Schon wieder »Schuldkult«?

Am ersten Öffnungstag der aktuellen Sonderausstellung »Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz. Deutsches Reich | Sachsen | Radebeul« im Sächsischen Weinbaumuseum Hoflößnitz stand, das Museum hatte gerade geöffnet, schon der erste Besucher in der Tür. Das geht ja gut los, dachte ich. Was das jetzt denn schon wieder solle, fragte der strohbehütete Herr mittleren Alters, ohne sich lange umzusehen, »immer dieser Schuldkult«. Ja, Zwangsarbeit hätte es gegeben, das sei schlimm gewesen, aber doch alles bekannt und ewig her. Dass man das überall immer wieder aufwärmen müsse, um uns ein schlechtes Gewissen

Französische Kriegsgefangene beim Trockenmauerbau 1940 Foto: Stadtarchiv Radebeul

einzureden, und dafür öffentliche Mittel verpulvert, könne er nicht verstehen. Jetzt hole man hier wieder alte Fotos raus, und er deutete auf das Plakat. Der Landser, der hier Zwangsarbeiter bewacht, hätte das doch nicht freiwillig gemacht und sei sicher kein schlechter Mensch gewesen. Und dass der Russe da in Deutschland arbeiten musste und dabei ums Leben kam, sei schlimm gewesen, aber so war das eben im Krieg. Die Deutschen hätten für das, was im »Dritten Reich« passiert ist, ihren Preis gezahlt und sollten damit endlich in Ruhe gelassen werden; an die wirklich Schuldigen hätte sich damals wie heute eh niemand herangetraut. Die heute 30-Jährigen – dabei hatte er offenbar die Generation seiner Kinder im Blick – hätten mit alldem nichts mehr zu tun und müssten sich hier jetzt wieder diesen alten Schuh anziehen. Das Thema sei längst erledigt, die Entschädigungen gezahlt; im Internet fände man alles dazu. In einem Weinbaumuseum wolle er anderes sehen.
Ob es lohnt, gegen eine missmutig abgeschossene Breitseite dieser Art zu argumentieren, ist ebenso zweifelhaft wie, dass es sich dabei um eine Einzelmeinung handelt. Immerhin war sie einmal ausgesprochen und der Tag jung. Wo der Gast in letzter Zeit so zum Überdruss mit dem Thema konfrontiert worden sei, interessierte mich. Dr. Klaus-Dieter Müller, der gerade an einer ersten umfassenden Publikation zur NS-Zwangsarbeit in Sachsen von 1939 bis 1945 arbeitet, und ich hatten intensiv recherchieren müssen, um das Material für die Ausstellung zusammenzutragen. Und dass Weinbaumuseen nicht per se Gute-Laune-Museen wären, zumal es Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg hier eben auch im Weinbau gegeben hat, musste ich zumindest loswerden. Das kurze Gespräch, das sich anspann, drehte sich aber im Kreise. Das Thema sei x-mal abgehandelt; was man wissen müsse, fände man im Internet zur Genüge; und wissen müsse man eigentlich nicht viel, weil das alles ewig her sei und erledigt. Dass er freiwillig im Museum sei, räumte der Gast immerhin ein, und als ich ihm nahelegte, seine Meinung ins Gästebuch zu schreiben, machte er von der Freiheit Gebrauch, dies nicht zu tun, was ich bedauerlich fand, und war dann bald wieder zur Tür hinaus.
Drei Generationen nach Ende des Zweiten Weltkrieges sinkt die Zahl der Zeitzeugen allmählich gegen Null, aus Zeitgeschichte ist vergleichsweise gut erforschte und von der Wissenschaft weitgehend einheitlich bewertete Geschichte geworden. Eine Möglichkeit, das zunehmend abstrakte Bild dieser Epoche konkreter zu fassen und mit Leben zu erfüllen, besteht darin, nach ihrem Verlauf in der eigenen Region zu fragen, denn auch hier spielte sie sich ab. Und auch wenn die Vorgänge längst vergangen sind und ihre Akteure tot und begraben, kann ihre Beziehung zum eigenen Ort aufs Neue Interesse wecken und historisches Verständnis fördern.
Obwohl der Zwangsarbeitskomplex zu den größten NS-Verbrechenskomplexen gehörte, setzte die öffentliche Auseinandersetzung damit erst spät ein. Die von der im Sommer 2000 von Bund und deutscher Wirtschaft gemeinsam gegründeten Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« bis 2007 geleisteten symbolischen humanitären Zahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter erreichten noch etwa zwölf Prozent der insgesamt mehr als 13 Millionen betroffenen Menschen, von denen bis zu 2,7 Millionen den Aufenthalt und Arbeitseinsatz in Deutschland nicht überlebt hatten und viele andere fast sechs Jahrzehnte später gar nicht in der Lage waren, die erforderlichen Nachweise beizubringen.
Schon diese wenigen Daten mögen andeuten, welche Dimensionen der Zwangsarbeitseinsatz während des Zweiten Weltkrieges im Deutschen Reich hatte und dass von einer alle berechtigten Ansprüche befriedigenden Kompensation, die diesen Schandfleck aus der deutschen Geschichte tilgen könnte, keine Rede sein kann. Sicher findet man diese Zahlen im Internet, wenn man sie sucht. Was sie bedeuten, wie sich der Zwangsarbeitseinsatz in unserer Region und unserer Stadt gestaltete und einige exemplarische Schicksale rückt unsere kleine Ausstellung in den Fokus, auf Basis der Quellen, die hier wie vielerorts nicht eben reichlich sprudeln, und um Anschaulichkeit bemüht.
Keine Weltverschwörung hat der Arbeitsgruppe »75 Jahre Kriegsende in Radebeul«, die die Ausstellung 2020 mit Unterstützung der Stadt und der Stiftung Hoflößnitz ehrenamtlich realisierte, das Thema diktiert, sondern das Interesse an einem bislang wenig bearbeiteten Gegenstand und der Zufall, einen ausgewiesenen Experten dafür in Radebeul zu haben. Viele der Dokumente, auf denen der Lokalteil basiert, stehen der Forschung erst seit jüngster Zeit zur Verfügung, was gegen den Vorwurf der ständigen Wiederholung des immer Gleichen spricht. Dass die Ausstellung erst jetzt und in der Hoflößnitz einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich ist, hat mit Corona zu tun und soll die Freude am Hoflößnitz-Wein nicht trüben, der im Zweiten Weltkrieg, wie fast alle Erzeugnisse der deutschen Wirtschaft, seine Zwangsarbeitsgeschichte hat, die wir nicht abhaken, sondern zunächst kennen, einordnen und sodann gebührend erinnern wollen.
Eine Vortrags- und Diskussionsveranstaltung zur noch bis zum 5. September laufenden Ausstellung, zu der ich alle Interessierten und auch den Herrn mit dem Strohhut herzlich einlade, wird am Antikriegstag, dem 1. September, um 19 Uhr im Winzersaal der Hoflößnitz, Knohllweg 37, stattfinden. Und allen, die sich eingehender mit dem Thema »NS-Zwangsarbeit und Kriegswirtschaft 1939-1945. Ausländereinsatz im Deutschen Reich und in Sachsen« auseinandersetzen wollen, sei schon jetzt das von Klaus-Dieter Müller herausgegebene Buch dieses Titels empfohlen, das voraussichtlich ab Ende September über die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung in Dresden erhältlich sein wird.
Frank Andert
Museumsleiter Hoflößnitz

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