Im Spannungsfeld zwischen Heimat und Fremde

Malerei, Grafik und Objekte von André Uhlig in der Radebeuler Stadtgalerie

Der scheinbar banale Titel „Hier und dort“, den André Uhlig zum Motto über diese Ausstellung stellt, drückt die Position des Künstlers im Spannungsfeld zwischen Heimat und Fremde aus. Heimat, das Geborgensein, die Nähe zum Ort der Geburt, sind ihm ebenso wichtig, wie weite Reisen in die Welt, immer auf der Suche nach neuen Räumen, Menschen und Landschaften. In seinen eindringlichen Prospekten und Panoramen beklagt er die Verwüstung öffentlicher Räume durch globale Einheitsarchitektur und bekundet so seine Liebe zum über Jahrhunderte Gewachsenen Lebensraum. Dabei sind seine Bilder eigentlich ohne Pathos, eher realistisch mit einem Hang zur leichten Abstraktion. Vielmehr spürt man das Interesse am Atmosphärischen, Jahreszeit, Wind und Wetter, Farbe, Licht und Spiegelung in einem umschließenden kosmischen Raum. Darin ist er Romantiker. Leider hat die Globalisierung teilweise zu einer weltweiten Vereinheitlichung des urbanen Raums durch hässliche Standards geführt. Ob in Indien, Irland oder Italien (die Uhlig mehrmals bereiste) oder auch hier kommt es zu einer zunehmenden Entwertung natürlich gewachsener Kulturlandschaften. Jedes Volk der Welt besitzt diesen überlieferten Raum, den es zu pflegen und zu bewahren versucht, um sich kulturell und mental zu erden. Das Kapital frisst sich in die Substanz einer Landschaft. Unbefleckte Natur wird zum Luxusobjekt.

Bild: K. (Gerhardt) Baum


André Uhligs Beitrag beginnt mit der oft dunkel leuchtenden Hügellandschaft seiner Heimat Radebeul. Er ist ein Hier-Gewachsener mit Flügeln, die ihn in die Welt tragen. Die Radebeuler Landschaft birgt die gesunden Kräfte für ein stimmungsvolle Malerei. Gestaffelt und strukturiert durch den traditionellen Weinbau mit seinen Terassen wird man unwillkürlich an die ostasiatische Reiskultur erinnert. Ähnlich wie einige Arbeiten von Paul Wilhelm haben die Kohle-und Tuschezeichnungen etwas chinoises an sich, gerade die Grafik, die hier zu sehen ist erinnerte mich daran. Sparsam und stoisch die Wiedergabe von Berg und Tal. Poetisch und unberührt das Bild im Klang der Stille.

»Winter« 2016, Kaltnadelradierung
Bild: Repro K. (Gerhardt) Baum


Natürlich setzt sich Uhlig auch bildlich mit dem Desaster des Raumes auseinander. Zwei Bilder hinter weit geöffneten Fensterflügeln (Mischtechniken von 2011 und 2018) täuschen einen Fensterausblick vor mit dem Blick auf ein böhmisches Dorf im 18. Jahrhundert (Postkutsche) und vom gleichen Standort aus ist der Focus auf das Dorf in unserer Zeit gerichtet. Unwirklich sind die von Highway und Hochhäusern verstellten Berge. Böhmen ist immer wiederkehrendes Thema seiner Grafik und Malerei. Anderenorts ist Böhmische Lieblichkeit untermischt mit ein wenig morbidem Verfall. Ganze Serien hat Uhlig geschaffen. Auf Fußwanderungen von Radebeul bis ins Altvatergebirge entdeckten er und seine Lebensgefährtin Simona Jurk das Gehen beim Wandern, das Schauen und Festhalten des Augenblicks. Zahlreiche Zeichenbücher füllten sich, wie man in der Vitrine sehen kann.

