Schweizerhäuser in der Lößnitz

Diese Häuserart finden wir vorwiegend in Radebeul, da sich diese aber im Lößnitzgrund über die Stadtgrenze Radebeuls hinaus fortsetzen, habe ich in der Überschrift den Begriff der Landschaft Lößnitz gewählt. Bei den hier dargestellten Schweizerhäusern handelt es sich um eine Gruppe von Häusern in regional geprägten Formen. Eine deutschlandweite Verbreitung fanden die alpenländischen Bauern- oder Landhäuser im 19. Jh., in der Lößnitz, genauer gesagt, in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Solche Beispiele für Schweizerhäuser gibt es u.a. auch in Glienicke bei Potsdam, in der Sächsischen Schweiz (Gasthaus „Lichtenhainer Wasserfall“) und in Dresden auf der Grundstraße. Apropos Sächsische Schweiz, dieser Name für das richtig lautende Elbsandsteingebirge kam erst ab 1800 auf, als die beiden in Sachsen ansässigen schweizer Maler Adrian Zingg und Anton Graff, dieses Gebirge bereisten und malten und sich dabei an ihre Heimat erinnerten – der Begriff steht auch mit dem Zeitalter der Empfindsamkeit in Verbindung.
Im 19. Jh. kam das Reiseziel Alpen stark auf – für diejenigen, die solch eine Reise durchgeführt hatten, war ein Schweizerhaus daheim dann eine schöne Erinnerung, jene aber, und das dürfte die Mehrzahl gewesen sein, die sich diese Reise nicht leisten konnten, hielt das Schweizerhaus in Radebeul den Reisewunsch „Alpen“ weiterhin wach! In unserer Region bot sich bevorzugt der Lößnitzgrund für den Bau solcher alpenländischer Häuser an, es gab ein kaum besiedeltes Tal mit Bach und Mühlen, die Talflanken waren meist bewaldet und zeigten an mehreren Steinbrüchen Felswände. Der Lößnitzgrund stellte im 19. Jh. aber auch ein beliebtes Naherholungsziel mit Gaststätten von schweizer Flair, wie die „Meierei“ dar. Hinzu kamen ab 1884 die Schmalspurbahn und später noch das Bilzbad. Mit etwas Phantasie kam da schon ein Gefühl „wie in der Schweiz“ zu sein auf. Es fehlte nur, dass einer da mit Echoeffekt gejodelt hätte!


Vom Typ her sind die hiesigen Schweizerhäuser Landhäuser, Einfamilienhäuser, oft auch nur Sommerhäuser. Aber auch stattlichere Häuser, die dann eher Villen zuzurechnen sind, wie zB. Paradiesstraße 46, Weinbergstraße 10 oder 26. Es sind aber niemals 1:1- Nachbauten von schweizer Häusern, die hiesigen Architekten und Baumeister dürften nie dort gewesen sein und haben sich nur von Bildern der Originalhäuser inspirieren lassen. Manche haben nur wenig Ähnlichkeit oder entsprechen dem Typus Schweizerhaus nur entfernt. ZB. erscheint mir hier die stärkere Höhenentwicklung der Häuser und die Fenstergrößen durchaus abweichend von den Originalen.

Und wenn sie mir jetzt die Frage stellen sollten: wer baute in unseren Breiten die besten und meisten Schweizerhäuser? Dann lautet die Antwort wieder mal: ja, es sind die Zillers, genauer gesagt die Firma Gebr. Ziller, also Moritz (*28.09.1838 +11.10.1895) und Gustav Ziller (*03.04.1842 +27.02.1901) gewesen. Eine recht gut passende Querverbindung wäre schon, dass Vorfahren der Familie Ziller aus dem Zillertal (Tirol) stammen würden und diese die alpenländischen Haustypen hierher mitgebracht hätten. Das muss ich aber als nicht zutreffend, bzw. nicht nachweisbar darstellen. Durch die Fa. Gebr. Ziller wurde mit den Schweizerhäusern im Lößnitzgrund auf jeden Fall auch eine städtebauliche Wirkung erzielt, im Falle der Eduard-Bilz-Straße, Schweizerstraße („nomen est omen“) und auch in der Zillerstraße wurde das nur ansatzweise erreicht. An den Häuserbeispielen des Lößnitzgrundes erkennen wir, dass hier die Gebr. Ziller einen Grundtyp von Schweizerhaus hatten, der je nach Gelände bzw. Kundenwunsch geringfügig angepasst oder variiert wurde, ähnlich auch in der mittleren Eduard-Bilz-Straße. Andere Architekten und Baumeister wie C. E. Johne, August Große oder Adolf Neumann haben im Untersuchungsgebiet auch Beispiele dieser Mode hinterlassen. Ja, ich spreche absichtlich von Mode und nicht von einem Baustil. Die Übertragung von regionalen Haustypen in eine andere Landschaft, wie Schweizerhäuser nach Sachsen, könnte man durchaus kritisch sehen, weil bei starker architektonischer Vermischung die bauliche Typik einer Region über die Jahre verdrängt würde. Manchmal wurden und werden von ortsansässigen Bauherrn bauliche Urlaubserinnerungen aus Spanien, Schweden oder eben der Schweiz (Dr.-Rud.-Friedrichs-Str. 40) hier mit unterschiedlichem Erfolg ausprobiert. Soweit die Theorie, in der Praxis kann man aber einen architektonischen Mix bis zu einem gewissen Grad akzeptieren und Radebeul ist dafür ein gängiges Beispiel. Seit die meisten Schweizerhäuser in die Denkmalliste aufgenommen worden sind, kann man wohl auch vom weiteren Erhalt dieser Häusergruppe ausgehen.

