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… von flüchtigen Momenten …

der seidene Faden II
temporäre Installation
Radebeul | 2020

Dieses fotografische Detail der Fadeninstallation entstand in einer wolkendurchzogenen, frühherbstlichen Mondnacht und spiegelte mir, in jenem Moment, den Gedanken des seidenen Fadens auf besondere Weise wider. Auch berührten mich die verschiedenen Reaktionen der Menschen, als einige von ihnen den Faden wie von selbst aufnahmen, ihn weiter spannen und durch ihre Einsichten erweiterten – schließlich mich damit bedachten.
So möchte ich Ihnen nun den seidenen Faden reichen und Sie im neuen Jahr begrüßen.
Möge er Sie, unscheinbar, kraftvoll, nicht nur durch dieses Jahr geleiten…

seiden der Faden
an dem alles hängt
verwebt er unsichtbar
den Raum, die Zeit und alles Sein
seiden der Faden
der alles trägt
auch dich
immer

Constanze Schüttoff

Von Kindern, Flügeln und Träumen

Liedermacher Gerhard Schöne mit Texten zu Gast in unserem Heft

Es ist uns eine große Freude die nunmehr zur Tradition gewordene Lyrikseite 2022 mit Texten von Gerhard Schöne versehen zu dürfen. Im Januar feiert der Liedermacher seinen 70. Geburtstag und dies ist im Sinne von „Vorschau & Rückblick“ eine besondere Gelegenheit, ihn in unserem Heft zu präsentieren. Mit seinem Lebensmittelpunkt in Meißen, wo er mit seiner Frau und den Kindern in ländlicher Idylle wohnt, lebt er nur ein kleines Stückchen außerhalb des Wirkungsraumes unseres Kulturheftes.
Gerhard Schöne hat sich im Osten Deutschlands wie wohl kaum ein Zweiter in die Herzen und Zimmer zahlloser Kinder und Jungebliebener gesungen. Dabei war seine Berufung zum Sänger und Geschichtenerzähler keinesfalls so vorgezeichnet. Aufgewachsen in einem sächsischen Pfarrhaus in Coswig zwischen fünf Kindern, vielen Tieren, Musikinstrumenten und vielen Gästen, erlebte er schon früh eine andere Perspektive auf die Lebenswelt der DDR. Und so bot die Kirche nicht selten einen geeigneten Schutzraum für Gedanken und Sehnsüchte. Besonders sein tiefverwurzelter christlicher Glaube ist so prägend für den Kompass seines künstlerischen Schaffens geworden. Konsequent verweigerte er den Dienst an der Waffe und leistete seine Zeit als Bausoldat ab.
Zunächst erlernte er den Beruf eines Korpusgürtlers, verdingte sich als Postbote und arbeitete als Mitarbeiter für musikalische Kinder- und Jugendarbeit in der Kirche. Seine Musikalität, gepaart mit der Gabe des Geschichtenerzählens, führten ihn zum Fernstudium an der Musikhochschule in Dresden.
Ab 1979 wagte er den Schritt in die Selbständigkeit und ist seither als freischaffender Künstler tätig. Bereits seine erste LP „Spar deinen Wein nicht auf für morgen“ von 1981 hatte einen überwältigenden Erfolg und schuf Flügel für die kommenden Jahre. Zu DDR-Zeiten erschienen fünf weitere Platten die sich millionenfach verkauften. Ihm gelingt es auf beeindruckende Weise, mit seinen musikalischen Bilderwelten einen ganz „eigenen Ton“ zu treffen, der es zudem vermag, die Herzen und Gemüter im Wiederfinden seiner selbst tief zu berühren. Mal kindlich, mal naiv. Und so entstanden Lieder und Geschichten für Groß und Klein, die jede nachwachsende Generation immer wieder neu erfahren kann. Geradezu verblüffend ist, dass die für uns Ostdeutschen heute so eindringlich bekannten Texte zu einer Zeit entstanden, als er selbst noch keine eigenen Kinder hatte.
Große Bekanntheit erlangte er durch seine Sammlung von Kinderliedern aus aller Welt sowie aus eigener Feder, allen voran „Kinderland“ und „Jule wäscht sich nie“.
Trotz seines frühen Erfolgs und hohen Popularität wollte er eines nicht sein – ein Star. Im DDR-Musikbetrieb blieb er mit seiner christlichen Anbindung der Obrigkeit zuweilen suspekt. Denn der „leise Rebell“ mischte sich zuweilen mehrdeutig mit kritischen Tönen ein und war auf Einladung ab und an im Rahmen von Evangelischen Kirchentagen im westlichen Ausland unterwegs.
Als erfolgreichster Liedermacher der DDR wurde er dennoch 1987 mit dem Kunstpreis und 1989 mit dem Nationalpreis geehrt.
Beim unerwarteten Aufbruch im Herbst 1989 brachte er sich neben anderen Künstlern aktiv in die Veränderungsprozesse ein. So sang er auf der legendären Großdemo am 4. November auf dem Berliner Alexanderplatz sein noch vor der Wende geschriebenes Lied: „Mit dem Gesicht zum Volke“, das sprichwörtlich zum Slogan dieser bewegten Tage wurde.
Die Nachwendejahre mit ihren massiven gesellschaftlichen Veränderungen gingen jedoch auch an der Liedermachergilde nicht spurlos vorbei. Er gehört zu den wenigen Künstler seiner Zunft, die sich bis heute ihr treues Publikum bewahren konnten. Mit Kreativität und Erfindungsreichtum entstanden immer wieder neuartige Projekte und Programme für Kinder und Erwachsene. Über 40 Schallplatten und CDs und zahlreiche Liederbücher sind so bis heute entstanden.
Sein unermüdliches Engagement für Kinder machten ihn zum UNICEF-Botschafter und viele Ehrungen wurden ihm für sein künstlerisches Schaffen zuteil. Eine Schule in Wolmirstedt (Sachsen-Anhalt) trägt seit 1993 seinen Namen.
2022 wird er uns mit alten und neuen Texten durch das Jahr begleiten. Und da er bereits im Januar Geburtstag feiert, beginnen wir mit (s-)einem Geburtstagslied, das inhaltlich an Aktualität nichts verloren hat.

Lieber Gerhard Schöne, wir senden an dieser Stelle alle guten Wünsche und hoffen, dass das kindliche Auge und Herz auch für künftige Lieder erhalten bleiben möge.

