Mit Thomas Rosenlöcher poetisch durch das Jahr

„Mein Naundorf lob ich mir“

Häuser am Dorfanger Foto: Fam. Zscheischler

Ein Radebeuler Dorf feiert Mitte Juni seine 875. urkundliche Erwähnung

Es ist noch gar nicht so lange her, da gab es in Naundorf alles, was ein Dorf ausmachte: Bäcker, Böttcher, Fleischer, Stellmacher, Schmied, Schnitter, Winzer und Waschfrau, und Hebamme, Briefträger, Schulmeister und Bahnhofsvorsteher und nicht zuletzt die vorlauten Buben in kurzen Hosen, doch heimlich bewundert von den allzu braven bezopften Mädels.
Kinder und Schule spielten in Naundorf schon immer eine große Rolle und wir hatten ja auch eine besonders schöne, moderne und weithin sichtbare Schule.
Gleich nach der Wende riet ein ehemaliger Naundorfer Schüler, Erich Meitzner, Lehrer in Schleswig-Holstein, der damaligen Direktorin, doch einen Schulverein zu gründen und spendete als Grundstock dafür 100 Westmark. An eine Vereinsgründung dachten aber auch weitere Naundorfer Bürger, wie z. B. Gabi Bäßler, die später auch den ersten Naundorfer Schul- und Dorfverein leitete, Gabi Werner, Gottfried Thiele, der an einer aktuellen Ortschronik schrieb und weitere Naundorfer Bürger, wie z.B. Steffen Meißner, Hans-Georg Staudte und Ralf-Torsten Linke, denen Naundorf sehr am Herzen lag.
Nicht zu vergessen sind die vielen Naundorfer Familien, wie z. B. die Familie Stephan Große, die sich großartig für das kulturelle Leben in Naundorf einsetzten und noch immer aktiv tätig sind. Das 850-jährige Jubiläum der Erwähnung Naundorfs stand bevor und sollte mit einem großen Dorffest befeiert werden. Auf das erste Dorffest 1994 folgten weitere mit jeweils tausenden von Besuchern. 2019 ist es nun wieder so weit. Am Wochenende des 14.,15.und 16. Juni 2019 feiert Naundorf wieder ein Dorffest zum 875. Jahrestag seiner Erwähnung.
Sämtliche Aktivitäten des mittlerweile fast auf 100 Personen angewachsenen Vereins werden von Anfang an von einer Dorfzeitung, den „Naundorfer Nachrichten“, mit eigenem Logo begleitet. Das von ansässigen Gewerbetreibenden mit Anzeigen finanzierte Blättchen erscheint zweimal im Jahr. Steffen Meißner, Isolde Klemmt und Gudrun Täubert bilden die Redaktion und haben sich 25 Jahre durch die Dorfgeschichte geschrieben. Ein fleißiger Schreiber war auch der 2006 verstorbene Gottfried Thiele, der 1994 die Ortschronik verfasste. Gemeinsam gingen sie der Historie der Höfe und der Familien des Rundlings nach und brachten ihren Lesern Geschichte und Geschichtchen rund um den Dorfteich nahe, schrieben über die Höfe, die Feuerwehr, über Bauern, Winzer, Handwerker und Gasthöfe, über Flurnamen und über den Bierkrieg in der Lößnitz und über die Notlandung eines Militär-Doppeldeckers im Ersten Weltkrieg. Über die Eingliederung der Flüchtlinge aus Ostpreußen und Schlesien nach dem 2. Weltkrieg schrieb Eva Schindler 2016 für ihren Schaukasten, der auf dem Dorfanger steht. Nach 1989 kamen wieder neue Leute aus dem Westen nach Naundorf. Auch sie ließen sich nach und nach integrieren, brachten gute Ideen ein und übernahmen sogar auch einige Jahre die Leitung des Vereins, wie z.B. Inge Plinta-Müller, die nicht nur leiten, sondern auch historische Köstüme entwerfen und nähen kann. Heute leitet den Verein Karin Roßberg, deren Vorfahre ein bekannter und beliebter Naundorfer Lehrer war.
Ein rühriger Verein mit einigen Dutzend fleißiger Mitarbeiter, flankiert durch das Blättchen „Naundorfer Nachrichten“, sorgen jetzt unter ihrer Leitung für ein aktives Dorfleben. Eine Website hat Naundorf heute auch. Haben wir schon erwähnt, dass die Naundorfer sogar eine eigene Hymne haben? „Mein Naundorf lob ich mir“. Zu den mehr oder weniger regelmäßigen Aktivitäten gehören der alljährliche Frühjahrsputz, das Flechten der Osterkrone für den Dorfbrunnnen, das Gedenken am Kriegerdenkmal und die Bestückung des Schaukastens daneben, das Sonnenwendfeuer, historische Spaziergänge mit Stephan Große und mit größtem Aufwand: die Vorbereitung auf das Dorffest unter wechselndem Motto. Anlass geben Bau-Jubiläen der Schule, der Kirche und des Dorfes. Dorfbewohner Udo Schindler sorgt mit seinen weitreichenden Kontakten für ein sehenswertes Treffen von Oldtimern auf zwei und vier Rädern sowie einer Ausfahrt durchs Elbtal, andere sorgen für Lustbarkeiten für die Youngtimer, wie Schubkarren- oder Seifenkistenrennen oder für feuchtfröhliche Balanceakte über wacklige Pontonbrücken auf dem Dorfteich. Und zusammen feiern die Naundorfer mit „do-r Nobber“, mit dem Nachbarn, ob dies- und jenseits der Elbe lebend.
Spätestens an dieser Stelle ist ein wichtiger Name zu nennen: Isolde Klemmt. Mit um die 70 übernahm sie die Leitung und führte, emsig vom einen Dorfende zum anderen und wieder zurück radelnd, den Verein und das Dorf mit viel Herz und unnachahmlichem Engagement zur Blüte. Sie choreographierte zwei sagenhafte Umzüge bei Dorffesten und nähte dutzendweise Hemden für „Waschfrauen“, „Bauern“ und „Winzer“.Und immer wieder glänzte sie in ihrer Paraderolle als rothaarige „Feuer-Jule“, die schreiend von Haus zu Haus läuft, um vor dem großen Feuer zu warnen, welches 1822 das Dorf in Schutt und Asche legte. So avancierte Isolde Klemmt zur heimlichen Naundorfer Bürgermeisterin, was sich in einem entsprechenden Auflauf bei ihrer Beerdigung im Januar 2009 manifestierte.
So sorgen das gemeinsame Engagement beim Dorffest und auch mal „zwischendrin“ für den Zusammenhalt und das Zusammenwachsen von Alteingesessenen und Zugezogenen. Das wird sich beim Dorffest im Juni wieder zeigen, wenn die Naundorfer feiern, mit „do-r Nobber“. Wir werden sie alle wieder sehen: Bäcker, Böttcher, Fleischer, Stellmacher, Schmied, Schnitter, Winzer und Waschfrau, und Hebamme, Briefträger, Schulmeister und Bahnhofsvorsteher, die sich necken lassen müssen von vorlauten Buben in kurzen Hosen, doch heimlich bewundert von den allzu braven bezopften Mädels.

