Schmetterlinge im Weinberg

Unsere Wanderung beginnt in den Weinbergen an der Mosel bei Cochem. Sonnenverwöhnte Steilhänge und Heimat vieler wärme liebender Tier- und Pflanzenarten, eine Kulturlandschaft berühmt für seine edlen Tropfen: Riesling, Elbling – aus der Steillage.
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Hoch über dem Fluss laufen wir einen Weg durch den Weinberg, gesäumt von einer farbigen Wildblumenpracht, unterbrochen von kleinen Taleinschnitten mit feuchten Stellen und erfrischendem Schatten. Verbuschte Brachstellen wechseln mit felsigen Abschnitten. Die Weinreben ziehen sich den Berg entlang bis in scheinbar völlig unzugängliche Stellen. Die Sonne brennt. Wir laufen zielstrebig, wie jedes Jahr zu einer bestimmten Zeit im Juni diesen Weg zu einer bestimmten Stelle. Uns kommen zwei Wanderer entgegen, mustern uns, registrieren die Fotoausrüstung und fragen nach einem kurzen Hallo: Haben Sie schon einen gesehen? – Noch nicht. Wir versuchen es weiter vorn. – Viel Glück! Wir steigen zum oberen Teil des Weges auf.
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Gestern abend in unserer Pension am Fuße des Weinbergs mit Moselblick versicherte der Wirt einem Anrufer, dass es sich dieses Wochenende bestimmt lohnen würde. Die Wetterprognose wäre gut. Er hätte vor Tagen schon einige am Berg gesehen. Die Zeit sei günstig. Sie können kommen. Das Zimmer ist reserviert.

Um wen oder was geht es?

Es geht um einen Schmetterling – den Namensgeber der Pension und des Wanderwegs. Sein Name prangt auf Weinflaschen und spielt im Tourismusbetrieb der Gegend keine unbedeutende Rolle. Sein Name ist Apollo (lat. Parnassius apollo), benannt nach dem griechischen Gott Apoll, dem Gott des Lichts und Inbegriff der Vollkommenheit. Dieser sehr seltene Schmetterling bildet hier an der Mosel eine der wenigen Populationen nördlich der Alpen. Besonders geschützt durch das Washingtoner Artenabkommen nimmt er eine Sonderstellung unter den heimischen Schmetterlingen ein. Früher von Sammlern mit Käscher bejagt, war er immer eine Rarität. Heute ist er durch die Zerstörung seines Lebensraumes bedroht und war in den 70er Jahren fast verschwunden. Durch die Initiative einiger Schmetterlingsfreunde entstand hier an der Mosel eine Sensibilisierung für diese flatternde Naturschönheit, die ein Zeichen intakter Natur verkörpert. Es fanden sich Menschen zusammen, unter ihnen Naturschützer, Wissenschaftler, Vertreter von Organisationen für Landschaftspflege und Weinbau, die auf kommunaler Ebene Maßnamen zum Schutz des schönen Apollofalters anregten, wie z.B. Verzicht von Insektizideinsatz im Weinberg über Hubschrauber, ökologischen Weinbau, Freistellung von verbuschten Weinbergsflächen in den Steillagen, um die Nahrungspflanzen der Raupen und Falter zu sichern. Maßnahmen, die nicht nur dem Falter zu gute kommen sollten. Ein kleines Insekt beflügelt Menschen. Naturfreunde und Winzer hatten Erfolg. Die Population konnte stabilisiert werden. Der Lebensraum wurde erhalten.

Am nächsten Tag laufen wir wieder den Apollowanderweg durch die Weinberge über Valwig. An einem Felsvorsprung vor der Brauselay hoch über dem Fluß sehen wir einige Wanderer mit Fotoapparaten gebannt nach oben schauen. Da fliegen einige der wunderschönen Falter. Sie gleiten den Berg herab. Mit einer Flügelspannweite von 6-8 Zentimetern sind sie leicht auszumachen. Wenn sie sich am Wegesrand auf den Blüten der Flockenblumen und Disteln niederlassen, kann man ihre Schönheit bewundern. Weiße Flügel, außen transparent, mit schwarzen Flecken und auf den Hinterflügeln zwei große rote Augenflecke, meist weiß gekernt und schwarz umringt. „ … ein Märchenschmetterling nach dem Motiv: weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz.“ (Friedrich Schnack, 1928) Alljährlich fahren Menschen auch aus diesem Grund in die Gegend, erfreuen sich am Anblick des schönen Falters. Hobbyfotografen aus allen Regionen treffen sich hier, gejagt wird heute mit dem Fotoapparat. Abends beim Wein werden die ersten Bilder gezeigt und man tauscht sich über Beobachtungsstellen aus.