Sascha Graedtke,
im Namen der Redaktion

 

Biographische Notizen

• Jahrgang 1952, aufgewachsen in einem Pfarrhaus in Coswig b. Dresden
• Lehre als Korpusgürtler, Briefträger bei der Deutschen Post
• Mitarbeiter für Kinder- und Jugendarbeit in der Kirche, parallel Fernstudium an der Musikhochschule Dresden
• seit 1979 freischaffend als Liedermacher tätig
• 1987 Kunstpreis, 1989 Nationalpreis der DDR
• 1994 Verdienstorden des Landes Berlin
• Ernennung zum UNICEF-Botschafter
• 2002 Leo-Kestenberg-Medaille
• zweimaliger Träger des Preises der Deutschen Schallplattenkritik
• 1997 und 2003 Leopold-Preis des Verbandes deutscher Musikschulen
• 1996 Preis der Stiftung Bibel und Kultur im Bereich „Bibel und Liedermacher“.
• 2012 Deutscher Musikautorenpreis in der Kategorie „Text Kinderlied“
• 2016 Johann-Walter-Plakette des Sächsischen Musikrats
• ist in zweiter Ehe verheiratet, hat sechs Kinder und wohnt in Meißen b. Dresden

 

 

 

Mit Gerhard Schöne poetisch durch das Jahr

Radebeuler Miniaturen

Am Anfang war der Zorn

„Singe mir, Muse, den Zorn …“
Mit diesen Worten beginnt die Weltliteratur. Sie werden seit knapp dreitausend Jahren gelesen, stammen von Homer und meinten zunächst scheinbar nur „… den Zorn des Peliden Achilleus“. Doch es ist auch der Zorn der eingebildeten Götter, der hier besungen wird, der Zorn der Macht und der Mächtigen, wie es der Zorn der Hilflosen und Ausgestoßenen ist. Dennoch oder gerade deswegen sind diese Zornesworte bis heute unauslöschlich ins Gedächtnis Europas eingebrannt, wo der Zorn noch immer jeden einzelnen Menschen und die ganze Gesellschaft zerfrißt.
„Singe mir, Muse…“
Das ist keine heitere Frühstückslektüre. Der Fühlende spürt, daß hier ein menschliches Sosein beschrieben wird, das weit über die konkrete Situation hinausgeht und uns heute noch betrifft. Schon die Sprachgewalt vermag zu erschüttern. Und immer wieder gibt es Menschen, die sich ein Leben lang nicht mehr aus der Erzählung lösen können:
Gemäß einer selbst geprägten Legende war Heinrich Schliemann acht Jahre alt, als er sich vom Feuer der lebendigen Schilderung ergriffen fühlte. Es hatte „Jerrers Weltgeschichte für Kinder“ unterm Weihnachtsbaum gelegen. Der allein von der Wucht der Bilder beeindruckte Knabe war bald schon mit seinem Vater übereingekommen, er werde dereinst die Mauern des mächtigen Troia finden und ausgraben. Schliemann war und blieb von der historischen Wahrheit der Gesänge Homers überzeugt.
Ein paar Jahre später hat dann zunächst eine kaufmännische Lehre absolviert und im weltweiten Handel ein nicht geringes Vermögen erworben. Das spricht dafür, daß er dabei wenige Rücksichten nahm und sicher manchen Zorn auf sich lud. Er lernte sechzehn Sprachen sprechen, darunter natürlich altgriechisch. So konnte er „seinen“ Homer im Original lesen. Er heiratete in zweiter Ehe eine junge Griechin, ließ sich von dem Radebeuler Architekten Ernst Ziller in Athen ein Haus bauen und nutzte sein Geld, antike Stätten aufzusuchen und da und dort den Spaten anzusetzen.
Wie andere vor ihm lokalisierte er im Hügel Hissarlik in Kleinasien den Standort des antiken Troia und fand dort bei aufwändigen Grabungen neben anderen Sensationen den sogenannten „Schatz des Priamos“. Auf zumindest halblegalem Wege brachte er das Gold außer Landes – letztlich gelangten viele Stücke daraus nach Berlin. Seit 1945 befinden sie sich in Moskau und St. Petersburg: So wurden sie gleich in mehrfacher Hinsicht zur zornauslösenden Raubkunst. Der Streit darum dauert an. Ausgang? Offen? Kaum! – der Zorn wird bleiben.
Schliemann grub sich zu den Wurzeln der mykenischen Kultur der Bronzezeit. Indem er versuchte, historische und philologische Fragen „mit dem Spaten“ zu lösen, gehört er – bei mancher Fragwürdigkeit – unbestritten zu den Mitbegründern der modernen Archäologie. Er starb am 26. Dezember 1890.
Am 6. Januar 1822 – vor zweihundert Jahren also – war er im mecklenburgischen Neubuckow geboren worden.
Ernst Ziller hat dann auch das klassizistische Grab Schliemanns entworfen, das sein Bruder Paul in Radebeul Ost für Karl May in kleinerem Maßstab adaptiert hat.

Womit sich der Kreis schließt, sagt Ulrike. Und sie scheint ehrlich erstaunt: Du schaffst das immer wieder, meint sie, mit Zorn beginnend kommst du über Schliemann und Troia schließlich nach Radebeul – selbstredend, ohne Karl May zu vergessen.
Das ist gar nicht so verwunderlich, sage ich. Das „nachzillersche“ Radebeul kann einem schon manchmal die Zornesröte ins Gesicht treiben…
„Singe mir, Muse …“
Thomas Gerlach

(K)eine Glosse

Rumex acetosa
Es ist schon eine Weile her, als alle Schüler lateinische Vokabeln büffeln mussten. Auch dürften vermutlich die meisten von den heutigen Sprösslingen den Sauerlump, wie der Rumex acetosa in Sachsen gern genannt wird, kaum noch kennen beziehungsweise wissen, wie dieser schmeckt. In meiner Kindheit haben wir die Blätter des rotbraun blühenden Wildgemüses gern gegessen, welches reichlich auf der scheinbar herrenlosen Wiese in der Nähe des großelterlichen Hauses wuchs. Die Großmutter wusste, dass man sich damit dem Bauch nicht vollstopfen durfte, wenn man keinen Kreislaufkollaps provozieren wollte. Das waren jene Zeiten, als das Wissen von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Da – so könnte man schlussfolgern – hat man noch auf die Alten gehört. Erst später habe ich begriffen, dass die „gute alte Zeit“ auch nicht das „Gelbe vom Ei“ war, mal abgesehen davon, dass man sich heutzutage hüten sollte, von einer pestizidverseuchten Wiese überhaupt etwas zu essen.

Das Latein haben übrigens im frühen Mittelalter die Iren eingeschleppt. Wanderprediger zogen missionarisch durch die Lande und betrieben die Christianisierung Mitteleuropas nach ihrem Muster, besonders unter den Alemannen, die zum westgermanischen Kulturkreis um den Bodensee und den Schwarzwald gehörten. Schon in der beginnenden Neuzeit änderte sich langsam das Verhältnis zu dieser Sprache. Da wurde sie vorwiegend zum Privileg von Klerus und Gebildeten. Ohne Lateinkenntnisse hatte man damals keinen Zutritt zu den Universitäten. Im Wesentlichen zog sich das im deutschen Sprachraum bis 1945 hin, das Dritte Reich mal ausgeklammert. Heute brauchen nur noch wenige Menschen Kenntnisse in dieser Sprache. Der gravierende Einschnitt vollzog sich Ende der 1960er Jahre, als die vordergründige Nützlichkeitsdiskussion im Bildungswesen einzog, eingeschleppt aus den USA. Seitdem geht es nicht so sehr um die Herausbildung von Persönlichkeiten, als vielmehr darum, ob man den Lernstoff vordergründig gebrauchen kann, also etwa für das berufliche Fortkommen. Stimmt, als Bauarbeiter war mir Latein ziemlich schnuppe, aber als Mensch…? Ehrlich gestanden, darüber habe ich damals nicht nachgedacht.

Aktuell jedenfalls kommt Latein in den Schulen in der Hauptsache nur noch als Wahlfach in Form der 2. oder gar 3. Fremdsprache vor. Dennoch begründet das Kultusministerium die Bedeutung dieses Faches im Lehrplan Latein für die sächsischen Gymnasien unter anderem folgendermaßen: „Die aktive Auseinandersetzung mit Mythos, Philosophie und Geschichte vermittelt wesentliches europäisches Kulturwissen und Kritikfähigkeit.“ Gemessen am aktuellen Stand der letzten beiden Aspekte des vorrangegangenen Satzes, können im Freistaat bisher nicht allzu viele Lateinstunden auf dem Plan gestanden haben.

