Mit Thomas Rosenlöcher poetisch durch das Jahr

Laby – Laby – Laby

Neues aus dem Lügenmuseum

Das Laby rinnt. Es rinnt die Zeit. Gewesenes bestimmt die Gegenwart. Manchmal bedarf es der Vergegenwärtigung. Im Labyrinth gelangt der Gast, wie um sich selbst sich drehend, mit der Gästin zur eigenen Mitte. Innerlich bereichert gelangen beide ins Leben zurück.
„Zwiefach sind die Fantasien“, wußte Wilhelm Busch, vierfach feiert Zabkas Zaubertruppe den herrlichen Herbst `89:

Untergang im Labyläum Radebeul Foto: R. Zabka

Zuerst mit „Labystan“ in der Berliner Zionskirche. Der berühmte Ort der Umweltbibliothek war, einst bestüberwacht, im Sommer Schauplatz für „eine atemberaubende Inszenierung“: Vor der Kirche stand ein Grenzhäuschen mit Schlagbaum. Drinnen konnte sich jeder selbst einbürgern und mit einem Amt versehen. Dann warteten Künstlerplakate, Installationen, Videos mit Geschichten, erzählt von Leuten, die dabei gewesen sind. Selbst ein DDR-Karaoke war zu erleben: Beim Anheben alter Deckel auf alten Töpfen erklangen beliebte DDR-Schlager. An der Empore hängend verkündete ein riesiges Banner das Motto des Tages: „Liebe futsch, Revolution vorbei, Spaghetti kalt“ – und alles ohne Zwangsumtausch.
Dann begeisterte die Ausstellung „Labytopia – Altäre der Revolution“ in der Kreuzkirche zu Dresden. Gemeinsam mit Co-Kuratorin Juliane Vowinkel hat Reinhard Zabka acht Künstler eingeladen, das Jubiläum zu reflektieren: Klaus Liebscher – Dialog; Angela Hampel und Steffen Fischer – Mitgift; Frank Herrmann – Altar der Einfalt; Marion Kahnemann – Helden oder wer ist wie wir; Karola Smy und Wolfgang Smy – Altar für Reisefreiheit; Sophie Cau – die Fahnen der vier Siegermächte; sowie Justus Ehros – Gewitterwarnung am Montag.
Reinhard Zabka selbst wartete mit einem „Friedlichen Revolutions- Orchestrion“ auf.
Die Ausstellung weckt Erinnerungen an Träume und Visionen der Akteure von `89, sie erinnert an Notstandskreativität, an die Macht der Fantasie im Schatten der Zensur. Sie verbindet die prägenden Lebensgefühle von einst mit den labyrinthischen Erfahrungen des Einigungsprozesses und den damit verbundenen Verlusten, die bis heute nachwirken. Sie nährt die Hoffnung, daß die damals aufgebrochenen positiven Energien auch die blaue Stunde überdauern.
Brauchts dazu Kirchen? Brauchts Altäre?

Altar von Klaus Liebscher Foto: R. Zabka

Die Fragen liegen auf der Hand wie die Antworten: Denn einst wie jetzt bieten Kirchen Frei – Räume für Lebensäußerungen jenseits aller Ideologien und frei von Kommers – pardon, Kommerz. Schließlich geht es nicht um die Anbetung der Asche der Friedlichen Revolution, es wird auch kein Deutungs- oder Historikerstreit zelebriert. Es geht um das `89er Lebensgefühl, es geht darum, das innere Feuer von damals den nachfolgenden Generationen authentisch zu vermitteln.
Die Ausstellung, die durch das Förderprogramm „Revolution und Demokratie“ des Freistaates Sachsen ermöglicht wurde, ist zweiteilig konzipiert: Nach der Präsentation in der Kreuzkirche wird sie in ihren Bestandteilen in das Radebeuler Lügenmuseum integriert.
Doch vor dem Umzug gab es als dritten Akt das „Labyläum“ zum Untergang der DDR auf den Radebeuler Elbwiesen.
Wie immer zum traditionellen Herbst- und Weinfest hatten Richard von Gigantikow und sein Team aus einem Berg alter Paletten ein Labyrinth entstehen lassen, diesmal: die aus Ruinen erstandene DDR.

Labystan in der Zionskirche Berlin Foto: R. Zabka

Sie errichteten eine Mauer mit Wachtürmen, Fluchttunnel, Straßennamen, dem „Loch zu Bautzen“. Auch der „Pleitegeier aufm Ochsenkopf“ durfte nicht fehlen. Nachdem ein Wochenende lang Besucherströme bei bestem Wetter, Livemusik zwischen spielenden Kindern und mit Orakel versehen, das Labyrinth mit tausenden Fragen und Antworten ausgestattet hatten, ging zum Grande Finale alles in Flammen auf, auch die Alternative „Lieber Kohl als rote Rüben“. Fasziniert beklatschten tausende Schaulustige das Feuer, gegen das sich Hammer, Zirkel und Ährenkranz auf hoher Warte lange wehrten.

Im vierten Akt nun wird die Ausstellung „Labytopia – Altäre der Revolution“ am 30. Oktober ins Lügenmuseum aufgenommen.
Dorota und Reinhard Zabka bewahren hier nicht nur die bewegenden und beweglichen Zeugnisse der DDR – Underground – Kunst, sie bewahren damit auch den ältesten Gasthof der Lößnitz vor dem Verfall – nicht alles ist wert, zugrunde zu gehen, auch wenn das Laby rinnt wie die Zeit!
Wers zur Eröffnung nicht geschafft hat, wisse: Es gibt immer wieder Neues zu sehen im Lügenmuseum.

Thomas Gerlach

Abbruch, Umbruch und Aufbruch

Zur Geschichte der Radebeuler „Vorschau“ und von „Vorschau & Rückblick“ (Teil 1)

Jedes Jahr schreibt die Körber-Stiftung einen Geschichtswettbewerb aus und ruft Schüler in Deutschland dazu auf, sich mit geschichtlichen Themen auseinanderzusetzen. In diesem Jahr lag der Fokus auf lokalen bzw. regionalen Gegebenheiten, die daraufhin untersucht werden sollten, wie Umbrüche in der jüngeren deutschen Geschichte daran exemplarisch verdeutlicht werden können. Die älteste Tochter unseres Redaktionsmitglieds Bertram Kazmirowski, Hanna (17), beteiligte sich an diesem Wettbewerb mit einer Arbeit, die die Geschichte unseres Monatsheftes von den Anfängen in den 1950er Jahren bis in die Nachwendezeit 1992 aufarbeitet. Dazu hatte sie Zeitzeugen befragt, Dokumente in Archiven und Bibliotheken gesichtet und viele Ausgaben der alten „Vorschau“ sowie von „Vorschau & Rückblick“ durchforstet. Auf zwei Beiträge verteilt zeichnet sie zusammenfassend wesentliche Entwicklungen nach. Der erste davon befasst sich mit „Der Vorschau“ und ihrer erzwungenen Einstellung Ende 1963 sowie deren Wiederbelebung, beginnend mit den bewegten Novembertagen 1989. Der zweite Beitrag wird im Frühling 2020 erscheinen und den beschwerlichen Neustart in Erinnerung rufen.

Es war in der ersten Hälfte der 1950er Jahre, als der Kommunalpolitiker und Kulturfunktionär Hellmuth Rauner und der Vorsitzende des Kreiskulturbundes Radebeul, Alfred Fellisch, die Idee einer regional begrenzten Kulturzeitschrift für Radebeul, Moritzburg und Radeburg entwickelten. Sie hatten sich zum Ziel gesetzt, die Lücke zwischen der gelenkten, inhaltsarmen Tagespresse auf der einen und den überregionalen Kulturzeitschriften auf der anderen Seite zu füllen.

