, oftmals auch hintergründig-humorvollen Arbeiten weit über die Stadt und Sachsen hinaus bekannt geworden ist. Im Jahr 2002 erhielt er den Kunstpreis der Großen Kreisstadt.

In Coswig geboren, studierte er an der HfBK Dresden bei Erich Fraaß, Hans Theo Richter und Max Schwimmer, arbeitete als Lehrer für Kunsterziehung in Schwarzheide und als Assistent an der HfBK Dresden und ab 1966 freischaffend. Er war Gastlehrer an der Fachschule für Werbung und Gestaltung in Berlin und an der HfBK Dresden, wo er von 1992 bis 1997 als Professor für Malerei und Grafik wirkte.

Claus Weidensdorfer lebte seit 1997 in Radebeul, war der Stadt aber auch schon vorher sehr verbunden. Einzelausstellungen, wie 1996 die große Ausstellung zum 65. Geburtstag in der Sparkasse sowie zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen belegen seine Aktivitäten in der Lößnitz.

Er suchte stets den Kontakt zu anderen Künsten – zur Musik (besonders zum Jazz), zur Literatur oder zum Tanz. Sein Ziel war die Arbeit, sein Thema ist der Mensch. Es ging um den Menschen! Er war offen und experimentierfreudig. Obwohl er in den 90er Jahren auch an Installationen beteiligt war, blieb sein Arbeitsfeld klassisch – es war stets die Malerei oder Grafik.

„Schön“ sind seine Bilder nicht – vermutlich hätte er sofort aufgehört zu malen, wenn etwas Gefälliges entstünde. Obwohl viele Bilder zur Konfrontation mit dem Betrachter geradezu einladen, macht er uns die Annäherung nicht leicht. Seine Werke erschließen sich erst auf m zweiten oder dritten Blick. Dann ist auch der Humor und die feine Ironie, die vielen Arbeiten innewohnt erkennbar. Konfrontation, nicht nur mit dem Betrachter ist wichtig. So baute er die Spannung verschiedenartiger Charaktere in seinen “Menschenlandschaften” auf.

Weidensdorfer war Jazzfan, besonders des Free. Ähnlich dem Free-Jazz, der Tonmaterial frei anwendet, benutzte der Künstler sein zeichnerisches und grafisches Material. Aber er war nie so frei, das er den gegenständlichen Bereich verließ. Wenn im Free die Zusammenklänge nicht nach bestimmten Regeln entstehen, sondern Klänge sich als Zufallsprodukte miteinander verbinden, so entstanden bei Weidensdorfer Bilder aus Farbklängen und Charakteren, die im Kopf gespeichert, durch die Hand auf das Blatt oder den Lithostein geleitet wurden. Dort aber bearbeitete, veränderte, verfremdete er sie – oftmals über einen langen Zeitraum hinweg. Ein endgültiger Zustand war selten. Jedes Blatt konnte nach der Fertigstellung auch anders aussehen.

Wer das Glück hatte, ihm zu begegnen, wird ihn nicht vergessen, man kann ihn aber finden – in jedem seiner Blätter.

Alexander Lange

30 Jahre „Fami“ in Radebeul – Chronik eines Aufbruchs (2. Teil)

Als Vereinsvorstand trugen wir ein hohes Risiko, da wir Personal beschäftigen, eine Ruine kauften und über eine Million Mark zum Ausbau brauchten. Das Risiko blieb bestehen, da auch noch ein Rückübertragungsanspruch geltend gemacht wurde, dem erst 1994 abgeholfen wurde. Mal war Elisabeth Kurth Vereinsvorsitzende, mal ich, fast alle im Vorstand hatten eigene Häuser. Wir brauchten Geld und schauten nach jeder Quelle. 1990 erhielten wir 5000 DM von der Aktion Familientag, später einen Beitrag von 1000 DM über die Stiftung Mitarbeit in Bonn. Dr. Jork spendete 800 DM für die Instandsetzung eines kommunalen Spielplatzes auf der Hermann-Illgen-Straße, worum wir uns kümmerten und was uns gute Öffentlichkeitsarbeit einbrachte. Die Kommune förderte uns mit 400 DM jährlich, das Arbeitsamt zahlte die ABM-Stellen, aber nicht vollständig, später bekamen wir vom Kreistag Mittel und vom Landesjugendamt Chemnitz, auch von der Robert-Bosch-Stiftung.