Überhaupt scheinen mir, dem nur halbgebildeten Handwerker, dass Zeit und Mensch völlig außer Rand und Band geraten zu sein. Da stößt es mir ziemlich sauer auf, wenn ich die durchsichtigen Sprüche der Verschwörungstheoretiker und Impfgegner vernehme oder das dilettantische Handeln der Verantwortungsträger im Land und den Gemeinden erlebe. Ein Blick in die zahlreichen sächsischen Amtsblätter der 2020er und 2021er Jahre zeigt augenscheinlich, was die mitunter hohlen Sprüche von Würdenträgern im täglichen Handeln wert sind. So kann man in diesen amtlichen Druckerzeugnissen neben den Corona-Verordnungen des Freistaates reihenweise Abbildungen finden, die Menschen in geschlossenen Räumen zeigen, die die geltenden Hygieneverordnungen missachten. Auch Oberbürgermeister machten da keine Ausnahme. In einem Amtsblatt einer größeren Stadt tauchen beispielsweise „Maskenbilder“ gar erst ab 2021 auf!

Nun mag ja das Unglück nicht erst mit dem offiziell verkündeten nationalen Notstand ausgebrochen sein, bei dem sich die Damen und Herren Staats- und Gemeindelenker letztlich nicht im Stande sahen, vernünftig zu handeln. Die Lernunfähigkeit breiter Schichten der Bevölkerung ist offensichtlich nicht nur für deutsche Lande sprichwörtlich. Damit soll aber keinesfalls einen Entschuldigungszettel geschrieben werden. Ganz und gar nicht! „Winzlinge“ wie Portugal oder Israel zeigen, dass man auch Unvorhergesehenes durchaus beherrschen kann. Freilich muss man da seine sieben Sinne zusammennehmen und nicht nur die. Rat von Fachkräften wäre hier dringend von Nöten. Den aber glaubte man bisher, ignorieren zu können. Mit welchem vernunftgesteuerten Argument will man eigentlich erklären, dass der „nationale Notstand“ gerade in dem Moment aufgehoben werden musste, als die Inzidenzzahlen in nie dagewesene schwindelerregende Höhen geschnellt sind?

Aber wie bereits angemerkt, reicht ein Blick in die Geschichte, um diese offensichtliche Unbelehrbarkeit zu erkennen. War schon die Barockzeit ein einziges Zeitalter der Kriege, wurde es danach auch nicht besser. Mal vom Hochgefühl in Deutschland um 1870/1871 abgesehen, gab es davor und danach am laufenden Band kleine und große Katastrophen. Die „Lenker der Nation“ aber wusste angeblich immer wo’s langging, egal ob es dem Volk danach sauer aufgestoßen ist. Heute wissen selbst die kleine Frau und der kleine Mann nicht mehr, was falsch oder richtig ist und reden wirres Zeug. Da greife ich doch lieber zum Rumex acetosa und gehe Boostern, auch wenn es mir danach sauer aufstoßen sollte,

meint Motzi

Ist das Kunst, oder kann das weg?

Keramische Rauchrohre in Radebeul

Wie man sie von der Straße aus sieht – Neue Str. 12 Foto: S. Graedtke

Einleitung
Man sieht sie fast nicht wenn man durch unsere Stadt spaziert. Man nimmt die Häuser meist als Ganzes wahr und achtet weniger auf ein eher unscheinbares Detail weit oben. Und es ist ein sehr spezielles Thema, ja eigentlich ein technisches Detail, das durch das Design, hier schmückende Blumenkränze, da räumliche, an eine Skulptur erinnernde keramische Gebilde, ein wenig an Kunst denken lässt, aber was man nicht als Kunst im engeren Sinn bezeichnen würde. Wenn ich zu diesem Thema eine Reise nach England unternommen hätte, würde ich bei der Gestaltung und auch bei der Anzahl und Wirkung der keramischen Rauchrohre schon eher von Kunst, bzw. Baukunst sprechen wollen. Denken wir nur an die Schlösser, Herrenhäuser und Cottages auf der Insel, die in der Dachlandschaft von vielen Schornsteinen mit phantastischen Aufsätzen bekrönt werden. Ein klein bisschen von diesem „sich in UK befinden“ kann man auch in Radebeul erleben. Dass es außer diesen keramischen Schornsteinaufsätzen um 1900 auch solche aus Metall, die von weitem einem Ritterhelm ähnelten, gab, sei hier nur am Rande vermerkt.

Gegenstand und Standorte
Bei meinen Streifzügen durch Radebeul konnte ich vier verschiedene Baugruppen dieser keramischen Schornsteinaufsätze unterscheiden, zum größten Teil noch am originalen Standort, also auf dem jeweiligen Schornstein, zum geringeren Teil als Sammelstück im Garten und da auch als ein Blumentopf im Sinne einer Zweitverwendung. Als Höhen dieser Rohre konnte ich 1,20 – 1,50m und als äußerer Durchmesser 150, 175 u. 200mm feststellen. Diese Keramikrohre wurden innen und außen mit brauner Glasur versehen und sind recht witterungsbeständig. Die Rohrdurchmesser passten jeweils genau in die damals üblichen, viereckigen Schornsteinabdeckplatten aus Sandstein mit rundem Loch.

Typ 1 Foto: D. Lohse

Typ 1 ein runder, oben und unten auskragender offener Keramikzylinder mit zwei floralen Ringgestaltungen. Dieser Typ kommt nur einmal in Radebeul vor, nämlich bei der ehem. Kegelbahn der Kolbe-Villa von 1891, Zinzendorfstr. 16.

Typ 2 Foto: D. Lohse

Typ 2 runder Keramikzylinder, oben mit zwei Wülsten, dazwischen leicht auskragende Stege im Wechsel mit Abzugsöffnungen und einem keramischen, an eine Kaffeekanne erinnernden, abnehmbaren Deckel. Wenn der Schornsteinfeger kommt, muss er erst den Deckel abnehmen, kehren und dann den Deckel wieder draufsetzen. Der Typ kommt mehrmals, z.T. mehrfach auf je einem Haus in Radebeul vor – Neue Str. 12 (erbaut 1862), Meißner Str. 289 (errichtet 1868), einmal in der Oberen Bergstr. 30 und in der Karlstr. 8.

Typ 3 Foto: D. Lohse

Typ 3 rundes Keramikrohr mit oberer Wulst, darunter vier seitlich abstehende, nach unten geneigte, kleinere Rohre als Zuluft, oben wohl offen (dieses Dach konnte ich nicht begehen). Den Typ fand ich dreimal auf den Schornsteinen der Villa Zinzendorfstraße 1 (erbaut 1880).

Typ 4 Foto: D. Lohse

Typ 4 auf einem runden Keramikrohr sitzt oben ein breiterer, sich nach oben verjüngender Kegelstumpf, der auf der Unterseite Lufteintrittsöffnungen hat und oben offen ist. Der Typ ist in Radebeul am häufigsten zu finden, nämlich an den Adressen Karlstr. 8 (errichtet 1872), Schumannstr. 25, Zinzendorfstr. 1, Borstr. 57, Kynastweg 26 und Altwahnsdorf 45. Ich war für baß überrascht, dass ich bei einem Ausflug zur Festung Königstein 5 oder 6 Rauchrohre vom Typ 4 über den Kasematten entdeckte, wobei mir schon klar war, dass dieselben nicht auf Radebeul beschränkt sein dürften.