Durch die Verstaatlichung der Medien und die Gleichschaltung der Presse durch die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands war das früher vielfältige Printangebot zurückgegangen, vor allem im Kulturbereich. So erblickte das mit „Die Vorschau“ betitelte Monatsblatt im Juni 1954 das Licht der Welt. Das Ansinnen war, die Werte der Heimat zu vermitteln und interessierte Radebeuler über aktuelle Kulturveranstaltungen zu informieren. Damals (wie auch später) arbeitete das Redaktionskollegium, das zu Beginn nur aus Hermann Ebelt, Fritz Hoyer und Hellmuth Rauner sowie Rudolf Huscher (Pseudonym für Günther R. Rehschuh) bestand und welches sich über die neun Jahre des Bestehens fortlaufend änderte, ehrenamtlich. Was „Die Vorschau“ im Vergleich zu anderen Kulturspiegeln so besonders machte, war ihre redaktionelle Qualität. Diese wurde mit mehreren Auszeichnungen gewürdigt. So konnte sich die Zeitschrift nicht nur in den Jahren 1960 bis 1962 „Bester Kulturspiegel des Bezirks Dresden“ nennen, sondern erhielt auch sonst viel Anerkennung und Lob. Das beachtliche Niveau der redaktionellen Beiträge ist auf die beteiligten Autoren zurückzuführen, wie z.B. auf Alfred Fellisch, der in den 1920er Jahren erst Wirtschaftsminister, dann kurz sogar Ministerpräsident des Freistaates Sachsen gewesen war und Curt Reuter, der sich als Heimatforscher und Lehrer einen Namen gemacht hatte. Außerdem bemühte sich die Redaktion um ein breites Themenspektrum, was das Monatsperiodikum für die Leserschaft zwar spannend machte, ihr aber auch im Laufe der Jahre zunehmend Konflikte mit der Staatsmacht einbrachte. Es ist nicht leicht zu datieren, ab wann genau „Die Vorschau“ durch linientreue Funktionäre beargwöhnt wurde. Die „Vorschau“-Autoren jedenfalls übten Kritik in Form von Kommentaren zu Parteitagen der SED oder noch fehlenden Fortschritten bei der Kulturarbeit im Kreis Dresden-Land, verpackten ihre Beanstandungen aber auch in Gedichten (z.B. Ulrich Pohle in seiner Rubrik „Der Pfeil“). Zu offensichtlich wollte man wiederum auch nicht kritisieren, und tatsächlich scheint „Die Vorschau“ immer recht geschickt entlang des noch Erlaubten entlang geschrieben haben – anders sind die erwähnten Auszeichnungen Anfang der 1960er Jahre nicht zu erklären. Durch die 50er Jahre hinweg hatte der Bekanntheitsgrad des Mitgründers Alfred Fellisch die Zeitschrift vor zu großer Einflussnahme weitgehend bewahrt. Wie mir aber sein im Sommer 2019 verstorbener Sohn Manfred erzählte, wurde sein Vater von 1952 an bis Anfang der 60er Jahre regelmäßig durch die Staatssicherheit kontrolliert, denen der überzeugte Sozialdemokrat und Kulturarbeiter nicht geheuer war. Tatsächlich habe, so Manfred Fellisch, die Staatssicherheit seinen Vater mehr als zehnmal zu Hause aufgesucht. Mit den Jahren, besonders ab der Zeit nach dem Mauerbau 1961, ist eine größere Zahl an systemkritischen Artikeln nicht mehr zu übersehen, beispielsweise über den offiziellen Umgang mit Karl May und das Radebeuler Indianermuseum. Aus heutiger Sicht scheinen diese Artikel unauffällig, doch in Anbetracht des historischen Kontextes muss man sie anders bewerten. Den Druck, unter dem das Kulturblatt nach dem Mauerbau gestanden haben muss, kann man nur an kleinen Indizien nachweisen, am Impressum zum Beispiel. Im Vergleich zu den Monaten zuvor hatte sich Anfang 1963 die Zusammensetzung der Redaktion drastisch geändert, was eine Reaktion auf veränderte kulturpolitische Rahmenbedingungen war. Während das Impressum von Januar 1963 noch zehn Mitglieder in der Redaktionskommission aufweist (Manfred Bachmann, Günther Böhme, Gerda Helbig, Werner Lüttich, Walter Malbrich, Hellmuth Rauner, Annemarie Rehschuh, Curt Reuter, Johannes Stephan und Albert Zirkler), so sind in der Kommissarischen Redaktionskommission des Februar-Heftes davon nur noch Günther Böhme, Walter Malbrich, Annemarie Rehschuh und Curt Reuter zu finden. Einige Kollegen wurden ab Februar 1963 also aus dem „Vorschau“-Kreis ausgeschlossen oder verließen die Redaktion freiwillig. Vor allem an Johannes Stephan kann man diese Veränderung nachvollziehen. Nachdem er mehrere kritische Artikel verfasst hatte (Zitat: „Oder ist es in ihrem Betrieb noch nie vorgekommen, daß eine Maschine gekauft wurde, deren Hauptzweck darin zu bestehen schien, meist defekt zu sein?“, vgl. Die Vorschau 6/1962, S. 18) war er ab diesem ereignisreichen Februar nicht mehr Teil des Kollegiums. Um den Verlust dieser sechs Mitarbeiter auszugleichen, waren dafür vier Personen neu dazugekommen: Ulrich Patitz, Georg Schroeter, Rudolf Thalheim und noch einmal Alfred Fellisch. Aus Protest gegen die strikten und unerwarteten Änderungen der Obrigkeit war also selbst der Mitinitiator und somit einer der längsten Redaktionskollegen, Hellmuth Rauner im Januar 1963 ausgestiegen. Von heute aus betrachtet scheint das Folgende absehbar, doch für das Redaktionskollegium kam es sehr plötzlich: Im Herbst 1963 kristallisierte sich heraus, dass „Die Vorschau“ nicht mehr lange bestehen würde. Um die Einstellung der Zeitschrift harmloser wirken zu lassen, wurde die gesamte Kulturbundpresse auf Kreisebene zentralisiert. Was man offiziell als Fortschritt feierte, hatte den Verlust der regionalen Verankerung und der kulturellen Identität zur Folge. Die letzten zwei Hefte der „Vorschau“, November und Dezember 1963, wurden sogar nur noch in einem einzigen dünnen Heftchen zusammengefasst, in dem nicht mehr als eine förmliche und schlichte Verabschiedung der Redaktion zu lesen war. Damit endete ein knappes Jahrzehnt „Vorschau“-Geschichte. Abgelöst wurde „Die Vorschau“ vom politisch eingenordeten „Dresdner Kreisexpress“, der versprochen hatte, die Inhalte der „Vorschau“ in einer wöchentlich erscheinenden Kulturbeilage zu übernehmen. Doch das konnte schon allein wegen seiner größeren Reichweite und der Verallgemeinerung nicht umgesetzt werden; zudem fehlte es an vertrauten Radebeulern, die sich mit Leidenschaft für die lokale Kultur engagierten.
Letztendlich ist es trotzdem bemerkenswert, wie lange sich die Radebeuler „Vorschau“ im jungen sozialistischen Staat gehalten hatte. Fast ein ganzes Jahrzehnt hatte sie monatlich eine neue Ausgabe für mehr als 4000 Leser präsentieren können. Angesichts der Vielzahl an kritischen Meinungsäußerungen und Themen hätte es niemand wundern müssen, wenn auch schon eher ein Schlussstrich unter die Veröffentlichung des Heftes gezogen worden wäre. Die Begeisterung der „Vorschau“-Leser muss auch ein Grund dafür gewesen sein, dass sich das Heft relativ lange in der Presselandschaft halten konnte. In den intellektuellen Kreisen Radebeuls tauschte man sich gern über die von der „Vorschau“ veröffentlichten Beiträge aus, die wenigstens teilweise einen anderen Tonfall hatten als die Artikel in den staatstragenden Druckerzeugnissen. Doch damit war nun Schluss – für ganze 27 Jahre.
Die politische Wende im Herbst 1989 war ein Segen für die Presse. Die neugewonnene Meinungsfreiheit war vorerst ungewohnt, bot aber viele neue Möglichkeiten, die genutzt werden wollten. Im Dezember 1989 waren es 26 Jahre, die die alte „Vorschau“ seit ihrer Einstellung 1963 nicht mehr existiert hatte. Eine lange Zeit, doch sie war nicht in Vergessenheit geraten. So war es kein Wunder, dass die Idee, dieses Heft wieder aufleben zu lassen, aufblühte, sobald man keine Angst vor Bevormundung mehr haben musste. Die Arbeit an der Verwirklichung dieses Projekts begann bei einer Bürgerversammlung im bewegten Herbst 1989: Am 10. November fand in der Friedenskirche eine Zusammenkunft statt, bei der in Gegenwart des Bürgermeisters und Vertreter des der Fachschule des Ministeriums des Inneren Radebeul verschiedene Gruppen ihre Ideen und Pläne für die Stadt vorstellten. Innerhalb des Neuen Forums gab es eine Arbeitsgruppe für den Bereich Kultur, für den Karin Baum (damals Gerhardt) die Funktion als Ansprechpartnerin übernahm. Sie schlug eine Neuauflage des monatlichen Kulturblattes vor, woraufhin sich auch Interessierte meldeten. So bildete sich die erste Redaktion für eine neue Ära der „Vorschau“. Mitgründerin Karin Baum beschrieb mir gegenüber diese Phase mit den Worten, dass sie „um 1990 ganz einfach das Bedürfnis“ hatten, „unsere Ideen endlich in die Tat umzusetzen“. Die Redaktion bestand außer dem Chefredakteur Dieter Malschewski, der als junger Mann schon in der früheren „Vorschau“ mitwirkte und nun seine journalistischen Erfahrungen (u.a. in Zusammenarbeit mit seiner Frau als Autor für die Betriebszeitung des Arzneimittelwerkes Dresden „Unterm Mikroskop“) in die neue Arbeit mit einfließen lassen konnte, nur aus neuen Gesichtern, die fast alle im kulturellen bzw. künstlerischen Bereich arbeiteten. Insgesamt hatten sich acht engagierte Radebeuler im Alter von 36 bis knapp 60 Jahren zusammengetan: der Journalist Wolfgang Zimmermann, der Leiter des Karl-May-Museums Radebeul René Wagner, die in Schloss Hoflößnitz als Museumsmitarbeiterin tätige Ilona Rau, der Schauspieler Friedemann Nawroth, der Ingenieur Dietrich Lohse, die Bühnenbildnerin Ulrike Kunze, die Mitarbeiterin der Radebeuler Stadtgalerie Karin Gerhardt und eben Dieter Malschewski. Die allererste Sitzung überhaupt der neugegründeten Redaktion tagte am 15. Januar 1990 in den Landesbühnen Sachsen. Aus einem Notizzettel ist zu entnehmen, dass bei diesem Treffen ganz essentielle Fragen besprochen wurden wie z.B. die Auflagenhöhe, das Format und die Seitenanzahl, bei der man sich auf 32 Seiten pro Heft einigte. Schließlich fing man noch einmal ganz von vorne an. Nachdem alle Unklarheiten beseitigt waren, bedurfte es nun nur noch einer Lizenz zur Herausgabe vom Dresdner Bezirksrat. Diese erhielt die Bürgerinitiative Kultur im Februar 1990. Dann stand der Veröffentlichung der Zeitschrift „Vorschau und Rückblick – Radebeuler Monatsheft“ nichts mehr im Wege. Das Datum für den Redaktionsschluss der ersten Ausgabe wurde auf den 15. März festgesetzt.

