18. Thematischer Filmclubabend


Die Kino-Uraufführung des DEFA-Films „Vergeßt mir meine Traudel nicht“ erfolgte im November 1957. Der Regisseur Kurt Maetzig (1911 – 2012) gehörte zu den Mitbegründern der DEFA. Bekannt war er bereits durch Filme wie „Ehe im Schatten“ (1947), „Die Buntkarierten“ (1949) oder die Ernst-Thälmann-Filme (1954/55). Mehrfach arbeitete er mit dem Schriftsteller und Dramaturgen Kurt Barthel, Pseudonym KuBa (1914 – 1967) zusammen. Beide waren stark durch ihre Biografien geprägt, was nicht zuletzt auch in deren künstlerischem Schaffen zum Ausdruck kam.

Der Film „Vergeßt mir meine Traudel nicht“ spielt hauptsächlich im Berlin der Nachkriegszeit. Die Nazidiktatur sowie die Schrecken des zweiten Weltkrieges, hatten in den Menschen ihre Spuren hinterlassen. Die junge Generation war auf der Suche nach neuer Orientierung. Während sich die sogenannte „Hottentottenmusik“, die aus dem Westen herüberschwappte und bei den Jugendlichen großer Beliebtheit erfreute, löste sie bei den Funktionären Argwohn aus, sahen sie doch darin den Ausdruck westlicher Dekadenz mit einem hohen Gefährdungspotenzial. Die Maßnahmen zur Disziplinierung der Kulturschaffenden begannen sich Ende der 1950er Jahre zu verschärften. Der „Bitterfelder Weg“ sollte eine neue programmatische Entwicklung der sozialistischen Kulturpolitik einläuten.

Bemerkenswert ist die Zusammensetzung des Film-Ensembles. Die Hauptdarstellerin Eva-Maria Hagen (1934 – 2022) war in einer Landarbeiterfamilie aufgewachsen, hatte eine Maschinenschlosserlehre absolviert und konnte bereits aus Bühnenerfahrungen im Berliner Ensemble unter Brecht schöpfen. In ihrer ersten Filmrolle der Traudel Gerber ist sie noch mit dunklem Haar zu sehen. Die spätere Stilisierung zum „DDR-Sexsymbol“ greift zu kurz. Als Schauspielerin, Sängerin, Malerin und Autorin stellte sie bis ins hohe Alter ihre Vielseitigkeit unter Beweis. Ihr Filmpartner war Horst Kube (1920 – 1976), welcher den verliebten Volkspolizisten verkörperte. Der vierzehn Jahre ältere Schauspieler war allerdings keine ideale Besetzung. Trotz aller Spielfreude baute sich zwischen den beiden Hauptdarstellern keinerlei erotische Spannung auf. In der Paraderolle als Vermieterin Frau Palotta brilliert Erna Sellner (1905 – 1983). Die vielbeschäftigte Theater- und Filmschauspielerin hatte in so legendären Filmen wie „Große Freiheit Nr. 7“ (1944) und „Die Mörder sind unter uns“ (1946) mitgespielt. Ein kurze, aber sehr intensive Filmsequenz zeigt Manfred Krug (1937 – 2016) als Vollblut-Jazzsänger.

Besonders erwähnenswert ist auch die humorvolle Persiflage auf die bekannte Szene mit dem aufgewirbelten Kleid überm U-Bahn-Abluftschacht mit Marilyn Monroe im Film „Das verflixte 7. Jahr“ (1955). In der DEFA-Version bleibt die Erotik spätestens dann auf der Strecke, als Traudels Schuh-Absatz im Abluftgitter steckt. Auch die nahezu akrobatische Szene in einem Tanzlokal enthält Anspielungen auf das irrlichternde „Hin- und Hergeworfen sein“ junger Menschen, die ihren eigenen Weg erst finden müssen. Tragisches und Humorvolles sind eng miteinander verwoben. Spritzige Dialoge wechseln mit anrührend innigen Momenten. Der Film ist in seiner natürlichen Lebensbezogenheit alles andere als eine oberflächliche Komödie.

