Diesen Schatz gilt es zu bewahren

10 Jahre: Dialog im Boot

Die Elbe hat nach dem Regen Mitte Juni wieder etwas zugelegt. Am Laubegaster Ufer watscheln Graugänse in aller Gemütsruhe über das Granitpflaster. Obwohl eigentlich Wildtiere, sind sie ungewöhnlich zutraulich an Menschen gewöhnt.

Da legt das große, graue Schlauchboot an, acht Paddler steigen aus und begrüßen die Personen, die hier noch zusteigen wollen, um sich an der Debatte um die Zukunft der Elbe zu beteiligen: Journalisten, Politiker, Wissenschaftler – zu der jährlichen Veranstaltung „Dialog im Boot“. Eingeladen hatte wieder der BUND, genauer gesagt die Initiatoren des Elbeprojekts beim BUND Dr. Ernst-Paul Dörfler und Iris Brunar, beide aus Dessau-Roßlau, beide große Kämpfer für den Erhalt der Elbe als naturnahem Fluss.

Dialog im Boot

Dass die Elbe so ruhig und beschaulich dahinfließt, ist nämlich nicht selbstverständlich. Seit zwanzig Jahren wird darüber diskutiert, die Elbe schiffbar zu machen, sie zu vertiefen, sie als Bundeswasserstraße transportfähig zu machen. Bisher ohne Erfolg. „Darauf können wir uns nicht ausruhen“, mahnt Ernst-Paul Dörfler, „die tschechische Regierung plant immer noch eine Staustufe in D??ín, und wenn die gebaut wird, ist der weitere Ausbau nur noch eine Frage der Zeit“. Unverständlich ist für ihn, dass der Ministerpräsident seines Landes (Sachsen-Anhalt) diesen Plänen vor kurzem zugestimmt hat. Der 62-Jährige Dörfler ist ein großer Naturliebhaber, er hat in der Elbe schwimmen gelernt, er liebt die Auenwälder, die Sandstrände, kennt alle Vogelarten, die von und an der Elbe leben und hat auch mehrere Bücher dazu veröffentlicht (s. Kasten). Seine „Gegner“ sind die Verwalter der Bundeswasserstraßen (WSV) und die Binnenschiffer, auch in Dresden.

Sobald die Elbe ausgebaggert ist und eine Wassertiefe von 1,60 m hat, können Transportschiffe durchgängig darauf fahren. So deren Argumentation und Ziel. Aber: die Elbe hat oft Niedrigwasser – an durchschnittlich 120 Tagen im Jahr auf dem Abschnitt zwischen Schöna und Dresden, ein Erfahrungswert der letzten 15 Jahre!

„Und wenn der Elbe das Wasser fehlt, dann fehlt es auf ihrer gesamten Länge. Weder eine Staustufe in Tschechien noch Baggerarbeiten auf dem deutschen Abschnitt können daran etwas ändern“, ergänzt Iris Brunar. Beide „Elbekämpfer“ reden ruhig und nicht aggressiv, aber intensiv. Ihnen ist anzumerken, dass sie es ernst meinen mit ihrem Ziel, die Elbe zu erhalten.

Derweil lässt ein junges Mädchen, Tochter einer Reporterin der Dresdner Morgenpost, ihre Hand durch das klare Wasser gleiten und staunt, dass es gar nicht kalt ist, während einige Erwachsene gelegentlich zu den Paddeln greifen, um das Schlauchboot wieder etwas mehr in die Mitte des Flusses zu dirigieren. Vorwärts kommt das Boot auch ohne Hilfe. Es ist total ruhig hier in der Mitte, ein laues Lüftchen weht, wahrscheinlich etwas stärker als am Ufer, recht angenehm bei der Hitze.

Graugänse am Laubegaster Ufer

Normalerweise betrachtet man die Elbe ja nur vom Ufer aus – die wenigsten fahren mal bewusst auf ihr, und wenn, dann auf einem Schaufelraddampfer, also mit Motorantrieb und nicht so ruhig und lautlos wie wir. Es ist mehr ein Gleiten, harmonisch, die Sinne beruhigend. Wäre da nicht das brennende Thema: Elbe durch Ausbau in Gefahr!

Das Güteraufkommen auf der Elbe ist seit 15 Jahren fast stetig zurückgegangen. Wurden 1997 noch 1,45 Mio. Tonnen Güter transportiert, gingen diese Mengen bis zum Jahr 2004 zurück auf nur noch 0,65 Mio. Tonnen und blieben auch die Folgejahre unter der 1-Millionen-Grenze (Quelle: Bundesamt für Statistik) oder kurz: der Güterverkehr hat sich halbiert. Der ist – bundesweit gesehen – ohnehin unbedeutend. Zum Vergleich: Auf dem Rhein werden 80% der Binnenschiffs-tonnagen transportiert, auf der Elbe sind es nur 0,5 Prozent. Kohle wird schon lange nicht mehr verfrachtet, sondern Schüttgut, Holz, Schrott und Düngemittel.

Damit die Transportmengen wieder ansteigen können, soll die Elbe nicht nur tiefer, sondern auch enger und damit schneller gemacht werden, aber das geschieht zögerlich und halbherzig. Die Pläne und Maßnahmen haben schon viel Geld verschlungen – mehrere hundert Millionen Euro. Dennoch kann man immer wieder sehen, wie an den Ufern Steine abgekippt werden.