Hanna Kazmirowski

Karel Gott ein letztes Mal in Radebeul

Die Lage ist ernst für das Theater „Heiterer Blick“

Zum diesjährigen Herbst- und Weinfest in Radebeul bot der „Freundliche Hof“ auf dem Anger in Altkötzschenbroda eine kleine Sensation, die im Trubel der vielfältigen Angebote dieser drei Tage fast untergegangen wäre. Aus dem „goldenen Prag“ trat der Mann mit der „goldenen Stimme“ auf und sang eins seiner schönsten Lieder. Freilich ist der 80jährige Künstler nicht selbst nach Radebeul gekommen. Jan Dietl vom Theater „Heiterer Blick“ playbackte den Sänger in exzellenter Weise, begleitet von zwei etwas in die Jahre gekommenen Ballettösen.

Szene aus Shakespeares »Romeo und Julia« mit Roswitha Schubert (†) als Amme und Axel Poike als Romeo, aufgeführt vom Jugendtheater Radebeul 1980 Foto: H. J. Klatt

Das Publikum hatte an dieser wie den folgenden Darbietungen der Theatergruppe seine helle Freude. Unter dem Titel „Für immer jung in der Erinnerung“ führte die Gruppe eine musikalische Programmfolge auf, welche von der stimmgewaltigen italienischen Sängerin Milva, eindrucksvoll parodiert von Silli Gur, bis zum Gospelgesang eines Nonnenchores viel für Augen, Ohren und die Lachmuskeln bereit hielt. Durchs Programm führten das Conférencier-Duo Uwe Wittig und Louis Stritzke, welches durch eine nicht mehr ganz junge aber quirlige Praktikantin (Gabi Köckeritz) immer wieder aus dem Konzept gebracht wurde.
Freilich zeigte die Aufführung auch kleine dramaturgische Unzulänglichkeiten, darstellerische Schwächen und technische Probleme (Wackelkontakt am Mikrophon). Das Publikum jedenfalls nahm es der Gruppe nicht krumm, sondern spendete reichlichen Szenenapplaus und am Ende der halbstündigen Darbietung lang anhaltenden Beifall. Für den Auftritt reichte den Akteuren ein schwarzer Vorhang, kombiniert mit einem glitzernden Rückenprospekt. Die stilechten Kostüme der Spieler entschädigten reichlich und trugen so zum Gelingen des Gebotenen bei.
Das Theater „Heiterer Blick“ ist seit langem eine kulturelle Institution in der Stadt, welche sich eng mit ihr verbunden fühlt. Immer wieder war die Gruppe in der Vergangenheit bei kulturellen Ereignissen mit ihren Inszenierungen präsent. Da sind nicht nur ihre langjährigen Auftritte beim Herbst- und Weinfest oder ihre Teilnahme an der Radebeuler Kasperiade mit einer eigenwilligen, aber gekonnten Märcheninterpretation. Sie wirkte bei den Radebeuler Begegnungen mit, traten zu Weihnachtsmärkten in der Hoflößnitz oder zur Eröffnung des Bürgertreffs in Radebeul West auf. Mit „Nosferatu. Harmonie des Grauens“ weihte sie die Schalterhalle des Kulturbahnhofes in Radebeul-Ost 2010 als Veranstaltungsraum ein.
Sicher kann sich der eine oder andere Radebeuler wie auch die Radebeulerin noch an Zeiten erinnern, wo dieses Ensemble unter dem Namen „Jugendtheater Radebeul“ aufsehenerregende Inszenierungen herausbrachte. Kunick’s „Der letzte Mohikaner“(1967) auf einer eigens geschaffenen Freilichtbühne in Radebeul, Brechts „Die Antigone des Sophokles“ (1976) oder Shakespeare’s „Romeo und Julia” (1980). Die Gruppe, die es sich leisten konnte in ihre Spielstätte, dem Klubhaus „Heiterer Blick“ von VEB Druckmaschinenwerk Planeta Radebeul, ein eigenes Theateranrechtssystem zu unterhalten, zählte spätestens seit Mitte der 1970er Jahre zur Spitze des DDR-Amateurtheaters.