Zweck der keramischen Schornsteinaufsätze
Derartige keramische Rohre wurden da auf normal hohe, gemauerte eckige Schornsteine mit rundem Schlot aufgesetzt, wo die Zughöhe (als Faustregel gilt mind. 4m über der Feuerungsöffnung eines Kachelofens oder einer anderen Feuerstätte bis Schornsteinkopf) nicht ausreichte. Das war meist da erforderlich, wo im DG ein Raum mit Ofenheizung vorhanden war. Ein zweiter Fall des Einsatzes eines keramischen Rauchrohrs bestand da, wo ein Haus zwei unterschiedlich hohen Gebäudeteile hatte und auch der niedrigere Gebäudeteil beheizt werden musste. Da setzte man dem Schornstein des niedrigeren Teils oft ein Keramikrohr auf wegen eines besseren Rauchabzugs. So konnten in manchen Fällen extrem hohe gemauerte Schornsteine auf Wohnhäusern vermieden werden.

Zeitliche Einordnung und Hersteller
Die keramischen Schornsteinaufsätze waren eine „Mode“ in der 2. Hälfte des 19. Jh., wie ein paar o.g. Beispiele belegen. Sie wurden aber z.T. noch bis in die Mitte des 20. Jh. hergestellt. Als Betriebe kommen ganz allgemein solche in Frage, die in größeren Mengen gemuffte Steinzeugrohre für erdverlegte Regen- und Abwasserleitungen produzierten, bzw. die sich in der Nähe von abbaubaren Tonvorkommen befinden – Ton ist der Hauptbestandteil der 4 Typen von Schornsteinaufsätzen. Mir ist es in 2 Fällen des Typ 2 gelungen, den Hersteller durch in den noch weichen Ton eigeprägte Schrift und Zahlen in Mittelsachsen ausfindig zu machen: „Baerensprung & Starke“, Frankenau bei Mittweida (heute eingemeindet nach Mittweida), 150 und 200 (äußerer Durchmesser in mm). Der Firmenname hatte sich, wie mir von der Stadtverwaltung Mittweida im August 2021 mitgeteilt wurde, zwischen 1852 und 1965 noch ein paar Mal geändert, Steinzeugrohre und Schornsteinaufsätze wurden aber immer hergestellt. Der Typ 4 zeigte in einem Fall auch eine vorm Brennprozeß eingefügte Kennzeichnung „F.C.E. 7“, die ich leider nicht auflösen und einem bestimmten Ort zuordnen konnte. Crienitz und Colditz kämen als weitere mögliche Herstellungsorte eventuell auch in Frage. Die Herstellung von Schornsteinaufsätzen in einem Meißner keramischen Betrieb (hier nicht die Manufaktur gemeint!) konnte mir durch das dortige Stadtmuseum nicht bestätigt werden.

Ausblick
Offenbar handelt es sich bei den keramischen Schornsteinaufsätzen um eine aussterbende Spezies, ganz grob vergleichbar mit Sauriern. Von den Aufsätzen muss es früher in Radebeul weit mehr auf unseren Dächern gegeben haben als ich 2021 mit Mühe noch finden konnte. In ein paar Fällen – Meißner Straße 289 und Neue Straße 12 – sehen die Eigentümer darin eine Besonderheit, die sie weiterhin erhalten möchten. Aber inzwischen gibt es modernere Heizsysteme, die andere Rauchableitungen haben. Insofern wird die Zahl dieser „Saurier“ wohl noch weiter abnehmen, was mir von den Fachleuten Herrn Schubert (Bezirksschornsteinfegemeister) und Herrn Zscherpe (Dachdeckermeister) – Dank dahin – so bestätigt wurde. Um die Frage aus der Überschrift aufzugreifen, ja, sie können weg, was mir schon etwas Leid täte. Da, wo ein privates Interesse am Erhalt dieser Relikte aus einer anderen Zeit besteht, werden wir sie noch eine Weile auf den Radebeuler Dächern sehen. Vielleicht wird sich aber die Zahl der Blumenschalen aus Steinzeug in den Vorgärten durch Abbau der Rohre von den Dächern noch vergrößern? Ich bedanke mich bei den Häusereigentümern, Frau Professor Pohlack, Herrn Doktor Krüger und Familie Kaltofen, die Verständnis für mein spezielles Interesse aufbrachten und mich näher an die Objekte herantreten ließen.

Dietrich Lohse

 

Wer war Oskar Ernst Bernhardt alias Abd-ru-shin? (2. Teil)