Schmetterlinge übten seit jeher eine Anziehungskraft und Faszination auf uns Menschen aus. Die fliegenden Edelsteine ergänzen das Bild einer blütenreichen natürlichen Landschaft. Sie sind neben den Bienen als wichtiger Bestäuber von Bedeutung. Wo Schmetterlinge zahlreich fliegen, ist die Natur noch in Ordnung, denn ihr Lebenszyklus Ei-Raupe-Puppe-Falter wird von vielen ineinandergreifenden Faktoren bestimmt. Die Biotopansprüche der unterschiedlichsten Arten sind ebenso verschieden, wie anspruchsvoll. Fehlt ein kleiner Baustein, kann die Art an dieser Stelle nicht überleben. Deshalb sind sie auch ein wichtiger Indikator und geben uns Auskunft über den Zustand der Natur.

In der heutigen Zeit sind immer weniger bunte Falter zu beobachten. Ältere Generationen berichten noch von vielen Schmetterlingen im Garten, wo heute nur vereinzelt welche auftauchen. Vielleicht noch eine Beobachtung, die zu denken geben sollte: Fuhr man vor Jahren längere Strecken mit dem Auto, war die Windschutzscheibe und der Kühlergrill voller Insekten, in der Dämmerung voll mit Motten, kleinen grauen Nachtfaltern. Heute kann es passieren, dass die Scheibe oft sauber bleibt.

Zurück in die Weinberge, nun in die heimischen, in die sächsische Kulturlandschaft entlang der Elbe. Auch hier haben einige seltene Falterarten überlebt. Wer mit offenen Augen durch die Weinberge spaziert, kann sie fliegen sehen.

Die Schmetterlingszeit in den Weinbergen beginnt mit den ersten warmen Sonnentagen. Das kann schon im Februar oder März sein. Es erscheinen die Überwinterer – die Schmetterlinge, die als Falter den Winter in Kellern, auf Dachböden, in Mauerritzen oder geschlossener Vegetation schlafend verbrachten. Der Zitronenfalter, der Kleine Fuchs, der C-Falter und das Tagpfauenauge sind die ersten Boten. Ein erneuter Wintereinbruch lässt sie wieder verschwinden. Sieht man den Aurorafalter, zuerst die männlichen Tiere mit den orangen Flügelspitzen, wird es bald Frühling. Dieser Falter hat den Winter im Puppenstadium verbracht, wie auch der ihm folgende Segelfalter. Schlüpfen sie aus der Puppe, ist der Sommer nicht mehr weit.

April, Mai – die ersten warmen Tage. Wir nehmen den Weg über Schloß Wackerbarth zum Jacobstein. Mit viel Glück können wir den Segelfalter beobachten. Diese wärmebedürftige Art lebt hier in einem seiner nördlichsten Verbreitungsgebiete an den sonnigen Hängen mit Trockenmauern und Brachen mit wilder Schlehe, der Futterpflanze der Raupe. Der Wärmeanspruch und das Verschwinden geeigneter Biotope macht ihn in Deutschland zu einer sehr seltenen Schmetterlingsart. In der Roten Liste der Tagfalter Sachsens steht er als „stark gefährdet“ und „besonders geschützt“. Der Segelfalter – hellgelb mit schwarzen Streifen, einer Flügelspannweite von 5 bis 8 Zentimetern, an den Hinterflügeln je einen halbmondförmigen blauschwarzen Augenfleck mit orangeroter Randung und den auffälligen langen Schwanzfortsätzen, die ihn vom ähnlichen Schwalbenschwanz unterscheiden – fällt durch seinen elegant gleitenden Flug auf. Wir sehen ihn hier unterhalb des Jacobsteins durch den Weinberg segeln, unter Ausnutzung der Thermik zeitweise ohne Flügelschlag. Dann ein kurzes Flattern an einer Distelblüte und am Natternkopf, von einem Artgenossen aufgescheucht geht es senkrecht nach oben. Zwei Falter schrauben sich in den Himmel. Wir verlieren sie aus den Augen. Dieses Balzverhalten bezeichnet man als Hilltopping, zu beobachten meist an exponierten Stellen, einer Bergkuppe, wie hier am Jacobstein, oder auch am Bismarckturm in den Weinbergen der Oberlößnitz. Der imposante Falter fällt auch in den Gärten unterhalb der Weinberge auf. Dort locken ihn die Blüten zum Nektar tanken. Die Raupen fressen an wilder Schlehe, die zwischen den bewirtschafteten Weinbergflächen wächst. Im südlichen Europa kommt der Segelfalter häufiger vor, bringt im Jahr bis zu vier Generationen hervor. Nördlich der Alpen spricht man von meist nur einer Frühjahrsgeneration. Ich konnte aber in den letzten Jahren immer eine zweite Generation im Juli beobachten. Ein gutes Zeichen. Als ich einmal in der Webergasse mit meinem Teleobjektiv am Zaun stand und versuchte Segelfalter zu fotografieren, die dort um ein Blumenbeet flogen, erweckte ich die Aufmerksamkeit einiger Spaziergänger. Sie entdeckten das Objekt im Ziel meiner Linse und staunten nicht schlecht. So große Falter, wo sind die denn entflogen? Einer wusste ihn zu bestimmen: ein Schwalbenschwanz. Vor Jahren hätte er mal einen gesehen. Ich erklärte ihnen die Besonderheit. Eine Verwechslung mit seinem nächsten Artverwandten dem Schwalbenschwanz liegt nahe, da man beide Falter sehr selten zu Gesicht bekommt.