Zum Herbst- und Weinfest 2019 waren im »Freundlichen Hof« Susanne Hanke als Tänzerin Kitty und Jan Dietl als Tenor Peter Hansen bei der Interpretation des Liedes »Junger Mann« aus dem Revuefilm »Karneval der Liebe« von 1943 zu erleben Foto:K. U. Baum

Gegenwärtig allerdings steht der Gruppe das Wasser buchstäblich bis zum Hals. Das einst zeitweise über 100 Mitglieder umfassende Theater zählt heute nur noch wenige Personen. Auch die finanzielle Situation hat sich dramatisch verschlechtert. Die Truppe kann sich künftig nicht mal mehr ihren Proben- und Requisitenraum im Vereinshaus leisten. Es fehlen mindestens 1.000 Euro um die Mietkosten zu begleichen, notwendige Aufwendungen für Inszenierungen und sonstige Ausgaben beiseite gelassen. Diesem traditionsreichen Theater droht im 75. Jahr seines Bestehens 2020 ein trauriges Ende und der Stadt Radebeul damit ein unwiederbringlicher Verlust. Ohne Probenraum keine Inszenierungen, ohne Inszenierungen keine Vorstellungen, ohne Vorstellungen keine Einnahmen und ohne Einnahmen keinen Probenraum! Lässt sich dieser Teufelskreis nicht durchbrechen und der „Heitere Blick“ vor dem Untergang retten?

Karl Uwe Baum

 

Dietmar Kunze

Leben und Wirken eines Radebeuler Architekten

Nach dem im Oktoberheft von Ilona Rau berührend verfassten Nachruf für einen lieben Freund, den Architekten Dr. Dietmar Kunze, will ich nun mit ein wenig Abstand das Leben und die Baustellen von Dietmar etwas ausführlicher vorstellen. Aber es ist auch für mich, einem langjährigen Freund und Kollegen noch immer nicht fassbar, dass er nun nicht mehr um die nächste Ecke geradelt kommen wird, „Hallo“ sagt, ein paar freundliche Worte im Sinne von „was gibts Neues“ mit mir wechselt. Nie mehr!

Mai 2019 Foto: U. Kunze

Was uns bleibt, ist die Erinnerung an ihn und das wird Vielen so gehen. Wenn ich jetzt über Dietmar schreibe, kann es nicht ausbleiben, dass das auch persönliche Erlebnisse einschließt. Ich werde mich aber bemühen, die Fakten von Dietmar Kunzes Lebenslauf, der schon mit 69 Jahren endete, zu notieren.
Am 10. April 1950 wurde Dietmar Arno Kunze in Dresden geboren. Seine Eltern waren Arno und Ursula Kunze, geb. Schubert. Der Vater war Horizontaldreher in der Planeta* Radebeul im Maschinen- und Modellbau, seine Mutter war als Übersetzerin im AWD / Radebeul tätig. Dietmars Kindheit in der Genossenschaftswohnung auf der Bertolt-Brecht-Straße war harmonisch, sein liebstes Spielzeug waren Bausteine und somit war der Berufswunsch bereits vorgezeichnet. Nach der Grundschule besuchte er die Erweiterte Oberschule in Radebeul. 1967 ergab es sich, dass er als Oberschüler mir bei einem Bauaufmaß am „Haus in der Sonne“ – so was gelingt zu zweit besser – half. Da war er seinem Berufswunsch Baumeister, wie er es ausdrückte, etwas nähergekommen. In jener Zeit wurde Dietmar Mitglied des Radebeuler Jugendtheaters „Heiterer Blick“ unter Klaus Kunick. Zwar war das für Dietmar keine Weichenstellung für einen Schauspielerberuf, traf er aber hier seine spätere Frau Ulrike Schmitz.
Ich erinnere mich, dass Dietmar zu dieser Zeit alles hörte und sammelte, was von den Beatles oder Bob Dylan gespielt wurde, er war ein Fan! Nur wenige wissen, dass er auch klassische Musik und Jazz mochte. Dietmar Kunze studierte ab 1968 Architektur an der TU Dresden, worauf ein Forschungsstudium bis 1975 folgte und 1981 erhielt er schließlich den Titel Dr. Ing. Architekt. Seit 1976 war er Mitglied des BdA. Ich glaube mich zu erinnern, dass besonders die Professoren Leopold Wiel und Helmut Trauzettel für sein späteres Berufsleben prägend waren. In der Zeit des Studiums lag ein städteplanerisches Praktikum in Leipzig sowie die Mitarbeit im Büro von Architekt Klaus Kaufmann in Radebeul. In den 70er Jahren waren wir beide freizeitmäßig in einer Gruppe junger Architekten unter Ulrich Aust mit der Rettung des Denkmals „Hellhaus“ in Moritzburg beschäftigt, konnten aber letzten Endes den Verfall nur verlangsamen. Es war eine gute Mischung aus Arbeit und Feiern, eine schöne, spannende Zeit, die auch Freundschaften vertiefte. Das „Hellhaus“ begleitete Dietmar das ganze Leben, im Frühjahr 2018 erhielt sein Büro schließlich den Auftrag zur äußeren Wiederherstellung. Die Zukunft wird zeigen, in welcher Form dies zum Abschluss gebracht wird.
Bald gehörte Dietmar auch dem „Radebeuler Aktiv für Denkmalpflege“ (Kulturbund) an, ebenso ab 1993 dem „Verein für Denkmalpflege und neues Bauen“, worin eine gewisse Kontinuität liegt.
1975 heirateten Ulrike und Dietmar Kunze in Radebeul und nahmen in der Bennostraße (Haus Steinbach) eine Wohnung. Hier wurde 1976 Sohn Ferdinand geboren, der mit nur elf Jahren an einer schweren Krankheit starb. Für die Eltern war Ferdinand der Familienmittelpunkt. Ich erinnere mich, dass sie ihn bewusst auch zu gesellschaftlichen Ereignissen, wie z.B. Ausstellungseröffnungen mitnahmen. Sein besonderes Interesse aber galt Eisenbahnen – ich traf Dietmar und Ferdinand oft auf dem Bahnhof Radebeul-Ost bei den Dampfloks. Der zweite Sohn Maximilian, geboren im Januar 1989, aber wurde groß (größer als der Vater!), trat beruflich in seine Fußstapfen und sollte schließlich 2019 sein eigenes Architekturbüro gründen.
Dietmars erste Anstellung als Architekt war im BMK IPRO, dann im Gesellschaftsbau. Es war schon kurios, Dietmar saß im selben Büro, aber die Firmennamen änderten sich mehrmals, später durch den politischen Umbruch und diverse Übernahmen noch zweimal: AIT, HPP. Einige seiner ersten Projekte waren die Mitarbeit am Erweiterungsbau des Volkspolizeikreisamtes Dresden, Funktionsgebäude und Gaststätte der Semperoper (er hat sich schon sehr geärgert, dass nach der Wende die von ihm entworfene Inneneinrichtung ohne zwingenden Grund ausgetauscht wurde) und der Beginn der Planung für den Hausmannsturm des Dresdner Schlosses. Dessen Fertigstellung durfte Dietmar – sicherlich seine höchste Baustelle! – nach der politischen Wende 1991 erleben. Das war schon ein Höhepunkt in der Laufbahn des Architekten. Ebenfalls in die frühen 90er Jahre fiel der Umbau und die denkmalpflegerische Sanierung der Yenidze in Dresden. Wichtig für seine berufliche Entwicklung sollte hier auch sein langjähriger Chef Wolfgang Hänsch erwähnt werden. Unter dessen Leitung arbeiteten außer Dietmar noch einige, für Dresdens architektonische Entwicklung prägende Architekten: Eberhard Pfau, Jörg Baarß, Gerd Gommlich, Torsten Gustavs und Marlies Zerjatke, die spätere Büropartnerin von Dietmar. An dieser Stelle sollte festgehalten werden, dass da zwar fleißig gearbeitet, aber auch viele schöne Feste (z.B. Schloss-Fasching) gefeiert wurden und Dietmar da mittendrin war. Hervorzuheben wäre auch, dass Dietmar als Initiator und Regisseur zweier Theaterstücke im Schlosskeller fungierte. – Hatte die Zeit im Jugendtheater doch Spuren hinterlassen? Als intelligenter, humorvoller und belesener Mensch fand er zu allen Partnern, ganz gleich ob Professor, Bauherr oder Handwerker, den richtigen Ton. Der Entschluss, ein eigenes Architekturbüro mit Marlies Zerjatke in Dresden zu gründen, beide als gleichberechtigte Partner einer GbR, wurde 2002 gefasst. Bürositz war in der obersten Etage des von Dietmar Kunze noch bei HPP entworfenen Bürogebäudes Könneritzstraße 31. Als Team suchten die beiden Architekten nach der besten jeweiligen gestalterisch-technischen Lösung eines Projektes, wobei Dietmar diese nach Außen kommunizierte und Marlies Zerjatke sie am Computer zeichnerisch/konstruktiv ausarbeitete. Einen Computer suchte man auf seinem Schreibtisch übrigens vergebens. Sie ergänzten einander beruflich und wurden ein gutes Team. Wichtige Baustellen – ich sehe mich außer Stande alle circa 130 darzustellen – waren die Umgestaltung des AOK-Gebäudes Dresden am Sternplatz (2003), in Bad Elster u.a. die denkmalpflegerische Sanierung des König Albert Theaters und zuletzt der Umbau des Kolonnadencafés in Bad Brambach.

