Stilles Finale im Radebeuler Festbüro

Cornelia Bielig verlässt die Schaltzentrale (Teil 1)

Cornelia Bielig im Gespräch, Foto: Karin Baum

In der kulturellen Szene von Radebeul hatte es sich schnell herumgesprochen, dass Cornelia Bielig am 1. April 2021 in Rente geht. Einige ihrer Kollegen (w/m) fragten mich: Kannst du mal was über sie in der Vorschau schreiben? Na klar, das hatte ich doch ohnehin schon vor. Also trafen wir uns mit Mund- und Nasenschutz, redeten über die Sinnhaftigkeit von Kultur, über Illusionen und Ambitionen, verstrickten uns in gemeinsame Erinnerungen, tauschten uns aus über erfolgreiche und gescheiterte Projekte und wie das denn so sei, ein Leben ohne dienstliche Verpflichtungen im sogenannten Ruhestand.

Über Künstler, Preisträger, Politiker und A/B/C-Prominente schreiben sich Scharen von Journalisten die Finger wund. Aus dem Internet quellen unzählige Selfies und widersprüchliche Postulate. Doch über Cornelia Bielig habe ich im Netz nicht allzu viel gefunden. Und wenn, ging es zumeist um Eintrittspreise, Straßensperrungen, Gläserpfand, Besucherzahlen usw., usf. …
In der öffentlichen Wahrnehmung bediente sie den weniger angenehmen Part, den des Puffers zwischen Kreativität und Bürokratie. Wobei sich Letztere auf unergründliche Weise selbst zu befruchten schien. Denn der Verwaltungsaufwand wuchs von Fest zu Fest und nahm der Kultur die spielerische Leichtigkeit. Aus rein kommerzieller Sicht hätte es diese Art von kulturlastigen Stadtfesten ohnehin niemals geben dürfen.

In den Abschied von einem langen Arbeitsleben mischt sich wohl immer etwas Nostalgie. Und wann, wenn nicht jetzt, sollte man auch darüber sprechen oder schreiben, was sich zwischen und hinter den Kulissen der großen Stadtfeste ereignet hat?

Zur Eröffnung des Weihnachtsmarktes 1990, auf der Bühne vor dem Magnetkaufhaus in Radebeul-Ost: Stadtrat Dr. Johannes Jacob, Bürgermeister Eberhard Schmidt, Direktor der Puppentheatersammlung Dr. Olaf Bernstengel als Weihnachtsmann (3., 4., 5. v.l.n.r.), Foto: Karin Gerhardt

Selbstinszenierungen waren nie „Connys“ Ding. Auf der Bühne standen immer Andere. Als ich fragte, ob sie das je gestört habe, winkte sie gleich lachend ab. Auf manche mag das vielleicht etwas altmodisch wirken, bei mir weckte das eher Sympathie. Was mich mit Cornelia Bielig verbindet, reicht über drei Jahrzehnte zurück. Die Rollen und Konstellationen sollten später noch mehrfach wechseln. Bis 1990 war sie mal kurz meine Chefin, dann ein paar Jahre ich die ihre und schließlich befanden wir uns beide auf der gleichen Ebene, in der sogenannten Sandwichposition als Sachgebietsleiterinnen der Radebeuler Stadtverwaltung im Amt für Bildung und Kultur. Die Dimension der Radebeuler Stadtfeste machte schon bald ein eigenes Sachgebiet erforderlich und Cornelia Bielig war nun zuständig für „Feste und Märkte“, ich wiederum für die Förderung von „Kunst und Kultur“.