Repro B. Kazmirowski

Im Dezember-Heft hatte ich auf den Sachverhalt aufmerksam gemacht, dass vor genau 100 Jahren ein gewisser Oskar Ernst Bernhardt nach Kötzschenbroda gezogen war und für etwa drei Jahre, bis 1924, auf der Meißner Straße gewohnt hatte. Auf diesen Beitrag habe ich einige Rückmeldungen erhalten, wofür ich dankbar bin. Beispielsweise erhielt ich durch unsere Leserin Petra Schmalfeld einen Hinweis auf die mögliche Ursache für die mehrjährige Internierung Bernhardts auf der Isle of Man ab 1914. Darüber hinaus meldet sich auch Frank Andert bei mir und korrigierte meine Angaben zu Bernhardts früherem Wohnsitz. Tatsächlich wohnte er nämlich in einem kleinen Landhaus ungefähr dort, wo heute LIDL unter der Adresse Meißner Straße 252 einen Supermarkt betreibt. Insofern ist der Wikipedia-Eintrag mit dem Verweis auf die Meißner Straße 250 richtig. Überdies machte mich Frank Andert darauf aufmerksam, dass er bereits vor 10 Jahren als Teil 62 seiner Reihe „Kötzschenbrodaer Geschichten“ (digital abrufbar auf der Seite der Stadtapotheke Radebeul) über O.E. Bernhardt geschrieben hatte. Ihm gebührt also Anerkennung dafür, dass er sich lange vor mir aus heimatkundlichem Interesse heraus mit dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit befasst und dazu veröffentlicht hat.
O.E. Bernhardt hatte sich ab etwa 1925 „Abd-ru-shin“ genannt und in einer Publikation mit dem Titel „Gralsblätter“ seine Lehre verkündet, die seither als „Gralsbotschaft“ firmiert. Genau um diese soll es im vorliegenden Beitrag gehen, wobei ich nur einen sehr kleinen Teil vorstellen möchte und stellvertretend zwei Aspekte vertiefe, die im Hinblick auf die biblische Weihnachtsgeschichte von Belang sind. Abschließend sei noch gesagt, dass ich kein Theologe bin, weshalb ich mich Bewertungen jedweder Art enthalte. Sofern angebracht zitiere ich aus zwei fachwissenschaftlichen Publikationen i), die helfen können, die „Gralsbotschaft“ einzuordnen. Ansonsten beziehe ich mich vor allem auf Abd-ru-shins dreibändige Offenbarung „Im Lichte der Wahrheit .i i) Die Leserschaft möge sich also selbst ein Bild davon machen und Rückschlüsse ziehen.
Literarisch-kulturgeschichtlich bewanderte Leser kennen den Begriff des „Grals“. Schon im Mittelalter beschworen Dichter wie Wolfram von Eschenbach und Chrétien de Troyes in ihren Legenden die Existenz eines wundersamen Gefäßes, welches Jesus Christus nach neutestamentlicher Lesart beim letzten Abendmahl im Kreis seiner Jünger geleert hatte. Dieses Gefäß würde an einem geheimen Ort verwahrt und Fixpunkt einer Erlösungsvision sein, in deren Zentrum eine Gralsburg mit der Gralsritterschaft stünde (man denke hier vor allem an die Figur des Parzival). Insofern ist es wichtig zu betonen, dass die von Abd-ru-shin so benannte „Gralsbotschaft“ sich davon absetzt. Diese behauptet, dass jener Kelch, so es ihn gäbe, nicht der Heilige Gral sei, sondern der Gral ein ewiges Mysterium, etwas Nicht-Stoffliches sei und die Menschen keinen Zugang dazu hätten – es sei denn durch einen Boten, der, mit einer göttlichen Vollmacht ausgestattet, Zeugnis davon ablegen und die „Wahrheit“ verkünden könne. „Im Jahr 1929, offensichtlich am 29. Dezember, erlebte Bernhardt die Offenbarung seiner göttlichen Sendung.“ (Verscht-Biener/Reimer, S. 3). Fortan sah er sich als der „Menschensohn“, der in der Nachfolge des „Gottessohnes“ (also Jesus Christus) stünde. „Und da der gesandte Gottessohn und der nun kommende Menschensohn die alleinigen Bringer der ungetrübten Wahrheit sind, müssen beide naturgemäß auch untrennbar das Kreuz in sich tragen […] Träger der Wahrheit sein, Träger der Erlösung, die in der Wahrheit für die Menschen ruht“ (Abd-ru-shin, S. 150). Aus dieser Logik heraus ergibt sich auch die Tatsache, dass für seine Anhänger Abd-ru-shin der HERR ist und gottgleich verehrt wird: „Wer das Wort Gottes, so wie es in der Gralsbotschaft Im Lichte der Wahrheit geschrieben steht, in sich aufnimmt, wird Stufe um Stufe nach oben aufsteigen.“ ¹) Dieser Verehrung ist geschuldet, dass Abd-ru-shins/Oskar Ernst Bernhardts Todestag 6. Dezember ein besonderer Gedenktag für die Gralsanhänger ist. Vor allem aber wird der 29. Dezember als einer von drei großen Festtagen begangen, an dem Abd-ru-shin quasi aufhörte Oskar Ernst Bernhardt zu sein und seine Berufung als gottbegnadeter Künder der Gralsbotschaft empfangen haben soll: „Am 29. Dezember begehen wir das Fest des Strahlenden Sternes. Es steht in engem Zusammenhang mit der Geburt Jesu‘, die einst vom Erstrahlen des Bethlehemsternes begleitet war, und dessen Mission, die darin lag, der Menschheit in seiner Botschaft der Liebe die Wahrheit zu bringen. Wie einst durch die Geburt des Gottessohnes Jesus auf die Erde, so wird auch an diesem Tag ein Strahl der Gottesliebe gesendet, zur Hilfe für uns Menschen. Das Fest des Strahlenden Sternes wird daher auch das Fest der Rose genannt, weil diese das Symbol der Liebe ist.“²) Interessant ist auch die Tatsache, dass Bernhardts zweite Frau Maria, die ab 1921 für ca. drei Jahre seine Vermieterin in Kötzschenbroda gewesen war, zu einer wichtigen Figur des Kultes stilisiert wurde. Gemeinsam mit ihr und deren ältester Tochter Irmingard bildete Abd-ru-shin ein „göttliches Trigon“, weshalb auch Maria Bernhardts Geburtstag, der 19. Dezember, als ein Gedenktag begangen wird.
Nun befinden wir uns in diesen Tagen unmittelbar vor und nach Weihnachten in einer theologisch aufgeladenen Zeit, die unsere säkulare Gesellschaft beeinflusst wie keine andere im Kirchenjahr. Denn auch viele Nichtchristen kennen die Geschichte von der Geburt Jesu, wie sie im Lukasevangelium erzählt wird. Aber die Interpretation dieser Botschaft, wie wir uns also Zeugung, Menschwerdung und Geburt vorstellen, hängt zum einen stark davon ab, ob man bspw. Katholik, Protestant, Religionswissenschaftler oder gar Biologe ist, zum anderen, welche Haltung man ganz persönlich als Christ oder auch Atheist zu dieser Überlieferung einnimmt, denn sie berührt eine der umstrittensten Glaubensfragen. Bei vielen Christen besteht die tradierte Vorstellung von Jesus als Gottes Sohn, der ohne leibliche Zeugung entstanden ist („Jungfrauengeburt“). Abd-ru-shin wendet sich dagegen und schreibt: „Es sei Euch noch einmal gesagt, daß es unmöglich ist nach den Gesetzen in der Schöpfung, daß Erdenmenschenkörper je geboren werden können ohne vorherige grobstoffliche Zeugung […]“ (Abd-ru-shin, S. 66). Er begründet dies mit der Vollkommenheit der göttlichen Schöpfung, die notwendigerweise eine Zeugung vor einer Geburt bedingt. Er fragt sich, warum Gott ausgerechnet bei der Sendung seines Sohnes gegen seine eigenen Schöpfungsgesetze hätte verstoßen sollen: „Denn Gott ohne Vollkommenheit wäre nicht Gott.“ (ebd.) Dennoch führt er aus, dass es „vollkommen richtig“ sei, von einer unbefleckten Empfängnis zu sprechen, denn man müsse sich den Vorgang vor allem als eine „geistige Empfängnis“ in einem Akt göttlicher Auserwählung „in der Mitte der Schwangerschaft“ denken (Abd-ru-shin, 351). Und weiter: „Daß Maria schon alle Gaben für ihre Mission mitbrachte, also vorgeburtlich dazu ausersehen war, die irdische Mutter des kommenden Wahrheitsbringers Jesus zu werden, ist bei einiger Kenntnis der geistigen Welt […] nicht schwer zu verstehen.“ (ebd.). Sehr interessant finde ich im weihnachtlichen Zusammenhang auch, dass Abd-ru-shin in einem seiner Vorträge („Weihnachten“) grundsätzlich darüber nachdenkt, welche Rolle den Hirten zukommt, denen der Überlieferung nach auf den Feldern der Engel erschienen war und die Frohbotschaft von der Geburt des Heilands verkündete hatte. Abd-ru-shin betont, dass nur wenige Auserwählte Zeugen der Geburt waren und schreibt: „Niemand sah und hörte als die wenigen der dazu auserwählten Hirten, die in ihrer Einfachheit und Naturverbundenheit am leichtesten dafür geöffnet werden konnten.“ (Abd-ru-shin, S. 715) Wie es im Neuen Testament heißt, machten sich die Hirten dann vom Stall in Bethlehem auf, um aller Welt von der Geburt des Kindes zu erzählen. Diesen Gedanken nimmt Abd-ru-shin auf und fragt sich, wie man in der Moderne mit Menschen umgeht, die schier Unglaubliches zu verkünden haben: „Damals glaubte man den Hirten, wenigstens für kurze Zeit. Heute werden derartige Menschen nur verlacht, für unbequem gehalten oder gar noch für Betrüger, welche irdisch Vorteile dadurch erreichen wollen, weil die Menschheit viel zu tief gesunken ist, um Rufe aus den lichten Höhen noch für echt nehmen zu können, namentlich, wenn sie sie selbst nicht hören und auch selbst nichts schauen können.“ (ebd.). Es liegt nahe, dass Abd-ru-shin damit indirekt auch sich und seine Wirkung auf die Menschen seiner Zeit meint. Denn bei allem Zulauf, den seine Bewegung ab den späten 1920ern aufgrund auch äußerer Umstände erfuhr – in einer Zeit der Wirtschaftskrise, der sozialen Instabilität, der zunehmenden politischen R9adikalisierung – so blieb seine Gralsbewegung dennoch auch auf lange Sicht eine Randerscheinung, was sicherlich daran lag, dass zentrale Aussagen quer zur katholischen und auch zur evangelischen Lehre stehen. Zusammenfassend zitiere ich wie folgt: „Sein Anspruch, der ‚Menschensohn‘ zu sein, fordert vornehmlich Christen heraus, für die dieser Hoheitstitel unlösbar mit Jesus Christus verknüpft ist. Ob Bernhardt als Gründer einer christlichen Religionsgemeinschaft oder Bewegung zu bezeichnen ist, wird umstritten bleiben. Elemente christlicher Tradition und christlichen Denkens sind in seiner Lehre zweifellos vorhanden. In ihren Grundaussagen ist sie jedoch […] nicht christlich.“ (Obst, 571).
Damit schließe ich meine Ausführungen ab. Eine Frage aber habe ich noch nicht beantwortet, ich hatte sie eingangs des Beitrages im letzten Heft gestellt: Wieso bin ich auf Oskar Ernst Bernhardt alias Abd-ru-shin ausgerechnet bei einer Radtour durch kleine Örtchen bei Salzburg gestoßen? Die Antwort: Mir fiel in Sighartstein, ein nur wenige Dutzend Häuser umfassender Ortsteil von Neumarkt/Wallersee, ein neugebautes Haus ins Auge, das ich bei früheren Aufenthalten in der Region noch nicht gesehen hatte, es schien mir eine Art Tempel zu sein. Am Grundstückseingang konnte man sich aus einem Kästchen ein Faltblatt entnehmen, das auf die Gralsbotschaft eines gewissen Abd-ru-shin hinwies. Und also nahm ich mir eines davon mit… und begann zu recherchieren.
Bertram Kazmirowski