Notiz aus seinem letzten Skizzenbuch Foto: U. Kunze

Schließlich leitete er diverse Sanierungsetappen am Schloss Moritzburg und dem Fasanenschlösschen. Letzteres war für Dietmar, der Moritzburg liebte, eine ganz besondere Aufgabe. Hier waren die guten Verbindungen zu Handwerkern, Restauratoren und dem Landesamt für Denkmalpflege vorteilhaft. Im Dezember 2007 konnte ich als Gast an einer Baubesprechung auf dem Jägerturm des Schlosses teilnehmen, das war für mich sehr interessant: Dietmar – bei winterlicher Witterung auf hohem Turmgerüst – einer Gruppe von Handwerkern in aller Ruhe anstehende Fragen zur Wetterfahne souverän beantwortend.
Als der Mietvertrag in der Könneritzstraße Ende 2018 auslief, fand die Bürogemeinschaft um Dietmar Kunze ganz in der Nähe in der Yenidze ein neues Büro. Nach vielen Jahren als praktizierender Architekt blickte Dietmar etwas unruhig dem nahenden Ruhestand entgegen. Die Idee, in dem mittlerweile in Gründung befindlichen Büro des Sohnes ein wenig weiter arbeiten zu können, schien da gut zu passen.
In Radebeul fallen mir nur vier Projekte ein, der Neubau Galenik AWD Radebeul,
die Denkmalsanierung und Erweiterung Haus Dr. Knoch, die energetische Sanierung des Kindergartens „Thomas Müntzer“ und zusammen mit dem ehemaligen Kollegen Thilo Hänsel und seiner Frau Birgit der Wohnhaus-Neubau Rennerbergstraße 19-23, als Architekt und gleichzeitig Bauherr, welches im Jahr 1999 mit dem Radebeuler Bauherrenpreis ausgezeichnet wurde.
Ich will auch Dietmars gelegentliche Beiträge für „Vorschau & Rückblick“ und vor allem die Titelbildgestaltung im Jahr 2018 nennen, an die wir uns dankbar erinnern.
Selbstverständlich beherrschte Dietmar das Konstruieren und Zeichnen am Brett und mit dem Rapidograph für seine Projekte sehr gut, alte Schule eben. Aber er hatte seit dem Studium noch eine andere Leidenschaft, er skizzierte gern, zeichnete Häuser, städtebauliche Räume und Landschaften mehr und besser als viele seiner Kollegen. Durch die Anregung seines 2002 gestorbenen Schwiegervaters Günter Schmitz, Maler und Grafiker in Radebeul, und enge Freundschaften zu anderen Radebeuler und Dresdner Künstlern begann er seinen freien Arbeiten mehr Raum zu geben. So gab es in den letzten fünf Jahren Ausstellungen mit eigenen Blättern von Radebeul, der Ostsee oder weiteren Reisen, u.a. in die Toskana (sh. V+R 07/17). In diesem Frühjahr erfüllte sich der lang gehegte Wunsch, in den Räumen des Pfarrwitwenhauses in Groß Zicker auf Rügen, dem langjährigen Ferienort der Familie, eine Bilderausstellung über drei Generationen der Familie (Günter Schmitz, Dietmar und Maximilian Kunze) zusammen mit dem Keramiker Mario Howard aufzubauen. Wir sahen diese Ausstellung am 31. Juli und waren sehr begeistert. Doch waren zutiefst erschüttert, als wir erfahren mussten, dass Dietmar am frühen Morgen des gleichen Tages an Herzversagen in Groß Zicker verstorben war. Das zuvor als Idee geäußerte Treffen unter Freunden abends im Urlaub, kann in dem Kreis nie mehr stattfinden.
Ich wünsche mir, dass die vielen Freunde Dietmars die zu seiner Beerdigung kamen, etwa 300 von ihnen, sich auch ohne ihn in bisher nicht da gewesenen Querverbindungen treffen und vernetzen könnten, um vielleicht etwas zu befördern und zu bewegen – das wäre wohl in seinem Sinne!

Dietrich Lohse

* Firmennamen werden hier aus Platzgründen in Kurzform genannt, also auch ohne “VEB“.

Editorial 11-19

Unser aktuelles Heft ist aus mehrerlei Sicht ein besonderes geworden. Wie Sie aus dem nebenstehenden Inhaltsverzeichnis entnehmen können, finden diesmal bei gleicher Seitenzahl auffallend wenige Beiträge ihren Platz. Der Grund dafür ist, dass einige Texte aus gutem Anlass die übliche Seitenzahl weit überschreiten.
Der Monat November, und insbesondere im dreißigsten Jahr der sogenannten Wende, hat sich tief in das kulturelle Gedächtnis eingepflanzt. So kommen wir nicht umhin, nochmals reflektierend auf die Gegebenheiten jener Tage aus dem Blickwinkel eines schon damals engagierten Redaktionsmitglieds zu schauen.
Zudem freuen wir uns als Verein sehr, dass im Rahmen eines Schulprojekts unsere eigene „Vorschau-Geschichte“ in einem zweiteiligen Beitrag detailliert aufgearbeitet wurde.
Ein wichtiges Augenmerk liegt ferner auf den drohenden Verlust einer traditionsreichen Radebeuler Kulturinstitution.
Und nicht zuletzt erfährt unser langjähriger und überaus geschätzter Freund und Unterstützer Dietmar Kunze, der, für uns alle noch immer unvorstellbar, im Sommer sprichwörtlich aus dem Leben gerissen wurde, eine umfängliche Würdigung seines Lebenswerkes.
Man braucht nicht pathetisch zu werden, das Wunder der „Friedlichen Revolution“ insbesondere in heutiger Zeit immer wieder hochzuschätzen. Die Brennpunkte der Konflikte haben sich verschoben und machen vielleicht nur scheinbar einen Bogen um unser noch friedliches Land.
Es bleibt zu wünschen, dass auch anderenorts die Vernunft obsiegen wird. Der Gedanke fällt in Anbetracht der immensen Rüstungsexporte aus Deutschland allerdings schwer.

