Neue Sitten – gute Sitten?

Zugegeben, die Zeiten sind rauer geworden. Das mag man sicher nicht nur an den irrsinnigen Mieten erkennen. In München soll die Monatsmiete für manche Behausung bis auf 3.000 Euro gestiegen sein. Da kann man sich schon vorstellen, dass die Leute wie Geier übereinander herfallen, wenn es mal einen Wohnraum mit 12 Euro pro Quadratmeter zu erhaschen gibt. Das neoliberale System verdirbt eben die guten Sitten. Es stellt alles auf den „Prüfstand der Vermarktung“, egal ob es dabei zu Bruch geht oder nicht.

Der Theaterwissenschaftler Patrick Primavesi, Professor an der Universität Leipzig und Direktor des Tanzarchivs in der Messestadt, sieht gar über kurz oder lang das gute alte dialogische Theater verschwinden, da das gesellschaftliche System dafür keine Voraussetzungen mehr bietet und die Menschen dafür kein Verständnis mehr entwickeln können. Warum? Weil es nur noch um die Ich-Performance geht. Was interessiert mich da schon der Andere? Die Selbstdarstellung ist in dieser Gesellschaft die wichtigste Veräußerung geworden, bei der es natürlich auch immer gegen jeden und alle geht. Nur wenn ich mich um jeden Preis gegen meine Mitkonkurrenten durchsetzen kann, habe ich eine Chance auf einen halbwegs sicheren Platz am „Futternapf“.

Die Untersuchungen und Erhebungen des Künstlerverbandes, des Verbandes Darstellender Künste und anderer Einrichtungen zur Lage der Künstler in der Bundesrepublik ist zwar erschreckend, aber wirklich interessiert es keinen, außer natürlich die Betroffenen. Kunst scheint für manch einen nach wie vor etwas zu sein, was man sich leisten können muss, gewissermaßen, dass Sahnehäubchen auf dem schon übersüßten Kuchen. Dem sei mit Peter Hacks geantwortet: „Erst vergammeln die Zwecke, dann die Mittel“, und anfügen könnte man: auch die Menschen, zumindest moralisch. Über die Kunst soll an dieser Stelle nicht auch noch philosophiert werden. Da weiß schon lang keiner mehr was und wo „gut“ und „böse“ ist. Ein Blick in den internationalen Kunstmarkt genügt da völlig.

Wer es in diesen großen Kunstmarkt nicht geschafft hat, muss sich seine Brötchen anders verdienen und zumeist sehr sauer. Neben dem Broterwerbsjob kommt dann aber zu meist die künstlerische Arbeit zu kurz. Nach einer Schicht in der Pflege oder an der Kasse bei Aldi ist man nicht nur körperlich ausgepowert. Da können einem schon mal die Sicherungen durchbrennen, wenn einem ein Honorar, sagen wir mal von 500 Euro, durch die Lappen geht. Rechtfertigt dies aber die Aufgabe eben all der „guten Sitten“? Bisher galt zumindest in der Kultur auf regionaler Ebene das seit alters her gepflegte „Handschlaggeschäft“. Neben der Kulanz war die absolute Verlässlichkeit bei Absprachen eines der herausstechenden Merkmale in den Beziehungen unter den Kulturschaffenden. Man hatte gewissermaßen einen eigenen Codex, von dem ein Teil der Branche aber heute offensichtlich nichts mehr wissen will. Denen geht es vermutlich nur noch ums blanke Geschäft, ums Überleben. Fragen drängen sich da einem schon auf. Z.B. was das dann alles noch mit Kunst zu tun hat und was das mit den Menschen macht? Gibt mir gewissermaßen dieses „System“ die Berechtigung, mich als Mensch, als humanes Wesen, zu verraten? Kann ich mich dann noch Künstler nennen?
Wollen wir hoffen, das Künstler in erster Linie Künstler bleiben und nicht zum Krämer verkommen, denn dann ist die Kunst verloren.

KUB

Wann beginnt Weihnachten?

