Meeting mit den Kindern der Nacht

Viel Beifall zur Premiere von „Dracula – Das Musical“ an den Landesbühnen Sachsen

An welchem Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte mag es wohl gewesen sein, als der Gedanke des ewigen Lebens bzw. des Untotseins entstand. Sicher dann, als der menschliche Verstand begriff, das Leben ein rein biologischer Vorgang ist und die Vergänglichkeit nicht nur für Pflanzen und Tiere, sondern ebenso auch für das Menschengeschlecht Gültigkeit hat. Der Mensch aber als einzig existierendes vernunftbegabtes Wesen wollte dieses absolute Ende so nicht hinnehmen. Und so bastelte er sich folgerichtig die Legende eines über den Tod hinaus Existierens menschlicher Substanz zusammen. Zum Glück, denn ohne diese Überlegungen gäbe es heutzutage weder die bleiche und dürre Gestalt des Nosferatu (oder auch Dracula genannt) und auch nicht die ganz aktuelle und erfolgreiche Filmserie, die sich des Vampirismus unter Jugendlichen widmet.

Unerreicht aber bleibt bis heute die Wirkung von Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilm auf die menschliche Psyche; unter dem Titel „Nosferatu“ im Jahre 1922 entstanden. Jene rational nüchterne schwarz-weiße Filmästhetik, die Bram Stokers in den späten Jahren des 19. Jahrhunderts entstandene literarische Vorlage kongenial umsetzte. Max Schrecks (was für ein treffender Name für den Hauptdarsteller eines frühen Horrorfilms) Darstellung des blutsaugenden transsylvanischen Grafen konnte bis heute niemals getoppt werden.

Vor wenigen Jahren nun kam der Nosferatu-Stoff als Musical erneut zur Welt. Mit einer Musik von Frank Wildhorn und einem Textbuch von Don Black und Christopher Hampton. Am 18. November 2011 fand die deutsche Erstaufführung von „Dracula – Das Musical“ in Trier statt. Und nur einen halben Monat später trieb jener Graf Dracula in der Neustadthalle im sächsischen Neustadt erneut sein Unwesen. – In einer Neuinszenierung der Landesbühnen Sachsen in der Regie von Horst O. Kupich.

Am 8. Dezember 2011 nun folgte im Radebeuler Stammhaus der Landesbühnen Sachsen die Premiere des Musicals. Die „Kinder der Nacht“ verlegten ihr blutiges Meeting somit von Neustadt in die Lößnitzstadt.

Das hiesige Publikum durfte eine nicht nur in ästhetischer Hinsicht überzeugende Aufführung erleben, denn in diesem „Dracula“ stimmte einfach alles. Angefangen bei einer schlüssig erzählten Geschichte (soweit man das einer Legende überhaupt nachsagen darf), über ein bestens motiviertes bzw. eingestimmtes Orchester (die musikalische Leitung hatte Hans-Peter Preu), einen stimmgewaltigen Chor (Leitung: Sebastian Matthias Fischer) großartige Solisten und nicht zuletzt ein sehr variables und den Gänsehauteffekt untermalendes Bühnenbild, wie auch die zeitlich im ausklingenden 19. Jahrhundert angesiedelten Kostüme (Ausstattung: Stefan Wiel). Neben dem Chor und den Solisten waren Mitglieder des hauseigenen Balletts nicht nur optisch, sondern auch sehr kreativ und damit ausgesprochen wirkungsvoll in die Story integriert worden (Choreographie: Bärbel Stenzenberger). Sie fühlten sich besonders effektvoll in ihre Rollen als Gargoyles – den Werwölfen verwandte Geschöpfe – ein und wurden somit zu unverzichtbaren Begleiterscheinungen des blutsaugenden Grafen.

Dracula – Das Musical, Landesbühnen Sachsen, Christian Venzke als Graf Dracula

Christian Venzke sang und spielte als Gast den Dracula als einen letztendlich verzweifelten Verliebten, der um seine blutsaugerische Lust zwar weiß, ihr aber hoffnungslos ausgeliefert ist. Venzke wirkt nicht nur in seiner dämonischen Erscheinung absolut passend, er erweist sich auch als der große Stratege im Kampf um den menschlichen Lebenssaft, den er sich zuerst von den Frauen holt. So wird folgerichtig die liebliche Lucy Westenraa (Judith Hoffmann) zu einem seiner Opfer. Danach soll es Mina Murray (Hannah Schlott) sein, die sich ihm am Ende aber – im Sinne der Erlösung des Grafen selbst – freiwillig hingibt. Bemerkenswert ist auch die Rolle des Dracula Dieners Renfield; der zwar als ein angeblich dem Irrsinn Verfallener in die Irrenanstalt eingeliefert wurde, aber von dort aus alle Fäden knüpft, damit der Graf „sein Herr“ auch in London an sein überlebensnotwendiges Blut kommt. Die Rolle des Renfield war ursprünglich mit Andreas Petzoldt besetzt, für ihn sprang als Gast Thomas Kuhnen ein. Ende gut – alles gut! Oder, wenn die Vampire gepfählt sind, kann die Menschheit wieder ruhig schlafen? Dass dem nicht so ist, dafür garantiert nicht zuletzt der Landesbühnen-Spielplan der nächsten Zeit.

„Dracula“ kann man im Radebeuler Stammhaus der Landesbühnen Sachsen wieder erleben: am 18. Januar, 29. März und 18. April 2012 – jeweils um 19.30 Uhr.

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