¹) Paul Otte: Der Sinn des Lebens. S. 95. 2020
² https://gralsbewegung.net/andachten-und-gralsfeiern/

i) Helmut Obst: Apostel und Propheten der Neuzeit. S. 546-574. Halle/Saale 2000; Karin Verscht-Biener/Hans-Diether Reimer: „Die Gralsbewegung“. Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Stuttgart 1991.
ii) Abd-ru-shin: Im Lichte der Wahrheit. Gralsbotschaft. Vomperberg. 2. Auflage 1960.

Rückblick und Vorschau auf die wunderschöne Stadt R.

Geplante Bebauung Wasapark (alle weißen Häuser) und das zusätzlich geplante Haus Wasastraße 48,
welches laut Einschätzung Stadtplanungsamt für das Gebiet zu groß wäre! Foto: M. Biegel

Es war einmal eine wunderschöne Stadt mit großen Gärten und geschmackvollen Häusern. Die Menschen erfreuten sich am Werk der Vorfahren und zeigten stolz allen Besuchern den zauberhaften Ort. Doch dann begab es sich, dass erst ein, dann zwei und dann immer mehr neue Häuser gebaut wurden, die so gar nicht zu dem von den Bewohnern und Verwaltern der Stadt gepriesenen Charakter passten. Sie waren viel breiter, höher und langweiliger als alles Dagewesene, ignorierten völlig die Nachbarhäuser und hatten offenbar nur das Ziel, möglichst jeden erlaubten Quadratmeter zuzubauen. Und erlaubt war offenbar sehr viel, kaum ein Fleckchen Grün blieb übrig, wenn ein neues Haus gebaut wurde – sehr zum Ärger der Menschen in der Stadt. Diese verstanden nicht, warum das so sehr gepriesene Stadtbild immer mehr verschwand. Darum gingen sie schließlich zu den Verwaltern der Stadt und klagten ihr Leid. Doch die Verwalter schauten nur traurig zu Boden und erklärten, dass alle diese einzelnen Häuser gebaut werden dürften, denn das erlaube das Gesetz. Darauf gingen die Menschen zu den Herrschern der Stadt, und verlangten, das Gesetz zu ändern. Doch die Herrscher erklärten ebenfalls sehr traurig, dass das Gesetz nur für viele Häuser geändert werden könne, aber nicht für ein einzelnes Haus. So kam es, dass auch neben dem Haus des braven Bürgers Mustermann ein riesiges, neues Haus gebaut werden sollte. Das erschien ihm völlig unpassend. Aber um den neuen Zeitgeist nicht im Wege zu stehen entschied er sich schweren Herzens, ebenfalls die Erlaubnis für ein solches Haus einzuholen. Damit könnte er auch viele moderne Wohnungen vermieten und vom Dach weiter die schönen Elbhänge sehen. Natürlich fragte er die Verwalter der Stadt, aber was würden sie ihm schon antworten? Es waren ja schließlich schon viel größere Häuser vorher gebaut worden. Wie groß war jedoch sein Erstaunen, als ihm mitgeteilt wurde, dass er ein solches Haus an dieser Stelle nicht bauen dürfte, denn es passe nicht in die Umgebung und beleidige die alten Häuser in der Nachbarschaft. „Aber wieso kann denn nur sechs Meter daneben ein viel größeres Haus gebaut werden?“ fragte er ungläubig. „Das lässt sich leicht erklären“, antwortete der Verwalter auf väterliche Weise. „Nebenan würde nicht nur ein riesiges Haus, sondern es werden sehr viele riesige Häuser gebaut – und dafür wurde das Gesetz von den Herrschern der Stadt geändert.“ Das leuchtete dem braven Bürger sofort ein, denn es gibt eben Gleiche und Gleichere. Auch wenn er etwas verwundert war, warum die Herrscher früher immer so getan hatten, als würden sie das Verschwinden der einstmals schönen Stadt mit aller Kraft verhindern wollen.
HINTERGRUND:
Die – unzweifelhaft wünschenswerte – Neubebauung des Wasaparks ist mit sehr großen Gebäuden geplant, welche die bisherige Bebauung der Umgebung völlig ignorieren. Dies geht aus dem im Juni 2021 öffentlich ausgelegten Bebauungsplan Nr. 71 für den Wasapark hervor. Die Häuser haben eine viel größere Grundfläche als die bestehende Bebauung in der Umgebung, sind viel höher und stehen auch viel dichter aneinander. Durch die notwendigen Tiefgaragen für die große Anzahl an Wohnungen bleibt darüber hinaus kaum Platz für Bäume. Da offenbar dieser Haustyp für die Mehrheit der Mitglieder des Stadtrats für diesen Ort passend erscheint, stellte ein Anwohner versuchshalber für ein unmittelbar an den Wasapark angrenzendes Grundstück im Juni eine Bauvoranfrage beim Stadtplanungsamt für die Errichtung eines Hauses, dessen Maße vergleichbar mit der geplanten Bebauung im Wasapark sind. Im August wurde durch das Stadtplanungsamt die Ablehnung der Bauvoranfrage angekündigt. Die Ablehnung wird mit zwei Punkten begründet: Erstens passe das Haus nicht in Umgebung, denn es sei viel zu groß; zweitens beeinträchtige es die denkmalgeschützten Häuser in der Umgebung. Wie ist das nun für einen Radebeuler zu verstehen? Auf der einen Seite scheint es hier GLÜCKLICHERWEISE den Fall zu geben, dass die Stadtverwaltung aufgrund der geltenden Rechtslage tatsächlich den Bau eines überdimensionierten Wohnhauses ohne Gartenflächen verhindern kann. Auf der anderen Seite ist es dann aber völlig unverständlich, wieso Teile des Stadtrates einen Bebauungsplan für den Wasapark forcieren, der genau diese Art der Bebauung auf dem Nachbargrundstück ausdrücklich erlauben würde! Und das, obwohl die Bestandsbebauung in der Umgebung viel kleinere Proportionen aufweist und rund um das Gelände etliche denkmalgeschützte Gebäude stehen! Wird hier mit zweierlei Maß gemessen? Denn bisher wurde uns Radebeulern bei diversen Stellungnahmen – ein Höhepunkt war die Podiumsdiskussion im Bahnhof Radebeul Ost im letzten Jahr – von Vertretern des Stadtrats und der Stadtverwaltung immer wieder ganz klar das offensichtliche Dilemma aufgezeigt. Es gibt bei einzelnen Neubauprojekten in den meisten Fällen für die Stadtverwaltung und auch für Stadträte kaum eine Handhabe, aufgrund der Baugesetzlage steuernd einzugreifen. Somit sind dem Stadtrat anscheinend die Hände beim Baugeschehen in Radebeul gebunden. Allerdings liegt im Falle des Wasaparks die Sache anders. Hier hat der Stadtrat durch die Aufstellung eines B-Plans durchaus die rechtliche Möglichkeit, Akzente für den Erhalt des Charakters unserer Stadt zu setzen. Und in seinem erst im November mit großer Mehrheit beschlossenen „Grundsatzpapier zur Sicherung der städtebaulichen Qualität in Radebeul“ fordert er selber die „Ausnutzung der Grundstücke in einem verträglichen Maß“ und „keine ‚Ausreißer‘ als Orientierungsmaßstab für das Maß der baulichen Nutzung heranzuziehen“. Aber warum, fragt man sich, tut er es dann im konkreten Fall nicht? Das bittere Fazit: Es scheint so, als ob in Radebeul gebaut werden kann, wie man will – zumindest wenn man ein Großinvestor ist.
Markus Biegel
neuerwasapark@gmail.com
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PS.: Wenn Sie auch der Meinung sind, die Bebauung sollte besser in das Umfeld eingepasst werden, können Sie die Petition dazu unterstützen: openpetition.de/!wasapark