1990 vor dem unsanierten Haus: Anke-Maria Thiele, Elisabeth Kurth, Barbara Zehme, Kathrin Wallrabe (v.l.n.r.)
Bild: Archiv Fami


Ein Höhepunkt war die Förderung über die Karl-Kübel-Stiftung 1991. Dort erhielten wir den damals unfassbaren Betrag von 50 T DM. Wir fuhren gemeinsam zu Preisvergabe „in den Westen“, Barbara Plänitz hielt die Dankesrede. Außerdem spendete uns Prof. Fthenakis das Honorar von 4000 DM für seine Laudatio. Im Dezember 1991 hörten wir, dass wir auch die 15 T DM des paritätischen Wohlfahrtsverbandes für den Hauskauf ausgeben könnten, aber dies müsste bis zum 29.2.1992 erfolgt sein (siehe Protokoll 03.12.91). Wir arbeiteten seit November 1991 mit neun Halbtags-ABM-Stellen. Unterschiedlichste Projekte brauchten unterschiedliche Konzeptionen. Die hohe Arbeitslosigkeit von Frauen machte uns allen Sorgen. Der Zweck des Vereins wurde in mehreren Satzungsänderungen festgeschrieben, so war der Zweck im September 1991: „ … die Förderung und Unterstützung der Erziehung der Kinder in der Familie. Dazu wird ein Familiencafé mit Spielecke, Kinderbetreuung, Bibliothek, buntem Laden, Kommunikationsmöglichkeit eingerichtet. Es werden Vorträge, Kurse und Seminare organisiert.“ Im Dezember 1991 wurde „die Errichtung eines multifunktionalen Bildungs- und Informations – und Kommunikationszentrums zur Förderung der Erziehungsfähigkeit der Eltern“ festgeschrieben und um den politischen Auftrag „Der Verein möchte mehr Kinder-und Familienfreundlichkeit erreichen und generationsverbindend wirken“, ergänzt. „Lasst die Bürgerinitiativen nicht sterben!“, ein Aufruf vom 14.02.1991 von mir, stellte unsere Situation dar: „Besonders durch Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit, speziell bei jungen Frauen mit Kindern, spitzen sich die Probleme noch zu.“ Wir wollten selbstbestimmter und freier im Umgang mit Kindern und bei der Gestaltung unserer Lebensbiografien sein. Wir wollten der Isolation entgegenwirken, die das Leben mit kleinen Kindern zu Hause mitbrachte und wir wollten in all den Umbrüchen nicht vergessen werden, sondern uns einen Platz in der Stadt und in der Gesellschaft sichern. „Anerkennung fand unsere Arbeit bisher größtenteils in den alten Bundesländern.“ (14. 02.91).

Aber auch da gab es Missverständnisse und unterschiedliche Interpretationen. Die Lebensbiografien in Ost und West und die Vorstellungen über das Zusammenleben in der Familie prallten aufeinander. Mit Bedauern wurde auf den Osten geschaut, wo eine flächendeckende Kinderbetreuung bestand und die Frauen arbeiteten. Es wurde die Unfähigkeit der Frauen gesehen, sich zu Hause mit den eigenen Kindern zu beschäftigten. Das wollten wir auch verbessern, aber wir wollten später durchaus auch wieder in gut qualifizierten Stellen arbeiten. Beim Streit ums Geld und dem Appell an uns um mehr Ehrenamt hieß es aus „Westsicht“ seitens der Geldgeber: „Ihr Gatte arbeitet doch noch“, was bedeutete, dass wir keinen Anspruch auf bezahlte Arbeit hätten. Wir hörten von „Selbsterhebungsorgien ostdeutscher Frauen“, da wir mehr bezahlte Stellen forderten. Es war die Zeit, als die hohe Arbeitslosigkeit im Osten der „hohen Erwerbsneigung ostdeutscher Frauen“ (vgl. Zukunftsbericht Sachsen ) in die Schuhe geschoben wurde.