Bestimmt nicht an einem Tag Ende August. Aber an dem werde ich zum letzten Male von Ochs und Esel geweckt. Schafe, Ziegen Hühner und Hunde mischen sich bald in diese Geräuschkulisse. Noch bevor die Sonne über den schroffen, kantigen Bergrücken steigt, welcher der kleinen griechischen Insel in der Ägäis Profil gibt, schlagen die Tiere an. Die fugalen Folgen, so scheint mir, wechseln von Tag zu Tag. Nochmal einschlafen bis es Frühstück gibt, nun, das geht erst nach einer Weile wieder. Urlaub auf dem Dorf. Kristos und Andrea, ein griechisch-tschechisches Paar, haben mir das gleiche Zimmer wie in den Jahren davor vermietet. Zum letzten Mal geht es die Straße entlang zum Meer, vorbei an Tomatenfeldern, Kühen und Pferden auf der Weide, duftenden Oleandersträuchern und Feigen als Straßenfallobst. Nach einem Kilometer tut sich ein Stück paradiesisch einsamer Sandstrand auf. Hinter den Dünen, rings um einen Salzsee, werden jedes Jahr im Dezember und Januar bunte Flamingos mehrere Tage rasten. Drüben über der Meerenge taucht das Festland aus dem Schönwetterdunst, dort beginnen die Wege in den Orient. Sollte mir da ein heller Stern aufgefallen sein? Eher nicht, in diesem Jahr bleibt eine totale Mondfinsternis im Gedächtnis. Und mehrere Weise haben nachgerechnet, die nächste wird es hier am 9. Juni 2123 geben.
Wie ich zum letzten Male in diesem Jahr die Straße zum Hotel zurücklaufe, stoppe ich im kleinen Laden von Maria, der hiesigen „Tante Emma“. Kalo taxidi wünscht sie mir – gute Reise. Und ich bekomme eine Dose Bier der Marke „Mythos“ mit. Sofort ist mir klar, die werde ich zu Weihnachten zu Hause trinken. Vier Stunden, nachdem das Flugzeug gestartet ist, schließe ich meine Wohnungstür in der Flusstalstadt auf.
Noch ist es nicht September, als ich zu Hause den Kühlschrank gründlich auf seinen Alltagsmodus bestücke. Im Supermarkt steht der erste Wein des Jahres, Federweißer. Und es ist noch September, als die ersten Lebkuchen und Weihnachtsmänner sich in und um die Regale türmen. Draußen ist bestes Badewetter. Das 2018er Jahr verwöhnt uns ungewöhnlich mit Sonne und Wärme. Landarbeiter, Gärtner, Förster, die Wasserwirtschaft und die Elbschifffahrt werden das anders sehen. Noch im Oktober an der Kiesgrube fasse ich rationale Gedanken. Die zu verschickenden Stollen, meint der Bäcker, kann ich gleich auf seiner Internetseite ordern, als Aufpreis nur das Porto…
und darüber ist November geworden. Aus dem Fenster der Linie 4 verfolge ich schon ab Monatsbeginn den Aufbau des Striezelmarktes. Der Baum stand zuerst. Finde ich wieder Zeit, mich mit dem einen oder anderen Bekannten dort auf einen Glühwein zu treffen? Schaffe ich es, wie in Kindertagen an den Märchenfiguren vorbeizuschlendern? Ach ja, die Geschenke im engsten Kreis: nein, „nichts“ wollen wir uns nicht schenken, sondern Erlebnisse. Gemeinsamkeit lautet die Verabredung. Ein kostbarer Anspruch wie ich finde, braucht es doch dafür Ideen, aber vor allem die Zeit, diese zusammen umzusetzen.
Dezember. An der Elbe rasten Graugänse und beim Salzsee hinter dem paradiesischen, jetzt bestimmt noch einsameren Sandstrand auf der kleinen griechischen Insel müssten jene Scharen bunter Flamingos angekommen sein. Schade, das werde ich nicht sehen können. Abgesehen davon, dass keine Zeit dafür wäre, ist die Insel ab Oktober nicht mehr per Charterflug erreichbar, sondern nur mit Umstieg in Athen, und das auch nicht täglich. Die Reise von Tür zu Tür würde nicht vier Stunden, sondern vielleicht vier Tage dauern. Blieben die Bilder vom Sommer. Traditionell werden die bei uns am 27. Dezember, unserem 3. Feiertag angeschaut. Und wie jedes Jahr werden an diesem Tag bereits die ersten Weihnachtsbäume, abgeschmückt und ausgemustert, vor einigen Haustüren und an den Containersammelplätzen liegen. Weihnachten, so einige Nachbarn, wäre ja jetzt vorbei. Leute, denke ich dann immer, es hat doch jetzt gerade erst begonnen…!

Tobias Märksch

Eine Schlossherrin verlässt die Insel

Mit einer nachdenklichen, aber auch humorigen Rede, gehalten am 1. November 2018 von Herrn Dr. Striefler – Geschäftsführer des Staatsbetriebes Sächsische Schlösser, Burgen und Gärten (SBG) – verabschiedete er die langjährig auf Schloss Moritzburg tätig gewesene Ingrid Möbius in den wohlverdienten Ruhestand.
Ingrid Möbius war in den 40 Jahren ihres Wirkens, wie man so sagt, ein Segen für Schloss und umgebende Kulturlandschaft.