Burkhard Zscheischler und Gudrun Täubert

„Wohnst Du noch…?“

Gedanken zum Wohnen in Radebeul

Mit diesem Slogan hatte einst IKEA für seine preiswerten Möbelangebote geworben. Um wohnen zu können braucht‘s natürlich nicht nur IKEA, sondern auch eine Wohnung. Und da fängt das Problem schon an, zumindest in Dresden und seiner unmittelbaren Umgebung, also auch in Radebeul. Bereits nach 1989 stiegen die Mieten im „Nizza des Nordens“ exorbitant. Zeitweise galt Radebeul als das „München des Ostens“ was die Grundstückspreise anbelangte. Gern wird der Ort auch als Gartenstadt beschrieben. Was da so romantisch wie verklärt daherkommt, birgt in sich eine enorme Sprengkraft. Laut integriertem Stadtentwicklungskonzept von 2015 befinden sich die Wohnungen zumeist in freistehenden Häusern, vorwiegend im 19. Jahrhundert entstanden, welche 75,7 Prozent des Gebäudebestands ausmachen. Mit der verstärkten Bautätigkeit seit 1990 sind weitere Ein- und Zweifamilienhäuser dazugekommen. Knapp 92 Prozent der Häuser befinden sich in Privatbesitz.
Auch wenn in Radebeul im Zeitraum von 1991 bis 2015 im Verhältnis zum Freistaat überdurchschnittlich viele Wohnungen (26,2 % gegenüber 23,0%) errichtet wurden, ist der Wohnungsmarkt weiterhin angespannt. Das liegt sicher einerseits an der Nähe zur Landeshauptstadt als auch daran, dass eine „überproportionale Zunahme der Einfamilienhäuser“ in der Stadt zu verzeichnen ist. Die Bautätigkeit ging allerdings insbesondere nach 2009 stark zurück, so dass jährlich nur noch 1, 4 Prozent der Häuser mit Wohnungen ab dieser Zeit errichtet worden sind. Die Zunahme von Einfamilienhäusern ist allerdings nicht unproblematisch, verfügt doch Radebeul gegenüber anderen Gemeinden nur über eine begrenzte Siedlungsfläche. In der Stadt Radeburg beispielsweise wohnen nur 137 Einwohner auf einem Quadratkilometer, während sich in Radebeul 1.273 Personen diese Fläche teilen müssen. Inwieweit sich die 300 ausgewiesenen Baulücken als Wohnungsstandorte eignen, sei dahingestellt. Das Problem mit dem Quartier Fabrikstrasse mag verdeutlichen, dass Handwerk und Wohnen nicht immer zusammenpassen. Eine klare Linie seitens der Stadt ist allerdings nicht zu erkennen. Hat sie doch zunächst gegenüber einem Investor die Bebauung einer Fläche zu Wohnzwecken in diesem Revier für gut befunden, um später einen gegenteiligen Stadtratsbeschluss herbeizuführen. Ein langwieriger Rechtsstreit scheint sich da anzubahnen.
Es liegt zweifelsfrei auf der Hand, dass der weitere Bau von Einfamilienhäusern die angespannte Situation besonders im Bereich der Ein- und Zweipersonenhaushalte nicht lösen wird. Hier gibt es in Radebeul zu wenige Angebote. Gemessen an 2012 hat es an „Wohnungen mit bis zu drei Räumen […] keine Bestandsvergrößerung in den letzten 10 Jahren“ gegeben. Auch ist erstaunlicherweise der Wohnungsleerstand mit nahezu sechs Prozent, gemessen am stark begehrten Standort, relativ hoch.
Nun ist der offensichtlich nicht abnehmende Wunsch, in Radebeul zu siedeln – Stadtplaner Olaf Holthaus sieht hier künftig eher einen rückläufigen Trend – sicher erfreulich. Aber grundsätzlich wirft das die Frage nach einer bedarfsgerechten Wohnraumplanung im Sinne der Stadtgesellschaft auf. Bedenkt man die zu erwartende demografische Entwicklung in Radebeul wird das Problem noch dringender. Schon heute leben in ca. 62 Prozent der Haushalte 65-jährige oder ältere Menschen. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass künftig die Zahl der Personen pro Haushalt unter zwei sinken wird. Auf den bis jetzt geplanten Bebauungsflächen würden nach dem Beitrag von Peter Redlich auf der Internetseite der „Sächsischen Zeitung“ vom 3.10.2018 ca. 800 neue Radebeuler eine Wohnung finden. Dies würde eine künftige Bevölkerungszahl über den prognostizierten 34.500 Einwohnern bedeuten. Ein weiteres Wachstum der Stadt aber geht zwangsläufig zu Lasten der Lebensqualität und beschädigt den Charakter des Ortes nachhaltig. So überlegt im oben erwähnten Beitrag der Stadtplaner Olaf Holthaus, ob dazu nicht unter Umständen in sensible landschaftliche Lagen eingegriffen werde sollte. Aber hatte nicht der Oberbürgermeister Bert Wendsche in seiner Kandidatur für das Amt 2001 versprochen, dass „der Charakter Radebeuls als Wein- und Gartenstadt“ erhalten werden muss?