1992 machte Anke-Maria Thiele (Vereinsmitglied) mich auf die Studienmöglichkeiten an der neugegründeten Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit aufmerksam und wir konnten beide ab Herbst 1992 dort Sozialpädagogik studieren.

Während des Studiums tauschte ich wieder die Rollen von Projektleiterin auf ABM-Basis zum Vorstand. Mit Claudia Raum stellten wir eine Juristin als Geschäftsführerin ein. In diese Zeit fielen unsere Mühen der Bauplanung und Geldbeschaffung. Unzählige Baubesprechungen, Architektenwechsel und Diskussionen um Nutzungskonzepte im großen und kleinen Haus füllten unsere Abende. Streit blieb nicht aus.

1993 gelang es uns die Familieninitiative Radebeul e.V. als eines der Modellprojekte in den neuen Bundesländern zu platzieren, den Antrag dazu stellten wir am 22. Mai 1992. „Die Verbesserungen der Lebensbedingungen der Familien im Kreisgebiet, die Entwicklung von Eigeninitiative und Selbsthilfestrukturen der Familien und die Familienorientierung der Kommunalpolitik im Landkreis Dresden und darüber hinaus“ waren Begründungen im Antrag . „Es soll als ein neuartiges Instrument der Familienarbeit aufgebaut werden. Ein an den Bedürfnissen der Familien orientiertes multifunktionales Familienzentrum stellt einen neuen Typus der Familienarbeit in den neuen Bundesländern dar.“ (Antrag vom 22.05.1992) An Förderlyrik hatten wir schon mächtig dazu gelernt. Mit der Bewilligung gab es 3½ Jahre weniger Geldsorgen. Der Zeitraum wurde mit einer Vorlaufphase für die Rekonstruktion des Gebäudes von 6-9 Monaten 1992/93 und einer Modellphase von 3 Jahren vom 01.01.1993-31.12.1995 eingeplant. Am 18. Mai 1993 reichten wir den Bauantrag ein.

Zum Richtfest am 4. Mai 1994, Architekt Tilo Kempe mit Bauherrinnen
Bilder: Archiv Fami


Mit der Stadt Radebeul schlossen wir den „Vertrag über die Durchführung von Modernisierungs- und Instandsetzungsmaßnahmen“. Verantwortlich für das Sanierungsgebiet Altkötzschenbroda war die Kommunalentwicklung Baden-Württemberg GmbH, Stuttgart, Ansprechpartner war Herr Kiens.

Der Vertrag sicherte uns einen Zuschuss für unsere Baumaßnahmen von 74% zu. „Die Maßnahmen sind baldmöglichst zu beginnen und bis zum 31.12.1994 fertigzustellen.“ (§ 3/Abs.1), „Der endgültige Zuschuss wird nach Abschluss der Maßnahme festgelegt.“ (§4, (2)).

Wir könnten Eigenleistungen erbringen, diese würden mit 15 DM pro Stunde beziffert, die Auszahlung erfolgte erst auf Nachweis der bezahlten Rechnungen.

Da war es wieder, das Risiko auf unserer Seite. Unerwartete Abbrucharbeiten und Asbestentsorgung kamen dazu. Zum ersten Spatenstich luden wir am 25. September 1993. „Ich kann Ihnen versichern, wir waren zäh, wir waren penetrant, unbequem, wir haben uns nicht abweisen lassen. Und wir haben es geschafft! … Jahrelang haben wir uns auf diesen Tag gefreut …“, so Elisabeth Kurt bei der Eröffnungsrede. Es folgten Arbeitseinsätze mit Frauen, Männern, Kindern und Großeltern. Zum Beispiel wunderten wir uns über das unverfüllbare Loch am Ende unseres Grundstückes, bis wir herausfanden, dass dies ein wunderbares Tonnengewölbe war. Was uns wieder vor neue Überlegungen stellte. Wie bauen? Wie nutzen? Später zogen die Jugendlichen vom „Noteingang“ dort ein.