Erstmals begegnet sind wir uns im Oktober 1987. Der damalige Stadtrat (heute Amtsleiter) für Kultur, Jugend und Sport, Hans-Georg Meißner (1947–2006), sollte eine andere Funktion übernehmen und fragte mich, ob ich seine Nachfolgerin werden wolle. Das löste bei mir keine allzu große Begeisterung aus, war ich doch mit meiner Tätigkeit als Leiterin der „Kleinen Galerie“ in Radebeul-Ost recht zufrieden. Kurze Zeit später meinte er: „Entspanne Dich, wir haben jemanden gefunden. Du wirst sie bald kennenlernen. Das ist so eine Kleine mit großer Brille und blondem Zopf.“ Die Zusammenarbeit gestaltete sich überwiegend unproblematisch, manchmal auch recht turbulent. Klein aber stur! Naja, schuldig sind wir uns beide nichts geblieben. Kulturleute sind von Natur aus robust. Cornelia Bielig kam vom Fach und erwies sich als Pragmatikerin, frei nach dem Motto „Geht nicht – gibt’s nicht“, was innerhalb der vorgegebenen Strukturen mal mehr und mal weniger gelang.

Ihr beruflicher Werdegang schien vorgezeichnet: In Meißen 1956 geboren, dort aufgewachsen und Abitur, unmittelbar danach Beginn eines Studiums (möglichst weit weg) an der Universität Greifswald. (Als Tochter von zwei Pädagogen, natürlich in der Fachrichtung Pädagogik.) Das Intermezzo währte allerdings nur kurz. Brav war gestern. Sie brach das Studium ab. Im zweiten Anlauf entschied sie sich für ein Studium an der Klubhausleiterfachschule in Siebeneichen. Sie gehörte zum 3. Jahrgang, der im Direktstudium zum staatlich geprüften Kulturwissenschaftler (Klubhausleiter) ausgebildet wurde. Dank der engagierten Dozenten erhielt sie von 1977 bis 1980 eine fundierte und praxisorientierte Ausbildung. Rückwirkend schätzt sie ein, dass sie dort sehr viel über die Methodik der Kulturarbeit gelernt habe, was für ihre spätere Arbeit eine wichtige Grundlage bilden sollte, aber nach 1990 keine offizielle Anerkennung fand.

Obwohl Meißen zusehends verfiel, galt diese kleine Stadt als ein spannender Ort. Zahlreiche Denkmalpfleger kämpften dort recht öffentlichkeitswirksam um den Erhalt der historischen Gebäudesubstanz. Und die Studenten bzw. Absolventen der Klubhausleiterschule prägten das kulturelle Leben nicht unwesentlich mit. Vom Jugendklub „Wendelsteinkeller“ und dem „Liedermarkt“ wird noch heute geschwärmt. Helmut Raeder, der in Siebeneichen einige Jahre später studierte, initiierte zum Beispiel im Rahmen seines Praktikums den Meißner „Kinderjahrmarkt“, welcher selbst in Radebeul als heißer Insidertipp galt. Auch Cornelia Bielig, die zu dieser Zeit bereits in der Meißner Kulturverwaltung tätig war, wurde auf ihn aufmerksam. Die besondere Atmosphäre dieser ungezwungenen Veranstaltung hatte ihr Interesse geweckt, so dass sie zu ihm Kontakt aufnahm. Damals ahnte sie nicht, dass das der Beginn einer über Jahrzehnte währenden Arbeitsbeziehung werden sollte.

Eingang des Grundstücks Altkötzschenbroda 50 zum Herbst- und Weinfest 1994, Foto: Privatarchiv

Die neue kulturelle Offenheit hatte allerdings auch Grenzen. Eines Tages bekam Cornelia Bielig in ihrer damaligen Dienststelle ominösen Besuch. Ihr wurden Fotos vorgelegt, auf denen man sie und ihren Ehemann als Besucher der provokanten „Intermedia I“ in der Coswiger „Börse“ identifiziert hatte. Die folgenreichen Zusammenhänge begriff sie erst viel später. Während die mitwirkenden Maler, Filmer, Performer, Tänzer, Free-Jazzer und Punks durch die Szene gefeiert wurden, traf den damaligen Klubhausleiter Wolfgang Zimmermann das wohl weniger populäre Schicksal von allzu experimentier- und risikofreudigen DDR-Kulturorganisatoren. Er wurde gefeuert.