Lobenswert in diesem Zusammenhang ist deshalb die Initiative des „vereins für denkmalpflege und neues bauen“, der im vergangenen Jahr gemeinsam mit Schülern einer zehnten Klasse des Gymnasiums Luisenstift die Bedeutung der Weinbaulandschaft für unsere Stadt ergründete (s. Heft 10/2018).
Für die weitere Entwicklung von Radebeul ist auch die soziale Zusammensetzung seiner Bevölkerung nicht zu unterschätzen. Deren Verschiebung wurde erstmals 2015 sichtbar, als die Höhe der Einkommenssteuer deutlich über der der Gewerbesteuer lag (s. a. Statistischer Bericht 2016). Der Anteil der Gutverdiener an der Bevölkerung ist also gestiegen, was sich indirekt auch auf die Grundstückspreise und Mieten auswirkt. Für den sozial schlechter gestellten Teil der Bevölkerung werden die ständig steigenden Mieten zur existenziellen Frage. Dies zeigt sich auch am leichten Anstieg der Wohngeldempfänger in Radebeul. Eine weitere Spaltung der Stadtgesellschaft und die Abwanderung eines Teils der Bevölkerung in Nachbargemeinden wird die Folge sein. Deren durchschnittlicher Mietpreis gegenwärtig noch um die fünf bis sechs Euro liegt. Statt die Mietzuschüsse zu erhöhen, was ja letztlich eine Frage der Kassenlage ist, sollte Radebeul lieber den sozialen Wohnungsbau fördern. Vorbild dafür könnte die europäische Metropole Wien sein, die einen städtischen Anteil an Wohnungen von rund 32 Prozent hält und sich vorgenommen hat, den Preis für Sozialwohnungen auf um die 5 Euro zu drücken. Da drängen sich die Fragen auf, ob die Besitzgesellschaft der Stadt Radebeul plant, künftig ihren Wohnungsbestand zu erweitern (Anteil 4,8 %!). Der durchschnittliche Mietpreis in Radebeul lag 2018 bei 8,03 €/m². Zu begrüßen wäre auch, wenn sich die Stadt im Verbund mit anderen Gemeinden sowie die Parteien dafür stark machen würden, dass im Freistaat die Mieten gedeckelt werden, also eine Mietobergrenze in Sachsen eingeführt wird, um den sozialen Verwerfungen zu begegnen. Dies ist durchaus keine Neuheit. In der Bundesrepublik waren beispielsweise die Boden- und Mietpreise bis 1960 eingefroren.
Wie es künftig mit dem Wohnen in Radebeul weitergeht, ist etwas, was letztlich alle angeht. Die Betrachtung dazu in der „Sächsischen Zeitung“ geht jedenfalls auf die soziale Seite dieser Entwicklung nicht ein.

Karl Uwe Baum

Sprichwörter rund um mittelalterliche Burgen

»Burg Eltz« von Osten Foto: Thomas Max Müller/ PIXELIO https://www.pixelio.de/

Sprache, Inhalte und Deutungen

Nein, an unserer Friedensburg, die bekanntlich keine mittelalterlichen Wurzeln hat, kann ich das Thema nicht abhandeln. Oder vielleicht doch, da ließe sich ja mit dem Spruch „in die Röhre gucken“ eine Verbindung herstellen?
Bei zwei privaten, herbstlichen Ausflügen im Jahr 2018 hatten wir die Burgen „Burg Eltz“ (Rheinl.-Pfalz) und „Cadolzburg“ (Bayern, bzw. Franken) besucht – beides lohnende Ziele und denkmalpflegerisch durchaus empfehlenswert. Die „Burg Eltz“ könnten ein paar unserer Leser eventuell als Bild auf dem 500-DM-Schein (in Umlauf von 1965-95) kennen; ich hatte diesen Schein eher nicht in meinem Geldbeutel gefunden.
Natürlich hatten beide Burgen viele bauhistorische und künstlerische Details zu bieten, die wir beim Besuch erleben konnten. Aber bei den Besichtigungen erfuhren wir an verschiedenen Punkten, dass es Sprichwörter im täglichen Sprachgebrauch gibt, die ihren Ursprung im Rittertum des Mittelalters, bzw. in nachfolgenden Zeiten hatten. Oft verwenden wir solch eine Wortspielerei ohne deren ursprüngliche Bedeutung zu kennen. Dabei kann man auch Überraschendes erleben!
Heute begegnen wir derartigen Sprichwörtern eher in der Umgangssprache als in literarischen Werken. Sie treten einzeln als verkürzter Satz oder eingebaut in Satzbildungen auf. Bei einigen Redewendungen können wir über die Jahrhunderte und Jahrzehnte auch Abweichungen von der ursprünglichen Bedeutung beobachten. Im Folgenden will ich eine Auswahl solcher Sprichwörter anbieten, soweit ich mich an die og. Burgbesuche noch erinnere. Dazu will ich den historischen Hintergrund darstellen und die heutige Anwendung der Sprichworte aufzeigen.

