Zum Titelbild


Radebeul in historischen Ansichten

Weinbergstraße 10, Meínholdsches Turmhaus

Das Titelbild zeigt einen Ausschnitt aus einer Grafik von Johann Adolph Darnstedt um 1810. Die Anfänge des Weinguts sind schon zu Beginn des 17. Jh. nachweisbar. Der historische Name des Weinguts in der Überschrift bezieht sich auf den Dresdner Hofbuchdrucker und Verleger Carl Christian Meinhold (1740-1327), der 1792 den Weinberg in der Lößnitz mit dem Weingut erwarb. Danach gab es noch verschiedene weitere, hier nicht genannte Eigentümer. Als heutiger Name hat sich neben dem historischen der Namen Weingut Aust eingebürgert. Karl Friedrich Aust setzt die Arbeit zur Erhaltung des Weinguts und der Bewirtschaftung der Weinberge seiner Eltern Ulrich (1942-1992) und Elisabeth Aust fort. Er errichtete 2021/22 ein neues Kellereigebäude, da die alten Weinkeller inzwischen zu klein und zu eng geworden waren. Was für Veränderungen gab es seit Darnstedts bildlicher Darstellung von um 1810 noch? Da hatte der Turm noch zwei Abstufungen nach oben; 1844 taucht dann ein Bild auf mit nur noch einer Abstufung, der Turm war umgebaut worden. So zeigt sich der Turm mit Wetterfahne, einer vergoldeten Fortuna, noch heute. Östlich vom Weingut kam 1853 an Stelle des Nebengebäudes eine Villa in der Art der Schweizerhäuser (Arch. C.E. Johne) hinzu.
Dietrich Lohse

 

Mit Dieter Beckerts Gedichten und Geschichten durch das Jahr

Beckert – der Brachialromantiker

 

Der Mensch ist nicht gern allein. Wer Beckert sagt, muss in diesem Fall nicht nur Jürgen B. Wolff erwähnen, sondern mindestens auch Peter Till anfügen, der sicher nicht nur den Radebeulern als Duo „Herr Beckert & Vergissmeinnicht“ noch bekannt sein dürfte. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere an ihren Auftritt zum Künstlerfest 2008 im Rahmen des Sommerprojektes „ArbeitsWelten“, veranstaltet von der Stadtgalerie Radebeul. Aber auch Solo ist Peter Till mit seinem „Universal Druckluft Orchester“ bestens bekannt. Für Tills Geburtstag 1991 verfasste Beckert u. a. diese Zeilen:

Mit übler Rede schlimmster Sorte –
Im Gehirnsaft gut gegart
Lallten druckreif aus ihm Worte –
Wein und Veritas gepaart

Darum freilich geht es in diesem Beitrag nicht, wenngleich hier die Richtung schon etwas angedeutet werden soll. Es geht auch nicht so sehr um das „Duo Sonnenschirm“, deren Protagonisten Dieter Beckert und Jürgen B. Wolff sind, als vielmehr um Dieter Beckert selbst. Wer aber Beckert sagt, kann zumindest die beiden anderen nicht links liegenlassen. Aber der Reihe nach.

Buchcover Rückseite:Ballhornsche VerlagsAnstalt Leipzig/Dresden 1997

Beckert und Wolff sind gewissermaßen ein Paar. Also nicht im herkömmlichen Sinne. Sie sind vielmehr Vollblutmusiker mit vielseitigen Begabungen, die sich bereits 1986 zum „Duo Sonnenschirm“ zusammenfanden, welches sie auch als „brachialromantisches Kabarett“ verstehen. In Daniil Charms (1905–1942), Lene Voigt (1891–1962) und den polnischen Dichter Konstanty Ildefons Ga?czy?ski (1905–1953), der behauptete, ein „Haus ohne Käse ist wie ein Hund ohne Grammophon“, sieht u. a. die Musik-Formation als ihre „Ahnen“. Gemeinsam haben Beckert und Wolff im Laufe der Jahre viele Musikprojekte verwirklicht, für die sie mehrfach mit dem „Preis der deutschen Schallplattenkritik“ ausgezeichnet wurden. Die Wurzeln des Duos liegen in der Folkmusikbewegung der 1970er Jahre in der DDR. Man könnte sie auch als etwas eigenartige „Liedermacher“ bezeichnen.
Aber beide musizieren nicht nur miteinander. Ihre selbstverfasste Musik braucht natürlich auch Texte und die stammen größtenteils von Dieter Beckert. Schade wäre freilich, wenn diese nur zu den Konzerten zu hören wären. Was also tun? Ganz einfach: Man schreibt ein Buch! Und so erschien im TOM VERLAG LEIPZIG 1993 DIE LIEBE IN DEN ZEITEN DER KOHLÄRA. EIN BRETTLBUCH. Die Herausgeber: Dieter Beckert & Jürgen B. Wolff vom „Duo Sonnenschirm“. Es umfasst auf annähernd 200 Seiten Texte, Gedichte, ein kleines Stück, Grafiken (Wolff) sowie zwischen all den Köstlichkeiten auch ein wenig zur Geschichte vom „Duo Sonnenschirm“, angereichert mit Fotos. Der Tagespiegel (Berlin) schätze damals ein: „Da kann man noch so lange suchen – andere Kleinkünstler, die mit vergleichbaren oder ähnlichen Darbietungen wie das Dresdner Duo Sonnenschirm ins Rampenlicht treten, sind derzeit auf der gesamtdeutschen Brettl-Szene nirgends auszumachen.“.
Ganze zwei Jahre später brachten die Beiden mit dem Roman Das Hanebuch von 1984. DIE BRACHIALROMATISCHE URFAUS oder DAS ENDE DER LEBERTRANEN-DYNASTIE heraus, eine hanebüchende Geschichte, die dem Leser in das XXXV. Jahr der Lebertranen-Dynastie führt. Die Illustrationen und Schaubilder stammen wieder von Jürgen B. Wolff.

Buchcover Rückseite: Connewitzer Verlagsbuchhandlung Leipzig 1995 und dem »Igel-Verlag

Das dritte Buch dieser Art kam 1997 unter dem Titel ZuverSicht Ist | Des | Schiffers UferLicht in der Ballhornschen Verlags Anstalt heraus und enthält neben den Texten auch Fotos, Grafiken und Collagen.
Beckert’s Texte folgen nicht dem Tradierten. Vielmehr strotzen sie vor eigenen Wortschöpfungen, Verballhornungen bis ins Obskure gehend, bleiben aber eng am alltäglichen Leben. Man sollte sie nicht bierernst nehmen, sich vielmehr am Fluss des Textes und dessen Wendungen erfreuen.
Für die zwölf Ausgaben von Vorschau & Rückblick des Jahres 2023 werden Geschichten und Gedichte aus allen drei Bänden ausgewählt.

