Verdis Maskenball in Radebeul

Ein Maskenball, Szene mit Kay Frenzel und Anna Erxleben

Ein Maskenball, Szene mit Kay Frenzel und Anna Erxleben       Foto: M. Kross

1859 gelangte Verdis „Un ballo in maschera“ in Rom zur Premiere. Dramatischer Höhepunkt war ursprünglich die Ermordung des reformfreudigen schwedischen Königs Gustav III. durch eine Adelsverschwörung während eines Maskenballs in der Stockholmer Oper im Jahr 1792. Ein Königsmord auf der Opernbühne war zur Zeit der Uraufführung eine äußerst heikle Angelegenheit. Revolutionen und Unabhängigkeitsbestrebungen brodelten überall in Europa. Verdi hat einen Rechtsstreit mit dem Auftrag gebenden Theater in Neapel gewonnen. Dort kommt aber schließlich stattdessen mit „Simon Boccanegra“ ein kaum minder politisch deutbares Stück auf die Bühne. Für die römische Uraufführung wird die Handlung des Maskenballs nach Boston entrückt und aus dem König wird somit ein Graf. In der deutschen Fassung „Ein Maskenball“ wurden im Stammhaus der Landesbühnen Sachsen die schwedischen Verhältnisse zur Darstellung gebracht. Die wurden von Verdi und seinem Librettisten Antonio Somma natürlich opernhaft angereichert durch Liebe, Eifersucht, Sinnliches und Übersinnliches.
Es war zu befürchten, dass dieses große, zweieinhalbstündige Werk das Radebeuler Haus an die Grenzen seiner Möglichkeiten führen wird. Kay Frenzel als König näselte sich eingangs ziemlich in seine majestätische Rolle hinein. Doch mit der Zunahme der Verstrickungen gewann er stimmlich an Überzeugungskraft und hielt sich zum Schluss sehr wacker dem Grafen René von Ankarström gegenüber, der mit überzeugender Individualität vom Gast Hans Christoph Begemann gestaltet wurde. Die Elbland Philharmonie unter Christian Voß schließt das erste Bild noch etwas poltrig. Ebenso ruppig setzt auch noch das Folgende ein. Doch dann gewinnt das Ganze immer mehr an Fahrt. Silke Richter ist eine temperamentvolle und sichere Wahrsagerin Ulrika. Im Hintergrund rotiert als Zeichen zauberischer und höllischer Gewalt ein großes Turbinenrad, wie es in Radebeul ganz ähnlich vor fünf Jahren schon im „Faust“ von Louis Spohr das Mephistophelische Element symbolisierte. Das Bühnenbild ist insgesamt nicht besonders einfallsreich. Die Räume werden leicht aus der Waagerechten gekippt um der Langeweile ihres Anblicks zu entgehen. Der Galgenberg ist ein Klettergerüst auf dem die Raben sitzen. Der liebestrunkene König Gustav hangelt sich dort wie ein Knabe durch die Sprossen.
Regisseur Sebastian Ritschel hat im vergangenen Jahr mit dem „Rosenkavalier“ von Richard Strauss ein ähnlich ambitioniertes Unternehmen am kleineren Theater in Freiberg in Szene gesetzt. Dabei greift er gern auf die aktuellen kurzlebigen Inszenierungsmaschen zurück. In Freiberg war es die Projektion auf den transparenten Vorhang. Hier in Radebeul sind es die pantomimischen Nachstellungen hinter einem Fenster. Doch die Drastik dieser Nebenszenen nimmt der Handlung mehr Kraft, als sie ihr gibt. Das seelische Drama zwischen René und Amelia berührt eben durch die gebändigte Innerlichkeit, die in den gequälten Menschen tobt. Da ist das Überdeutliche dieser Inszenierung deutlich überflüssig. Vor einem großen dunklen Fenster steht René und sieht wie Amelia ihren gemeinsamen Sohn liebkost oder die Attentäter hacken mit Rabenschnäbeln nach dem blutüberströmten König Gustav. Auch sonst neigen die Figurenbewegungen zu heftigem Forcieren. Da springt Miriam Sabba als Page Oskar auf den Tisch. Die Aktenmappen der Staatsbeamten klappen laut auf den Boden. Jede musikalische Wendung wird mit einer körperlichen Drehung begleitet. Wenn aber Musik und die Darsteller zugleich hüpfen, dann droht sich in dieser synästhetischen Tautologie der Verdi´sche musikalische Dynamismus zur Wirkungslosigkeit zu verdampfen. Bei einer so wilden, leidenschaftlichen Musik und Handlung bedürfte es eher eines ruhigen Resonanzbodens von dem das Drama widerklingen kann. In der besuchten Aufführung war eine krankheitsbedingte Störung dazu geeignet, die übertriebene Mimesis der Gefühle wohltuend zu brechen und der Hektik einen beruhigenden Brecher entgegenzustellen. Durch eine Erkältung war Anna Erxleben daran gehindert die Rolle der Amelia selbst zu singen. Sie markierte auf der Bühne nur die Rolle, während vom Proszenium Camila Ribero-Souza die Partie vom Pult sang. Die brasilianische Sängerin vom südthüringischen Theater Meiningen entrückte mit ihrer prachtvollen Stimme und der sicheren Artikulation das Geschehen wieder auf eine unangreifbare Kunstebene. Dass sie die Partie im Gegensatz zu ihren Partnern und allen übrigen auf der Bühne Handelnden auf Italienisch sang, war nur ein weiterer Gewinn für diesen einmaligen Abend.

Sebastian Hennig

Nächste Vorstellungen: 6. März im Theater Meißen, am 7. und 20. März wieder in Radebeul

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