„Seit ich in der Elbe schwimme, nehme ich sie immer intensiver wahr“, sagt Reinhard Günzel vom BUND aus Lüneburg. „Ich muss zusehen, wie ihre Ufer nach und nach versteint werden.“ Die Begründung dazu, dass die Elbe als ganzjährig befahrbare Wasserstraße hergerichtet werden soll, ist für ihn nicht nachvollziehbar. Er hat festgestellt: je mehr gebaut wurde, desto weniger wurde transportiert.

Leiter des Elbeprojekts Ernst-Paul Dörfler

Die Gleichgesinnten im Schlauchboot freuen sich über den geringen Schiffsverkehr – so haben sie auch heute Gelegenheit, Tier- und Pflanzenwelt in Ruhe zu erleben. „Die Elbe ist nicht nur ein Sammelfluss für kaltes Wasser, das von den Bergen und Hügeln herunterkommt, sondern ein vielfältiger Lebensraum“, sagt Dörfler und verweist auf eine Nebelkrähe, die gerade am Ufer ein Vollbad nimmt. Kaum kommt ein Motorboot vorbei und schlägt Wellen bis ans Ufer, fliegt sie auf. „Inseln sind ganz wichtig für Vögel“, erklärt Dörfler, „einige Vogelarten brauchen Inseln, um zu brüten – so wie die Seeschwalbe.“ Er verweist auf die Loire in Frankreich, die für die Elbe Vorbild sein könnte: „weitgehend naturbelassen, viele Inseln, dort investiert man in Nachhaltigkeit durch sanften Tourismus“, schwärmt Dörfler.

„Auf der ganzen Strecke von Pirna bis in die Dresdner Altstadt ist uns kein einziger Frachter begegnet“ wird am Ende Uwe Rada erstaunt resümieren. Er ist ein Berliner Buchautor, der sich auf das Thema Flüsse spezialisiert hat. Das neueste Werk „Geschichte im Fluss“- über Grenzflüsse und deren Bedeutung erscheint übrigens am 31. August. Aber das ist schon wieder ein anderes Thema…

Karin Funke

Tschechien-Reise: Kritik an Haseloffs Elbe-Plänen

Mit seiner Unterstützung der tschechischen Staustufen-Pläne an der Elbe hat sich Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Haseloff die Kritik der Opposition eingefangen. Die Linke-Fraktion fordert sogar eine Erklärung Haseloffs vor dem Landtag.

Die Äußerung von Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff, sich für einen weiteren Ausbau der Elbe einzusetzen, hat scharfe Reaktionen der Opposition hervorgerufen. Die Fraktion der Linken forderte am Freitag sogar eine Erklärung Haseloffs im Landtag. Ihr umweltpolitischer Sprecher, André Lüderitz, sagte: “Hier geht es um eine Problematik, die nicht alleine Sachsen-Anhalt, sondern alle Elbe-Anrainer unmittelbar berührt.” Aus Sicht der Bundesgeschäftsführerin der Grünen, Steffi Lemke, schwelge der Ministerpräsident “in Fantasien des vergangenen Jahrhunderts”.

Zoff wegen Staustufe-Plänen

Haseloff hatte sich am Donnerstag in Prag nach einem Gespräch mit dem tschechischen Ministerpräsidenten Petr Necas dahingehend geäußert, dass die Elbe als internationale Wasserstraße schiffbar bleiben müsse. Dazu gehöre auch die geplante Staustufe im tschechischen Decin (Tetschen). Die aus Dessau stammende Lemke sagte dazu: “Staustufen in Tschechien sind ökologisch gefährlich und wirtschaftlich unsinnig.” Außerdem isoliere dieser Vorstoß das Land Sachsen-Anhalt innerhalb der Elbe-Anrainer. Die schwarz-rote Landesregierung müsse umgehend klar machen, dass “dieser Vorstoß des Ministerpräsidenten nicht im Sinne der wirtschaftlichen Entwicklung Sachsen-Anhalts ist.”

Rückendeckung aus der CDU

Rückendeckung erhielt Haseloff hingegen aus den eigenen Reihen. Der verkehrspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Frank Scheurell, sagte, die Zukunftsfähigkeit der Binnenwasserstraße Elbe müsse gesichert bleiben. Die Elbe sei stets Naturraum und Transportweg gewesen. “Ein Gesamtkonzept für die Elbe muss die unterschiedlichen Anforderungen an den Strom berücksichtigen.” Der Verweis auf die große ökologische Bedeutung des Naturraums Elbe schließe ihre ökonomische Nutzung eben nicht aus, fügte der CDU-Politiker hinzu.

Dennoch könnte es in der Sache Zoff mit dem sozialdemokratischen Koalitionspartner geben. Die SPD-Landtagsfraktion hatte bereits am Donnerstag erklärt, der Vorstoß sei weder besprochen worden, noch werde er geteilt. Auch das sächsische Umweltministerium bekräftigte am Freitag sein Nein zu der elf Kilometer vor der sächsischen Grenze geplanten Deciner Staustufe.
(…)

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