Im Jahr 1985 erfolgte der Umzug nach Radebeul. Auf der Suche nach einer kulturell anspruchsvollen Tätigkeit, strandete Cornelia Bielig schließlich in der Abteilung Kultur und Soziales des Arzneimittelwerkes Dresden. Zuständig war sie dort für die Kultur- und Bildungspläne der Kollektive, organisierte Veranstaltungen zum Frauentag sowie zu sonstigen betrieblichen und gewerkschaftlichen Höhepunkten. Innovative Kulturarbeit hatte sie sich anders vorgestellt. Mit dem Stellenangebot der Radebeuler Stadtverwaltung bot sich eine neue Herausforderung. Auch hier trat sehr schnell Ernüchterung ein. Im Rathaus saß sie in einem kleinen Zimmer unterm Dach so „zwischen allen Stühlen“, die man sich überhaupt denken kann. Die vorrevolutionär gestimmten und sehr selbstbewusst auftretenden Leiter der unmittelbar nachgeordneten Einrichtungen von Weinbaumuseum, Stadtgalerie, Stadtbibliothek Ost und West befanden sich auf der einen Seite. Die Neue von der Kulturverwaltung auf der anderen. Zuständig war sie u. a. auch für die innerstädtische Zusammenarbeit mit den Kulturabteilungen ortsansässiger Betriebe, der Abteilung Kultur beim Rat des Kreises Dresden-Land, dem Kreiskabinett für Kulturarbeit, dem Pionierhaus, dem Klub der Intelligenz, den Kulturhäusern wie „Haus der Werktätigen“, „Völkerfreundschaft“, „Heiterer Blick“, „AWD-Klubhaus“ und dem Jugendklubhaus „Sekte“ (Nachfolgeeinrichtung des Jugendclubhauses „X. Weltfestspiele“) sowie den Filmtheatern „Freundschaft“ und „Union“.

Der Blick zurück in die „Vorwendezeit“ offenbart Gescheitertes und Gelungenes. Während die Aktion zur Rettung des Filmtheaters „Freundschaft“ im Jahr 1988 letztlich erfolglos blieb, wirkt eine ihrer Unterschriften bis heute nach. Die setzte sie, quasi in letzter Minute, noch als Stadträtin für Kultur, Mitte April 1990 unter ein sehr wichtiges Dokument. Dabei handelte es sich um den Antrag auf Rechtsträgerwechsel für das volkseigene Grundstück Altkötzschenbroda 21, zum Zwecke der künftigen Nutzung als städtische Galerie. Die Zustimmung hierzu wurde durch den damaligen Bürgermeister Dr. Volkmar Kunze und die Stadtverordneten erteilt. Das war knapp!

Festeinzug zum Herbst- und Weinfest 1992, Jürgen Karthe mit Bandoneon, Foto: Frank Hruschka

Nach den Kommunalwahlen am 7. Mai 1990 erfolgte die Ablösung des amtierenden Bürgermeisters. Etwas später wurden dann auch alle Stadträte von ihren Funktionen entbunden. Und so kam es, dass meine Chefin zu meiner Mitarbeiterin wurde. Der Weg aus der Kernverwaltung im Rathaus führte auf der Karriereleiter hinab in die „Kleine Galerie“ auf der Ernst-Thälmann-Straße 20 (heute Hauptstraße). In Ermangelung anderweitiger Räume mutierte diese bei laufendem Ausstellungs- und Veranstaltungsbetrieb immer mehr zu einer Art Basislager für Stadtteilkultur und bot Cornelia Bielig einen Interimsarbeitsplatz. Von hier aus wurde 1990 der erste Nachwende-Weihnachtsmarkt und 1991 das erste „echte“ Radebeuler Herbst- und Weinfest organisiert. Die Galerie wurde Treffpunkt für Initiativgruppen verschiedenster Art, wo auch die aus dem „Neuen Forum“ hervorgegangene Bürgerinitiative Kultur zusammenkam, welche schließlich den Verein Radebeuler Monatsheft „Vorschau und Rückblick“ gründete. Dass Cornelia Bielig am 12. November 1991 zu den sieben Gründungsmitgliedern gehörte, hatte ich längst vergessen.