Karl Uwe Baum

Radebeuler Miniaturen

1623-2023: Vierhundert Jahre Haus Möbius

I
Haus und Grund

Wer’s nicht kennt, wird das unscheinbare Putzrelief unterm wuchernden Wein schwer finden: Eine ursprünglich weiße Platte von etwa 17 auf 35 cm, trägt eingeritzt und ehemals schwarz eingefärbt die Jahreszahl 1623: das älteste Baudatum unseres Hauses in der Winzerstraße. Von wohl floral gemeinten Bogenwülsten eingerahmt, krönt es schlußsteinartig das mit drei Putzrillen angedeutete ehemalige Bogenportal.
Vierhundert Jahre! Ulrike staunt immer wieder aufs Neue. Wir wohnen nun schon so lange hier, doch jetzt erst beginnt sich mir die zeitliche Dimension richtig zu erschließen.
Naja, sag ich, vierhundert Jahre, das sind gut und gerne sechzehn Generationen.
Und, fragt sie, du mit deiner Fantasie, hast du Vorstellungen, was sich in der Zeit alles abgespielt hat?
Vorstellungen? Freilich hab ich Vorstellungen – auch wenn nicht viel Greifbares überliefert ist. Es sind ja gerade mal fünfundvierzig Jahre, als ein reichliches Zehntel, was wir überblicken.
Ulrike zündet ein Kerzlein an in der Dämmerung, setzt sich im Großmutterstuhl zurecht, blickt mich erwartungsvoll an und sagt: na los, erzähl schon!
Also: Am Anfang – –

Am Anfang kaufte der „Doktor der Heiligen Schrift Ägidius Strauch“ zwei nebeneinanderliegende Weinberge „im Mittelgebirge von Kötzschenbroda“, den einen von Hans Mehlich aus Wahnsdorf, den anderen von Caspar Schulz und seiner Schwester. Das war im Jahre 1622.
Die Weinberge lagen an der Hausgasse (heute Winzerstraße) und reichten bis zur Hangkante hinauf, dorthin etwa, wo heute die Obere Bergstraße verläuft. Sie umfaßten mindestens das Areal zwischen der heutigen Karlstraße und der Horst-Viedt-Straße. Die aktuelle Parzellierung ist eine relativ junge Erscheinung aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Es gibt Grund zu der Annahme, daß damals zumindest schon ein Pressenhaus auf dem Grundstück vorhanden war. Bald nach Erwerb ließ der neue Besitzer unmittelbar daneben ein neues Haus errichten, das im Jahr 1623 fertiggestellt wurde.
Modernsten Anforderungen entsprechend wurde das Erdgeschoß in massivem Bruchsteinmauerwerk aufgeführt. Ein Fachwerkobergeschoß folgte. Für die Ausfachungen wurden vermutlich von Anfang an Ziegelsteine verwendet. Das Gebäude wurde durch ein einfaches steiles Zeltdach geschützt. Das im Untergrund befindliche Kellergewölbe ist von der östlichen Außenseite her zugänglich.
Hier hast du eine Ansicht von damals, wie sie von Mike Maderer in einer Studienarbeit an der TU Dresden 1997 angefertigt worden ist.

Ich reiche das Bild rüber, und greife nach meinem Weinglas. Darauf dürfen wir schon mal anstoßen …
Thomas Gerlach

Eine Glosse

Gartenstadt kontra Händler

Wie sagte meine Mutter immer: „Man kann nicht gleichzeitig beides haben.“ In heutigen Zeiten hat sich das allerdings etwas gewandelt. Die Leute wollen meist immer alles. Mitunter schiebt man das auf die schwere Kindheit von Einzelkindern. Die mussten ja nie teilen! Ob die Lenker und Leiter in unserer Gesellschaft Einzelkinder sind, entzieht sich meiner Kenntnis, aber teilen wollen sie offensichtlich auch nicht gern – zumindest nicht ihre Meinung mit anderen. Auch der Radebeuler OB hat unlängst verkündet, sich auch künftig nicht ändern zu wollen.
Und so ist es wohl beschlossene Sache, dass auf dem mittleren Teil der Radebeuler Bahnhofstraße künftig eine innerstädtische grüne Oase entstehen soll, denn statt Parkplätze sollen nun Bäume gepflanzt werden. Wenn man dann, die beiden in jüngster Zeit zur Abstimmungen gelangten Sanierungsvarianten für die nun endgültige Verschönerungskur der Bahnhofstraße zusammenrührt, könnte mit den 27 vorgesehenen Bäumen gar ein richtiger kleiner Wald entstehen. Und nun lassen wir mal – nur so zum Spaß – unsere Phantasie schweifen, etwa so wie damals in der Bahnhofshalle die CDU-Granden unserer Stadt – was da noch so alles möglich sein könnte! Neue und vor allem mehr Bänke sollen sowieso aufgestellt werden, obwohl die neu-alten auch erst ca. fünf Jahren auf ihren Lehnen haben. Aber was soll’s, wir haben‘s ja. Wenn schon Oase, dann aber richtig! Auf der Fahrbahn könnte eine Wiese mit schönen Forsythia-Gewächsen und Schmetterlingsfliedern angelegt werden. Da lassen sich gleich noch einige Punkte für den Artenschutz sammeln. Und wenn dann die letzten verbliebenen Händler Nistkästen für die Vögel spenden, entwickelt sich mit der Zeit in der Bahnhofstraße ein richtiges kleines Paradies. Vielleicht wäre auch noch ein niedlicher kleiner plätschernder Bach im Sanierungsbudget drin, womit wir auch gleich noch etwas gegen das aufgeheizte innerstädtische Klima tun könnten. Und eines steht dann felsenfest fest: Die Touristen aus aller Herren Länder werden strömen, das Beherbergungsgeschäft wird blühen und auch die letzten freien Flächen können dann, der Konjunktur und den ewigen Meckerern zum Trotz, nun endlich mit modernen Mehrfamilienhäusern zugebaut werden. Nachahmenswerte Beispiele haben wir ja in unserer Stadt zur Genüge.
Auch mich würde das sehr erfreuen, und an so manchen Tagen würde ich gern in der Bahnhofstraße, die dann von jedem stinkenden Motorverkehr endlich befreit wäre, die Beine baumeln lassen und das eine oder andere öffentliche Nickerchen machen.
Klar, die „Klasse der Radfahrer“ können wir bei diesem Vorschlag nicht so einfach ignorieren. Ein separater, eingegrenzter Schnell-Radweg müsste da doch noch drin sein, und die dazu notwendigen Fußgängerampeln dürften ja auch kein Problem darstellen.
Ehrlich gesagt, fände ich so eine Anlage im Herzen unserer Stadt einfach toll. Und wenn dann noch das ohnehin nur halb belegte SZ-Haus abgerissen wird, kann auch der Apothekerpark wieder zu neuem Leben erweckt werden, der durch die Abtrennung des Spielplatzes jetzt eher ein mickriges Dasein fristet.
Endlich könnte Radebeul-West mit Radebeul-Ost mithalten, wenn auch nicht im Einzelhandel (eine Gedenktafel könnte ja an einstige Zeiten erinnern). Wir hätten dann etwas, was sicher keine Gemeinde in Sachsen aufzuweisen hat und zukunftsweisend für den Umbau der Städte zu klimafreundlichen Zonen sein könnte. Das wäre auf alle Fälle ein Beispiel für eine innovative Stadtsanierung, von der auch die Bürger etwas hätten.
Nun ja, man wird halt mal träumen können. Selbst wenn ich jetzt vielleicht als Pessimist verschrien werde, kann ich nicht glauben, dass es nach der Sanierung zu einer Belebung der Bahnhofstraße kommen wird. Der Bahnhof wird weiter verkommen, der Vorplatz wird zugestellt, die Autofahrer werden sich um die Stellplätze in der Güterhofstraße streiten und die Nummer mit dem Wochenmarkt ist auch vom Tisch. Welch ein Geschrei…! Erst alle Bäume umsägen und nun so viel Bäume pflanzen wollen, wie nur möglich! Ein seltsamer Wandel. Das klingt wie, „wir haben zwar keinen Plan, fangen aber erst mal an“. Meine Mutter hatte schon recht, als sie mich vor Leuten warnte, die immer alles wissen und sich angeblich nie irren, meint
Euer Motzi

