Das Lügenmuseum

ein neuer Pilgerort im historischen Gasthof Serkowitz

An der alten Poststraße, 6 km von Dresden in Richtung Meißen, liegt der Gasthof Serkowitz. 1337 erstmals urkundlich erwähnt, ist er der älteste nachweisbare Gasthof der Lößnitzorte.
Die Stadt Radebeul hatte 2007 das historische Gebäude, dessen baulicher Kern auf die Zeit um 1800 zurückgeht, 2007 erworben, nicht zuletzt, um unliebsame Gäste fern zu halten. Doch ohne Nutzung verfiel das denkmalgeschützte Gebäude leider weiter, die Täfelung war herausgerissen worden, es regnete durch das undichte Dach. Der Gasthof wurde zum Verkauf ausgeschrieben. Das seinerzeitige Gutachten stellte fest, dass er lediglich noch als Lager oder für andere Sondernutzungen geeignet sei. Zum Weinfest 2011 wurde die Idee geboren, hier das Lügenmuseum unterzubringen: In einer Zeitung erschien das Bild mit entsprechender Aufschrift. Die Resonanz auf diesen Versuchsballon war zunächst positiv. Oberbürgermeister und Kulturamtsleiter konnten sich die Unterbringung vorstellen, der Kulturausschuss signalisierte Zustimmung.

Der Betreiber des Lügenmuseums, Richard von Gigantikow, der, wie es die Frankfurter Rundschau ausdrückte, „Botschafter des Fantastischen“ ist, ist in Radebeul kein Unbekannter. Seit 1999 gestaltet er das feurige Finale des Weinfestes und Wandertheaterfestials in Radebeul.
Richard von Gigantikow war vor dem Mauerfall einer der Künstler vom Berliner Prenzlauer Berg. Er organisierte Straßenfeste, öffnete sein Atelier für illegale Ausstellungen und sein Sommeratelier in der Ostprignitz 1984 als Kunsthaus. Nach ’89 organisierte er Künstlersymposien, international besetzte Kunstfestivals, Sommer-Camps und Ausstellungen. Er stellte in Japan, Indonesien, Thailand, den Philippinen, Burma, Italien, Frankreich, Polen und England aus. Sein Kunsthaus erklärte er 1990 einfach zum „Lügenmuseum“. Der Initiator stellt darin immer wieder die Frage, warum die Leute lachen, obwohl das Lügenmuseum von Dingen handelt, die so ernst sind. Doch mit den Mitteln des Tragischen eine traurige Handlung zu erzählen – das würde nur das allgemeine Unbehagen steigern und nichts würde zurückbleiben. Das Groteske als Ausdrucksmittel dient der Provokation und der Verbreitung von Ideen, bewusst obszön und nicht skurril oder trivial. Das Obszöne wird als befreiende Form verwendet. Es versucht immer, das Bewusstsein seines Publikums zu verletzen, damit etwas Bitteres zurückbleibt, etwas, was in ihm brennt. „Das Lügenmuseum ist nicht die Kapitulation vor der Komplexität der Welt, sondern eine Form der Bewältigung dieser“, sagt sein Schöpfer.

Richard von Gigantikow bewarb sich bei der Stadt Radebeul, um das Lügenmuseum, für das er seit Längerem ein neues Domizil suchte, im Gasthof unterzubringen. Am 9.9.2012 feierte er die Eröffnung des Lügenmuseums am historischen Ort. Als Pilgerort für zeitgenössische Kunst mit dadaistischem Einschlag zieht es sowohl ein intellektuelles urbanes Publikum als auch die einheimische Bevölkerung an und ist eine reale Bereicherung für den „Kulturraum Radebeul“. Es präsentiert sich zunächst provisorisch, um sich der öffentlichen Meinung zu stellen und Vorurteile aus dem Weg zu räumen. Richard von Gigantikow engagiert sich damit auch dafür, den historischen Gasthof vor weiterem Verfall zu schützen.

Gleichzeitig hat der Verein „Kunst der Lüge“ e.V. seinen Sitz nach Radebeul verlegt. 2008 in Kyritz an der Knatter gegründet unterstützt er das Lügenmuseum und zeitgenössische Kunstprojekte. Er hat derzeit 40 Mitglieder. Als nächstes erscheint mit seiner Unterstützung ein neuer Katalog für das Lügenmuseum im Notschriften Verlag Radebeul mit Fotos von André Wirsig. Auch wurden erste Werbekooperationen mit dem Zeitreise Museum und dem Karl May Museum vereinbart.

Die Vision für den Gasthof Serkowitz beschreibt Richard von Gigantikow in aller Kürze so: Aufbau und Neuorientierung eines einzigartigen Museums im deutschsprachigen Raum im Dialog mit einem denkmalgeschützten Gebäude. Mit dieser Nutzung bleibt der geschichtsträchtige Gasthof der Öffentlichkeit erhalten. Die jahrhundertealte Geschichte des Hauses wird im Rahmen der musealen Ausstellung an Hand einzelner architektonischer Elemente und Räume vermittelt. Das gesamte Haus wird unter einer künstlerischen Marke gestaltet und beworben. Bürger und Künstler Radebeuls werden beteiligt. Veranstaltungen, Installationskunst, Performances, Kunst im öffentlichen Raum und beispielhafte Überlebensstrategien für bildende Kunst werden entwickelt, und der Gasthof bietet den geeigneten Raum dafür. Eine Stiftung soll die Zukunft des Hauses und der Sammlung für die Zukunft sichern.