Über ein Projekt mit Wohnungslosen, welches ich im Rahmen eines Praktikums in der Kümmelschänke e.V. mit meinem Kommilitonen Friedemann Dietzel absolvierte, kamen wir auf die Idee des Lehmbaus. In einer nächtlichen Sitzung mit unserem Architekten Tilo Kempe entschlossen wir uns, dies dem Verein vorzuschlagen.

Lehmbau war ein traditionelles Verfahren, was viel Eigenleistungen ermöglichte, einfach zu bewerkstelligen war und ohnehin in alten Fachwerkhäusern angewandt wurde. Außerdem war das Baumaterial unschlagbar günstig: Lehm, Sand, Stroh und Kuhmist. Dazu ein altes Bäckermischwerk und viele Hände, die mitmachten.

Mit Tilo Kempe hatten wir einen Architekten, der viel Sinn für Denkmalpflege hatte und bereit für Experimente war. Das Große Haus konnte in traditioneller Lehmbauweise mit Vereinsmitgliedern, der Jugendwerkstatt Gorbitz und wohnungslosen Menschen gebaut werden. Als die Jugendlichen den Kuhmist sahen, den wir beim Bauern Klinger mit der Schubkarre holten, wollten sie den Lehm nur noch mit Handschuhen anfassen. Für Spezialarbeiten hatten wir natürlich Handwerker und Baufachleute, in Zusammenarbeit mit der Baufirma von Ines Schulze. Nach zwei Jahren Sanierung konnten wir am 17.09.1994 in das Haupthaus einziehen, neben den Förderungen machten über 4000 Stunden Eigenleistungen den Bau möglich. 1995 bauten wir das Gewölbe aus. Für das kleine Haus (Auszugshaus) hatten wir keine Fördermöglichkeiten, es gab Diskussionen und eine Abstimmung darüber, ob wir es als Verein wieder verkaufen sollten. Schließlich setzte sich die Idee von Friedemann Dietzel und mir durch, dies im Rahmen eines Vorprojektes für das Projekt „Lehmbau als Integrationshilfe für Wohnen und Arbeiten“ der Stadtmission Dresden e.V. zu planen. Das große Projekt wurde nie verwirklicht, aber das Auszugshaus wurde unter der Leitung von Friedemann Dietzel mit einer Gruppe von Aussiedlern aus der früheren Sowjetunion errichtet, die in einem Übergangswohnheim in Radebeul wohnten und einen geförderten Arbeitsvertrag hatten. Auch das war nicht reibungslos, es gab Diskussionen ums Geld, um „Sto Gramm – einer kleinen Ration Wodkas“ während der Arbeit und um Arbeitszeiten. Ich besuchte manchen Mitarbeiter im Wohnheim und überredete ihn zur Arbeit. Beim kleinen Haus wurde ein moderner Lehmbau angewandt. Für den Bau (mit Dach, Fenstern und Treppen) standen 200 T DM zur Verfügung. Berge von Sägespänen und Lehm lagen auf dem Bürgersteig in Altkötzschenbroda, als später noch die Schilfmatten zur Dämmung geliefert wurden, fragten sich Passanten ob wir „einen afrikanischen Sündentempel“ errichten wollten.

1997 war auch dieses Haus fertig und am 12.12. konnten wir gleichzeitig mit dem Abschluss des Bundesmodellprojektes die Wiedereröffnung des Auszugshauses und damit den Abschluss unserer Bauarbeiten feiern.

Kathrin Wallrabe

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Korrektur: In unserem 1. Teil des obenstehenden Beitrages hatte sich leider ein redaktioneller Fehler eingeschlichen. Autorin ist auch dort Kathrin Wallrabe, nicht Barbara Plänitz.

