Ein Archivar, wie er im Buche steht

Wer ihn je kannte, wird ihn nicht vergessen und auf jeweils eigene Weise in Erinnerung behalten: die imposante Gestalt in der blauen Walkjacke, der wohlwollend-kritisch fragende Blick, die bedachtsame Rede, denn „leichtfertig ist (nur) die Jugend mit dem Wort“, die zunehmend bedachtsamer werdenden Schritte: Gottfried Sauermann war eine feste Größe im Stadtbild und unter den Liebhabern und Sammlern guter Bücher und wertvoller Stiche weit über die Grenzen Sachsens hinaus eine Instanz.

Bild: U. Langer

Gesunde Bodenständigkeit zeichnete ihn aus, die freilich weit entfernt war von jeglichem Provinzialismus. Die Liebe zum Buch, zum „gediegenen“ Buch, zur bibliophilen Kostbarkeit ging einher mit der Liebe zum Wein, der, natürlich bedachtsam genossen, nicht unbedingt aus dem eigenen Weinberg stammen, aber unbedingt trocken sein mußte. Darin speziell, aber auch mit dem charakteristischen Klang seiner wohltönenden Rede, gab er sich als waschechter Radebeuler zu erkennen.

Hier nämlich, in Radebeul, war er, ganz frisch auf der Welt, 1942 in sein Elternhaus in der Winzerstraße eingezogen, das ihm zum Lebensmittelpunkt bestimmt war, zum Basislager für seine lebenslange Reise durch die Welt der Bücher. Als Spätgeborener hat er seine älteren Geschwister, von denen zwei sehr früh verstorben sind, kaum mehr zu Hause erlebt. So war er als fünftes seiner Eltern doch wieder ein Einzelkind. Wie nach ihm auch Tochter Ute und die Enkel hatte er einen denkbar kurzen Schulweg. Wenn er zum ersten Klingeln loslief, kam er immer noch zurecht. Ute bekam dann sogar noch die gleiche Lehrerin, die zwar die Tochter des angesehenen Buchhändlers hofierte (gute Bücher waren damals „Bückware“), dem einstmals in ihren Augen „nichtsnutzigen Bengel bürgerlicher Eltern“ jedoch das Leben ordentlich schwer gemacht hatte. Haus und Garten hat er hier gepflegt, und unter tätiger Hilfe seiner mit „grünen Daumen“ gesegneten Frau Inge in ein Paradies verwandelt. Das bietet heute nicht nur den Enkeln bestmöglichen Spiel-Raum, sondern auch den Augen stillen Trost und diversen Vogelpaaren beste Nistgelegenheiten. In einer kleinen alten Blechgießkanne, er hatte sie auf einem Flohmarkt erworben und über seinen Gartensessel gehängt, brütet schon im zweiten Jahr ein Blaumeisenpaar – Sauermanns Garten ist Lebensraum im besten Sinne.

Die von Vater Heinrich Sauermann 1922 in Leipzig gegründete und 1928 in Radebeul etablierte Versand-Buchhandlung war zunächst auf Gärtnerisches spezialisiert. Dementsprechend begann Gottfried eine Gärtnerlehre, denn es wird von einem Buchhändler erwartet, daß er weiß, worum es in seinen Büchern geht. Er konnte die Lehre nicht abschließen, da er nach dem frühen Tod des Vaters im Geschäft gebraucht wurde. Er absolvierte eine Buchhändlerlehre und machte einen Abschluß als Archivar. In der DDR war das erstaunlicherweise noch ein anerkannter Beruf.

Unter seiner Regie erwarb sich das „Antiquariat Sauermann“ rasch einen klangvollen Namen weit über Radebeul hinaus. Bestens bewandert in Regionalgeschichte war der Antiquar Gottfried Sauermann auch in der Pirckheimer Gesellschaft gern gesehen. Hier kamen die Spezialisten zusammen, die wirklichen Kenner und Liebhaber. Hier gab es tiefgründigen Austausch, der allen gut tat, auch dem Geschäft. So gelang es ihm sehr leicht, den guten Ruf selbst dann noch zu wahren, als er nach dem „sozialistischen Frühling“ nur noch Kommissionshändler des Volksbuchhandels sein durfte.

Bedachtsam aber mutig und mit gehörigem Unternehmergeist trat er gemeinsam mit seiner Frau nach 1990 in die alten Rechte wieder ein. Es gelang ihm, das Haus an der Meißner Straße zu erwerben, wo er seine Vorstellungen von Verkaufskultur und Lebensstil mit Buchhandlung im Erdgeschoß, Antiquariat im Obergeschoß und Vinothek im Gewölbekeller umsetzen konnte. Die Liebe zum Buch ergänzt sich mit der Liebe zum Wein, beides braucht die geeignete Umgebung.

Nach der Übergabe des Geschäftes an Tochter Ute blieb Gottfried Sauermann im Laden präsent und immer ansprechbar. Er wußte nun sein Lebenswerk in guten Händen, und konnte sich nach und nach aus dem „aktiven Dienst“ zurückziehen. Am liebsten stieg er die Wendeltreppe hinauf in sein Antiquariat. Dort fühlte er sich stets am wohlsten – es sei denn, über seinem Sessel brüteten Meisen. Oder aber – und das geschah in den letzten Jahren immer öfter – er ließ sich von Frau Inge zu einer Kaffeefahrt durch das schöne Elbtal einladen, das rechtselbisch besonders zwischen Meißen und Seußlitz unvergleichlich reizvoll ist. Er hat es verstanden, das zu genießen, auch und besonders, als die eigene Beweglichkeit nachzulassen begann. Am 15. April 2020 hat der Archivar Gottfried Sauermann, einer der letzten seiner Gilde, das Buch für immer zugeschlagen. Im Beisein seiner Lieben hat sich sein Lebenskreis in dem Haus vollendet, in dem er vor 78 Jahren hoffnungsvoll begonnen hatte.

Thomas Gerlach

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