Sascha Graedtke

Radebeuler Vor- und Nachwendeerinnerungen

Aus dem Blickwinkel einer ehemaligen Stadtgaleristin (Teil 1)

9. November 1989: Die Mauer ist offen! / 13. November 1989: „Im Verlauf der Durchführung der OPK (operative Personenkontrolle) konnten keine Erkenntnisse hinsichtlich geplanter Aktivitäten des Ehepaares G. gegen die staatl. Sicherheit und Ordnung herausgearbeitet werden. Die Personen bleiben für die KD (Kreisdienststelle) Dresden-Land KK erfaßt“. (aus einer Akte des Staatssicherheitsdienstes der DDR)

„Erzähl mal, wie das so war, damals in der DDR“, fragte mich neulich meine Stieftochter, geboren 1988. Und ich denke so bei mir, dass es damals wohl ein wenig paranoid gewesen ist. Also auch nicht viel anders als heute. Was soll man als Wähler von Plakaten halten, auf denen steht „Hol Dir einen runter, kleiner Antifant! Abreiß Plakat für hirnlose Linksfaschisten!“ Oder wenn man sich ältere Fotos von der Friedensburg anschaut, als diese noch eine Ausflugsgaststätte war, und sieht, wie viele Menschen auf den Terrassen sitzen und bei Kaffee und Kuchen die Aussicht genießen. Jetzt wohnt dort nur noch eine einzige Person. „Alles alternativlos?“ Um da nicht vom Glauben an die Vorzüge der Demokratie abzufallen, sollte man nicht allzu empfindlich sein. Andererseits bedeutet es mir sehr viel für ein Monatsheft wie „Vorschau und Rückblick“ Beiträge zu schreiben und diese, ohne Zensur, veröffentlichen zu können.

Horst Hille »Klaustrophobie«, 1985, Radierung (mit Selbstbildnis des Künstlers )Repro K. (Gerhardt) Baum

Also was kann ich erzählen von dem Land DDR, in dem ich 37 Jahre gelebt habe? Erinnerungssequenzen blitzen auf und ich staune, wie präsent das alles ist, obwohl doch Jahrzehnte dazwischen liegen. Die Wahrnehmung von Zeiträumen ist relativ. So wurde mir erst viel später bewusst, dass gerade mal acht Jahre vor meiner Geburt noch ein gewisser Adolph Hitler an der Macht war, Menschen in Konzentrationslagern vergast wurden und Bomben auf Dresden fielen. Das Mutter und Großmutter nur das nackte Leben retten konnten und in Radebeul mitfühlende Aufnahme fanden. Was mit Parolen wie „Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt“ begann, endete 1945 in Schutt und Asche mit Millionen Toten.
Was 1949 mit „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt“ für viele Menschen nach einem hoffnungsvollen Neuanfang klang, mündete nach vier Jahrzehnten wiederum in einer großen Enttäuschung. Das es auf dieses kleine Land DDR – welches nicht losgelöst vom Ostblock betrachtet werden kann und durch die BRD erst 1972 offizielle Anerkennung erfuhr – permanenten Druck von Außen gab, ist unbestritten. Doch wann und wie begann sich das System von Innen heraus selbst zu zerstören? Als ich 1953 in Radebeul geboren wurde, knapp eine Woche nach den Ereignissen am 17. Juni, herrschte gerade Ausgangssperre. Was war da eigentlich passiert: Volksaufstand oder Konterrevolution? Irgendetwas muss schon damals schief gelaufen sein. Politisch einschneidend wirkten sich dann auch solche Ereignisse wie 1961 der „Mauerbau“, 1968 der „Prager Frühling“, 1976 das Wiedereinreiseverbot von Wolf Biermann aus. Chancen für Korrekturen wurden vertan.
1989 war es dann zu spät und ein zufälliger Versprecher vom Politbüromitglied Günter Schabowski genügte, um den „Antifaschistischen Schutzwall“ – für alle völlig unerwartet – zu Fall zu bringen. Wer nicht vor Ort dabei sein konnte, saß vorm Fernseher und staunte über irreale Bilder von Trabis, die an entgeisterten Grenzern vorbeifuhren, Menschen, die auf die „Mauer“ kletterten oder sich spontan und glücklich in die Arme fielen. Oh „Freude schöner Götterfunke“ wie schnell bist du verglommen! Schon wenig später begann das Sortieren nach „Ossis“ und „Wessis“, nach „Tätern“ und „Opfern“. Ordnung muss halt sein in deutschen Landen. Erst jüngst wurde ich mit der Frage konfrontiert „Warst du damals auch im Widerstand?“

Um es gleich vorwegzunehmen, ich war keine Revolutionärin und habe demzufolge auch keine Heldinnengeschichte zu bieten. Wo die Grenzen liegen, war mir – so dachte ich zumindest – bewusst. Schließlich hatte ich Mann und Kind. Mein Leben in der DDR war den Bedingungen angepasst und bestand aus gelebtem Alltag. Nicht weniger und auch nicht mehr.
In Erinnerung geblieben sind mir unter anderem: der Luftroller, Butter auf Marken, Juri Gagarin im Weltraum, Ferienlager, Bleistifte und Schulhefte für Kuba, die Griechische Pionierleiterin, Neumann-Eis, Kuchenränder vom Bäcker Hein, der Kaugummi im Laden um die Ecke …später dann der erste Kuss, der Mal- und Zeichenzirkel von Dieter Beirich, durchdiskutierte Nächte bei billigem Obstwein im Atelier von Horst Hille, die Geburt des Sohnes, Kinderfeste mit Freunden und Nachbarn, Plaste-Ansteckblümchen zum Frauentag, der 1. Mai-Umzug, die Faschingsfeiern im „Haus der Werktätigen…“.
Zu den Erinnerungen gehört aber auch das verunsichernde Gefühl, unter ständiger Beobachtung gestanden zu haben. Der Grund für die Überwachung des Ehepaares G. war, wie später in der „Akte“ nachgelesen werden konnte, die „Verbindung zu Kunst- und Kulturschaffenden sowie Personen, die dem politischen Untergrund zugeordnet werden müssen…“.
Die erste Begegnung mit einem „kreativen Solitär“ aus dem so genannten politischen Untergrund erfolgte in Gestalt von Siegfried Schwab. Lange Haare, gebändigt von einem Transmissionsriemen um die Stirn, barfuss in so genannten „Jesuslatschen“ und eingehüllt in den alten Mantel des Großvaters – das fiel auf im ansonsten recht biederen Radebeul. Meine Neugier auf die subversiven Nischen der Provinz war geweckt. Die Bude von “Sigi“ befand sich in einer alten Villa auf der Meißner Straße. Sie war vollgestopft mit Büchern und überall verstreut, lagen eng beschriebene Schreibmaschinenseiten mit Texten, die zum Nachdenken provozierten und deren Durchschläge im kleinen Kreis Verbreitung fanden. Seine Ausreise aus der DDR erfolgte am 30. April 1975. Gewisse Herren hinter den Kulissen konnten erleichtert aufatmen und auch in seinem Stammlokal, der „Lößnitzperle“, zog endlich wieder Ruhe ein. Ein Tafelbild, gemalt von Horst Hille, erinnert an den Radebeuler Dissidenten Siegfried Schwab. Zu sehen war es jüngst in der Stadtgalerie zur Ausstellung „Radebeul geWENDEt“.