»Spurensuche in Königsmühle« 2016/2017, Farbradierung
Bild: Repro K. (Gerhardt) Baum


André Uhlig verbrachte seine Kindheit in Radebeul. Der Vater, Ralf Uhlig, selbst Maler, förderte das Talent, immer einen „Pinsel in der Hand“. Im Zeichenkurs bei Gerhardt Rost (im Unterricht an der Grundschule) wurden die elementaren Grundlagen gelegt. Privatunterricht bei Dieter Beirich verfeinerte das intensive Sehen und Gestalten. Eine Druckerlehre folgte. Auch die Musik begeisterte den jungen Mann. Mit 17 Jahren nahm er Gitarrenunterricht bei Herbert Voigt in Radebeul. Jahre als Gitarrist der Dresdner Rockband „The Novikents“ folgten. Im Jahr 2000 vervollkommnete er sich in der Lithographie in Kursen von riesa efau. Intensive Beschäftigung mit dem Tiefdruck im „Freundeskreis Tiefdruck“ bei Wolfgang Bruchwitz legte den Grundstein für die Radierung. Insbesondere Kaltnadel und Farbradierung prägten seine Handschrift. In jedem Jahr veröffentlicht der Freundeskreis einen Tiefdruckkalender. 2007 ging Uhlig in die Selbständigkeit nach einer aufreibenden Arbeit als Druckinstrukteur bei der KBA-Planeta AG. Auf Reisen (nach England und Venedig) entdeckte er die natürlichen Erden und Sande aber auch Kaffee, die er seinen Bildern seitdem beimengt, vor allen Dingen bei Mischtechniken und Kohlezeichnungen.

Von den Themen, die Uhlig in seine Bilder nimmt, sind es vor allem weite Felder in der Umgebung, die Weinberge in Radebeul, der Herbstwald in Böhmen (auf zahlreichen Wanderungen mit Skizzen festgehalten), alte Weiden an der Elbe, Ruinen und historische Bauwerke (vor allem in Böhmen), die Steilküste bei Rügen, Wieck, Strand und Straßenzenen in der Dresdner Neustadt, sowie Impressionen von Reisen nach Indien, Italien, Irland, England und anderswo. Soeben ist er aus Indien zurückgekehrt, auf einer vierwöchigen Reise in die Ausläufer des Himalaja hat er die dort lebenden Menschen und die indische Landschaft lieben gelernt. „Indien liebt man oder man hasst´es“. sagt er verschmitzt. Mit einem indischen Freund wurden Projekte realisiert, so ein Workshop mit den Drucktechniken für Kinder.

In Uhligs Bildern herrscht eine Strenge und ein seltsam stiller, sonorer, erdiger Klang. Die Konturen durch das Schwarz stark umrissen, dämmern und dunkeln die Bilder. Die Motive bekommen eine Festigkeit und eine innere Balance, die sich auch in der Bildern von alten Fachwerkhäusern zeigt, deren Statik sich als fest und unerschütterlich erweist. Der böhmische Wald wird zum Geheimnis, besonders im herbstlichen Glanz, die fernen Städte am Mittelmeer, wie Nester an den Berg geschmiegt leuchten und glänzen im Licht. Die harte Kaltnadel hebt das Detail besonders hervor, während die Mischtechniken leicht impressionistisch sind und ein lichter Dunst über die Bilder gelegt ist. Warmfarben sind die Indienbilder, die Häuserreihen am Fluss, ähnlich wie in Venedig mit seiner Poesie des Wassers, der Spiegelungen und Kanäle. Eine Vitrine mit Reise-Mitbringseln, darunter auch ein Flacon mit Gangeswasser, gibt der Ausstellung den letzten Schliff.

Ich danke Ihnen!

Heinz Weißflog

Laudatio zur Ausstellungseröffnung am 16. März 2018
Die Ausstellung wird bis zum 29. April 2018 gezeigt. Am 20. April findet um 19.30 Uhr mit dem Künstler ein Galeriegespräch statt.

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