Foto: Archiv SBG

Ihr Tun war von Spontanität, Neugier, starkem Willen, Freude an der Arbeit und natürlich auch von Autorität geprägt.
Sie hat sich eingemischt, mitgeredet und Entscheidungen getroffen, die manchmal nicht jedermann passten und vielleicht auch auf Unmut stießen.
Unbequem war sie also auch von Zeit zu Zeit.
Herr Dr. Striefler beschrieb ihren Lebensweg unter Hinzuziehung eines schriftlichen Dokumentes, welches ihm durch einen früheren Lehrer von Ingrid Möbius zugespielt worden war. Im zarten Alter von 16 Jahren hatte sie sich ihren Lebensweg selbst vorgegeben:
„Ich will Schlossherrin werden“, „Ich will in einem Schloss leben“ oder „Ich möchte Erfolg haben“, um nur einige Lebensmaximen zu nennen.
Alles das ist dann in ihrem Leben so eingetroffen. Sie hat zwar nicht im Schloss gewohnt, aber dafür in dem nordwestlichen Teichhaus viele Jahre ihres Lebens zugebracht.
Ihre erfolgreiche Tätigkeit blieb jedoch nicht nur auf die zu verwaltenden Immobilien, wie Schloss, Fasanerie mit Leuchtturm und andere Baulichkeiten sowie das Fasanenschlösschen, begrenzt. Sie hat im Sinne der Einmischung und Einflussnahme wichtige Beiträge über den eigentlichen Schlossbetrieb hinaus geleistet.
Da sind Ausstellungen zu nennen (z.B. Brücke in Moritzburg 1995), die Etablierung des Rüdenhofes als Käthe-Kollwitz-Gedächtnisstätte und dann, der alljährliche Höhepunkt zur Weihnachtszeit: „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“.
Ebenfalls gehört sie zu den Mitinitiatoren für die feste Größe „Moritzburg-Festival“, welches alljährlich tausende Besucher in das Schloss und die Kirche von Moritzburg anzieht.
Nunmehr hat sich ein Lebenskreis geschlossen, aber wir können nicht sicher sein, ob dieser abgeschlossen sein wird. Mit gesundem und optimistischen Blick in die Zukunft: Frau Möbius „Glück auf!“
Gemeinsam mit Marlies Zerjatke begleiten wir als Architekturbüro seit 2004 die Instandsetzung und Instandhaltung der äußeren Hülle des Schlosses Moritzburg, einschließlich der Terrassenbereiche mit Gewölben, Brüstungen, Treppen und aller Putten und Vasen.
Ich will sagen: wir hatten vielerlei Begegnungen mit der „Chefin“, ein wenig haben wir sie dabei auch kennengelernt. Es war eine interessante und schöne Zeit.
Danke!

Dietmar Kunze

Mit Thomas Rosenlöcher poetisch durch das Jahr

Denkmalschutz und Neues Bauen auch 2019

2019 ist für den Verein schon längst gelaufen – bzw. unsere Vorhaben bestimmen schon den Rhythmus des Jahres für den Verein und die Kalender mit. Viele Mitglieder haben sich wieder engagiert ein umfassendes Programm zu entwickeln, welches ich kurz aufreißen möchte, um Sie, die geneigten Leser, zum Mitgestalten zu gewinnen.

Am 25. Januar laden wir wieder 19.30 Uhr in den Kulturbahnhof Radebeul-Ost zum Neujahrsempfang ein. Es ist immer die Veranstaltung, wo sich Vereine, Verwaltung, Engagierte treffen und sich über allgemeine Themen der Stadtentwicklung insgesamt austauschen; Anregungen geben. Da wir – dem Europäischen Datenschutz sei Dank – uns zum Einladen neu Gedanken machen müssen, bitte ich um Zuschrift unter kanu2@gmx.de wer gern kommen möchte. Aus Platz- und Planungsgründen sind wir (und damit Sie) auf konkrete Anmeldebestätigungen angewiesen.

Inhaltlich werden wir uns am 22. Februar 19.30 Uhr mit „90 Jahre Karl-May-Museum: Rückblick und Ausblick“ (Rundgang mit Gespräch zur Bauplanung und zum Gebäudekonzept) auseinandersetzen. Wer könnte das besser als Dr. Christian Wacker, dem wir für die Gastfreundschaft im Museum schon jetzt danken. Am 22. März 19.30 Uhr im Vortragsraum der Stadtbibliothek im Kulturbahnhof Radebeul-Ost ist dann „Fachwerk“ unser thematischer Gegenstand. Als ausgewiesenen Referenten konnten wir Manfried Eisbein, Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, gewinnen. Am 26. April 18 Uhr treffen wir uns zum Thema „50 Jahre Neubau Volkssternwarte Radebeul“ ebenda mit Ulf Peschel. Am 24. Mai 19.30 gibt es die seit längerem schon sehr gut angenommene Reihe „Radebeuler Häuser und ihre Bauherren“; hier ist unbedingt eine telefonische Anmeldung über Gudrun Täubert (838750) notwendig. Am 25. Oktober 19.30 im Gymnasium Luisenstift heißt es dann zum zweiten Mal nach 2018 „Schüler entdecken Zukunft und Vergangenheit – Vorstellung von Schülerarbeiten zur Denkmalpflege“.

An sichtbaren Aktivitäten zur Stadtverschönerung wird es ebenso nicht mangeln. So wird nun endlich 2019, voraussichtlich am 30. August 19.30 Uhr, die Aufstellung der „Knieenden“ im
Saunagarten Krokofit Radebeul erfolgen. Stetige Saunagänger haben schon die erfolgreichen Vorarbeiten beobachten können. Mit dem ebenso bald öffnenden Neubau der Außensauna wird damit das Außengelände des Krokofit insgesamt noch ansprechender gestaltet.

Erster Jahreshöhepunkt soll aber unweigerlich die Eröffnung des Bismarckturms, Planziel ist der 1. April (Bismarcks Geburtstag), werden. Die Treppe ist ja bereits eingebaut, nun fehlt es noch an der Plattform, die demnächst in der Ausschreibung sein müsste. Hoffen wir, dass es gelingt. Ich kann mich nur für die zahlreichen kräftigen Spenden und das Vertrauen der Spender bedanken; aber das folgt noch mal offiziell am Eröffnungstag. Jeder Spender erhält zudem noch Post von uns mit der Bitte, die richtige Namensnennung für den Spendereintrag auf Stufe, Plattform, Podest oder Tafel zu bestätigen sowie – dem Europäischen Datenschutz sei nochmals Dank, auch das die ehrenamtlich Wirkenden einen weiteren Verwaltungs-Stolperstein hingelegt bekommen haben von Brüsseler Beamten, die sich bei Bestbezahlung weniger regional engagieren – dies auch überhaupt zu genehmigen.