„Von der Pike auf gelernt“
Lanzen und Hellebarden (Piken, Pikiere) waren im Mittelalter bevorzugte Waffen der unteren Soldatenränge. Wer in der Zeit was werden wollte, musste den Dienst unten anfangen, also mit der Pike kämpfen und darauf seine Laufbahn über die Zeit aufbauen.
Heute: eine stetige Entwicklung ist der sichere Weg nach oben, ohne dabei Zwischenschritte
auszulassen.
„Für Jemanden eine Lanze brechen“
Lanzen waren damals ein typisches Kriegsgerät. Wenn man nun vor seinem Gegenüber die Lanze zerbrach, also unbrauchbar machte, war das ein deutliches Friedensangebot.
Heute: Jemandem helfen oder die Idee eines Anderen unterstützen.
„Lunte riechen“
Seit dem 15. Jh. gehörten Luntenschlossgewehre zur Bewaffnung von Burgbesatzungen, bzw. von beweglichen Angreifern. Die Lunte war ein mit Phosphor getränkter Wollfaden. Von der Entfachung der Lunte bis zum Erreichen des Pulvers durch die Flamme verging ein Moment. Da die Lunte starke Gerüche verbreitete, konnten die Feinde das bei gutem Wind riechen und hatten den Vorteil, sich auf den Kampf einstellen zu können.
Heute: etwas erkennen, was eigentlich noch geheim sein sollte.
„Etwas im Schilde führen“
Ritter und Soldaten schützten sich im Kampf durch mitgeführte Schilde. Diese waren auf der Vorderseite meist mit einem Wappen (Löwe, Adler, Kreuz …) geschmückt. So gaben die Schilde dem Gegner Auskunft, für wen (Land, Fürst, Herr) der Krieger kämpfte. So sollte von vornherein Freund von Feind unterschieden werden.
Heute: eine Idee oder Strategie entwickeln, die noch nicht spruchreif, also geheim ist. Dieser Spruch hat sich im Laufe der Zeit etwas gewandelt.
„Was auf der hohen Kante haben“
Hier muß man wissen, dass mittelalterliche Kassen oder Schatztruhen Kisten aus Eichenholz oder Eisen mit hohen Seitenwänden waren und für besondere Schätze eine kleinere, extra gesicherte Kiste-in-der-Kiste hatten. Die Füllung so einer Truhe mit Geld, Gold oder Dokumenten war damit auf der „hohen Kante“.
Heute: etwas gespart haben, reich sein oder gut leben können.

„Etwas ist einem durch die Lappen gegangen“
Früher gab es verschiedene Arten Wild zu jagen. Adlige Treibjagden in der Barockzeit funktionierten so, dass im Gelände lange Strecken mit Seilen und Wimpeln (so genannte Jagdlappen, oft mit Wappen) abgesteckt wurden und zwischen solchen Strecken das Wild auf die Schützen zu getrieben und getötet wurde. Kam aber ein Stück Wild seitlich durch die Absperrung, war es gerettet.
Heute: man hat etwas verpasst oder man hat einen geschäftlichen Verlust erlitten.
„Einen Zahn zulegen“
Um diesen Spruch zu verstehen, müssen wir uns in die Burgküche begeben. Da war ein offenes Feuer mit einem großen, sich nach oben verjüngenden Schornstein, man sprach auch von der schwarzen Küche. Wollte man in einem Kupferkessel Wasser oder etwas anderes erwärmen. Musste man ihn an einer senkrechten Eisenstange mit mehreren Haken (= Zähne) über dem Feuer einhängen. War der Kessel tief eingehängt, kochte es schneller, an einen höheren Zahn gehängt, ergab sich langsameres Kochen. So waren Kochvorgänge früher regulierbar. Einen Zahn zulegen, müsste man so deuten, den Kessel tiefer zu hängen.
Heute: schneller fahren, auch etwas schneller oder intensiver betreiben.
„Da fällt dir kein Zacken aus der Krone“
Hier wurde Bezug genommen auf frühere Adelsränge, die üblicherweise verschiedene Kronen hatten. Niederer Adel hatte zur Unterscheidung fünf, Freiherren sieben und Grafen neun Zacken an der Krone – d.h., je höher der Rang, desto mehr Zacken zeigte die Krone.
Wenn zB. ein Graf zwei (im Spruch nur einen) Zacken aus der Krone verlieren würde, wäre er nur Freiherr, hätte einen niedrigeren Rang, wäre also erniedrigt worden.
Heute: man sollte den Standesdünkel nicht zu weit treiben, man sollte bescheiden bleiben.

