Artists in Residence

Die Landesbühnen Sachsen startet das Vorhaben „eLBe – Über(n)flussgesellschaft“

Manuel Schöbel sitzt seit nunmehr einem guten halben Jahr auf dem Sessel des Intendanten der Landesbühnen Sachsen in Radebeul. Wobei „sitzt“ eigentlich nicht zutrifft, denn der Workaholic Schöbel wartet seit seinem Amtsantritt fast an jedem Tag mit einer neuen Idee auf. Neuester Clou ist eine projektbezogene Förderung aus dem Topf der Bundeskulturstiftung. Sie stellt nämlich dem Radebeuler Theater für die rund zweieinhalbjährige Dauer eines Projektes insgesamt den beachtlichen Betrag von 150 000€ zur Verfügung.

Gefördert werden soll damit ein Projekt, dem der wenig griffige Titel „eLBe – Über(n)flussgesellschaft“ aufgedrückt wurde. Das Wortungetüm spricht sich zwar schlecht und klingt auch ansonsten eher holperig als charmant. Dennoch sollte man nicht schon kritisieren, wenn noch gar nichts geschehen ist. Und nach einem ersten Gespräch mit den Machern beginnt sich glücklicherweise der Nebel auch schon bald zu lichten. Denn die japanische Tänzerin und Choreographin Yoshiko Waki und der Regisseur und Komponist Rolf Baumgart – beide sind als Duo „Bodytalk“ in Köln zu Hause – haben schon ganz konkrete Vorstellungen von dem, was sie in den kommenden Monaten im sächsischen Elbland erreichen möchten. Und beide bringen diesbezüglich allerhand praktische Erfahrungen mit nach Sachsen.

Doch um was geht es? Die Elbe als der durch ganz Sachsen fließende Strom soll von Bad Schandau bis Torgau in Etappen bespielt werden. Den natürlichen Flussverlauf der Elbe möchte man als theatralen Handlungsspielraum etablieren. Und ausnahmsweise soll diesmal nicht die berühmte sächsische Kulturmetropole Dresden die Hauptrolle spielen, sondern die Landschaften um Pirna, Meißen, Riesa und Torgau. Schritte, Töne, Klänge und Worte sollen in diesen Landschaften als verbindende Medien wirksam werden.

Da wird die Historie befragt werden, z.B. in Torgau das von Russen und Amerikanern im Jahre 1945 symbolisch auf der Elbbrücke verkündete Ende des Krieges. Oder auch die angemessenen Reaktionen angesichts der neuen braunen Gefahr in ländlichen Gegenden wie Riesa, Gröditz und im Touristengebiet Sächsische Schweiz. Tanztheateraufführungen, Schauspiele und auch Konzerte sollen entlang der Elbe stattfinden und gegen die mitunter sehr verbreitete Tristesse antreten.

Rolf Baumgart und Yoshiko Waki

In Pirna wird es 2012/13 den Auftakt geben. Dort startet man mit einem Projekt, für das der erfolgreiche dänische Film „Adams Äpfel“ Pate stehen wird. Der Film beschreibt ein ungewöhnliches Resozialisierungsprojekt für entlassene Zuchthäusler. Doch die Filmidee soll lediglich als Metapher dienen. Denn die Organisatoren hoffen bspw., dass sich genügend Sponsoren finden werden, die u.a. Apfelbäume spenden, die dann im Elbtal um Pirna gepflanzt werden sollen. Doch nicht die Vertreibung aus – sondern vielmehr eine „Vertreibung ins Paradies“ soll das Ergebnis sein. Sprich, die schon in jenem landschaftlichen Paradies mit dem Namen „Sächsische Schweiz“ lebenden Menschen sollen begreifen, wie wertvoll ihre heimische Umgebung für ein intaktes Miteinander sein kann.

Yoshiko Waki und Rolf Baumgart können schon auf durchaus vergleichbare und viel beachtete Aktionen verweisen. So haben sie vor wenigen Monaten erst in Köln mit dem beziehungsvollen Wortspiel „Kölnstantinopel“ für Aufsehen gesorgt. Dabei ging es um den Bau einer Moschee in Köln, der gleichsam jede Menge Befürworter als auch Gegner auf den Plan gerufen hatte. Unter mangelndem Aufsehen wird das Projekt „eLBe – Über(n)flussgesellschaft“ ganz sicher nicht leiden. Schließlich geht es dabei um nicht mehr und nicht weniger als eine Identität stiftende Unternehmung. Und wer sich auf die beiden Kölner Artists und ihre Ideen einlässt, der kann eigentlich am Ende nur gewinnen. Doch vor dem Erfolg wird noch allerhand Schweiß in die Elbe fließen, denn zunächst müssen die Bewohner des Elblandes zwischen Bad Schandau und Torgau vom Mittun überzeugt werden.

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