Petition „Rettet Radebeul“



Gedanken des Vereins für Denkmalpflege und Neues Bauen e.V. zur Petition „Rettet Radebeul“ und den bereits gefassten Aufstellungsbeschluss zum B-Planverfahren für den Bereich Fritz Schulze Straße

Die Petition „Rettet Radebeul“ hält der Verein für den richtigen Weg, um auf die problematische Überbauung von Grundstücken in Radebeul und der Auslotung der Grenzen des Machbaren aufmerksam zu machen.
Dass hier die Bürger der Stadt klaren Blicks versuchen, genau das Stadtbild zu erhalten, von dem wir alle profitieren, ist legitim und verlangt geradezu nach einer Reaktion der Stadtverwaltung und des Stadtrates!
Zu viele Bauvorhaben der letzten Jahre, gerade im Gebiet der Oberlößnitz, oder auch das, wie zum Hohn für die Planungsaufgabe des vergangenen Moritz-Ziller-Preises, „geschaffene“ Objekt Meissner/Ecke Friedsteinstraße belegen ja sehr anschaulich, dass hier dringend Handlungsbedarf besteht.
Das Ziel der gerade in Arbeit befindlichen Erhaltungssatzung(en) für Teile der Nieder- und Oberlößnitz darf gerade durch solche Vorhaben wie Fritz Schulze Straße 11 nicht unterminiert werden.
Eine durch ein B-Planverfahren zu erwirkende Veränderungssperre ist nach unserer Ansicht zweckdienlich und schafft Zeit, die Situation nochmals genauer zu beleuchten und zu prüfen. Dass diese nicht nur in diesem Falle nach zwei Jahre auch noch zweimal verlängerbar ist, sollte ja bekannt sein.
Angesichts der vielen Bebauungsdiskussionen, an denen sich der „verein für denkmalpflege und neues bauen e.v“ in den vergangenen Jahren beteiligt hat, ist uns aufgefallen, dass die Frage nach der unmittelbaren Bebauungsumgebung, die bei der Beurteilung nach dem Einfügegebot des BauGB eine maßgebliche Rolle spielt, oftmals unterschiedlich ausgelegt wird. Einmal wird die Meinung vertreten, dass mindestens ein gesamter Baublock zu betrachten sein, ein anderes Mal soll nur die unmittelbare Nachbarschaft prägend sein. Einmal wird ausgeführt, dass alle größeren Gebäude eines Blocks maßstabsbildend seien, ein anderes Mal sollen solche einzelnen größeren Gebäude als „Ausreißer“ nicht in die Bewertung mit einbezogen werden können. Nicht wenige Bürger und Bauwillige beklagen hier eine ungenügende Urteilskonsistenz. Das nun in Gang gesetzte B-Planverfahren im Bereich Fritz-Schulze-Straße böte hier einmal die Gelegenheit, verbindliche Beurteilungsgrundsätze für Radebeul zu erarbeiten und somit die Argumentationslinien der Fachbehörden zu vereinheitlichen bzw. zu verstetigen.
Was wollen wir zum Ausdruck bringen:
Wir begrüßen es, wenn sachkundige Bürger mit einem guten Blick und einem Herz für die Schönheit unserer Stadt sich für diese einsetzen. Die engagierte Bürgerin bzw. Bürger sind die wesentlichen Stützpfeiler einer lebendigen und lebenswerten Stadtgesellschaft.
Wir begrüßen es, wenn Stadtrat und Stadtverwaltung alles nur Mögliche unternehmen, um derartige Bebauungswünsche besser zu steuern und eventuell in der Zukunft noch vor dem Entstehen eines Konflikts in verträgliche konsensfähige Bahnen zu lenken.
Wir würden es außerdem sehr begrüßen, wenn Investoren in dem Wissen, dass genauer hingeschaut wird, mit der nötigen Sensibilität an derartige Vorhaben gehen (so wie in unmittelbarer Nachbarschaft des betroffenen Grundstücks bereits vorbildhaft geschehen).
Wir als Verein bieten allen – ob Verwaltung, Stadtrat, Investor, privater Bauherr – unsere Unterstützung bei der Diskussion von Bebauungsvorhaben mit Blick auf die Bewahrung unseres Stadtbildes an und begrüßen ausdrücklich die Einrichtung eines Gestaltungsbeirates bei der Stadt, den wir als Verein nach Kräften unterstützen wollen. Neue Einwohner und neue gelingende Architektur sind uns willkommen.

Thomas Scharrer, Jens Baumann und Robert Bialek
für den verein für denkmalpflege und neues bauen radebeul e.V.