Dietrich Lohse

„Einer von denen“ ist immer noch einer von uns

Die Landesbühnen bringen mit „Draußen vor der Tür“ Wolfgang Borcherts berühmtes Antikriegsstück auf die Studiobühne

»Draußen vor der Tür« – mit Julia Vincze, Felix Lydike, Marcus Staiger und Grian Duesberg (v.l.) Foto: H.L. Böhme;

Nicht für alle Situationen hält unsere eigentlich so reiche und differenzierten Ausdruck ermöglichende deutsche Sprache das passende Wort oder die passende Wendung parat. Das kam mir in den Sinn, als ich darüber nachdachte, wie ich mich am Ende der Premiere von „Draußen vor der Tür“ (Regie: Peter Kube) gefühlt hatte. Es dauerte ein wenig, bis mir endlich ein Gedanke kam, wie ich es beschreiben könnte: „Das Klatschen blieb mir in den Händen stecken“. Ja, so war es. Und nicht nur mir war so zumute, wohl auch den anderen Zuschauern, davon etwa ein Drittel Schüler, denn es dauerte etwa 15 Sekunden, bevor der Beifall die Stille durchschnitt. Es war aber ein Beifall, der Betroffenheit enthielt, Erschütterung auch, nach Außen gekehrte Nachdenklichkeit, freilich ebenso große Anerkennung für die fünf Akteure auf der Bühne, die dieses Stück, das gemeinhin als das eindrucksvollste der sogenannten „Trümmerliteratur“ gilt, so intensiv und in starken Bildern zur Aufführung gebracht hatten. Vor dem Theater traf ich auf eine Gruppe Schülerinnen, die eben noch in der Studiobühne gesessen hatten. Sehr bewegt zeigten sie sich, waren aber auch ehrlich genug um zu sagen, dass es nicht leicht verständlich gewesen sei, trotz erfolgter Vorbereitung in der Schule. Ja, das Vorurteil hält sich beharrlich, dass Borchert leicht verständlich sei, nur weil die Texte seines überschaubaren Gesamtwerkes frei sind von dünkelhaftem Bildungswortschatz, fettem Fremdwortballast und die Sätze keine Saltos schlagen. Wie soll man auch – wohlgenährt, gut gekleidet, gesund – v-e-r-s-t-e-h-e-n, was Borchert uns da als junger Kriegsheimkehrer 1947 in diesem Verzweiflungstext, seinem einzigen Drama, bis heute entgegen schreit? Wie soll man sich 2019 zu diesem Beckmann (verkörpert von Felix Lydike, der bis an seine schauspielerischen Grenzen gehen muss, um die physischen und vor allem psychischen Grenzerfahrungen des Protagonisten nachempfindbar zu machen) verhalten, der, durch seine vom Krieg noch verwundete Heimatstadt Hamburg irrend, auf eine menschliche Wand aus Verdrängung, Vergessen und Verleugnung trifft? Auf diese Fragen haben die meisten Zuschauer wahrscheinlich keine Antwort, denn wir sind zum Glück weit entfernt von den Orten, an denen die Beckmanns unserer Zeit nach Hause kommen – wenn sie denn überhaupt nach Hause kommen, nach Donezk oder Damaskus etwa. Aber der Schatten dieses Hamburger Beckmanns, von Borchert im Personenverzeichnis als „Einer von denen“ und damit als einer von den vielen Kriegsheimkehrern gezeichnet, deren anonym gebliebenen Schicksalen er Stimme und Gestalt gibt, reicht aus der Vergangenheit noch immer auf unsere im Vergleich so helle und freundliche Gegenwart und zwingt uns Nachgeborene darüber nachzudenken, was wir inzwischen zu verlieren haben. Und so drängt uns dieser gewaltige, schmerzende und irritierende Text, dass wir uns auf diesen an Leib und Seele zerstörten Menschen einlassen und nachzuempfinden versuchen, was uns da schonungslos vor Augen geführt wird. Es hilft Beckmann auch nicht, dass sich ab und an der (Über-) Lebenswille in ihm regt (Borchert hat dafür die Figur des „Anderen“ entworfen, eine Art Alter Ego Beckmanns, das sich in Abständen bemerkbar macht), denn auch seine engere Familie ist zerstört: Die Eltern haben sich selbst umgebracht, sein kleiner Sohn ist im Bombenhagel gestorben, seine Frau hat einen neuen Mann. Beckmanns Unbehaustsein ist total. Marcus Staiger, Julia Vincze und Grian Duisberg sorgen in sehr unterschiedlichen Rollen dafür, dass wir Mitleid haben müssen mit diesem Beckmann, der sich an dieser Wand aus kalten Mitmenschen sein Herz noch blutiger schlägt. Zwar sind die Figuren alle irgendwie lebendig, denn sie wollen ja leben und den Krieg hinter sich lassen, aber ihr Mitgefühl ist unter den Trümmern begraben, sie denken nur an sich. Gegen diese Wand rennt Beckmann fortgesetzt an, er taumelt, stürzt, steht wieder auf, fällt erneut und hofft dabei immer, eine Tür möge sich endlich öffnen und ihm ein Nachhausekommen ermöglichen. Aber wenn sich eine Türe öffnet, dann nur aus Eigennutz. Das Mädchen will schnelle Liebe, der Kabarettdirektor eine neue lustige Nummer, Frau Kramer ihr neues Heim verteidigen. Beckmann bleibt in jedem der Fälle außen vor, bleibt Fremder in seiner Heimatstadt. Je länger das Stück dauert, desto größere Sogkraft entfaltet das Geschehen auf karg ausgestatteter Bühne (Tom Böhm), die im fahlen Licht genauso grau und trübe ist wie die Gestimmtheit des Protagonisten. Maßgeblich für die atmosphärische Dichte der Inszenierung ist auch die musikalische Untermalung, die am ersten Abend Hendrik Gläßer besorgt. So beginnt das Stück mit einem furiosen Percussion-Solo, das beklemmende Assoziationen (Artilleriefeuer, Granateinschläge, unruhiger Herzschlag, gehetzte Schritte u.a.) auslöst. Später dann werden stillere Passagen durch eine melancholische Melodie auf dem Marimbaphon akustisch ausgekleidet.
Es passt zur Werkgeschichte dieses furchtbar zu Herzen gehenden Dramas, welches Borchert übrigens bezeichnenderweise mit dem Untertitel „Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will“, dass der Autor selbst einen Tag vor der Hamburger Uraufführung (21.11.47) verstarb.
Bertram Kazmirowski