 

RADEBEULER FIRMENGESCHICHTE

Arevipharma GmbH
Ehemaliges Arzneimittelwerk  – 25 Jahre TBA

Turm mit der thermischen Behandlungsanlage (TBA) Foto: S. Graedtke

Jährlich im Frühjahr findet man im Radebeuler Amtsblatt den „Öffentlichkeitsbericht der Thermischen Behandlungsanlage [TBA)“. Das ist eine recht unspektakuläre Sache und selbst Interessierte brechen sicher nach dem ersten Satz mit Lesen ab. Der erste Satz vermittelt nämlich stets Stabilität und umweltgerechten Betrieb. Da es diese Anlage seit nunmehr gerade 25 Jahren gibt, hierzu folgenden „historischen“ Hintergrund. Das Arzneimittelwerk Dresden mit seinem Hauptwerk auf der Meißner 35 war nicht nur ein wichtiger hiesiger Arbeitgeber, sondern als Kombinats-Hauptwerk Kern der Arzneimittelproduktion der DDR. Mit den Wurzeln in den 1870igern (von Heyden ) machte es in seiner Entwicklung natürlich alle Umweltsünden weltweiter chemisch-pharmazeutischer Produktion mit. Das waren vor allem die unbehandelte Abwasserentsorgung in die Elbe und der freie Ausstoß von Abluft und Abgas in die Atmosphäre. Mit aufkommendem Umweltbewusstsein begann man in der westlichen in die Welt ab den 60íger Jahren massiv mit der Abstellung solcher Missstände. Man fixierte das auch gesetzgeberisch. Es war ein schlimmes Versäumnis der DDR-Führung, Umweltschäden bis zum Ende 1989 nicht ernst genug zu nehmen. Die Elbe war entsprechend verseucht und Radebeul roch lax gesagt entsprechend herb. Es gab zwar durchaus punktuelle Verbesserungen; mit dem Bau einer großen Mehrzweckanlage (1977-78) auch eine „Abluftentsorgung“ über einen 165m hohen Schornstein aber auch aus Geldmangel keine umweltgerechte Lösung. Folgerichtig kam es dann nach der Wende Ende April 1990 zur Werksbesetzung durch Greenpeace. Vor allem wurde hier das Abwasserproblem thematisiert und eine sofortige Werksschließung gefordert.
Ab diesem Zeitpunkt bekamen Ab-Wasser und -Luft die gebührende Aufmerksamkeit. Mit der nachfolgenden Werksübernahme durch Asta-Medica, Pharmasparte der DEGUSSA, mit höchster Priorität. Im Rahmen der umfassenden Umstrukturierung dieses Konzerns war es damals Zielstellung, Radebeul zum einzigen Wirkstoffhersteller des Konzerns auszubauen. Dabei war unbedingt zu beachten, dass für eine weiter Betriebserlaubnis alle geltenden Umweltgesetze der BRD ab dem 1.1.1995 einzuhalten waren.
Als Sofortmaßnahme wurde daher eine Abwasserleitung, sehr teuer, doppelwandig mit Leckageüberwachung, zum Klärwerk Kaditz gebaut. Hier ließen sich die chemietypischen in Mischung mit den kommunalen Abwässern Dresdens gut und umweltgerecht abbauen.
Mit Abluft und Abgasen war das völlig anders . Bis auf eine gewisse Entsorgung, nicht Behandlung, über den Schornstein, lagen sie völlig konfus vor; an hunderten Stellen in den Produktions- und Technikbereichen des Werkes verteilt. ln Summe handelte es sich um etwa 100.000 m3/ Stunde.
Relativ schnell war klar, dass hier nur eine gebündelte Erfassung und angepasste Verbrennung zielführend war. Der Mehrzweckcharakter der Anlagen sowie der ständige Produktwechsel hätten eine eher populäre biologische Abgasreinigung absolut überfordert. Also Verbrennung, welch Teufelszeug! ln der Bevölkerung gärte es. Im AWD soll eine Abfall-Verbrennungsanlage gebaut werden! Hier musste zum Vorantreiben des Projektes diplomatisch vorgegangen werden. Da in der Flamme, bei hoher Temperatur, alle Schadstoffe unschädlich gemacht werden können, kann man von einer thermischen Behandlung sprechen. Von nun an wurde nur noch von thermischer Behandlung gesprochen. Das verbleibende Kürzel TBA führte letztlich zur nötigen Ruhe bei der Weiterbearbeitung. Zur damals vorliegenden unde?niert großen Abluftmenge muss gesagt werden, dass alle üblichen in großem Maßstab in der pharmazeutischen Produktion eingesetzten Lösemittel mit Luft explosive Gemische bilden. Nur mit großen Luftmengen umging man dauerhaft der Explosionsgefahr. Mit so großen Luftmengen konnte man aber keine wirtschaftliche Entsorgung betreiben.
Die ingenieurtechnische Aufgabe war daher folgendermaßen zu umreißen:
1. Konzeption des Aufbaus und Dimensionierung der Behandlungsanlage
2. Erfassung und Fortleitung sämtlicher Abluft bzw. Abgas
3. Gleichzeitige Lösung des Explosionsproblems
4. Absolute Minimierung Abluft/ Abgas.
Die Leistung derTBA wurde damals, das war ingenieurtechnisch fortschrittlich, mit 1500m3/h Abluft / Abgas und gleichzeitiger Verbrennung von 350 kg/h flüssiger Abfallstoffe der eigenen Produktion festgelegt und bei den zuständigen Behörden beantragt.
Projektierung und Bauausführung erfolgte durch das Ingenieurwesen der DEGUSSA. Dem technischen und verfahrenstechnischen Team AWD verblieben neben der Projektbetreuung und dann parallel zum Anlagenaufbau eine wahre Mammutaufgabe. Das gesamte Werk musste entsorgungsgerecht umgebaut und anschlussbereit gemacht werden. in erfreulicher Zusammenarbeit gab man uns im Rahmen eines sogenannten „Öffentlich rechtlichen Vertrages“ behördenvertraglich dafür Zeit bis Mitte 1997.