Blickwechsel/Laudatio/Stadtgalerie

Atemwechsel
Das Aus und Ein:
Die Atemspur
Sich hebt und senkt
In Linien und als
Farbenbild des Wechsels
Klang

Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kunst, sehr geehrter Axel Lange, liebe Mechthild Mansel!

Obiges Gedicht, das ich Mechthild Mansel widmete, spricht vom Wechsel des Atems und hat sie zu dem Titel “Blickwechsel” für diese Ausstellung inspiriert. Das betrifft sowohl ihr Werk und die wechselnde Arbeit in Malerei und Grafik als auch die sich ändernden Perspektiven im täglichen Leben. So unterschiedlich wie beide Medien sind, so bedingen sie doch einander: In der Malerei das heftige “Urknallerzittern” der Leinwand im Chaos der Farbenflächen und einer sie überfliegenden Lineatur; stark farbige Kondenzstreifen des eigenen Empfindens wie Zangen und Blitze über das Bild zuckend. Und dort die Grafik, Radierung und Lithografie, oft zweifarbig, violett und gelb unterlegt, figürlich, erzählend von Paaren, Gruppen und Tanzenden, Akten und Köpfen, die einander sacht berühren. Hier waltet das zarte Gefühl der Mitmenschlichkeit in heftiger, temperamentvoller Attitüde, in Körperverdrehungen, seltsam-gewagten Posen und Gebärden, vollkommen expressiv. Diese dem Expressionismus abgelauschte Haltung sowohl in der Malerei als auch im Grafischen eint beide Medien in einem besonderen, aufbegehrenden, leidenschaftlichen Grundklang. Auch hier wirkt ein beherzter, oft angedeuteter Oh-Mensch-Gestus, der den Betrachter anruft, sich auf die Bilder von Mechthild Mansel einzulassen.

Mechthild Mansel studierte zunächst an der TU Dresden Landschaftsarchitektur und schloss mit dem Diplom ab. Es folgte ein Zusatzstudium Architekturbezogene Künstlerische Gestaltung an der HfBK Dresden. Danach arbeitete sie als Landschaftsarchitektin in Radebeul und als Bauleiterin in Dresden. 1989 studierte sie bei den Professoren Rolf Kuhrt und Bernhard Heisig an der HGB Leipzig und war Kuhrts Meisterschülerin im Aufbaustudium bis 1997. Während des Studiums in Leipzig 1991 entstand das frühste hier gezeigte Bild, die Radierung “Kleines Köpfchen”, die eines der ältesten Werke in ihrem Oeuvre darstellt und hier unter Glas zu sehen ist. 1993 schloss sie mit dem Diplom in Malerei und Grafik an der HGB Leipzig ab. Mit 31 Jahren hatte sich Mechthild Mansel für die freie Kunst entschieden, weil sie für die Entfaltung ihrer Seele lebensnotwendig war. Dieser Weg stellte sich als zunehmend schwierig heraus, wie man es bei vielen Biografien ostdeutscher Kunst schmerzlich bemerken muss. Seit ihrem Studium arbeitet die Künstlerin zielstrebig und fleißig an ihren Werken, wie ihre zweimal wöchentliche Arbeit in der Grafikwerkstatt Dresden. Und schließlich pendelt sie regelmäßig zwischen dem Leipziger Atelier und Dresden. Zahlreiche Projekte in Dresden und Leipzig, darunter mit Kindern und Jugendlichen, aber auch mit Erwachsenen, bilden zum Teil die finanzielle Grundlage für die freie Arbeit in Malerei und Grafik.

