Kasperquatsch in Radekötzsch

25. Radebeuler Kasperiade am 8. Juli in Altkötzschenbroda

Endlich ist es wieder soweit. Fröhliche Kinderstimmen mischen sich mit Drehorgelklängen. Erwartungsfrohe Menschen scharen sich um ein leeres Bühnenpodest auf dem Dorfanger von Altkötzschenbroda. Fotoapparate und Kameras werden in Position gebracht. Dann – pünktlich um viertel vor elf – öffnet sich das Hoftor der „Kulturschmiede“ und heraus quillt ein buntes Völkchen, welches vom Festivalkasper aufs Podest gerufen und dem interessierten Publikum vorgestellt wird. Kaum ist die Musik des Jubiläumstanzes verklungen, werden die Höfe der Stadtgalerie, des Familienzentrums und des Kinderhauses gestürmt, wo die Akteure acht Stunden non stop ihr Können präsentieren.

Der Name „Kasperiade“ ist Programm. Denn der Kasper mit seinem Holzkopf und der Zipfelmütze – ähnlich einer Narrenkappe – ist ein schelmischer Überlebenskünstler, dem bisher weder System- noch Ortswechsel die Laune verderben konnten.

Die Prinzessin auf der Erbse (flunker produktion)

Auch die Geschichte der Radebeuler Kasperiade war recht wechselvoll. Gestartet wurde am 24. Mai 1987 auf dem Boulevard in Radebeul Ost zwischen Kaufhaus und Kinderbibliothek. Eingeladen hatte das damalige Kreiskabinett für Kulturarbeit, Initiatorin war Sabine Brendel. Erhalten geblieben sind von dieser Veranstaltung nur wenige Fotografien. Wer sie sich anschaut, spürt die Begeisterung der zahlreichen Zuschauer für das Metier des Puppenspiels. Wenngleich das große und kleine Publikum der Kasperiade bis heute in Treue verbunden ist, war der Kasper selbst doch ein recht umtriebiger Bursche. In Radebeul Ost hielt es ihn nicht allzu lange. Bereits die dritte Kasperiade fand im „Hohenhaus“ statt, dem damaligen Domizil der Puppentheatersammlung. Das alte geheimnisumwobene Gebäude mit dem Gründerzeitmobilar und den Exponaten der Puppentheatersammlung inmitten einer wildromantischen Parkanlage trugen zur unvergesslichen Atmosphäre von 14 Kasperiaden bei. Anlässlich der 15. Kasperiade im Jahr 2002 wünschten sich die Organisatoren noch weitere 15 bis fünfzehnhundert Kasperiaden. Doch wie das mit den Wünschen so ist, gehen nicht alle in Erfüllung. Es sollte nur noch eine Veranstaltung folgen und danach war vorerst Schluss. Für die Mitarbeiter des Museums hieß es Kisten und Koffer packen. Und mit dem Wegzug der Puppentheatersammlung von Radebeul nach Dresden in die Garnisonkirche war auch die Zukunft der Kasperiade in Frage gestellt.

…wandelnd zwischen den Bühnen (ANASAGES)

Als dann die Puppentheatersammlung am 31. August 2003 zum allerletzten Mal ihre Pforten öffnete, hatten sich sehr viele Puppentheaterfreunde eingefunden, um wehmütig Abschied zu nehmen von der Sammlung, vom Haus, vom Park und vom Puppenspiel. Doch bereits an diesem Tag fassten einige Enthusiasten den Entschluss: Die Radebeuler Kasperiade darf nicht sterben! Man wollte das Figurentheater – auch im Gedenken an den verdienstvollen Radebeuler Puppenspieler Carl Schröder (1904-1997) – in all seinen Facetten in der Lößnitzstadt lebendig halten und weiterhin für breite Bevölkerungskreise erschließen. Nach einjähriger Pause fand die Kasperiade im Jahr 2004 eine Neuauflage und konnte im Verbund von Kulturamt, Landesamateurtheaterverband Sachsen, Stadtgalerie, Familienzentrum und Evangelischem Kinderhaus bis heute erfolgreich fortgeführt werden. Während dieser Zeit sind 57 Theatergruppen aus ganz Deutschland der Einladung nach Altkötzschenbroda gefolgt.

Zur Jubiläumskasperiade stehen noch einmal viele alte Bekannte auf dem Programm. Vierzehn Theater aus Berlin, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zeigen auf sieben Bühnen 36 Vorstellungen. Erzählt werden Märchen und Geschichten, so wie sie im und nicht im Buche stehen. Mit den Puppenspielern angereist ist natürlich der Kasper als Hauptperson und in seinem Gefolge befinden sich Däumelinchen, Jungteufel Melipuxulus, Zwerg Nase, die Prinzessin auf der Erbse, der kleine Maulwurf, das pfeifende Seepferdchen, das tapfere Schneiderlein, die Regentrude, der standhafte Zinnsoldat, der Wolf und die sieben Geißlein. Sie präsentieren sich als Marionette, Flachfigur, Hand-, Stab- oder Mimikpuppe. Zusätzliche Inspiration bieten spontane Performanceaktionen mit Masken, Gesten und Musik. Gespielt wird im Keller, unterm Dach, im Zelt, auf dem Hof oder im Schuppen. Möglich ist auch ein Blick hinter die Kulissen von Schattentheater, Guckkasten- oder Marionettenbühne. Extra fürs Jubiläum wurde von Jan Mixsa ein neues Stück geschrieben. Mit der Uraufführung des Dramas „Kasperquatsch in Radekötzsch“ will er der Kasperiade ein Denkmal setzen.

Umsorgt werden die Besucher von über fünfzig ehrenamtlichen Helfern. Liegewiese, Wickelraum, Sandkasten, Klettergerüst und Bastelstube stehen den Kleinsten zur Verfügung. Wer möchte, kann sich Schminken lassen oder auch selbst mal ein kurzes Puppentheaterstück in der Mitmachbühne zur Aufführung bringen. An das leibliche Wohl ist ebenfalls gedacht. Auf dem Speiseplan stehen Gerichte wie Teufelswurst, Kasperrolle und Feuersud. Eine Ausstellung erinnert an die fünfundzwanzigjährige Geschichte der Kasperiade. Auch die schönsten Schnappschüsse der letzten Jahre sowie alle neun Kasperiade-Plakate, welche die Radebeuler Malerin und Grafikerin Bärbel Kuntsche gestaltet hat, werden noch einmal zu sehen sein. Speziell für Sammler erscheint ein limitiertes Kasperiade-Kasper-Jubiläumsposter.

Ja, und zu guter Letzt sei noch einmal all jenen herzlich gedankt, die bis 2012 zum Gelingen der traditionsträchtigen Veranstaltung beigetragen haben. Die 25. Kasperiade bildet den Abschluss einer neunjährigen Periode dieses beliebten Puppenspielfestivals in Altkötzschenbroda. Danach kehrt sie an jenen Ort zurück, wo sie einst im Jahr 1987 startete. Sie wandert also von Radebeul West nach Ost und die Puppen tanzen dann im und um den neu eröffneten Kulturbahnhof.

Karin Gerhardt

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