Nächste Vorstellungen 16.3. und 22.3., jeweils auf der Studiobühne in Radebeul.

„Die Diele “- eine Einstimmung auf die kommende Bauherrenpreisvergabe in diesem Jahr

Diele eines Hauses in Niederlößnitz Foto: G. Täubert;

Fragt man Einheimische oder Gäste, welche Besonderheit Radebeul so einmalig macht, hört man meist: Ja, das sind vor allem die Weinberge und die vielen Villen mit ihren großzügig angelegten Gärten, das macht Radebeul aus. Für jeden, der in den Genuss kommt, hier wohnen zu dürfen, ist das sehr angenehm zu hören und man ist auch ein bisschen stolz darauf.
Was die meisten aber nicht wissen ist, dass alle Grundstücke dieser Art nur mit „Personal“ zu halten waren. Bis in die 70er gab es hier in Radebeul noch in einigen Grundstücken einen privaten Gärtner, der für die Grundordnung im Garten sorgte und auch das frühere Dienstmädchen, die das Treppenhaus und vor allem die Diele putzte. War das nicht der Fall, hatte man als Mieter gemeinsam mit den anderen lange Gänge und vielen Stufen wöchentlich zu wischen, zu bohnern und blankzureiben. Darauf wurde Wert gelegt. Bohnerwachs kaufte man nicht in kleinen Schachteln, sondern in Eimern und in Drogerien. Der große,oft geschnitzte Dielenschrank, die Treppenaufgänge und die vielen kleinen Extras durften beim Staubwischen nicht vergessen werden. Schließlich war die Diele noch immer ein wichtiger Repräsentationsort, auch wenn der Besitzer sein Grundstück verlassen hatte.
In der Diele empfing man die Gäste. Sie war der Dreh- und Zentralpunkt des Hauses. Alle konnten alles hören und von hier führten die Wege nach unten, nach oben, nach innen und außen und in den Garten. Eine Diele betrat man nicht so einfach. Bei meinem Beispiel in der Lößnitzgrundstraße öffnete man zuerst die Gartenpforte, ging den Kiesweg hinan, erreichte über sechs Stufen die erste Haustür. Hier stand man unter Dach und der Besitzer konnte über ein kleines Fenster, Spion genannt, registrieren, wer kommt. Wenn man genehm war, durfte man die erste schwere Tür zum Vorflur öffnen, danach noch eine zweite und jetzt die Flügeltür. Sie gab den Blick zur Diele frei. Dieser erste Blick war gut inszeniert: der holzgetäfelte Raum bekam durch ein über zwei Stockwerke gehendes farbiges Glasfenster Wärme und Licht. Und abends übernahm ein großer schmiedeeiserner Leuchter die Belichtung oder Beleuchtung der Diele.
„Ach, wie schön war das früher, als auf unserer Diele noch getanzt und gefeiert wurde“, schwärmte uns „Tante Frieda“ vor. So durfte meine Tochter das einstmalige Dienstmädchen nennen, das mit dem Haus und der Familie noch eng verknüpft war. Sie, die fast zwergenhafte Frau saß früher bei den großen Festen auf der nach oben führenden Dielentreppe und sah den tanzenden Paaren zu. Sie selbst besaß früher in dem großen und mit vielen Zimmern ausgestatteten Haus nur eine winzige Kammer auf dem Boden.
Aber nach dem 2.Weltkrieg veränderten sich die Verhältnisse. Flüchtlinge und in Dresden Ausgebombte kamen. In jedem Zimmer wohnte nun eine ganze Familie. Auf der Diele stand, was in den Räumen keinen Platz mehr fand. Kalt war es außerdem, die Zentralheizung funktionierte nicht mehr, es zog ständig im Haus. Bei Starkregen mussten auf dem Dachboden Schüsseln aufgestellt werden. In anderen Radebeuler Häusern war es ebenso, bei manchen schlimmer. Aber die Nachkriegszeit ging vorbei.
Der Wille zur Erhaltung der alten Bausubstanz war gerade in dieser nachfolgenden Periode stärker, als man heute glauben will. Es es gibt abenteuerliche Geschichten. Schade, dass sie nicht aufgeschrieben werden. Manche Männer waren Baumfäller, Maurer, Klempner und Maler zugleich. Man hört ihnen heute noch gespannt zu, auch wenn sie über die Restaurierung ihrer eigene Diele sprechen, die auch heute nicht
mehr nur von einer, sondern meist von zwei Familien genutzt wird. Gemeinsamkeit und Trennung ist architektonisch gar nicht so einfach zu lösen.
Bei „Tante Frieda“ war das einfacher. Sie bekam schon vor meiner Zeit in diesem Haus ein Zimmer vom Wohnungsamt zugewiesen, ein schönes großes Zimmer, das direkt mit der Diele in Verbindung stand.