Johannes Thaut »Volkstanzgruppe«, um 1960, Holzschnitt Repro K. (Gerhardt) Baum

Den legendären Biermann-Auftritt erlebte ich in Form einer nächtlichen Wiederholungssendung mit meinem damaligen Mann bei Freunden die Westempfang hatten. Was nach Biermanns Ausbürgerung folgte, ist bekannt. Das Ausmaß der Kettenreaktion war selbst für diejenigen, die sie ausgelöst hatten, kaum vorstellbar. Das DDR-Emblem mit „Hammer, Zirkel, Ährenkranz“ zeigte zwar die gute Absicht. Die Realität sah anders aus. Mit den „Intellektuellen“ wusste man im Staat der Arbeiter- und Bauern nur wenig anzufangen. Allerdings war es wohl dieser politisch verfahrenen Situation geschuldet, dass sich der einst so gefeierte und später geschasste DDR-Star Manfred Krug – der mit einem Teilberufsverbot belegt worden war – kurz vor seiner Ausreise zu einem Konzertauftritt ins Radebeuler Filmtheater „Freundschaft“ verirrte, natürlich zur großen Freude seiner Fangemeinde.
In den 1970er Jahren wanderte ein unscheinbares Taschenbuch von Hand zu Hand. Auf dessen Buchdeckel stand „LTI“ (Lingua Tertii Imperii). Erschienen war es im Reclam-Verlag. Der Autor Victor Klemperer setzte sich darin mit der Sprache des Dritten Reiches auseinander. Wenngleich der Bumerangeffekt bestimmt nicht beabsichtigt war, wirkte es auf uns sehr intensiv. Unmittelbar nach dessen eingehender Lektüre begannen wir damit, das „Neue Deutschland“ (Organ des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands) zu sezieren und noch heute erschrecke ich vor Worten wie „unsere Menschen“, „bedingungsloser Respekt“ oder „Humankapital“.
Zu den Besonderheiten im DDR-Alltag gehörte das „Schlangestehen“. Allerdings bildeten sich die berüchtigten Schlangen nicht nur vorm Gemüsegeschäft, wenn es gerade mal Bananen gab. Schlangen bildeten sich auch auf der Brühlschen Terrasse, wenn die DDR-Kunstausstellung lief. Ob heute noch so viele Menschen leidenschaftlich über Kunst diskutieren, wage ich zu bezweifeln. Die Eröffnungsreden und Rezensionen von Ingrid Wenzkat, Dr. Fritz Löffler, Dieter Schmidt und Dieter Hoffmann wurden zum Kult. Das so genannte „Zwischen-den-Zeilen-lesen“ gehörte zu den ausgeprägten Fähigkeiten breiter Bevölkerungsschichten.
Kunst und Kultur waren in der DDR weder Privileg noch Sahnehäubchen. Die „neuen Menschen“ sollten im Sozialismus zu allseitig gebildeten Persönlichkeiten erzogen werden. Das staatlich geförderte Volkskunstschaffen bot ein immer breiter werdendes kreatives Betätigungsfeld. In einer Sonderausgabe des Monatsheftes „Die Vorschau“ ist aufgelistet, dass 1959 in Radebeul 8 Chöre, 10 Musikgruppen, 3 Dramatische Zirkel, 5 Agitpropgruppen, 4 Tanzgruppen, 2 Mal- und Zeichenzirkel, 4 Handarbeitszirkel und 1 Arbeitsgruppe Indianistik existierten. Eine analytische Betrachtung zum Radebeuler Volkskunstschaffen über den gesamten Zeitraum von 40 Jahren wäre wohl sehr interessant, soll aber nicht Gegenstand dieser vierteiligen Beitragsfolge sein. Das die kreative Selbstbetätigung den Lebensalltag vieler Menschen bereichert hat und die Wahrnehmung kultureller Angebote nicht vom Geldbeutel abhängig war, gehört zu den unbestrittenen Tatsachen, die man nicht vergessen darf, wenn man davon erzählt, wie das so war, damals in der DDR.

(Fortsetzung folgt)

Karin (Gerhardt) Baum

Bildunterschriften

Horst Hille „Klaustrophobie“, 1985, Radierung

Johannes Thaut „Volkstanzgruppe“, um 1960, Holzschnitt

Mit Thomas Rosenlöcher poetisch durch das Jahr

Art déco an und in Radebeuler Gebäuden

Sie haben den Begriff schon mal irgendwo gehört, sehen aber gerade kein Beispiel vor Ihren Augen, schon gar nicht in Radebeul? Da wollen wir uns diesem Thema mal nähern.

Im Laufe der Geschichte haben sich verschiedene Baustile über eine bestimmte Zeit gehal-ten und wurden dann abgelöst. Mein Eindruck ist der, dass die Standzeiten der Stile immer kürzer wurden – Romanik und Gotik blieben jeweils etwa 200 Jahre bestehen, Renaissance und Barock waren mit ca. 100 Jahren schon kürzer und die Stilrichtungen des 19. und 20. Jahrhunderts hielten sich nur 20 oder gar 5 Jahre.

Hier soll also eine relativ kurze Stilrichtung in der ersten Hälfte des 20. Jh. betrachtet werden. Art déco ist die Kurzform des französischen Begriffs Art décoratif, also dekorative Kunst, die Deutschland in den zwanziger Jahren berührte. Das Zentrum dieser Bewegung lag in Paris, daher der französische Name, und verbreitete sich über Europa und bis in die USA. International gesehen liegen die Anfänge um 1912, wurden aber in ihrer Verbreitung vom 1. Weltkrieg unterbrochen. Art déco wirkte sich auf alle Kunstformen – Architektur, Plastik, Malerei (hier ist der Begriff Expressionismus üblich), Dichtung (man spricht auch von Dadaismus), Mode, Musik und Gebrauchsgegenstände – aus. Man muß Art déco als Gegenentwurf zum Jugendstil ansehen. Während sich der Jugendstil um 1900 an geschwungenen, organischen Formen der Natur wie Lilien, Schwänen oder Fledermäusen orientierte, wirkte Art déco expressiv, konstruierter auch abstrakter, mit gegen Bögen gestellten Geraden, mit zu Dreiecken aufgefächerten Geraden und Spitzen, die Farben oft kräftig und kaum abgemischt. Während es eine bewusste Unterscheidung des Art déco vom Jugendstil gab, kann man bei einigen Beispielen Annäherungen zum Deutschen Werkbund oder auch dem Bauhaus erkennen. In der modernen Zeit ging Fassadenschmuck immer mehr zurück. Das hatte durchaus gestalterische Gründe, wie am Bauhaus ablesbar, war aber auch dem Wunsch nach preiswerten Wohnbauten in der Nachkriegszeit geschuldet. Man könnte Art déco vielleicht als den letzten, Häuser schmückenden Stil in Europa bezeichnen. Da die Erinnerung an den 1. Weltkrieg noch relativ frisch war, hatte sich im Volksmund für diesen Stil der etwas makabere Begriff „Granatsplitterstil“ eingebürgert – das Bild traf es aber recht gut!


In Radebeul fand diese Stilrichtung keine sehr weite Verbreitung, aber, wenn man sucht, wird man gelegentlich auch hier das Art déco finden. Ich will im Folgenden auf ein paar Beispiele von 1925 bis 30 in unserer Stadt aufmerksam machen. Von den in dieser Zeit in Radebeul tätigen Architekten fällt dabei der Name Max Czopka besonders häufig, er hatte offenbar Gefallen an den Schmuckformen des Art déco gefunden. Die meisten seiner Siedlungshäuser zeigen Art déco nur durch ein gefächertes Blattgebilde (wohl ein vorgefertigtes Element), mal größer, mal kleiner – sein Markenzeichen sozusagen. Dagegen waren seine Kollegen Albert Patitz und Alfred Tischer bei durchaus vergleichbaren Häusern dieser Zeit mit derartigen Schmuckformen etwas zurückhaltender.



