Ein armer Teufel wünscht sich »die Hölle«

Radebeul, das zeigten gerade wieder die Jubiläumsausstellungen der Städtischen Kunstsammlung und der Stadtgalerie, hat seit langem eine beeindruckende Künstlerdichte aufzuweisen. Schon im 19. Jahrhundert zog es mehr Maler-, Musiker- und SchriftstellerInnen in die an Reizen reiche Lößnitz, als im kollektiven Gedächtnis Platz finden. Zu den inzwischen gründlich Vergessenen zählt auch der einst weit über die Grenzen seiner sächsischen Heimat hinaus bekannte Zeichner und Schriftsteller Carl Reinhardt, der nach bewegtem Leben 1877 als Redakteur und Gastwirt in Kötzschenbroda starb.

Bild: F. Andert, illustrierte Zeitung von 1877


Am 25. April jährt sich Reinhardts Geburtstag zum 200. Mal. Aus diesem Anlass hier ein ursprünglich nicht für die Öffentlichkeit bestimmtes, autobiographisch aussagekräftiges Gedicht, mit dem der damals noch in Dresden ansässige Spaß- und Pechvogel 1867 beim sächsischen König Johann den ersten Band der neuen Prachtausgabe von Dantes »Göttlicher Komödie« zu schnorren versuchte:

»Zürne nicht, mein lieber, guter, gnäd?ger König, wenn ich Dir
Diese Verse voller Füße lege zu den Füßen hier.
Viele kommen, viele bitten Dich um Geld, um eine Stelle;
Ach, ich strebe nicht nach beidem, meine Sehnsucht ist die Hölle!
Jenes alten Dante?s Hölle, die erschien bei Teubner jetzt,
Die Du, lieber gnäd?ger König, hast in?s Deutsche übersetzt,
Die ich gerne haben möchte, und mir doch nicht kaufen kann,
Weil ich bin, Du wirst es hören, ein vierfach geplagter Mann.
Erstens bin ich Maler worden, das bedaur? ich jetzo sehr,
Denn bei diesen schlechten Zeiten kauft ja niemand Bilder mehr!
Es ist schade um die Leinwand, die mit Farben man bemalt;
Conterfeit man Mond und Sonne, es wird nimmermehr bezahlt. –
Zweitens nahm ich mir ein Weiblein schon vor fünfundzwanzig Jahren,
Damit bin ich fast noch schlechter als mit meiner Kunst gefahren.
Sie ist zwar mein liebes Gustel, stets das Herz mich zu ihr zieht,
Doch sie schenkte mir vier Jungen mit gesundem Appetit.
Ach ich ward ein Ugolino, doch ich ward es umgekehrt,
Da nicht ich aß meine Jungen, sondern sie mich aufgezehrt.
Vier Paar Röcke, vier Paar Westen, vier Paar Stiefeln brauchten die,
Wenn mir armen Malerseele ein Paar machten schon viel Müh. –
Drittens bin ich arm wie Hiob, plage mich mit Sorgen schwer,
Doch das hindert mich sehr wenig, bin einmal kein Millionär.
Habe trotzdem Equipage, fahre flott mit Schusters Rappen,
Die mit meines Fahrstuhls Lenker hinter mir beständig trabben,
Da ich viertens, – und jetzt kommt nunerst das schlimmste meiner Leiden –
Mich mit Gicht und Podagra muß schon seit zwanzig Jahren streiten.
Nun sag an, mein gnäd?ger König, bin ich da nicht ohne Zweifel
Einer Deiner ärmsten Sachsen, so ein rechter armer Teufel? […]
Faßt Dich nun ein mild? Erbarmen, ei, so schenk? ein Exemplar
Mir geplagtem Supplikanten, dessen Wunsch es längst schon war.«

Im Gegensatz zu Reinhardts meisten anderen Unternehmungen hatte dieses in trochäischen Achthebern versiert gereimte Bittgesuch den gewünschten Erfolg, der König ließ ihm das Buch zuschicken. Wer mehr über den Zeichner und Schriftsteller, Gelegenheitsdichter und Gastwirt Carl Reinhardt erfahren möchte, hat dazu ab 17. April in einer kleinen Kabinettausstellung des Sächsischen Weinbaumuseums Hoflößnitz Gelegenheit. Denn auch der seinerzeit generell recht übel beleumundete Elbtalwein war in Bild und Text wiederholt Zielscheibe seines Spottes. Am 25. April, Reinhardts 200. Geburtstag, lädt das Museum um 19 Uhr zu einer Kuratorführung ein.

Frank Andert

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