Zweiter Jahreshöhepunkt wird der nunmehr zum 18. Male zu vergebende Bauherrenpreis der Großen Kreisstadt Radebeul werden. Die Auslobung wird im Amtsblatt und der Vorschau im Frühjahr erfolgen, aber schauen Sie sich doch bereits jetzt schon nach gelungenen Neubauten, Freiflächen- und Platzgestaltungen oder hervorragend renovierten Denkmalen und Altbauten um. Der Preis lebt von der Beteiligung der Einwohner der Stadt, die das bauliche Angebot ja optisch ertragen müssen. Versuchen wir gemeinsam, Schönes hervorzuheben, um damit das Bauen zu beeinflussen. Der Einreichungsschluss dürfte wieder um den 30. Juni liegen. Am 28. Juni 18.30 Uhr gibt es dazu die passende und mittlerweile beliebte Bauherrenpreis-Wanderung in der Oberlößnitz unter Michael Mitzschke; Treff ist der Alvslebenplatz. Die Verleihung des Preises wird dann am 8. November 18 Uhr in der Sparkasse Radebeul-West erfolgen.

Die bauliche Entwicklung, insbesondere um Radebeul-West, Glasinvestgelände sowie Wasapark, werden wir zudem kritisch begleiten. Auch hier sind wir auf Ihre Gedanken und Ihr Mittun angewiesen.

Am 8. September schlussendlich findet der „Tag des Offenen Denkmals“ unter dem Thema „Moderne: Umbrüche in Kunst und Architektur“ statt; wir wollen dies diesmal, anlässlich 30 Jahre Friedliche Revolution, mit einer Abendveranstaltung und Festvortrag verbinden. Damaliger Ausgangspunkt für die bauliche Auseinandersetzung um die Zukunft Radebeuls war ja der Dorfanger Altkötzschenbroda, der somit auch ein zentraler Punkt an diesem Tage sein wird, lassen Sie sich überraschen. Und bleiben Sie dem Verein verbunden.
Auf ein gutes Jahr 2019!

Jens Baumann

Editorial 01-19

Ein neues Jahr hat begonnen und setzt den Zeitenfluss fort!
Viele werden in der Zeit zwischen den Jahren in stillen Momenten und Gedanken wieder an Vergangenes und Künftiges gedacht haben.
Vieles muss da gar nicht weltbewegend sein und an Ereignisse erinnern, die an größere zeitliche Abstände gemahnen.
Manchmal ist man gelegentlich aber doch verwundert und fragt sich: Ach, so lang ist das schon her?
Mir geht das so mit der Wende von 1989. Zuweilen aufkeimend präsent, dann tatsächlich Generationen getrennt.
Zu unserer Erinnerungskultur gehören Jubiläen, insbesondere die runden. So gesehen lohnt es sich 2019 auf die Zeit vor nunmehr drei Jahrzehnten, mit welchem Stimmungsbild auch immer, zurückzublicken.
Aus diesem Grund ist es uns eine außerordentliche Freude und Ehre, dass wir für unsere „Lyrikseite“ den Schriftsteller Thomas Rosenlöcher gewinnen konnten. Mit ausgewählter Lyrik und Kurzprosa, mit älteren und neuen Texten, gewohnt kritisch wie humorig wird er uns durch dieses Jahr begleiten. Steht er doch wie kein Zweiter für den literarischen Chronisten jener Tage und Jahre des Umbruchs aus dem Blickwinkel der sächsischen Provinz. Da empfiehlt sich geradezu wieder ein Griff in das eigene Bücherregal. Unvergessen und geradezu stilbildend seien Die verkauften Pflastersteine. Dresdener Tagebuch, Die Wiederentdeckung des Gehens beim Wandern. Harzreise oder Ostgezeter genannt.

Geschätzte Leserinnen und Leser,
nochmals ein gutes neues Jahr und lassen Sie sich wieder Monat für Monat von und mit neuen Seiten unseres Heftes erfreuen.

Sascha Graedtke

Des Volkes Weisheit

Das Volk sollte nicht unterschätzt werden. In seinen Sprüchen liegt viel Wahrheit. Der Büchermarkt ist voll von Werken über dessen Lebensweisheiten. An Titeln wie „Klappe zu, Affe tot“, „Deutsche Sprichwörter“ oder „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“ ist das Angebot groß. Heutzutage allerdings entstehen nur noch selten Sprichwörter. Die rasch wechselnden Erfahrungen, Beziehungen und kompliziertere Sachverhalte lassen kaum die dazu notwendigen Verallgemeinerungen zu. Auch die Sprüche meiner Mutter, welche sie zu jeder Gelegenheit parat hatte, stammten größtenteils aus dem 16. Jahrhundert. Wenn es mal nicht so mit einer Sache vorangehen wollte, sagte sie: „Gut Ding will Weile haben.“. Aber was ist heutzutage schon „gut“? Hier will ich nicht erst in den Spruchbeutel greifen. Des Volkes Auslassungen dazu füllen Seiten. Auch in der gegenwärtigen Alltagssprache sind Sprüche und Sprichwörter weit verbreitet. Man hat allerdings den Eindruck, dass deren tiefer Sinn kaum noch Beachtung findet. Bezüglich des Wortes „Weile“ haben sich die Ansichten und Erfahrungen jedenfalls verschoben, wie das „Merkelsche Aussitzen“ belegen mag. Da wird eben nicht alles gut. „Denkpause machen“ ist aber eine typische Erfindung der neuen Neuzeit, einer Zeit, in der man eben keine Zeit mehr hat. „Denkpause machen“ ist wohl eher eine Redewendung, wenn Der- oder Diejenige nicht mehr weiter weiß.