Die Bearbeitung erfolgte von diesem Zeitpunkt an durch ein Trio. Zum Umbau des Werkes soll nur soviel gesagt sein, dass es seitdem auf dem Gebiet der Abgasentsorgung ein völlig anderes Werk gibt. Auch die Belegschaft musste an eine neue, geänderte Bedienung herangeführt werden, Der Umbau erfolgte „auf Sicht“ mit täglichen Abstimmungen zwischen Projektteam, Produktion und einer sehr kreativ ?exiblen Rohrbaufirma. Nur so konnte ein „?otter“ Baufortschritt ohne Produktionsstillstand und damit Umsatzausfall gewährleistet werden. Ein Teil der Technik (Reaktoren, Trockner, Trenntechnik, Vakuumtechnik… ) wurden auf entsorgungstechnisch neuen Stand gebracht. So manches wurde ausgesondert und durch neue Apparate ersetzt. Ansonsten erfolgte eine konsequente Kapselung der Ausrüstungen bei gleichzeitiger Dauerinertisierung (Hinzufügung) mit Stickstoff. Die sichere Anwesenheit von Stickstoff verhindert eine explosive Atmosphäre innerhalb der Apparate. Allein schon diese Voraussetzung erforderte den Aufbau einer eigenen Infrastruktur mit weitverzweigten Rohrleitungsnetzen.
Nach von atemloser Spannung begleiteter Zuschaltung des neuen als ASA bezeichnetem Gesamtsystems an die TBA im Juni 1997 konnte folgende erfolgreiche Bilanz gezogen werden:
– restloser Anschluss sämtlicher Abluft und Abgasquellen bei gleichzeitiger Mengenreduzierung auf etwa 1% der früheren Werte
– enorme Einsparungen bei der Beheizung der Produktionsstätten
– drastische Reduzierung der Abwassermenge soweit, dass heute das Werk deutlich abwasserärmer arbeitet (das waren ursprünglich 60-70 m3 pro Stunde)
– Ertüchtigung der TBA zwecks zusätzlicher Entsorgung beladenen Wasserstoffs einschl. spez. Erfassungs- und Fortleitungssystem
– Entschärfung evtl. Sicherheitsentspannungen im Havariefall über Dach; dabei Anschluss einer solchen mit besonderer Brisanz an die TBA mit spez. Anschlusssystem.
Seit Mitte 1997 läuft nun die TBA erfolgreich. In ihr werden in einer Brennkammer bei über 1000″ C Abluft, Abgas und flüssige Abfallstoffe unter Erdgaszufuhr sicher verbrannt. Anschließend werden diese Rauchgase mit Wasser extrem schnell abgeschreckt, nun erst unter Verwendung von verdünnter Natronlauge, dann mit vollentsalztem Wasser gewaschen, erneut erwärmt, mit Ammoniak versetzt über einem Katalysator denoxiert (vgl. Dieselmotoren-Adblue), abgekühlt und nach Messung aller relevanten Emissionskennwerte über Dach ausgestoßen. Die Überwachung erfolgt hinsichtlich evtl. Ausfallzeiten, der Einhaltung der Verbrennungstemperatur, des Ausbrandes , Schwefeldioxid, Stickoxid, Salzsäure und Staubgehalt kontinuierlich. Dioxine sind einer kontinuierlichen Messung nicht zugänglich. Hier erfolgt turnusmäßige Probenahme und Auswertung durch ein unabhängiges Prü?abor. ln der TBA wird Abwärme zur Dampferzeugung genutzt. Allerdings nicht umfassend, da ansonsten mit Dioxinbildung gerechnet werden musste.
Aus heutiger Sicht ist der Betrieb der TBA eine Erfolgsgeschichte. Ohne sie wäre das Werk nicht betriebsfähig. Abweichungen in Verfügbarkeit und Nichteinhaltung von Ernissionsgrenzwerten waren kaum erwähnenswert. Nach der anlagentechnischen Erneuerung des Prozessleitsystems 2021, in die auch die gebündelte Betreibererfahrung zweier Jahrzehnte einfloss, kann fast von einem Idealbetrieb gesprochen werden. Das konzipierte Entsorgungskonzept war gut gewählt. Auch zwischenzeitliche Verschärfungen der Emissionsgesetzgebung waren unproblematisch erreichbar. Jährlich zulässige Schadstofffrachten nach der 17. Bundes-lmmissionsschutzverordnung werden nur zwischen 0 und 34% ausgeschöpft!
Durch Abwanderung der Wirkstoffproduktion im Rahmen der Globalisierung, konnte das Potential der TBA bisher nicht wirksam werden; sie war für eine Erweiterung des Produktionsstandortes vorbereitet. Allerdings ist der hohe Gasbedarf der TBA (einige 100.000 m3 pro Jahr) gerade jetzt Anlass zu großer Sorge denn ohne TBA keine Produktion. Hier kann man nur hoffen und der TBA mit dem traditionsreichen Werk eine weitere erfolgreiche Zukunft wünschen.
Am 2. Januar 1874 nahm der Firmengründer am Standort die „Salicylsäurefabrik F.v.Heyden“ in Betrieb. Also vor fast 150 Jahren! Auch sollte in diesem Zusammenhang erwähnt werden, dass vor 80 Jahren in den Laboren dieses Werkes Epochales entwickelt wurde. Der Chemiker Richard Müller erfand die Grundsynthese der Silikonchemie, bekannt als Müller-Rochow-Synthese was wären wir heute z.B. ohne Mikro-Chips!
Der Autor wagte einen sehr persönlichen Rückblick auf einen wichtigen Teil Werksentwicklung der jetzigen Arevipharma in Radebeul Ost, an dem er im letzten Jahrzehnt seiner Berufstätigkeit teilnahm, Prägend waren dabei Konzipierung und Dimensionierung der TBA und daraus folgernd die Projektverantwortung bei entsorgungsgerechtem, mengenreduziertem Werksumbau. Unbedingt müssen aber dabei die Herren Peter Dethloff, Radebeul sowie Jürgen Müller, Meißen genannt werden.
Peter Gühne