Gudrun Täubert

Editorial 03-19

EDITORIAL

Auf diesen Tag hatte ich mich schon lange gefreut: Karin Baum beendete zum 31. Januar 2019 ihre Tätigkeit als Radebeuler Stadtgaleristin und hat nun also sicherlich mehr Zeit, sich in redaktionelle Belange unseres Heftes einzubringen und die Vereinsarbeit zu gestalten. Wie oft hatte sie in der Vergangenheit zu Sitzungen gefehlt! Ob ihre Ausreden tatsächlich immer stichhaltig waren? Wer weiß. Ab sofort gilt für sie, wie für alle anderen von uns: Regelmäßige Teilnahme ist Pflicht! Vor diesem Tag hatte ich mich aber insgeheim auch ein bisschen gefürchtet, denn Karin Baum bürstet gern einmal gegen den Strich und hat erst recht keine Angst davor, eine unbequeme Minderheitenmeinung vor allem gegenüber Männern vehement zu vertreten. Legendär sind ihre Verbalduelle mit Wolfgang Zimmermann und Dieter Malschewski um die Deutungshoheit betreffs städtischer Kulturpolitik, was mir vor allem in den 1990ern Jahren Anschauungsunterricht in lokalpolitisch motivierter Streitkultur gab. Dieter Malschewski sprach bei solchen Gelegenheiten immer nur von „der Galeristin“, wobei in dieser Zuschreibung stets auch Hochachtung mitschwang. Inzwischen hat sich Karin Baum familiären Rückhalt in die Redaktion geholt und einen inspirierenden Mit-Streiter an ihrer Seite. Worauf dürfen wir als Redaktion nun hoffen, wovor sollten wir uns besser hüten? Hüten werde ich mich z.B. davor, Karin Baum auf ihre Hüte bzw. allgemein ihre Kopfbedeckungen anzusprechen. Wer sie kennt, weiß, was ich meine. Andererseits bin ich persönlich voller Hoffnung, dass meine geschätzte Redaktionskollegin ab und an journalistische Pfeile zielgenau abschießen wird, um Sie, liebe Leserschaft, knapp 30 Jahre nach der politischen Wende immer wieder daran zu erinnern, welch hohes Gut Meinungs- und Pressefreiheit sind und wie unsere Demokratie auch davon lebt, dass unbequeme Wahrheiten ausgesprochen werden. Karin, jetzt bist du dran!

Bertram Kazmirowski

Aus einer Rede von Thomas Gerlach

zur Schlüsselübergabezeremonie am 31.1.2019 in der Stadtgalerie Radebeul

„Überhaupt: Abschied: das Wort klingt auf ganz unangenehme Weise nach Bahnhof, obwohl es hier in West gar keinen Bahnhof mehr gibt, sondern nur einen gesichtslosen Haltepunkt, der offenbar durch Benennung nach einem alten Dorf und den Hinweis auf ein Erlebnisweingut aufgewertet werden soll.
Unter Deiner Obhut, Karin, erlebte der alte Bahnhof einen letzten Höhepunkt: die Empfangshalle und der im Volksmund Harnröhre genannte Tunnel nach Norden waren mit Bildern und Sprüchen von Johanna Mittag und Ju Sobing auf einzigartige Weise attraktiviert worden und Micha Schulz ließ zur Eröffnung auf der Treppe zum damaligen Bahnsteig 1 sein Saxophon erklingen. Die Fahrgäste der Bahn staunten. Heute staunen sie nur noch, dass das schöne alte Haus überhaupt noch steht. Spekulationsobjekte können offensichtlich gar nicht verwahrlost genug sein, um als attraktiv zu gelten. Nun, da schon bald gar nichts mehr zu retten ist, ist sogar der Stadtrat bereit, die Reste zu erwerben. …

Apropos zusammen: Wir beide haben mal im Zuge der Vorbereitung eines Sommerprojektes – ich glaube, es war Alles unterm Nichts – zusammen eine Flasche Whisky ausgetrunken. Ich weiß nicht, ob Du Dich noch an den anderen Morgen erinnerst – mir gings gut, und die Ausstellung wurde ein Erfolg.

Ich habe nicht mitgeschrieben. Folglich ist mir entgangen, wie viele Ausstellungen seit 1984 unter Deinen Fittichen über die Bühne gegangen sind. Alte Fotos zeigen jedenfalls, wie hoffnungslos jung wir mal waren. Ich habe ja nie zu hoffen gewagt, mal als alter Mann zu enden. Du bist da besser dran, Du kannst nie einer werden.

Obwohl Du hin und wieder Wert darauf legst, als Fleischerstochter wahrgenommen zu werden, hast Du es wunderbar verstanden, die moderne Kunst dem – sagen wir – speziellen Radebeuler Publikum ganz vorsichtig nahe zu bringen.
Einmal wurden im Stadtrat Stimmen laut, für die Einladung richtiger, internationaler Künstler auch mal richtig viel Geld locker machen zu wollen. Erstaunt blickten wir uns an: Offenbar weiß in Radebeul trotz Galerie nicht mal der Stadtrat, in welchem Maße Radebeuler Künstler in der Welt der Kunst unterwegs sind. (Es bleibt also viel zu tun für Deine Nachfolger.) Und natürlich fragten wir uns, was die Damen und Herren denn für einen Beuysschen Fettnapf oder einen Kopfstand von Baselitz ausgespuckt hätten…
Apropos hätte: hätte das Rathaus mehr Bedeutung, könnten wir vielleicht Christo gewinnen, es einzupacken …