Das neue Unterstellungsverhältnis war zunächst recht ungewohnt, wurde von der einstigen Stadträtin aber weniger als Degradierung, wohl eher als Erleichterung empfunden. Hatte sie doch zwei Kinder, musste nun nicht mehr ständig an endlosen Beratungen teilnehmen, an Abenden und Wochenenden auf Achse sein. Endlich konnte sie mal wieder praktische Kulturarbeit leisten. Hinzu kam, dass im Jahr 1990 ohnehin sehr Vieles durcheinander geraten war. Einstmals stabile Strukturen begannen sich allerorten aufzulösen. Das betraf auch die Handelsorganisation (HO), welche bisher (wohl gemeinsam mit dem Konsum) für die Organisation und Ausgestaltung des Weihnachtsmarktes auf dem Einkaufsboulevard in Radebeul-Ost zuständig war. Den Weihnachtsmarkt ausfallen zu lassen, war allerdings für uns Kulturleute keine Option. Doch bis zum „Budenzauber mit Lichterglanz“, dem Weihnachtsmarkt in Altkötzschenbroda, wie man ihn heute kennt, mussten noch einige Hürden genommen werden.

Den Vorgeschmack, wohin sich die Radebeuler Festkultur hätte entwickeln können, bot vom 21. bis 24. September 1990 ein Herbst- und Weinfest nach bayerischer Art auf der Radebeuler Vogelwiese mit bayerischem Bierzelt, Bierfassanstich, Schmankerln, Brillant-Feuerwerk, Westernmusik und Super-Bingo. Nach dem der Zusammenschluss beider deutscher Staaten am 3. Oktober 1990 vertraglich vollzogen war, gab es kein Halten mehr. Glücksritter witterten „fette Beute“. Doch das Heft wollten wir uns nicht so schnell aus der Hand nehmen lassen. Und so konzipierten wir ein erstes Herbst- und Weinfest nach eigenen Vorstellungen. Inspiration boten die „Bunte Republik Neustadt“ und das „Dresdner Elbhangfest“. Ob so etwas in Altkötzschenbroda funktionieren würde, war allerdings ungewiss. Cornelia Bielig und ich zogen auf dem Dorfanger gemeinsam von Hof zu Hof. Wir baten die Bewohner ihre Tore zu öffnen und bei einem städtischen Fest mitzuwirken. Die Reaktionen waren zunächst sehr harsch: „Mädels woher kommt ihr? Von der Stadt? Mit der Stadt machen wir gar nichts mehr. Die hat uns jahrelang verarscht!“

Doch wir ließen uns nicht beirren. Die Veranda einer Zillervilla auf der Dr.-Schmincke-Allee wurde Anfang Juli für einen Tag zur Ideenschmiede umfunktioniert. Wir kochten uns mehrere Kannen Kaffee und Conny hatte sich vorsorglich einen Zigarettenvorrat angelegt. Dann schrieben wir gemeinsam ein Festkonzept. Unsere Vorgesetzten, die Dezernentin für Soziales und Gesundheit, Bildung und Kultur Frau Dr. Ellen Brink sowie Herr Dr. Dieter Schubert (1940–2012), der im Januar 1991 seine Funktion als Amtsleiter für Bildung und Kultur angetreten hatte, ließen sich recht schnell überzeugen und sagten ihre tatkräftige Unterstützung zu. Zwei Monate mussten für das erste Radebeuler Herbst- und Weinfest, welches vom 27. bis 29. September 1991 stattfinden sollte, als Vorbereitungszeit reichen. (Fortsetzung folgt)

Karin (Gerhardt) Baum

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