„Seien Sie sicher, es wird bald unter Kunstfreunden in Berlin und Dresden bekannt sein!“ schrieb Prof. Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste an die Stadträte Radebeuls. „In einer Zeit, da überall von Kulturabbau und Schließungen von Kultureinrichtungen die Rede ist, ein hoffnungsvolles Zeichen gegen diesen Trend. Ich wünsche Ihnen (den Stadträten und Radebeulern) und Herrn Zabka (Richard v. Gigantikow) eine positive Entscheidung für den Erhalt dieser einzigartigen Einrichtung.“

„Es bedarf einer ganz besonderen Sensibilität, uns unseren Alltag, unsere Gesellschaft – und auch die Institution Museum – völlig anders und neu sehen zu lassen.“ schrieb Frau Prof. Dr. Johanna Wanka, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, nun Bundesministerin für Bildung und Forschung. „Das Lügenmuseum beweist diese Sensibilität auf einzigartige provokant-spielerische und humorvolle Art. Daher hat es Reinhard Zabka auch in all den Jahren geschafft, dass der Strom der neugierigen Besucher nicht abreißt.“

Als Phantasie beflügelndes Ausflugsziel für die ganze Familie wendet sich das Lügenmuseum vor allem an Museumsliebhaber, Kunstinteressierte, Künstler, Verliebte, Touristen, Studenten, Schulklassen, Senioren, Pilger und internationale Gäste. Kinder erleben Alice im Wunderland und Villa Kunterbunt in einem. Senioren wandeln durch ein Labyrinth der Erinnerungen. Kunstliebhaber begegnen einer unnachahmlichen Position aus Ostdeutschland. Im halsbrecherischen Galopp geht es durch die Moderne und durch die Zeitgenössische Kunst. Emma von Hohenbüssow hatte der Legende nach 1884 das Lügenmuseum gegründet. Bei einem Ausflug der Dadaisten in den zwanziger Jahren entdeckten sie ihr kleines Museum in einem blauen Pavillon. Emma hatte dort Dinge gesammelt, die es gar nicht gab: die Kyritzer Knatter und das Loch aus der Zauberflöte von Mozart. Mit den Legenden und Geschichten bietet das Lügenmuseum eine vorbereitete Atmosphäre für musische Lernerfahrungen, für die Bildung einer Persönlichkeit und für die Entwicklung der eigenen Phantasie.

Nun ist wurde der Serkowitzer Gasthof erneut zur Nutzung ausgeschrieben. Hoffen wir, dass auf diesem Wege aus dem Provisorium eine dauerhafte Einrichtung werden kann, denn wir dürfen nie vergessen: Die Lüge ist die Fortsetzung der Wahrheit mit anderen Mitteln.

Thomas Gerlach

Am 21.9. feiert das Lügenmuseum ab 19 Uhr seinen ersten Geburtstag in Radebeul. Zu diesem Anlass wird ein Ablassbrief nach dem Vorbild des Altkötzschenbroda Ablassbriefes von 16. Mai 1475 herausgebracht. „Wir möchten, dass der historische Gasthof Serkowitz in Radebeul im Meißner Landkreis mit illuminierten Räumen und der künstlerischen Sammlung des Lügenmuseums angemessen erhalten und ausgestattet werden kann.“

Das feurige Finale zum Weinfest und Wandertheaterfestival mit dem Team von Richard von Gigantikow findet am 29. September statt. Radebeuler können Gartenschnitt und unbehandeltes Holz zur Feuerstelle bringen vom 24. – 26.9. von 10 – 18 Uhr.

Richard v. Gigantikow
Lügenmuseum
Geöffnet: Ferien & Feiertage, Sa & So 13 – 18 Uhr
Kötzschenbrodaer Str. 39, 01445 Radebeul

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2 Kommentare

  1. Frank Krieger
    Veröffentlicht am Mi, 4. Mrz. 2015 um 14:45 | Permanenter Link

    Eine Beschreibung des Lügenmuseums, welches ursprünglich in der Prignitz war, ist jetzt in Radebeul wohl zu Hause.
    Mich würden die Öffnungszeiten und die Anschrift interessieren.
    Freundliche Grüße sendet Euch Frank Krieger

  2. Konrad Oeser
    Veröffentlicht am Fr, 6. Mrz. 2015 um 14:10 | Permanenter Link

    Steht ja oben im Artikel. Trotzdem hier nochmal:
    http://www.luegenmuseum.de/wb/

    Öffnungszeiten:
    Samstag & Sonntag
    Feiertage & Schulferien
    13:00 – 18:00 Uhr
    Eintritt 4 €
    Kinder (bis 12 J.) 2 €

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