Eine solche Denkpause hatte sich die Stadtverwaltung bezüglich des Sanierungsgebietes „Zentrum Radebeul-West“ gegönnt. „Vorschau & Rückblick“ berichtete bereits in der Mai-Nummer dieses Jahres davon. Die verordnete sechsmonatige Karenzzeit scheint nun offensichtlich vorbei zu sein. Wie anders lässt es sich sonst erklären, dass im November die 3. Ausgabe der „Westpost“, eine Art Sanierungszeitung, erschienen ist? Da deren Auflagenhöhe nur 1.000 Exemplare beträgt, habe ich für unsere Leser einen Blick in das Faltblatt gewagt.

Neben fünf redaktionellen Artikeln über die neusten Ereignisse rund um die Bahnhofstraße, einem Interview sowie aktuellen Veranstaltungshinweisen beschäftigt sich der Hauptbeitrag unter dem Titel „Gewappnet für den Wandel“ intensiv mit dem Sanierungsgebiet. Man erfährt, dass ein Leipziger Planungsbüro für Stadtstrategien eine Analyse des Sanierungsgebietes und eine Bedarfsforschung durchgeführt hat. Präsentiert wurden deren Ergebnisse an einem späten „Septemberabend“ im Bürgertreff. Warum diese Analyse erst jetzt erarbeitet und vorgestellt wurde, wo doch die Einreichung des Sanierungsantrages über zwei Jahre zurückliegt, erfährt man hingegen aus der „Westpost“ nicht. Eingeladen waren laut Beitrag an jenem späten Septemberabend „Händler und Stadtplaner“. Denken könnte ich mir, dass dies auch die Anwohner stark interessiert hätte, denn das Ziel, „Radebeul-West zu einem attraktiven Viertel zu entwickeln, mit hoher Aufenthaltsqualität und einer besonderen Einkaufsmeile“, geht schließlich alle an. Und dann gleich ganz Radebeul-West? Habe ich hier etwas verpasst? Ganz konkret geht dann der Beitrag an anderer Stelle darauf ein, dass für die Bahnhofstraße ein neues „Erscheinungsbild“ geschaffen werden soll. Also, was nun, doch nicht ganz Radebeul-West, wie am Anfang des Beitrages beschrieben?

Sei es wie es sei. Dass Radebeul-West eine Veränderung braucht und nicht nur eine attraktive Einkaufsmeile, ist jedem klar und uns allen zu wünschen. Nach dem hier nun schon einige „Kinder in den Brunnen gefallen“ sind, ist „Eile mit Weile“ angebracht. Doch sollte man dabei eben nicht voreilig „ins Kraut schießen“. Teillösungen, ob nun für den Bahnhofsvorplatz oder anderswo, sind tunlichst zu vermeiden, um nicht als populistische Aktion zu verenden, zumal an anderer Stelle schon vollendete Tatsachen geschaffen wurden. Inwieweit sich dabei der geplante Schulneubau zwischen der Harmonie- und der Hermann-Ilgen-Straße, die damit herbeigeführte Verdichtung und das höhere Verkehrsaufkommen auf die Entwicklung des Gebietes auswirken werden, war aus dem Beitrag jedenfalls nicht zu entnehmen. Auch wurde nicht berichtet, wer denn „das Machbare und Wünschenswerte“ aus den drei vom Leipziger Büro vorgestellten Szenarien herausfiltern wird. Über die Szenarien selbst schweigt sich der Beitrag aus. Die Bürger hätten da sicher gern etwas mehr gelesen.

Richtig ist, dass die Rahmenbedingungen um die Bahnhofstraße zu verbessern sind. Die Attraktivität einer Einkaufstraße hängt aber nicht allein davon ab, wie kunstvoll sie gestaltet ist, sondern ob der Kunde ein ihn interessierendes Angebot vorfindet. Wie sich die Verlegung der Drogerie Roßmann und der Zuzug des Tatoo-Studios künftig auswirken wird, bleibt abzuwarten. Die vielen anderen Verluste wie die Schließung von Eisen-Lindner oder des Lebensmittelmarktes mal beiseitegelassen. Eine Kommunikation aber mit allen Betroffenen scheint mir unabdingbar. Deshalb sollte der Bürgertreff auch wieder ein Ort der Begegnung mit Bürgern werden und eben kein Experimentierfeld für Gewerbetreibende und andere Akteure. Denn, leer stehende Läden gäbe es dafür im Gebiet mehr als genug. „Über das Knie brechen“ sollte man jedoch nichts, auch wenn dabei erfahrene „Weisheit … ein hartes Brot“ ist. Professionelle Hilfe von außen ist immer gut und zu begrüßen. Ob die drei Beispielszenarien des Leipziger Büros aber den Wandel bringen, mag angesichts bisheriger Erfahrungen angezweifelt werden. Die direkte Verkehrsanbindung zum Anger muss auf jeden Fall erhalten bleiben!