520 Jahre Moritzburger Teichwirtschaft

Das alljährlich am letzten Oktoberwochenende jeden Jahres in unserer Ortschaft stattfindende beliebte Fisch- und Waldfest soll Anlass sein, sich an die Anfänge der hiesigen Teichwirtschaft zu erinnern. Der sehr auch um die ökonomische Entwicklung seines Herrschaftsbereiches bemühte Sachsenherzog Georg der Bärtige (regiert von 1500 bis 1539) ließ im Jahre 1501 in unserer Region die ersten Teiche mit dem Ziel der Versorgung seines Hofes mit einheimischem Fisch anlegen. Es waren zunächst die in einer Geländemulde bei Volkersdorf befindlichen Waldteiche. Sie nehmen heute eine Fläche von 39,1 Hektar(ha) ein. Ihnen folgte bereits ein Jahr später der Großteich bei Bärnsdorf mit einer Fläche von 88,4 ha vor seiner späteren Teilung. Die Teichwirtschaft erlebte in der Folgezeit einen raschen Aufschwung. Noch im 16. Jahrhundert wurden außerdem der Köckritzteich, der Furtteich, der Neuteich und der Dippelsdorfer Teich (alle 1528), der Frauenteich, die beiden Altenteiche, der Mittelteich, der Sophienteich (alle 1537) und der Ilschenteich sowie der Neu- und der Großteich in der Nähe der Mistschänke (alle 1570) angelegt. Die im Jahre 1570 erfolgte Vermessung der Moritzburger kurfürstlichen Teiche ergab eine Fläche von „1077 Acker und 112 Quadratruten“. Das entsprach stattlichen 596,22 Hektar(ha).