„Vergeßt mir meine Traudel nicht“

1957, DDR, DEFA-Spielfilm, 86 Minuten, s/w, FSK 6

Regie: Kurt Maetzig; Drehbuch: Kurt Barthel (Kuba), Kurt Maetzig;
Besetzung: Eva-Maria Hagen (Traudel Gerber), Horst Kube (Hannes Wunderlich), Günther Haack (Wolfgang Auer “Kiepe“), Erna Sellmer (Frau Palotta), Günther Simon (VP-Kommissar), Manfred Krug (Jazzsänger) sowie Sabine Thalbach, Agnes Kraus, Fred Delmare u. v. a.

Der Film beginnt mit dem Fluchtversuch von drei Jugendlichen aus einem Heim. Doch nur der 17-jährigen Waise Traudel gelingt es zu entwischen. Auf der Landstraße wird sie fast von einem Motorrad angefahren. Glücklicherweise gibt es weder Personen- noch Sachschaden. Der junge Mann, ein Lehrer, beginnt sich für das hübsche Mädchen zu interessieren, wird aber zunehmend misstrauisch, da sie sich sehr merkwürdig verhält und auch nicht ausweisen kann. Schließlich setzt er seine Fahrt in Richtung Berlin allein fort. Da er ihr aber seine Adresse aufgeschrieben hatte, steht sie kurz danach vor seiner Tür. Doch Wolfgang Auer, genannt „Kiepe“, ist nicht zu Hause. Stattdessen trifft sie seinen Freund an, den Polizisten Hannes Wunderlich. Dieser lässt sie in die Wohnung und die turbulente Geschichte nimmt ihren Lauf. Die zwei jungen Männer wohnen bei Frau Palotta zur Untermiete. Damenbesuch ist in dieser Konstellation nicht gern gesehen. Dass es sich bei Traudel Gerber angeblich um eine Cousine handeln soll, die den jungen Männern die Wirtschaft führt, ist wenig glaubhaft und sorgt für Klatsch und Tratsch, zumal die „Göre“ ständig Probleme verursacht. Ihr Benehmen lässt zu wünschen übrig und die Stimmungen wechseln ständig. Sie ist raffiniert, verlogen und dreist aber auch naiv, melancholisch und scheu. Traudel hat an ihre frühe Kindheit nur rudimentäre Erinnerungen. Ein Brief, den ihre Mutter im KZ Ravensbrück geschrieben hatte, und der mit dem Satz endet: „Vergeßt mir meine Traudel nicht“, trug die Sechsjährige bei sich als man sie am Hauptbahnhof in Dresden fand. Diesen kostbaren Schatz bewahrte sie seitdem in einem Brustbeutel auf. Sowohl Frau Palotta als auch Hannes haben den Brief mehr oder weniger zufällig gelesen, reagieren darauf aber sehr unterschiedlich. Während der bis dahin pflichtbewusste Hannes aus Liebe und Mitgefühl für Traudel einen Personalausweis fälscht, beginnt die misstrauische Frau Palotta Detektiv zu spielen. Dank ihrer Initiative gelingt es nun, das Rätsel um Traudels Herkunft zu lösen. Welche erstmals etwas über das tragische Schicksal ihrer Eltern erfährt und auch wann und wo sie geboren ist. Traudel erhält einen richtigen Personalausweis ausgehändigt. Der Polizist Hannes muss zwar eine Strafe verbüßen, bekommt jedoch seine Traudel, die er „ein Leben lang bewachen will“ und Wolfgang ahnt, dass ihm so ein Mädel wohl nicht wieder vors Vorderrad laufen wird.

Karin Baum und Michael Heuser
Sprecher der Cineastengruppe „Film Club Mobil“ im Radebeuler Kultur e. V.

Anmerkung: unter Verwendung von verschiedenen Filmbegleitmaterialien und Wikipedia-Eintragungen

Donnerstag am 14. August 2025, um 19 Uhr, in der Kunstscheune, Altnaundorf 6, 01445 Radebeul, Reservierungen ab sofort unter 0160-1038663

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