Der Segelfalter hat eine offensichtliche Beziehung zum Weinbau, dessen Anbaumethoden sich in letzter Zeit hin zum ökologischen geändert haben. Sein Lebensraum wird nicht mehr bedroht
Juni, Juli – kleine Bläulinge sind nun an den Wildblumen zwischen den Weinreben und am Wegesrand zu beobachten. Kohlweißlinge vervollständigen das Bild, noch sind sie relativ zahlreich vertreten. Hat der Sommer die Oberhand bekommen, fliegen die Gäste aus dem Süden ein, die sogenannten Wanderfalter wie Admiral, Distelfalter oder Taubenschwänzchen. Das Taubenschwänzchen ist ein kleiner Schwärmer und erinnert an einen Kolibri, wenn es in der Luft an einer Blüte verweilt und mit seinem langen Rüssel Nektar trinkt. Diese Vertreter haben einen weiten Weg hinter sich – über die Alpen bis zu uns in den Weinberg. Hier pflanzen sie sich fort, fliegen weiter nördlich oder sind bis in den Spätsommer bei uns zu Gast.

Noch eine Seltenheit. Der Russische Bär oder auch Spanische Flagge genannt, ist eigentlich ein Nachtfalter. Er fliegt aber auch tagsüber im Weinberg. Man nimmt etwas orangerotes Flatterndes war. Sitzt der Falter an einer Mauer oder auf einem Blatt, sind die Flügel geschlossen. Braun mit weißen Streifen, bilden sie eine dreieckige Form. Die orangeroten Hinterflügel sind verdeckt.

Bekannt ist der Falter als Touristenattraktion auf der Insel Rhodos. Dort sammeln sich alljährlich tausende Falter im Tal der Schmetterlinge (Petaloudes). An Felsen und Stämmen sitzen die Falter dicht gedrängt. In den sächsischen Weinbergen und nahen Taleinschnitten ist der schöne Falter von Mitte Juli bis Ende August zu beobachten. Etwas Glück gehört aber immer dazu und man kann froh sein, wenn man einen einzelnen zu Gesicht bekommt. In der Roten Liste Sachsens ist die Art in die Kategorie „stark gefährdet“ eingestuft.

Zum Schluss etwas Statistik. Schmetterlinge sind die zahlenmäßig zweitstärkste Gruppe an Arten unter den Insekten nach den Käfern. In Deutschland sind ca. 3700 Arten beschrieben, davon entfallen 190 Arten auf die Tagfalter. In Sachsen sind 114 Tagfalterarten nachgewiesen. Davon gelten 66 Arten als gefährdet bzw. ausgestorben. 16 Arten sind bereits ausgestorben, 20 weitere sind vom Aussterben bedroht. (Quelle: Rote Liste Tagfalter Sachsens, Landesamt für Umwelt und Geologie, Juli 2007)

Ausgeräumte und intensiv genutzte Landschaften sind eine Ursache für das Verschwinden vieler Schmetterlingsarten. Den Futterpflanzen der Raupen und Schmetterlinge wird die Wachstumsgrundlage entzogen. Es bleiben nur wenige Refugien und Nischen, die Rückzugsorte für viele bedrohte Tiere und Pflanzen darstellen. Diese sollten wir schützen und erhalten.
Einer dieser wertvollen Lebensräume für Schmetterlinge ist der Weinberg. Wir sind auf einem guten Weg.

So könnte auch bei uns, wie an der Mosel der Apollofalter, ein Vertreter der fliegenden Gaukler der Lüfte symbolhaft auf dem Etikett einer Weinflasche von einer lebenswerten Kulturlandschaft erzählen. Der heimische Segelfalter wäre ein würdiger Botschafter.

Jörg Kuhbandner

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Ein Kommentar

  1. Hohmann
    Veröffentlicht am So, 25. Mrz. 2018 um 19:19 | Permanenter Link

    Der Segelfalter hat zugenommen aufgrund der Klimaerwärmung. Am Rhein und an der Mosel recht zahlreich.
    Der Russische Bär hat stark zugenommen. Der Schwalbenschwanz nimmt derzeit leider stark ab.

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