Mit 39 Teichen im Amt Moritzburg wird im Jahre 1576 zunächst deren größte Anzahl im 16. Jahrhundert erreicht. Das war der erste Höhepunkt des Teichbaus. Dementsprechend erhöhten sich auch die Fischerträge. Nach den Unterlagen für die Jahre 1735 bis 1752 wurden im Bereich des Amtes Moritzburg jährlich durchschnittlich 17,1 Tonnen Fisch geerntet, davon knapp 90% Karpfen. Damit entfielen ca. 30% der gesamten sächsischen Fischproduktion auf Moritzburg. Dennoch nahm sich der damalige Fischertrag im Vergleich zu späteren Zeiten bescheiden aus. Aber insbesondere der Karpfen galt als gefragte Delikatesse am kurfürstlichen Hof während der jährlichen Fastenzeit von Aschermittwoch bis Ostern.
In einem Verzeichnis des weit gefassten Amtes Moritzburg vom 26.08.1828 sind 48 Teiche aufgelistet. Bis zum Jahre 1849 hat sich die Teichfläche im Moritzburger Gebiet mit 38 Teichen verkleinert (516,8 ha). Unser Moritzburger Ortschronist Dr. Grünwald listet in unserer Region im Jahr 1873 insgesamt wieder 42 Teiche auf. Bis 1869 verringerte sich die Teichfläche jedoch auf 379 ha. Zahlreiche Teiche wurden vor allem zur Gewinnung von landwirtschaftlicher Nutzfläche trockengelegt. Außerdem konnten die Erträge je ha Teichfläche gesteigert werden. Um 1945 sind noch 34 Teiche mit 394,7 ha dokumentiert. Dazu ist zu berücksichtigen, dass bei diesen Flächenangaben neben der nutzbaren Wasserfläche auch der Uferraum, die verschilfte Wasserfläche und Wiesenwuchs, einbezogen sind.
Die Teiche dienten von Anbeginn nicht nur der Fischzucht, sondern auch Rohr, Schilf und Gras auf den Dämmen fanden Verwertung. Außerdem wurden in früheren Jahrhunderten entsprechend der seinerzeitigen Wirtschaftsweise die Teiche aller 7 bis 9 Jahre trockengelegt und zum Anbau von Hafer und Gerste oder als Wiese genutzt. In der Feudalzeit hatten die Untertanen Frondienste an den Teichen zu leisten. Sie bestanden aus so genannten Hand- und Gespanndiensten beim Abfischen oder aus Reparaturarbeiten. Ab dem Jahre 1784 wurde die gesamte Moritzburger Teichwirtschaft von sächsischen Kurfürsten an den Grafen Marcolini verpachtet.
Bis zur Novemberrevolution 1918 blieb die Moritzburger Teichwirtschaft zunächst in königlichem Besitz. Mit dem Thronverzicht von Friedrich August III. fiel das gesamte fiskalische Eigentum der Krone zunächst dem Staat zu. Im Ergebnis der Auseinandersetzung zwischen dem Freistaat Sachsen und dem Hause Wettin wurden jedoch im Jahre 1924 Vermögensteile auf den Familienverein „Haus Wettin Albertinische Linie e. V.“ übertragen. Dazu zählte auch die Moritzburger Teichwirtschaft. Das blieb so bis zum Jahre 1945. Die Teichwirtschaft wurde bis dahin als selbständige Wirtschaftseinheit verpachtet. Ab 1920 war der renommierte Fischzüchter W. Rosengarten der Pächter.
Auf der Grundlage eines Befehls der Sowjetischen Militäradministration vom 30.10.1945 wurde der Verein „Haus Wettin Albertinische Linie“ aufgelöst und dessen Vermögen in behördliche Verwahrung genommen, soweit es nicht schon durch die Bodenreform enteignet worden war. Letzteres traf für die Moritzburger Teiche zu. Bis zum Jahre 1960 wurde die Teichwirtschaft Moritzburg durch die Firma Rosengarten jun. privat bewirtschaftet. 1961 stellte man sie im Rahmen der Gründung eines volkseigenen Großbetriebes der Binnenfischerei im Bezirk Dresden zusammen mit weiteren Fischereibetrieben unter staatliche Leitung. Alle Pächter wurden dabei abgelöst. Sie erhielten ihr Eigentum finanziell vergütet und konnten jedoch nach ihrem Wunsch sowie bei entsprechender Qualifizierung im volkseigenen Betrieb weiterarbeiten.
In den Jahren bis 1990 erreichte die Teichwirtschaft Moritzburg unter Leitung von Gerhard Schulze in der Fischerzeugung Spitzenleistungen in Höhe von durchschnittlich 1522 kg/ha Teichnutzfläche. Durch immer höher werdende Belastungen der Teiche mit Phosphaten und Stickstoff seitens der Industrie und der Kommunen kam es in den 80er Jahren zu Störungen im Ökosystem der Teiche. Es verringerten sich die Unterwasser-Pflanzen und spezielle Tierarten wie Lurche und Vögel wurden verdrängt. Andererseits nahmen die Bestände an fischfressenden Tieren wie Graureiher, Komoran, Fischotter und Nerz zu. Das beeinträchtigte die Erträge.
Nach der gesellschaftlichen Wende 1989/1990 ging die intensive Fischproduktion in den Moritzburger Teichen zu Ende. Das Massenangebot an Seefisch und an billigen Fertigerzeugnissen erschwerte den hiesigen Süßwasserfischabsatz erheblich. Nach der Privatisierung der Großbetriebe der Binnenfischerei im Jahre 1992 wurden die weiter in staatlichem Besitz befindlichen Teiche an eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) unter der bewährten Leitung von Gerhard Schulze verpachtet.
Die Ertragsgrenze liegt heute unter Nutzung der natürlichen Produktivität der Teiche und bei nur geringer Zufütterung mit 500 kg je ha Teichnutzfläche wesentlich niedriger. Dadurch wird aber eine verbesserte Fischqualität erzielt und die Umwelt spürbar entlastet.
Gegenwärtig liegt die Moritzburger Teichwirtschaft GmbH in den sicheren Händen von Henry Lindner und seiner Mannschaft, die zum Zeitpunkt des Abfischens von weiteren Helfern in Form von Pauschalkräften unterstützt wird. Abgefischt werden vornehmlich dreisömmrige Speisekarpfen – Fische, die über drei Jahre bis zu ihrer Verkaufsreife herangezogen worden sind.
Die natürlichen Gegebenheiten und der fortbestehende nahe Absatzmarkt bei entsprechender Nachfrage mögen der von Generationen geschaffenen und unterhaltenen mehr als fünfhundertjährigen Moritzburger Teichwirtschaft auch künftigen Fortbestand sichern. Die letzten Jahre waren für den neuen Teichwirt Henry Lindner nicht einfach. Einerseits fehlte es in den Teichen durch die vorangegangenen Hitzesommer erheblich an Wasser Außerdem fielen gefiederte Fischräuber – die Komorane – oft in Scharen von bis zu über 100 Vögeln über die Teiche her. Zwar darf Henry Lindner mittlerweile zur Vergrämung der Vögel schießen, jedoch ist das nach seiner Aussage sehr zeitaufwändig und nicht immer erfolgreich. In einigen Teichen holen sich die Fischräuber Komoran und Fischotter auch einjährigen Fischnachwuchs, so dass der Teichwirt gezwungen ist, zusätzliches Geld für den Kauf von Satzfischen auszugeben. Da zudem in einem Winter durch milde Temperaturen das Eis als Schutz vor den gefräßigen Vögeln fehlte, gab es im Niederen Großteich fast einen Totalausfall. Statt geplanter 30 Tonnen wurden nur 5 Tonnen Fisch herausgeholt. Im vergangenen Jahr betrug die gesamte Fischernte gerade einmal 80 Tonnen – der bislang schlechteste Ertrag. In der Regel werden jährlich 130 bis 150 Tonnen geerntet, in guten Jahren sogar 180 Tonnen. Geringere Mengen werden nach Auffassung von Henry Lindner wohl künftig zur Normalität werden.
Neben diesen Problemen verringerten sich die Verkaufsmöglichkeiten sowohl durch die Corona-Epidemie (ausgefallenes Fisch- und Waldfest im Vergangenen Jahr) als auch durch Importe aus Tschechien, die der Großhandel zu Dumpingpreisen angeboten hatte. Henry Lindner versucht deshalb, neue Verkaufsmöglichkeiten zu erschließen. Er bietet jetzt auch höherwertige Produkte in Form von Filets oder geräuchertem Fisch aus eigener Räucherei an. So läuft der Absatz nach seiner Einschätzung gegenwärtig zufriedenstellend. An eine ernsthafte Gefährdung der Moritzburger Teichwirtschaft glaubt Henry Lindner offensichtlich nicht. Deshalb widmet er sich auch der Ausbildung von Nachwuchs. Zurzeit hat sein Betrieb zwei männliche Lehrlinge. Günstig für eine gut funktionierende Teichwirtschaft wäre indessen, die in letzter Zeit etwas ins Stocken geratene Entschlammung weiterer von seinen 24 bewirtschafteten Teichen durch den Freistaat Sachsen zügig fortzusetzen. Der Dippelsdorfer Teich, der Mittelteich, der Sophienteich, der Köckritzteich, der Obere Waldteich u. a. Teiche warten noch darauf.
Mit dem alljährlich am ersten Septemberwochenende stattfindenden Hoffest in Bärnsdorf leistet Henry Lindner außerdem einen willkommenen Beitrag zur breit gefächerten regionalen Festkultur.

Die Gruppe Ortschronik Moritzburg,
die sich dankbar auf Quellenmaterial von Gerhard Schulze sowie auf Informationen von Henry Lindner stützen konnte.

 

Eine Einladung zum Besuch der Jubiläumsausstellung

„40 Jahre Stadtgalerie Radebeul“
Fotos, Filme, Texte, Dokumente, Modelle, Objekte und auch Kunst

Einige Exponate aus dem Depot der Radebeuler Stadtgalerie für die aktuelle Jubiläumsausstellung Foto: K. (Gerhardt) Baum