Karl Uwe Baum

„Ein Glöckner“ kam zurück

Über Hermann Glöckners (1889-1987) Kunst und da speziell über seine Sgrafittoarbeiten zu schreiben, scheint ein Steckenpferd von mir zu sein. Ja, das liegt mir am Herzen, wohl weil ich in diesen Arbeiten einen Schnittpunkt zwischen Kunst und Handwerk sehe. Doch halt, als Letzter schrieb Thomas Gerlach etwas zu dem Thema, nämlich die Abnahme des historischen Putzbildes (korrekterweise müsste man von Bild und Schrift sprechen) vom ehemaligen Gasthof Reichenberg – sh. V+R 05/17. Und genau dazu gibt es jetzt etwas Neues zu berichten.

Ehemaliger Gasthof Reichenberg mit der Wiederanbringung des Sgrafittos von Hermann Glöckner
Bild: D. Lohse


Der alte Gasthof in Reichenberg, OT von Moritzburg, hatte schon seit Jahren geschlossen. Nach Leerstand und ohne Hoffnung auf einen neuen Betreiber der Gaststätte kam schließlich die Idee auf, hier Wohnungen entstehen zu lassen. Die Prüfung der Bausubstanz ergab für die Coswiger Baufirma BAUHAUF den Abriss und einen Neubau von ähnlicher Kubatur. Aber was sollte dann mit der Arbeit Glöckners an der Fassade, die von Vielen als wertvoll anerkannt wurde, geschehen? Herr Gerlach berichtete über die Mühen bei der Abnahme, bei der schon die Radebeuler Baufirma Bialek und der Restaurator Stephan / Freiberg beratend beteiligt waren, des originalen Putzbildes Hermann Glöckners von der Ostseite. Es wurde geborgen und eingelagert. Es ist ein schönes Beispiel, wie verschiedene Betriebe und Fachleute an einer speziellen Aufgabe auch zusammen arbeiten können. Die Schriftzeile auf der Südseite des Gasthofs konnte aber nicht gerettet werden.

Bild: D. Lohse


Nun war der Plan, dass am Neubau das Putzbild mit Schriftzeilen auf der Ostseite als Sgrafitto neu entstehen sollte. Die Herren Fuchs (BAUHAUF) und Bialek (Baufirma Bialek) einigten sich, dass in einem Zeitfenster des Gesamtbauablaufs die Sgrafittoarbeiten von Robert Bialek und Reiner Tischendorf, ein Restaurator, der schon an den Sgrafittos im Dresdner Schloss mitgewirkt hatte, durchgeführt werden konnten. Früher beherrschten die meisten Putzfirmen unter den Betrieben die Sgrafittotechnik noch, heute traut sich das meines Wissens im Raum Dresden nur die Firma Bialek zu. Die Ausführung geschah dann am 6. und 7. Oktober 2018, einem Wochenende mit geeignetem Wetter. Dabei wurde auf dem Gerüst sehr konzentriert und flott gearbeitet, schließlich muss zweilagiger Putz naß-in-naß verarbeitet werden. Das Ergebnis – in der oberen, hellen Putzschicht wurden Bilder und Buchstaben ausgeschnitten, so dass da die untere, umbrafarbene Putzschicht zum Vorschein kam – kann man seit der Abnahme des Gerüstes erkennen. Es ist die gelungene Rekonstruktion einer wichtigen Sgrafittoarbeit Glöckners aus dem Jahre 1947!

Hier haben wir nach meiner Kenntnis den einzigen Versuch, eines von Glöckners Putzbildern zu rekonstruieren, vor uns. Reparaturen an derartigen Sgrafittos – Ladenwerbung oder Schmuckform – hatte es schon gegeben. Aber hier entstand so etwas neu und dabei sehr nahe an der „Handschrift“ Glöckners. Ich würde bei dieser Rekonstruktion von einer denkmalpflegerischen Arbeit sprechen wollen, auch wenn Denkmalpflege in erster Linie ein Original am ursprünglichen Standort erhalten will.

Bild: D. Lohse


Ich will nicht unerwähnt lassen, dass es leider viel häufiger zum Verlust (traurigstes Beispiel Turnerweg 1, ehem. AWD-Klubhaus) einer derartigen Arbeit Glöckners kommt als der originale Erhalt bzw. als eine Rekonstruktion. Wenn eine Ladenwerbung nicht mehr mit dem neuen Inhalt eines Geschäftes übereinstimmt, verschwindet leider die alte Werbung meistens, auch wenn sie von Glöckner stammt. Man muss von einem Glücksfall sprechen, dass sich hier die Herren Fuchs, Bialek und Tischendorf zusammenfanden, den Mut zur Rekonstruktion hatten, an og. Termin punktgenau zusammenarbeiteten und eine gute Qualität des Sgrafittos erreichen konnten.