„Das Unsichtbare des Raumes erfahrbar machen“

Eine Begegnung mit Constanze Schüttoff, Schöpferin der Titelbilder 2022

 

Fotografie | Ilka Meffert

Manchmal lernt man eine Person, mit der man schon seit Jahrzehnten gut befreundet und vertraut ist, ein zweites Mal kennen. Diese Momente der Neu- oder Andersbegegnung brauchen zumeist einen Auslöser, der von außen kommt, denn warum sollte man am etablierten Verhältnis etwas aktiv ändern? Dieser Auslöser kann im besten Fall eine Erweiterung dessen bedeuten, was einem an der anderen Person bisher schon schätzens- und liebenswert erschien. So erging es mir mit Constanze Schüttoff, die ich seit mehr als 30 Jahren eine gute Freundin nennen darf, denn sie ist ebenso wie ich in Radebeul aufgewachsen und unsere Wege kreuzten sich seit den 1980er Jahren immer wieder. Ich lernte sie während eines abendlichen Besuches vor einigen Wochen zum ersten Mal so richtig als Künstlerin kennen, denn unser Gespräch vertiefte sich nach anfänglichem freundschaftlichen Geplauder in einer Weise, dass sie ihre Auffassung von Kunst und ihre Identität als Künstlerin in Worte fasste. Vorsichtig tastend erst, dann entschiedener, schließlich sehr bestimmt. Und auf Gegenfragen folgten Antworten, Erklärungen, Reflexionen. Tee wurde kalt, Gebäck blieb unangetastet, der Uhrzeiger rückte vor – unbemerkt von uns. Der eigentliche Auslöser für unser Gespräch war, dass Constanze Schüttoff uns mit den Titelbildern für unser Monatsheft durch das Jahr 2022 begleiten wird. Sie gibt uns Einblicke in ihr Schaffen und zeigt Momentaufnahmen ihrer sich meist längst verflüchtigten Arbeiten. Obwohl natürlich ihre Kunst für sich stehen und sprechen könnte, ist es der Redaktion von „Vorschau & Rückblick“ wichtig, dass Ihnen als Leser durch flankierende Gedanken der Urheberin die Rezeption der Titelbilder erleichtert wird. Wie immer finden Sie diese Erläuterung am Ende eines jeden Heftes. Was diese kurzen Texte allerdings nicht vermögen, ist, die Künstlerin selbst vorzustellen. Das soll im Folgenden geschehen.
Bevor Constanze Schüttoff 2011 sich mit einer visuellen Klanginstallation auf ihren eigenen freischaffenden künstlerischen Weg begab, lagen acht Jahre Studium in Halle hinter ihr. Die Burg Giebichenstein sollte es sein, weil sie dort beste Bedingungen dafür erkannte, ihrem Interesse an figürlicher Bildhauerei zu folgen. Während jener Jahre hatte sich ihr Augenmerk dem Papier als bevorzugtem Material zugewandt. Sie hatte gespürt, dass sie sich im Figürlichen nicht aussprechen, dort nicht die Möglichkeit einer gedanklichen Tiefe finden konnte, sondern diese erst in der Abstraktion eine Offenheit für die Kunstrezeption zulässt, die den Betrachter zwar noch mehr fordert, aber diesem auch genug Freiheit lässt. In ihrer Diplomarbeit spielte dann auch erstmals nicht nur das künstlerische Objekt an sich eine Rolle, sondern die Wechsel­beziehungen zwischen Objekt, Raum und Rezipient. „Mir war klar geworden, dass es mir in allererster Linie darum geht, für das Wahrnehmen des Raumes zu sensibilisieren. Wie verhalten sich Körper zueinander im Raum? Welches Potential birgt der Raum zwischen Objekten, also das, was man auf den ersten Blick als Leere wahrnimmt? Kurz gesagt: Ich wollte und will immer mehr das Unsichtbare des Raumes erfahrbar machen.“ Seit nunmehr zehn Jahren ist sie diesen Weg konsequent gegangen und hat ihre Meisterschaft darin profiliert. „Begehbare Installationen ermöglichen dem Betrachter eine direkte Auseinandersetzung mit sich selbst im Raum. Sie helfen ihm, sich über das Kunstwerk im Raum zu verorten und darüber tiefere Ebenen seines Selbst im Bezug zum großen Ganzen zu reflektieren. So versuche ich, mittels sanfter Interventionen im Raum, gewohnte Seh-, Denk- und Bewegungsmuster aufzu­brechen.“
Zum Papier war unterdessen auch Glas hinzugetreten, und in der kunstvollen Verschmelzung beider Stoffe hat Constanze Schüttoff inzwischen Werke ganz eigener Art kreiert. So findet sich zum Beispiel seit 2014 auf einer Freifläche des Botanischen Gartens in Ulm eine großformatige Glasskulptur („blauer horizont“) mit mehrschichtig eingearbeiteten pigmentierten Papieren, welche den Horizont als Linie hinterfragen und ihn als einen lebendigen Tiefenraum, als eine Raumschwingung sichtbar werden lassen. Andere papiergläserne Arbeiten, wie die „lichtung“ (2017), derzeit im Botanischen Garten Dresden zu sehen oder zunehmend baugebundene Arbeiten folgten. So entstanden zuletzt eine Verglasung für den Andachtsraum des St. Benno Verlags in Leipzig (2020), oder die Portale im Hafentor Hanau (2017). Wann immer sie eine ortsspezifische Arbeit angeht, geht sie auch der Ort an sich an. Dann fährt sie mit ihrem Transporter quer durchs Land und wohnt bei Bedarf auch darin, während vor Ort die Arbeit aufgebaut wird, oder diese gar erst dort entsteht. Wie etwa 2019, als sie mit einer aufsehenerregenden Installation aus mehreren Tausend PET-Flaschen eine Klangwolke im Stadtgarten Großenhain schuf. Oder wie in den Jahren 2018 und 2021, in denen Arbeiten von ihr beim Windkunstfestival in Nordhessen zu erleben waren. Oder schließlich wie im Frühsommer 2021, als sich unter ihren Händen die Räume der Galerie drei der Dresdner Sezession 89 auf der Prießnitzstraße mit Papieren und Hunderten von der Decke hängenden Fäden unterschiedlichster Länge und Breite füllten, die des nachts (aus)strahlten und viele Besucher anlockten. Diese konnten anschließend auch auf der Website der Künstlerin vermittels ihrer Antworten einen Resonanzraum erschaffen. „Bei solchen prozessualen Arbeiten spielt das performative Element für mich eine ganz besondere Rolle. Denn es bleibt immer unvorhersehbar, was sich aus dem spontanen Interagieren aller Beteiligten, also zwischen dem Werk, den Betrachtern und mir, im Raum entwickelt. Diese Augenblicke empfinde ich oft als sehr intim, als ein großes Geschenk.“ Einen wichtigen Platz nimmt dabei auch ihr Verständnis von der Aura des einzelnen Momentes ein, vom ganz konkreten Jetzt, in dem sich Wirklichkeit flüchtig formt, vergeht, wieder formt und wieder vergeht, … „in dem es sich aber auch genüsslich darin verweilen lässt, wenn man ihm allein seine ganze Aufmerksamkeit schenkt.“ Es leuchtet ein, dass für diesen Ansatz vor allem hauchzarte Papiere das bestmögliche Material sind.
Es war spät geworden – für mich jedenfalls. Für Constanze Schüttoff ist der Abend, ist die Nacht die Zeit, in der ihr die besten Einfälle kommen und sich vage Ideen zu konkreten Vorstellungen formen. Zettel und Stift liegen deshalb auch im Badezimmer bereit, denn Eingebungen verschwinden genauso schnell, wie sie kommen können. Und manchmal macht sie sich auch noch abends auf den Weg hinaus in die zur Ruhe gekommene Natur, die zum Glück nicht weit von ihrem Haus in und bei den Weinbergen zu finden ist. Denn die Stille gebiert das Wort, den Begriff, der ganz am Anfang all ihres Schaffens steht.

Bertram Kazmirowski

 

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