Aus dem reichhaltigen „Zitatenschatzkästlein“ des Dichters Thomas Gerlach, welcher die Radebeuler Stadtgalerie seit 25 Jahren wohlwollend und inspirierend begleitet, stammt der sinnige Spruch: „Nur die allerdümmst´n Kälber, dreh´n sich ständig um sich selber“. Dass diese zeitgemäß adaptierte Volksweisheit sowohl bei den alten als auch neuen Galeristen nachhaltige Beherzigung fand, lässt sich noch bis zum 5. Februar 2023 in der Radebeuler Stadtgalerie besichtigen. Allerdings fing die Geschichte der Galerie nicht erst mit ihrem Umzug nach Altkötzschenbroda an. Selbst vor deren Eröffnung vor vier Jahrzehnten in einem ehemaligen Tapetenladen in Radebeul-Ost gab es eine Vorgeschichte und davor wiederum eine VorVorgeschichte. Zahlreiche Unterlagen im Stadtarchiv belegen, dass die Künstler der Lößnitzortschaften bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Wunsch hegten, ihre Werke vor einem größeren Publikum in aller Öffentlichkeit zu präsentieren. Wenngleich sich in der Festhalle von Kötzschenbroda, im Heimatmuseum Hoflößnitz und im Haus der Kunst temporäre Möglichkeiten für Einzel- und Gruppenausstellungen geboten hatten, existiert in Radebeul ein ständiger Ausstellungsort für die Kunst allerdings erst seit Eröffnung der „Kleinen Galerie“ am 16. Dezember 1982.
Gesellschaftliche, strukturelle, finanzielle und personelle Veränderungen blieben nicht ohne Einfluss auf die konzeptionelle Ausrichtung dieser Kultureinrichtung. Dass sie sich als eine der wenigen Galerien in kommunaler Regie bis heute erhalten hat, ist vor allem auch ihrer Integration in die Radebeuler Stadtgesellschaft zu verdanken. Und so ist die Geschichte der Galerie nicht nur ein Stück Radebeuler Kunst-Geschichte, sondern auch ein Stück gelebte Stadtkultur.
Dass sich die gegenwärtig aktiven Stadtgaleristen mit der ehemaligen Stadtgaleristin als Team zusammengefunden haben, welches seit 2019 bereits mehrere Projekte gemeinschaftlich konzipierte, wird als beidseitige Bereicherung empfunden. Mit einem gattungsübergreifenden Ausstellungsprojekt, welches auf einer chronologischen als auch inhaltlichen Ebene basiert, startete die Radebeuler Stadtgalerie am 16. Dezember 2022 in ihr 41. Ausstellungsjahr. Der offene Werkstattcharakter wurde bewusst gewählt, bieten sich doch dadurch vielfältige Möglichkeiten zur Mitwirkung und Diskussion. Ein reflektierender Beitrag wird in der Februarausgabe unseres kulturellen Monatsheftes erscheinen.
Karin (Gerhardt) Baum

Die Ausstellung ist geöffnet
vom 8. Januar bis 5. Februar 2023, jeweils DI, MI, DO 14 bis 18 Uhr sowie SO 13 bis 17 Uhr.

Veranstaltungen im Rahmen der Ausstellung:
Sonnabend, 21. Januar 2023 ab 16 Uhr „offene Galerie“ mit Denkwerkstatt und Diskussionsforum
Sonntag, 5.Februar 2023 um 16 Uhr Doppel-Kuratorenführung mit Alexander Lange und Karin Baum
Montag, 6.Februar 2023 um 18 Uhr Finissage
sowie variable Einzel- und Gruppenführungen (Anmeldungen unter 0351-8311-626, 0160-1038663)

Chorgesang als Friedenswerk

Foto: B. Kazmirowski

Die Kantorei des Kirchspiels in der Lößnitz führte das Weihnachtsoratorium auf

I. Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die TageIn den letzten Jahren wurde zu unterschiedlichen Anlässen, meist aus dem Erleben einer Krise heraus, der „gesellschaftliche Zusammenhalt“ beschworen, wurde durch die Politik proklamiert, dass wir als Gesellschaft „beieinander“ bleiben müssten. Was damit konkret gemeint war, wurde oft nicht ganz klar, aber meist ging es im Allgemeinen um das Einhalten von Regeln oder die Annahme, wir alle müssten bestimmte politische Entscheidungen mittragen. Erahnen konnte man hinter der politischen Rhetorik immer den richtigen Gedanken, wie wichtig gemeinschaftsstiftende und -erhaltende Vorhaben, Prozesse und Projekte für uns Menschen sind. Ein in diesem Zusammenhang sicherlich noch nicht oft genug gewürdigter gesellschaftlicher Stützpfeiler sind die Chöre landauf, landab. Wenn sie mitgliederstark genug sind – etwa von der Größe der seit kurzem vereinigten Kantoreien aus den beiden Radebeuler Gemeinden Luther und Frieden – dann bekommt man eine sehr genaue Anschauung dessen, was mit dem gesellschaftlichen Zusammenhalt alltagspraktisch gemeint ist. Denn da stehen am 11. Dezember 2022 zur überhaupt ersten gemeinsamen Aufführung des Bachschen Weihnachtsoratoriums mehr als 80 Sängerinnen und Sänger auf der Bühne, von der Schülerin bis zum betagten Senior, die aus ganz unterschiedlichen sozialen Zusammenhängen kommen und die sehr verschiedene Gesangsbiografien haben, die sich aber dennoch hinter einem Vorhaben versammeln, dem gemeinsamen Singen. Die über Monate andauernde Probenarbeit schweißt zusammen, das mitunter über Jahre und Jahrzehnte wachsende Mit- und Nebeneinander als Sopran, Altistin, Tenor und Bass schafft Beziehungen. Wer miteinander singt, kann nicht miteinander streiten. Singen ist Ausdruck von geteilter Lebensfreude und geschenktem Lebensfrieden. Es gibt Chormitglieder, die schauen auf 50 und mehr gemeinsame Jahre zurück!

Lutherkirche Radebeul Foto: B. Kazmirowski

II. Großer Herr, und starker König
Am 3. Adventssonntag, der passenderweise auch „Gaudete“ (Freut euch“) genannt wird, konnte man erleben, wie die Radebeuler nach drei Jahren coronabedingter Durststrecke die Aufführung der ersten drei Kantaten des wohlvertrauten Werkes herbeisehnten, und wie dieses Ereignis das Gefühl von Gemeinschaft noch einmal potenzierte. Denn in der fast vollbesetzten Lutherkirche tummelten sich Zuhörer aller Altersgruppen (gleichwohl das Publikum 50+ die Mehrheit bildete), evangelische und katholische Christen wie Konfessionslose. Pfarrerin Funke wies in ihrer Begrüßung darauf hin, dass es in der Lutherkirche eine mittlerweile 130-jährige kirchenmusikalische Tradition gebe, in der natürlich auch das Weihnachtsoratorium einen zentralen Platz einnimmt. Je nach Lebensalter und Vertrautheit mit dem Werk hört sicherlich jeder das WO anders, hat jeder seine spezielle Lieblingsarie oder seinen Lieblingschoral. Ich habe dieses Mal, ob zufällig oder nicht, besonders herausgehört, wie das Weihnachtsoratorium ein Friedenswerk ist, eine in Musik gesetzte Sehnsucht nach Frieden: „Du Hirtenvolk/erschrecke nicht/weil dir die Engel sagen/dass dieses schwache Knäbelein/[…] soll letztlich Friede bringen.“ Und an anderer Stelle heißt es: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden“. Um es auf den Punkt zu bringen: Schon lange nicht mehr konnte man das Weihnachtsoratorium so auf die aktuelle Weltlage beziehen wie in diesem Dezember, hätte das von Pfarrerin Funke auf der Kanzel für alle sichtbar platzierte Friedenslicht aus der Geburtsgrotte in Bethlehem (über den Weg von Wien und Dresden nach Radebeul gekommen) größere Strahlkraft verdient. Aber würde es von denen wahrgenommen, die den Krieg und das Leid unserer Tage zu verantworten haben? Wären die Macht- und Befehlshaber dieser Welt bereit, die biblische Friedensbotschaft anzunehmen? Würden deren Herzen angerührt und erweicht werden angesichts der wunderbaren Musik? Ich fürchte nein. Und dennoch darf man nicht müde werden, Jahr um Jahr dieses Werk und das, wofür es steht, in die Welt hinaus zu singen, so, wie es in der Radebeuler Aufführung unter Leitung von KMD Peter Kubath die vier Solisten (Daniela Haase, Edith-Maria Breuer, Tobias Mäthger und Reinhold Schreyer-Morlock) und der Chor begleitet von einem Kammerorchester mit Können und Engagement taten.