Vielleicht sollte noch eine kleine Tafel neben dem Eingang erklären, wann die Glöcknerarbeit selbst angebracht, bis wann die Gaststätte betrieben wurde und wann und warum die Rekonstruktion des Sgrafittos erfolgte. Das sollte als Erklärung genügen, warum es hier kein Bier mehr gibt, auch wenn noch Gasthof dran steht.

Mein Gruß und Dank gilt den an der Arbeit Beteiligten, die vielleicht meinen Artikel „Lücke in Glöckners Werk kann geschlossen werden“ in V+R 12/15 gelesen haben könnten, wo es auch um diesen Gasthof ging und ich in ähnlicher Richtung gedacht hatte.

Dietrich Lohse

„Fidelio“ in den Landesbühnen Sachsen neu inszeniert

Libretto von Joseph Sonnenleithner, Stefan von Breuning und Friedrich Tretschke

In dieser Spielzeit 2018/19 steht das Credo der französischen Revolution: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit,“ Sparten übergreifend auf dem Programm der Landesbühne. Die Inszenierung von Manuel Schöbel, der erfahren und bekannt dafür ist, wichtige Stücke selbst zu inszenieren, beginnt mit diesem Paukenschlag schon optisch.

Fidelio – Premiere am 17.11.2018 Landesbühnen Sachsen mit: Stephanie Krone und Dirk Konnerth
Bild: P. Sosnowski


Der Name Ludwig van Beethoven steht leuchtend über der deutschen Musikgeschichte. Geboren 1770 in Bonn, als Sohn eines ehrgeizigen Vaters, verstorben 1827 in Wien, sollte „Fidelio“ Beethovens einzige Oper bleiben. Beethovens Kompositionen gelten als geistiger Besitz der gesamten Menschheit. Hineingeboren in das Zeitalter der Französischen Revolution bekannte sich dieser Große zeitlebens zu den Gedanken der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Die „Millionen umschlingend“ wie es im Chorfinale der neunten Sinfonie heißt, sind Beethovens Kompositionen zum mächtigen Künder des Humanen für die ganze Welt geworden. Das Finale mit dem Jubel des Schlusschores: „Wer ein holdes Weib errungen,“ aus seiner Oper „Fidelio“ ist ebenfalls weltbekannt. Arm an äußeren Ereignisse soll sein Leben im letzten Drittel verlaufen sein, wie es seine Biografen berichten, und seine beginnende Taubheit dafür ins Felde führen. Seine Kompositionen sind dennoch eindrücklich und intensiv.

In der gegenwärtigen Radebeuler Inszenierung stammt die Ausstattung von Marlit Mosler (Bühnenbild/Kostüm), die Dramaturgie übernahm Gisela Kahl, die musikalische Leitung der Elbland Philharmonie liegt in den bewährten Händen von Hans-Peter Preu. Die musikalische Einstudierung übernahmen Thomas Gläser, Anja Greve, Thomas Tuchscherer.

Das gesamte Bühnenbild gleicht einem Gefängnis. Räumlich sind Gitter auf mehreren Ebenen angeordnet, die sich verändern lassen. Die Oper selbst besteht aus zwei Akten und mehreren Bildern. Im ersten Bild warten Frauen vor dem Gefängnis. Sie möchten ihren Männern etwas Gutes tun, werden allerdings von den Soldaten abgewiesen. Leonore (Stephanie Krone), die ihren Mann Florestan (Dirk Konnerth) seit zwei Jahren vermisst und in eben diesem spanischen Staatsgefängnis als politischen Gefangenen vermutet, lässt sich als Gehilfe unter dem Namen Fidelio beim Kerkermeister Rocco (Hagen Erkrath) einstellen. Die Tochter des Kerkermeisters, Marzelline (Kirsten Labonte) verliebt sich in Fidelio. Er hat besondere Gedanken und stellt sich geschickt an. Eigentlich ist Marzelline mit Jaquino, dem Pförtner (Edward Lee) so gut wie verlobt. Marzelline, die den Kerkergehilfen Fidelio ehelichen möchte und ihr Vater Rocco, der kurz vor der Rente steht, vertrauen Fidelio. Diese für sie prekäre Situation nutzt Leonore, alias Fidelio. Sie bittet Rocco, zu seiner Entlastung, ihn in die geheimen Zellen des Gefängnisses begleiten zu dürfen. Don Pizarro, der Gouverneur des Staatsgefängnisses (Paul Gukhoe Song), ist der Gegenspieler von Florestan. Er lässt die Sicherungsvorkehrungen verstärken. Parallel dazu kündigt der Minister, Don Vernando (Michael König) seinen Besuch an. Ihm kam zu Ohren, das politische Gefangene zu Unrecht im Gefängnis sind. Im 2. Akt ist Florestan zu sehen. Er ist durch Einzel- und Dunkelhaft plus Nahrungsentzug völlig entkräftet. Leonore, die ihren Mann im ersten Moment nicht erkennt, möchte den für sie unbekannten Gefangenen retten. Florestan erhält nun Gewissheit, dass er von Pizarro, dessen Verbrechen er zu enthüllen wagte, inhaftiert wurde. Leonore, die ihren Mann an seiner Stimme erkannt hat, richtet die Pistole auf den Gouverneur und rettet Florestan geistesgegenwärtig das Leben. Inzwischen trifft der spanische Minister ein und verkündet Generalamnestie für alle politischen Gefangenen. Endlich können die Frauen ihre Männer, Söhne oder Brüder wieder in die Arme schließen.