Die Malerei

Italien war das neue Ziel, das sie 1994/95 anvisierte. In Florenz studierte sie an der Accademia die Belle Arti im Rahmen eines 12 Monate-DAAD-Stipendiums bei Professor Gianfranco Notargiacomo Malerei und begegnete in den Museen der italienischen Malerei, sowie der Weltkunst. Das Erlebnis von südlichem Licht und Farbe führte zu einem radikalen Wandel in ihrer vordem meist gegenständlichen Malerei. Licht einfangen, war zunächst die Devise. Sich dem Licht hingeben und es malen. Seitdem entstanden viele Ölbilder, unter anderem 1997 die Abstraktion “Indian Summer II”, dessen Hängung hier eine Anspielung auf das alljährliche Karl-May-Fest in Radebeul sein soll. Es zeigt einen Bogen aus Pinselstrichen, wie der Federschmuck eines Häuptlings, der sich über das Bild spannt.

Kopf-Keule, 1993, Öl auf Hartfaser
Bild: Repro Stadtgalerie


Eine Serie von 70 Ölbildern wurde bereits 1999 im Renaissance-Schloss Hoerhof in Idstein bei Frankfurt am Main gezeigt. Sie sind in alten, gesammelten Rahmen gefasst, wie die Bilder “Höhepunkt”, “Sphärenklang” und “Windorgel”. In ihnen herrscht ein “strenges Chaos” und ein dunkler, sonorer Klang, bei dem die farbige Lineatur das Geschehen im Bild bestimmt. Mansels Titel sind assoziativ, um dem Betrachter einen leichteren Zugang zu ermöglichen, aber sie malt nicht nach einer thematischen Vorgabe. Eine Ausnahme bildet das großformatige Ölbild “Das Ereignis”, eine fast monochrom-blaue Komposition, die zum Bernburger Wilhelm-von -Kügelgen-Stipendium 2010 gemalt wurde und eine Hommage zum Mord am Vater Gerhard von Kügelgen in Dresden darstellt. Das Ölbild “Humid” ist eine, durch den Rahmen in ihrer Wirkung verstärkte, altmeisterliche Arbeit im neuen Gewand, in abstrakter, informeller Form. Die Ölbilder “Parabel-Rot I und II” bestimmen in ihren organischen Schwüngen die Wand mit den Grafikvitrinen. Immer ist in ihren Bildern Musik anwesend, die Spannung zwischen Klang in der Musik und der entsprechenden Wellenlänge im Malerischen. Im Treppenaufgang dominieren nachdenkliche Themen sowie heitere Bilder und zwei Sopraporten mit verschlüsselten Codes von Emotionen. Das Ölbild “Kopf-Keule” von 1993 ist ein Verweis auf die Leipziger Schule mit ihrem dominanten Lehrer Bernhard Heisig. Es nimmt hier einen zentralen Platz ein und bildet einen Ruhepunkt im Raum, dem drei von Mechthild Mansel bemalte Vasen in Fayence-Technik beigesellt sind.

Das Ereignis, 2010, Öl auf Leinwand
Bild: Repro Stadtgalerie

Die Grafik

Die Grafik ist für Mechthild Mansel das Projektionsfeld ihrer humanen Ideen und Themen. Sie hat selbst Tanz trainiert, hat Proben von professionell Tanzenden besucht und währenddessen gezeichnet. Ihre “Lebenstänze” sind Ausdruck des sich als Tanzfigur manifestierenden Zwischenmenschlichen, wie der Tanz selbst, nun übertragen auf das zweidimensionale Blatt Papier. Die Lösung für die in Bewegung agierende Figur übersetzt Mansel durch Strichelungen und Schwünge auf die Radierplatte und Zeichnungen auf dem Lithostein. Besondere Figurationen und ihre Konstellationen (besonders im Paar) erfordern neue Mittel. Spannung muss erzeugt, manches Wagnis muss bestanden werden, das sich manchmal in grotesken und fast akrobatischen Bildlösungen zeigt. Anmutig sind die Köpfe mit zarten, sensibel ausgeführten Gesichtern, in denen Liebe atmet und lebt.

Als Gesamtbild vermittelt die Ausstellung in erfrischender und lebendiger Schönheit ein Bild von Mechthild Mansels innerer Welt. Die mit viel Liebe gehängte Präsentation möge auch den Besuchern Freude an den zu Herzen gehenden Kunstwerken bringen, in denen sich künstlerische Fantasie und Empathie mit dem menschlichen Leben in besonderer Intensität verbinden.