III. Herrscher des Himmels
Langanhaltender, herzlicher Beifall spendete das Publikum, nachdem der letzte Ton verklungen war, und auf vielen Gesichtern von Choristen zeigte sich ein glückliches Lächeln, entspannten sich die Züge. Anders aber als in der Vergangenheit war es Besuchern und Mitwirkenden nicht vergönnt, mit dem Konzerterlebnis im Herzen hinaus auf einen Weihnachtsmarkt wie den in Altkötzschenbroda zu gehen und den 3. Advent stimmungsvoll ausklingen zu lassen – noch dazu, wo es am Abend des 11. Dezembers ja leicht schneite und sich die Welt in einem zarten Weiß zeigte. Wie schön wäre das gewesen! Man hatte sich aus nachvollziehbaren Gründen entschieden, wie auch schon zum Buß- und Bettag den „Messias“ nun auch das WO in der Lutherkirche stattfinden zu lassen, denn aufgrund der schieren Größe des gewachsenen Chores wäre der Altarraum der Friedenskirche zu klein für diese Aufführung gewesen. Andererseits bitte ich die Verantwortlichen für Kirchenmusik im Kirchspiel zu überlegen: Was spräche denn gegen zwei Aufführungen des Weihnachtsoratoriums an zwei Adventswochenenden, eine in Radebeul-Ost und eine in West mit jeweils ca. 50 Sängerinnen und Sängern? Sicherlich müsste man die Stimmgruppen so ausbalancieren, dass etwa die traditionell schwächer besetzten Tenöre und Bässe zweimal gefordert wären. Andererseits würden zwei Aufführungen auch den Probenaufwand besser rechtfertigen und die jahrhundertelange Tradition der Friedenskirche als die bedeutendste Stätte hiesiger Sakralmusik fortsetzen. Ich bin mir sicher, dass die Radebeuler und die Menschen des Umlandes (wozu ja auch z.B. Coswig, Weinböhla und Moritzburg) zwei Kirchen füllen würden, denn sonst bliebe nur der Weg nach Meißen oder Dresden. Sehr zu loben ist allerdings die nun schon seit Jahren immer wieder erneuerte Regelung, Kindern und Jugendlichen freien Eintritt zu gewähren. Nur müsste dies mit mehr Selbstbewusstsein und auf diversen Vermittlungswegen sichtbarer kommuniziert werden, damit die Zielgruppe auch tatsächlich kommt!
Wer in den bevorstehenden Festtagen und nach Neujahr weihnachtliche Musik in Radebeul hören möchte, dem seien drei Aufführungen empfohlen: Am Heiligabend um 22 Uhr in der Lutherkirche eine Mischung aus Liedern zum Hören und Mitsingen; am 1. Weihnachtstag um 10 Uhr in der Friedenskirche ein Weihnachtsliedersingen mit dem Posaunenchor und am 7.1.23, 17 Uhr, eine musikalische Vesper in der Lutherkirche.

Bertram Kazmirowski

Editorial Januar 2023

Liebe Radebeulerinnen, liebe Radebeuler,
wenn so ein neues Jahr beginnt und alles noch unverdorben, unverbraucht, unbeschädigt erscheint, drängen sich gute Vorsätze auf. Das Neue soll besser werden!
Und gute Vorsätze braucht unsere Welt, oder? Werden nicht dringend Menschen gebraucht, die sich vornehmen, etwas zu ändern?
Wie sieht es bei Dir aus? Bist Du dabei? Wirst Du nachhaltiger leben und weniger verbrauchen? Wirst Du Dich politisch oder sozial engagieren? Oder Dich für Artenschutz und Artenvielfalt einsetzen?
Als Anwältin des Wortes lenke ich den Blick auf das, was Menschen sagen. Es wird viel gesprochen – tagein, tagaus. Wer auf seine Worte achtet, kann mit wenig Aufwand viel erreichen! Sind Deine Worte gute Worte? Worte, die andere aufbauen, ermutigen, trösten? Sind Deine Worte wertschätzende, wohlwollende Worte? Oder kannst Du eigentlich nur noch klagen und schimpfen?
Im großen Weltlauf und als eine/r von 8 Mrd. Menschen weltweit, erscheint die Bedeutung dessen, was Du sagst oder tust, eher vernachlässigbar. Und dieser Eindruck ist es, der unsere Nachlässigkeit fördert. Was soll’s, es liegt doch nicht an mir!
Mit meinem Glauben rechne ich mit der Kraft Gottes, die die Welt verändern kann. Allerdings nur dann, wenn Menschen sich dieser himmlischen Kraft zur Verfügung stellen: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig, sagt Gott. Was wäre die Welt, ohne den einen, der sich erbarmt? Der barmherzige Samariter rettet den Verletzten. Und Du?
Es ist doch nicht egal, was Du tust! Es ist nicht egal, was Du sagst! Es ist nicht egal, ob Du den Tag damit beginnst, dankbar auf das zu sehen, was Dir gegeben ist.
Es ist nicht egal, ob Du Deiner Liebsten sagst, was für ein wundervoller Mensch sie ist. Gibt es nicht jeden Tag einen Grund Ihr für etwas zu danken?
Und es ist auch nicht egal, ob Du auf Flugreisen verzichtest und in den Laden Deinen Stoffbeutel mitnimmst.
Es ist nicht egal, was Du sagst und tust. Ergreife Deine Chancen: 365 Tage stehen uns zur Verfügung. Packen wir’s an.

Ich wünsche Ihnen allen ein gesegnetes neues Jahr!

Annegret Fischer, Pfarrerin im Kirchspiel in der Lößnitz, Friedenskirchgemeinde

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