„Ein gewisses kleines Präriehuhn!“ 

Das Westernmusical „Annie Get Your Gun“ hatte an den Landesbühnen Sachsen Premiere

Dass ein Musical statt auf nur einen Song gleich auf mehrere echte Ohrwürmer verweisen kann, ist wohl eher die Ausnahme in diesem Genre. Auf dieser positiven Seite würde man natürlich Musicals wie „My Fair Lady“, „Cats“ oder „Evita“ finden.  Bei Irving Berlins Musik zum Westernmusical „Annie Get Your Gun“ hält sich der musikalische Aha-Effekt zwar in überschaubaren Grenzen. Dennoch trällert nicht nur der kundige Besucher im Geiste mit, wenn im Duett Annie Oakley/Frank Butler der Ohrwurm „Alles was Du kannst, das kann ich viel besser“ erklingt. Oder summt leise mit, wenn Annie mit dem Song “Doch am Schießeisen beißt keiner an“ die sehr einseitige Sicht der Männer auf die Weiblichkeit beklagt. Allein unter diesen Aspekten betrachtet, ist „Annie Get Your Gun“ nur ein Musical unter vielen. Das aber sieht etwas anders aus, wenn diese abenteuerliche Liebesgeschichte in einer Neuinszenierung an den Landesbühnen Sachsen bzw. in Radebeul ihre Premiere erlebt. Hier ist man im speziellen Fall stets gut beraten, wenn auch lokales Kolorit in die Inszenierung einfließt.

»Annie get your gun« – mit Michael König, Susanne Engelhardt und den Damen und Herren des Chores

»Annie get your gun« – mit Michael König, Susanne Engelhardt und den Damen und Herren des Chores

Will sagen, wenn man aus dem Stoff selbst Rückschlüsse auf bedeutende lokale Persönlichkeiten ziehen kann. Gemeint sind damit bspw. ein Karl May oder auch ein Hans Stosch Sarrassani. Ersterer hat den Wilden Westen ausgiebig beschrieben ohne ihn je life gesehen zu haben, der Zweite hat als einer der ersten u. a. originale Indianer über das „große Wasser“ nach Europa geholt und sie hier in seinen Shows auftreten lassen.  Landesbühnen Sachsen Intendant Manuel Schöbel, der „Annie Get Your Gun“ als erstes Stück seines Hauses im neuen Jahr 2014 selbst inszenierte, fügt der temporeichen Handlung zudem noch allerhand anderes lokales Kolorit bei. So lässt  er z.B. beim Empfang der Protagonisten von „The Best Show On Earth“ auch Mister und Missis Müller aus Zitzschewig  aufrufen. Schöbel scheut sich ebenso nicht, dem Text zusätzlich ein paar sehr bekannte Filmzitate beizumischen. Dazu gehören bspw. Sätze wie die im Filmhit „Casablanca“ geäußerten  Aufforderungen „Schau mir in die Augen, Kleines!“ und  „Spiel’s noch mal, Sam!“, die längst schon der Kategorie „geflügelte Worte“ angehören.  Unter diesen bzw. inklusive dieser Aspekte nun scheint der Stoff der ersten Premiere der Theater GmbH „Landesbühnen Sachsen“ im neuen Jahr 2014 durchaus eine gute Wahl gewesen zu sein. Zumal das Buch von Herbert und Dorothy Fields sich an tatsächlichen Ereignissen orientiert. Doch nicht nur deshalb ist das Ensemble mit einer spürbaren Spielfreude bei der Sache, die Akteure vertiefen durch ihr engagiertes Spiel noch zusätzlich die zahllosen Turbulenzen dieser wahrhaften Geschichte.
Die Handlung ist relativ schnell erzählt. Die junge Annie Oakley (Susanne Engelhardt) ist mit ihren Geschwistern auf der Suche nach dem Schießkünstler Frank Butler (Michael König). Als sie fündig wird, fordert siel ihn zu einem Wettstreit  heraus, den er in reichlich überheblicher Manier annimmt. Denn für ihn ist Annie eh nicht mehr als ein „gewisses kleines Präriehuhn“. Doch Annie gewinnt das Schießen und Franks Superman – Image bekommt erste Risse. Natürlich verlieben sich beide dennoch ineinander, ohne es aber dem jeweils anderen gegenüber zugeben zu wollen. Annie macht Karriere und geht als Schießkünstlerin mit auf Europatournee. Mit ihr landen auch die ersten nordamerikanischen Indianer in der alten Welt. Auch mit dieser Geschichte bleibt der Autor ganz dicht dran an tatsächlichen historischen  Ereignissen. Wenn man sich auch hie und da gewünscht hätte, dass der Pfefferstreuer intensiver geschüttelt worden wäre. Denn sowohl die verbalen wie auch musikalischen Streitigkeiten zwischen Annie und Frank wirken mitunter weniger emotional als vielmehr allzu einstudiert.  Dieses Manko  kann leider auch die opulente Ausstattung (Tilo Staudte) nicht wettmachen.  Obwohl man sich ganz am Rande im Text gar einen leisen Seitenhieb auf die Macht der Künstlersozialkasse leistet, den die aber wohl geflissentlich überhören wird.
„The Best Show On Earth“ geht zu Ende mit dem gesungenen und getanzten Optimismus, der suggeriert, dass man ja trotz aller Widrigkeiten immer noch „…die goldene Sonne und den Silbermond“ besitze.

Wolfgang Zimmermann

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