Das von Czopka 1927 geplante Wohnhaus Gartenstr. 77 für Familie Kelling (Großwäscherei-betrieb) zeigt an den Fassaden etwas derartigen Schmuck, im Inneren jedoch in mehreren Beispielen: an Türen, Geländern, mit Malerei im Treppenhaus und auch an Schmuckglas-fenstern. Auch an den vielen Mehrfamilienhäusern, die Czopka für die Baugenossenschaft zu Radebeul entwarf, finden wir bei einem Spaziergang durch die Schiller-, und Kantstr. oder in der Gartenstr., Pestalozzistr., Neubrunnstr. und Serkowitzer Str. bescheidenes schmückendes Beiwerk im Stil des Art déco. Stellvertretend für diese Gruppe von Häusern sei die Czopka-Mietvilla Einsteinstr. 20 (1929 errichtet) genannt. Eine ganz andere Anwendung sehen wir bei der kurz nach 1900 gebauten Fabrikantenvilla Spitzhausstr. 28, da gibt es Art-déco-Deckenstuck in der Veranda. Der Brunnen im Garten der Villa zeigt ebenfalls diese Formensprache. Hier wirkte 1928 der Chemnitzer Architekt Friedrich Wagner-Poltrock zwar nur ergänzend, in Chemnitz war er in jener Zeit bekannter, da er dort u.a. mehrere Schulen errichtet hatte. Bei der neuen Friedhofsfeierhalle in Radebeul Ost, wo Max Czopka 1928 / 29 tätig war, sind es weniger die Details, sondern ist es mehr die Gesamtgestaltung, die dem Art déco entspricht. Schließlich kann auch das Pfarrhaus in Kötzschenbroda mit dem Luthersaal durch seine Zollinger-Decke und andere Details im Inneren Merkmale des Art déco aufweisen. Der Entwurf der Gebr. Kießling stammt von 1928 / 29. Ebenfalls auf die Gebr. Kießling geht der Entwurf von 1928 für das Doppelwohnhaus Heinrich-Zille-Str. 34 zurück, hier wurden die oberen Teile der Fenstergewände, also die Stürze, mit spitzem Dreieck aufgebrochen. Etwa 1992 sah ich in einem gründerzeitlichen Mehrfamilienhaus in der Sidonienstr. zwei Öfen (wohl Teichert / Meißen), die mit „gezackeltem Dekor“ auch dem Art déco entsprachen. Hier waren diese Öfen offenbar eine Zweitausstattung, ob sie noch existieren, weiß ich allerdings nicht. Dem hier betrachteten Stil muß auch ein Gipsrelief aus einem unbekannten Radebeuler Haus zugerechnet werden. Es ist ein leicht defektes Sammlerstück, wahrscheinlich aus dem Innenbereich eines Wohnhauses, vielleicht einem Treppenhaus, das bisher noch keiner Adresse zugeordnet werden konnte.



Wir können zum Schluss feststellen, dass es andernorts möglicherweise mehr erhaltene Beispiele gibt und diese Kunstform in Radebeul keine allzu starke Verbreitung erreicht hat (nach 1933 paßte Art déco nicht ins Programm, bzw. wurde ausgegrenzt) und wir Beispiele dafür vorwiegend im östlichen Teil unserer Stadt finden.

Übrigens zeigt das Stadtmuseum Meißen noch bis zum 3. November 2019 eine sehenswerte Art-déco-Ausstellung – ein glücklicher Zufall, wie ich finde!

Dietrich Lohse

Bilder: Dietrich Lohse

Werke von Detlef und Gabriele Reinemer in der Hoflößnitz

Noch bis zum 27. Oktober sind in der aktuellen Sonderausstellung des Sächsischen Weinbaumuseums Hoflößnitz (Knohllweg 37 in Radebeul, geöffnet Di-So 10-18 Uhr) Arbeiten der Radebeuler Künstler Gabriele und Detlef Reinemer zu sehen. Im Folgenden einige kurze Auszüge aus der Laudatio von Dr. Ingrid Koch zur Vernissage am 8. September:

»Detlef Reinemer hat seine Ausstellung ganz lapidar ›Keramische Objekte‹ genannt, Gabriele Reinemer holt poetisch-universell ›Sonne, Mond, Sterne‹ vom Himmel. Wir begegnen wieder einmal diesen zwei ganz unterschiedlichen Handschriften in unmittelbarer Nähe, sich gegenüber. Und schnell wird anhand verschiedener Akzentsetzungen klar, dass sie in der Weltsicht verbunden sind. Vielleicht mehr als in anderen Präsentationen scheint mir diesmal bei beiden das ›Grundrauschen‹ unserer Zeit hörbar. Gleichwohl sind die einzelnen Arbeiten beider Künstler zeitlos, nicht an konkrete Ereignisse gebunden. […]

»Jo-Hannes«, Detlef Reinemer
Bild: Stiftung Hoflößnitz, M. Schroeder


Schaue ich in Detlef Reinemers Raum, auf seine ›Keramischen Objekte‹, so scheint mir von ihnen in dieser Zusammenstellung eine Botschaft – nicht zufällig sind wie auf einem Altar ›Geheime Botschaften‹ ausgelegt – auszugehen, die ich als eine Art Fazit deuten würde, das eher zweifelnd und pessimistisch ausfällt. Da ist der aus weiß glasiertem Porzellan geschaffene, auf Eisen gebettete ›Januskopf‹, dem Fisch aus dem Mund quillt und auf dem Kopf hängt – ein wenig glitschig vielleicht, wie die ständig wechselnden Standpunkte. Diese doppelgesichtige Gestalt ist einer der uralten Mythen, die Reinemer in seinen Arbeiten in die Gegenwart holt, zieht sich doch das Janusköpfige seit ewigen Zeiten durch das Handeln der Menschheit bis in die Gegenwart. […] ›Einer trage des anderen…‹ heißt die große Arbeit, in der zwei männliche Halbfiguren – eine weiß, eine schwarz – sich den Rücken zuwendend, eine Last geschultert haben. Allerdings werden sie auf diese Weise wohl nicht vorankommen, wenn die Verständigung fehlt. […] Die in Detlef Reinemers Plastiken verkörperten personellen Archetypen basieren auf den antiken und christlichen Überlieferungen, in denen im Grunde alles vereint ist, was die Existenz des Menschen immer noch prägt: Liebe und Freundschaft ebenso wie Verrat, Lüge, Hass und Gewalt.

In Gabriele Reinemers Raum scheinen wir eine andere Welt zu betreten. […] Zuvorderst fallen zeichenhafte, in die Höhe ragende, turmartige Objekte ins Auge, vorrangig schwarz-weiß gefasst, sowie klotzartige, ebenfalls – rot und schwarz – bemalte Gebilde, die eine seltsame Fremdartigkeit ausstrahlen. Hintergrund dieser exotisch wirkenden plastischen Arbeiten, die seit mittlerweile fast anderthalb Jahrzehnten das Schaffen der Künstlerin prägen, waren längere Reisen nach Nord- und Schwarzafrika, die tiefe Eindrücke hinterließen.

»Pagode«, Gabriele Reinemer
Bild: Stiftung Hoflößnitz, M. Schroeder


Die ›Stachel‹ an den turmartigen Gebilden sowie die Abgeschlossenheit der häuserartigen Blöcke, die sie hier ›Wehrdörfer‹ nennt, weisen wohl einerseits auf die vielen kriegerischen Konflikte der jüngeren Zeit. Sie weisen wohl aber auch auf die Empfindungen der Künstlerin, die die vorgefundenen Gesellschaften durchaus als schwer durchschaubar und verstehbar erlebte – nicht zuletzt in ihrer Mischung aus deformiert Archaischem bzw. Mittelalterlichem und Moderne.

Es war wohl die Mischung aus Reizvollem, Fremdartigem und Erstaunlichem, aus Verheerung und Stillstand, die Gabriele Reinemer bis heute nicht losgelassen hat. Die Objekte wirken spielerisch, aber ihr Hintergrund ist ein ernster. Nicht zuletzt wird der auch mit der kraftvollen Tuschezeichnung ›Das Boot‹ – einer vom Ozean ziemlich gebeutelten Nussschale – berührt, die daran erinnert, wie nah uns diese Konflikte kommen. So stößt man bei der Auseinandersetzung mit Reinemers Arbeiten diesmal verstärkt auf die ›großen‹ Fragen unserer Tage.

Kunst kann auf diese Fragen keine Antwort geben. Aber sie kann mit ihren Mitteln Dinge auf ungewöhnliche Art ins Bewusstsein rücken.«

Ingrid Koch

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