Wer Auszüge aus den allgemeinen Erklärungen der Menschenrechten gern noch einmal nachlesen möchte, wird auf das informative Programmheft verwiesen. Übrigens: Ist der 10. Dezember seit 1848 der „Internationale Tag der Menschenrechte.“

Angelika Guetter

Aus eigener Tasche

Advent: Zeit der Vorbereitung auf etwas Niedagewesenes, das zu erkennen nicht immer ganz einfach ist. Das macht es „Trittbrettfahrern“ leicht: Konsumzwang und Kaufrausch führen rasch in die Welt zurück, und das Eigentliche kommt unter die Räder.

Wie Denkmalpfleger wissen, ist nicht nur das Neue, sondern in hohem Maße auch das Bewahrenswerte in ständiger Gefahr. Hier sind nämlich ebenfalls „Trittbrettfahrer“ unterwegs, allerdings, wenn wir so wollen, in entgegengesetzter Richtung: kleinliche Egoismen und kurzfristige pseudoökonomische Tagesinteressen werden unter dem Deckmantel des Fortschritts gegen dauerhafte (Lebens-) Qualität ins Feld geführt. Diesem Trend zu begegnen, wurden eine Hand voll gesetzlicher Schutzmechanismen geschaffen. So gibt es neben geschützten Flächen- und Einzeldenkmalen auch ganze Denkmalschutzgebiete. Besonders wertvolle Ensembles werden als „Weltkulturerbe“ sogar unter die Obhut der ganzen Welt gestellt. Natürlich ist das – wie in Dresden und Umgebung hinreichend bekannt ist – auch kein Allheilmittel. Dennoch möchte ich die Zeit des beschaulichen Jahresausklangs nutzen einen diesbezüglichen Vorschlag zu machen:

Der Verein könnte einen Antrag formulieren, das – in meinen Augen hochgradig gefährdete – Bargeld in das Weltkulturerbe aufzunehmen.

Seit mindestens dreitausend Jahren ist Geld als Mittel des Austausches von Waren und Leistungen im Gebrauch, denn in differenzierten Gesellschaften ist reiner Naturalienhandel (Radeberger gegen Autoreifen oder Fliesen …) nicht uneingeschränkt möglich. Bereits im siebenten vorchristlichen Jahrhundert wurden in Griechenland Münzen geprägt, spätestens seit Cäsar kam von Rom aus die Prägung von Gold- und Silbermünzen in Gebrauch. Hatte das „Geld“ zuvor in Form von Kauri-Muscheln, Stein- oder Keramikscheiben rein ideellen Wert gehabt, waren die Münzen nun für ein reichliches Jahrtausend echter „Gegenwert“: der Nennwert war mit dem Materialwert weitgehend identisch. Dagegen ist das bunt bedruckte Papiergeld der Gegenwart eher mit Kaurimuscheln vergleichbar. Und auch unsere immerhin schwerwiegenden Münzen haben kaum noch Eigenwert. Dennoch erfüllen die einen wie die anderen einen gesellschaftlich bedeutenden Zweck: sie vermitteln zwischen Wert und Leistung und ermöglichen den Austausch.

Der „Arbeiter im Weinberg“ – eine der Symbolfiguren eines für das christliche Abendland grundlegend wichtigen Buches – erhielt zu Schichtschluss seine Münzen, und er konnte den Wert seiner Arbeit in der Tasche getrost nach Hause tragen. Ich selbst erinnere mich an Ferienarbeit in Schülertagen, wo es am Ende der Woche einen Umschlag mit ein paar Scheinen gab, die wir ebenso stolz heimtrugen. Heute ändert sich, wenn wir Glück haben, von uns völlig unbemerkt an geheimer Stelle eine Zahl – der Bezug zwischen Arbeit und Entgelt ist weitgehend verloren gegangen. Bezahlen wir dann auch noch irgendwo „mit Karte“, gerät leicht alles außer Kontrolle.

So sitze ich also in der Gastwirtschaft meines Vertrauens beim Bier und beobachte, dass auch an der Bar die Barzahlung immer mehr aus der Mode kommt. Wege, die Tendenz umzubiegen sehe ich nicht. Allzu bereitwillig vertrauen unsere Menschen unsichtbaren Mächten ihr Innerstes an, wenn diese nur in Gestalt des sogenannten Fortschritts daherkommen. Die Finanzämter freuts, ihnen entgeht kein Trinkgeld mehr. Am Grunde des Glases denke ich, wenn der Bismarckturm betreppt und die Aussicht in Aussicht ist, könnte der Verein – siehe oben – das Bargeld auf die Liste des (inzwischen) immateriellen Kulturgutes stellen lassen. Dann hätte zumindest ich die zusätzliche Aussicht, für den Rest meiner Tage mein Bier oder meinen Wein von den „Gesichtsbüchern“ dieser Welt weitgehend unbemerkt und im wahrsten Sinne des Wortes aus meiner Tasche bezahlen zu können.

Advent: Zeit, etwas Ungewöhnliches zu denken…

Thomas Gerlach

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