„Viva sukkulenta“

Ein Rückblick auf „Kunst geht in Gärten“

 

Schwebende Flora – Detail aus der Rauminstallation »Flora war gestern!« von Gabriele Schindler
Foto: K. (Gerhardt) Baum

Es war ein tristes, ja erschreckendes Szenario, welches sich im hölzernen, zum Garten hin offenen Anbau des Kunsthauses Kötzschenbroda in Radebeul bot. Auf grauen und sandfarbenen Hügeln hatten sich Reptilien verschiedender Größe und Art positioniert, die sich teilweise in dinosaurierartige Gestalten zurückentwickelt und in ihrer Farbgebung der Landschaft angepasst hatten. Das Bedrohliche offenbarte sich erst auf den zweiten Blick. Zwischen den Tieren spazierten prächtig gekleidete Menschen und führten ihre Reptilien aus. In Szene gesetzt war eine mögliche Alltagssituation der Zukunft. Zwischen den mit vielen witzigen Details ausgestatteten Pappkaché-Figuren waren echte Sukkulenten platziert. Über allem schwebte, verständnislos blickend, die entzückende, mit Blütengirlanden umkränzte Göttin Flora. Das nüchterne Fazit der Dresdner Künstlerin Gabriele Schindler spiegelte sich im Titel der Installation „Flora war gestern“ wider. Diesen nahezu visionären Vorgriff auf die Zukunft fanden dann auch die Besucher durch das Wetter mehr als bestätigt.

Figur und Fisch – Details aus der Rauminstallation von Gabriel Schindler »Flora war gestern!«
Foto: K. (Gerhardt) Baum

Wie auch in den Jahren zuvor,stand die temporäre Gemeinschaftspräsentation im Kunsthaus unter einem Motto. „Viva sukkulenta“ nahm konkreten Bezug auf den Klimawandel und seine Folgen.

»Viva sukkulenta!« Detail aus der übermalten Fotografik-Serie von Bernd Hanke
Foto: K. (Gerhardt) Baum

Figur und Fisch – Details aus der Rauminstallation von Gabriel Schindler »Flora war gestern!«
Foto: K. (Gerhardt) Baum

An der von der Radebeuler Stadtgalerie organisierten zweitägigenSchau (2. und 3. Juli 2023) hatten im Kunsthaus zehn Künstler und eine Gruppe teilgenommen. Sie kamen aus Dresden, Weinböhla und Radebeul. Das Spektrum der ausgestellten Arbeiten war wieder vielfältig, wobei auch neue Aspekte eingebracht werden konnten. So wurden erstmals Arbeiten von jungen Sprayern des KIZ Weinböhla gezeigt, einer Freizeiteinrichtung für Kinder und Jugendliche. Davon ließ sich wiederum der Grafik-Designer Bernd Hanke aus Dresden inspirieren, der seine vier mit Fotografiken bedruckten Leinwände per Hand übermalte und ihnen neue Botschaften gab. Diese sind noch bis einschließlich September am Kunsthaus, für Passanten gut sichtbar, zu sehen.

Besonderer Beliebtheit erfreute sich die „Malmaschine“, welche der Maler Matthias Kistmacher konstruiert hatte. Eine große Papierbahn, gelagert auf zwei beweglichen Rollen, wurde hauptsächlich von Kindern mit Tempera-Farben bemalt. Kistmacher, der auch das Titelbild des Veranstaltungsflyers schuf, war noch mit drei großformatigen Stadtbildern vertreten. Eines davon zeigte das Straßennetz aus Satellitenperspektive.

Lina Tayern und Gabriel Jagieniak auf der Gartenbühne
Foto: K. (Gerhardt) Baum

Überhaupt schien der Perspektivwechsel ein wesentliches Merkmal dieser ungewöhnlichen Gemeinschaftspräsentation zu sein. Neben Gemälden, Fotografiken und Graffitis konnten auch Collagen, Scherenschnitte, Gartenbilder, Objekte, Skulpturen, Keramiken und Installationen bewundert werden. Bunt bemalte Schüsseln, Teller und Figuren von Christiane Latendorf fand der Besucher beispielsweise im Erdbeerbeet oder zwischen Pflaster- und Ziegelsteinen.

Die Künstler Gabriele Schindler und Reinhard Zabka im Gespräch
Foto: K. (Gerhardt) Baum

Der mit Sukkulenten bewachsene „Sächsische Garten-Azteke“ aus Sandstein von Gerald Risch aus Dresden war im Stein-Pflanzen-Garten genau richtig platziert. Eva und Matthias Kratschmers phantasievoller Digitaldruck „felis ca(k)tus“ zierte die Hauswand, gleich neben Moritz Jason Wippermanns dreidimensionalem Digital-Druck-Objekt „Henning Annegret Kalmar“, einem zweigesichtigen wundersamen Mischwesen. Wippermann zeigte noch in Form der digitalen Malerei eine erfrischende Parodie auf „Die Faulheit“. Nicht zu vergessen das Erstlingswerk der DebüTante 70+. Das Materialobjekt mit dem Titel „Selbst“ wurde in einem alleinsichtigen Glaskasten präsentiert. Und als Kunsthaus-Dauergast war auch Pseudo I dabei, dessen Identität noch immer ein Rätsel aufgibt. Die vier Meter hohen Stämme der kurz zuvor abgesägten und Trauer zeigenden Nadelbäume, ragten im Vorgarten als Mahnmale in den Himmel und wirkten wie eine makabre Performance.

Zahlreiche Besucher nahmen an den Führungen durch das Ausstellungsgelände teil, in die die anwesenden Künstler einbezogen waren und interessantes Hintergrundwissen vermittelt wurde. Das jeweils halbstündige Programm der wandernden Musiker lockerte die Atmosphäre an beiden Tagen zusätzlich auf. Nach verhaltenem Beginn – für den Sonnabend zu zeitig – steigerten sich besonders nach 15 Uhr die Besucherzahlen außerordentlich. Am Ende wurden 260 Gäste gezählt, die alle mit einigen netten Worten am Eingang begrüßt worden sind. Selbst die Radebeuler Kulturamtsleiterin Frau Dr. Gabriele Lorenz kam für eine kurze Stippvisite vorbei. Dass es auch in den anderen Gärten sehr schön gewesen sei, berichteten die Besucher und zeigten ihre Handyfotos.

Die Malmaschine in Aktion, Foto: K. (Gerhardt) Baum

Die Künstler wiederum nutzten die Veranstaltung zum Austausch mit dem Publikum und den Kollegen. Besonders am Sonnabend saß man noch bis tief in die Nacht bei angeregten Gesprächen und einem Glas Wein zusammen. Eine unkonventionelle Dokumentation erinnerte an „Kunst geht in Gärten“ I–III und belegt, dass sich künstlerischer Anspruch und Humor sehr gut miteinander vereinbaren lassen. Gern würde das Kunsthaus im kommenden Jahr wieder an der Radebeuler Gemeinschaftsaktion „Kunst geht in Gärten“ teilnehmen, vorausgesetzt, dass es eine Fortsetzung gibt.

Karin und Karl Uwe Baum

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