Die Stunde des Abschieds ist die Stunde des Dankes.
Das klingt schon wieder nach Bahnhof und kleinkarierten Taschentüchern, aber da müssen wir jetzt durch.
Sei also herzlich bedankt, für ein halbes Leben, das immer ein Ganzes war!“

Sascha Graedtke und Bertram Kazmirowski
von der Redaktion »Vorschau & Rückblick« Foto: S. Preißler

Festredner Thomas Gerlach Foto: S. Preißler

 

 

Stadtgaleristin Karin Baum neben dem Abschiedsbild ihrer Kollegen von Gerald Risch Foto: S. Preißler

Der symbolische Akt Foto: S. Preißler

Das neue Galerie-Team mit Alexander Lange und Ingrid May Foto: S. Preißler

Akkordeonspieler Gabriel Jaginiak Foto: S. Preißler

Mit Thomas Rosenlöcher poetisch durch das Jahr

Reden ans Volk

Von Neujahrsempfängen und andern Ereignissen

Bei der heutigen Fülle von Nachrichten, die täglich in den Gazetten und modernen Medien verbreitet werden, haben es die Politiker nicht leicht, sich Gehör zu verschaffen. Verständlich wird da jede Gelegenheit genutzt, eine Botschaft abzusetzen. Besonders Fest- und Feiertage sind willkommene Anlässe, Reden an das Volk zu halten, ob es sie hören will oder nicht. Angela Merkels Rede zum Jahreswechsel zum Beispiel hat mir diesmal Ausnahmsweise gut gefallen, hatte sie doch die Last des „Wie-weiter?“ ganz pragmatisch an eine Jüngere übergeben können. Manch andere haben da nicht so viel Glück. Sie müssen noch einige Jahre weiter wursteln.

Sehr beliebt sind auch Grüße zum Jahresende sowie die sogenannten Neujahrsempfänge. Letztere freilich sind mit einer gewissen Vorsicht zu genießen, denn meist werden deren Gäste durch eine persönliche Einladung zur Teilnahme gebeten. Ablehnen will da reiflich bedacht sein.

Nun mag sich mancher bisher nicht Bedachte nach einer derartigen Aufmerksamkeit für seine Person sehnen oder auch glauben, dass er sie eigentlich verdient hätte. Aber mit dem Verdienst ist das so eine Sache. Wer bekommt heutzutage schon das was er verdient hat? Meine Mutter schimpfte häufig: „Junge, verdient hast Du eine Tracht Prügel!“ Bekommen aber habe ich sie nie. Auch sind vermutlich die Vorstellungen über eine solche Veranstaltung bei den meisten Bürgern eher vage. Zugegeben, Neujahrsempfang ist nicht gleich Neujahrsempfang. Da mag es gewaltige Unterschiede geben. Die einen wählen ihre Gäste persönlich aus, da man hat das Gefühl „vom Hofe geladen zu sein“. Andere wiederum fordern die gesamte Stadtgesellschaft zum Kommen auf, obwohl der größte Saal des Ortes nur über 750 Plätze verfügt. Wieder andere laden zum Beispiel 200 ehrenamtlich tätige Bürger ein und bewirten sie mit Speis und Trank sowie Kultur.

Blöderweise kann man sich in der Regel nicht aussuchen, von wem und wohin man für einen derartigen Empfang eingeladen wird. Nie weiß man deshalb genau, ob man sich nicht lieber vorher zu Hause noch eine Stulle schmieren sollte, weil die wenigen Fingerfoods, von denen man ohnehin nicht satt wird, erst drei Stunden nach Veranstaltungsbeginn den Gästen gereicht werden.

Eins haben aber all die Neujahresempfänge gemeinsam: Die Kultur – oder das was mancher dafür hält – und die Reden kommen vor dem Fressen. Allein das ist suspekt. Nein, nicht die Reihenfolge, vielmehr der Inhalt der Reden. Die einen sprechen vom „Optimismus“, der alle Bürger im neuen Jahr begleiten soll und motivieren ihre Gäste für die künftigen Aufgaben mit dem Auftritt einer gefragten Künstlerin, die bereits alle „Kleinkunstbühnen Deutschlands“ kennt. Oder umgekehrt? Ist auch egal… Beschwingt und vielleicht sogar beschwipst, auf alle Fälle frohen Mutes tritt man dann den Heimweg an. Die andere „drohen“ mit gewaltigen Herausforderungen und teuren Investvorhaben. Die dabei abgelassenen Moralpredigten gibt es gratis oben drauf. Und wenn man dann in langer Schlange vor dem Tresen nach einem alkoholfreien Bier ansteht und in allen Taschen nach Kleingeld sucht, ist die anfänglich gute Laune schließlich endgültig im Keller.

Was dann manchmal nach diesen Reden als sogenannter Kunstgenuss geboten wird, will ich hier gar nicht erst groß erörtern. Da ist es mir schon passiert, dass einem bei einen Neujahrsempfang Gesangsstücke aus „Dem weißen Rössl“ untergejubelt wurden, von dem mancher Kritiker glaubt, dass derartige Unterhaltung generell nicht mehr auf eine Theaterbühne gehört.

Ja, wer auf sich hält, gibt heutzutage einen Neujahrsempfang. Eigeninitiative ist gefragt. Riskant wird es nur, wenn die dafür benötigten „begnadeten“ Künstlerinnen nicht reichen… Da lassen ich mich doch lieber wieder einladen und kann mich wenigsten hinterher darüber so richtig aufregen.

Motzi

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