Ich danke Ihnen!

Heinz Weißflog

Editorial 4-20

Liebe Leserinnen und Leser,

zwischen dieser und unserer vorangegangenen Ausgabe liegen sprichwörtlich Welten!

Wahrlich, bisher Undenkbares ist binnen Tage zur Realität geworden. Mit Staunen und Benommenheit verfolgen wir die fast täglich wechselnden Szenarien.

Wir kommen nicht umhin auch an dieser Stelle auf das allumfassende Corona-Virus einzugehen, denn auch und im Besonderen ist ein Kulturheft von den momentanen Ereignissen geprägt. Trotz dieser überaus misslichen Begleitumstände ist es uns gelungen wieder ein Heft zusammenzustellen. Freilich, die beworbenen Ausstellungen sind auf bisher unbestimmte Zeit verschlossen, aber sie harren geduldig und mit Verlängerungen auf die künftige Besucherschar.

Bis dahin bleibt für alle die immer wieder quälende Frage: Wann wird es wieder die gewohnte Normalität geben? Und kann man dieser Krise überhaupt auch etwas Positives abgewinnen? Jetzt ist für Viele die Zeit plötzlich da, die in der alltäglichen Hektik immer vermisst wurde. Nicht nur regional, buchstäblich die ganze Welt erfährt eine bisher ungekannte Entschleunigung. Der flugzeugleere Himmel könnte zumindest der Natur zum Durchatmen dienen.

Die Fragestellungen reichen tatsächlich ins Philosophische. „Zivilisierte“ Menschen stehen sich weltweit mit hochgerüsteten Waffen gegenüber. Nun, alle machtlos in Hinblick auf einen mikroskopischen Feind, der sich grenzenlos gegen die globalisierte Welt richtet. Ein Zeichen zur Besinnung?

Fangen wir dann, wenn es die Zeit erlaubt, wieder im Kleinen an. Unterstützen Sie die Händler in unserer Stadt und nehmen Sie verstärkt am Kulturleben teil!

Sascha Graedtke

Mit Wolf Biermann poetisch und politisch durch das Jahr

Zum Titelbild März 2020

Ein Leben ohne Musik könnte sich die Künstlerin Bärbel Kuntsche gar nicht vorstellen. Schon im Elternhaus wurde gern gesungen. Sie selbst besucht Konzerte, hört Schallplatten, liebt u.a. Werke von Richard Strauß, Gustav Mahler oder Peter Tschaikowsky.
Bei der Vorlage für das Titelbild der März-Ausgabe handelt es sich um eine Tuschezeichnung, die 1990 entstanden ist und keinen Titel trägt. Sie gehört zu einer Serie sogenannter „Gelegenheitsgrafiken“, die zu unterschiedlichen Themen spontan entstanden sind. Das Format ergab sich aus dem Umstand, dass beim Drucken von großformatigen Grafiken immer Randstreifen übriggeblieben sind, welche Bärbel Kuntsche sinnvoll nutzen wollte. Das kleine Format in Postkartengröße, zwang die Künstlerin, sich auf Wesentliches zu konzentrieren.
Zwischen dunklen Flächen, die bei genauerer Betrachtung durch eine diffuse Struktur aufgebrochen sind, sitzt – wie in eine schützende Nische zurückgezogen – eine Musizierende mit ihrem Instrument. Sie wirkt in sich ruhend und konzentriert. Ihr Gewand ist mit wenigen zarten Linien nur angedeutet.
Auf die Frage, ob es sich bei dem Instrument um eine Flöte oder Tröte handelt, meinte Bärbel Kuntsche: Das sei doch völlig egal. Viel wichtiger ist, dass sich dem Menschen durch das Blasinstrument eine zusätzliche Ausdrucksmöglichkeit bietet.
Karin (Gerhardt) Baum

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