Was sind nun im Detail die Merkmale der Schweizerhäuser, die sie von anderen Häusern in unserer Region unterscheiden? Zu allererst möchte ich die Dachform nennen: Pfettendachstuhl mit Drempel, flach geneigte (ca. 15 … 35°) Sattel- oder Krüppelwalmdächer mit weitem Dachüberstand (50 … 120cm) an den Giebeln und Traufseiten. Hinzu kommen hölzerne Verzierungen an allen Dachkanten, solche, die eiszapfenartig herabhängen oder aufstrebende Elemente an den First- und Traufenden. Balkone aus Holz befinden sich meist am Giebel, manchmal sogar in zwei Etagen oder auch an den Längsseiten. Die Balkongeländer sind häufig aufwändig mit senkrechten Brettern in der Art barocker Docken geschweift gestaltet. Die Wände über quadratischem oder rechteckigem Grundriss sind massiv (meist Naturstein oder Ziegel) aufgeführt und verputzt, Wandteile davon können in Fachwerk ausgeführt oder verbrettert gestaltet sein und Haussockel erscheinen oft steinsichtig (Syenit). Wir finden stehende Fensterformate, dazu häufig hölzerne Klappläden. Manchmal gibt es auch Risalite auf den Längsseiten, Gaupen und Erker sind original eher selten. Vom Haus Lößnitzgrundstraße 103 habe ich mal ein historisches Typenblatt (Werbung um 1880) kopieren können. Am spannendsten sind darauf die Baukosten von 16 000,- Mark! Klingt preiswert, aber in der Kaiserzeit hieß das Goldmark und das war eine ganz andere Größe als jede spätere Mark!



Die Anzahl der Schweizerhäuser ist hier doch recht groß, im Raum Dresden kenne ich keine vergleichbare Anhäufung derartiger Häuser und sie sind nicht so leicht zu begrenzen. Der Auflistung im Anhang steht eine größere Zahl von ähnlichen oder Schweizerhäusern nur entfernt ähnlichen gegenüber. So zeigen etliche der Beispiele nur einzelne der o.g. Merkmale, andere haben diese über die Zeit (ca. 150 Jahre) bei früheren Sanierungsversuchen eingebüßt.


Oft wurden bei Reparaturen hölzerne Dachzier und der weite Dachüberstand weggelassen oder der Kosten wegen auf ein Minimum eingekürzt. Bei den geringen Dachneigungen kamen in der Zeit nach 1945 statt Schiefer dann oft Dachpappe oder Pappschindeln aufs Dach. Auch muss festgestellt werden, dass sich die Vorschriften für Dachdecker inzwischen verschärft haben: was um 1880 bei Schiefer erlaubt und üblich war, geht inzwischen so nicht mehr. So ist bei ganz flachen Dächern Naturschiefer nicht immer möglich, entweder man entscheidet sich für die teure Schiefer-Doppeldeckung oder man muss in einigen Fällen auf Zinkdeckung ausweichen. Nach 1989 bekamen vor allem als Sommerdomizil errichtete Schweizerhäuser oft unangemessen starke Wärmedämmung verordnet. So war die Weinbergstraße 38 wärmetechnisch nicht zu ertüchtigen und wurde schließlich abgerissen. Dass es auch anders geht, sieht man am Landhaus Bennostraße 23, wo bei einer um 2008 erfolgten Sanierung nach Befund und alter Bauzeichnung alle Merkmale erhalten bzw. so gut ergänzt wurden, dass sich dieses Haus heute als Muster eines Schweizerhauses empfiehlt. Ebenfalls ein Haus, wo sich fast alle Schweizerhausmerkmale erhalten haben, ist am Standort der „Bilz-Pension“ im Lößnitzgrund zu bewundern.

Dietrich Lohse

Fotos: D. Lohse

 

Anhang zu „Schweizerhäuser in der Lößnitz“

Auerweg 2a – August Große – 1875
Augustusweg 5 – Gebr. Ziller – um 1870
Bennostraße 23 – Gebr. Ziller – 1873/74
Borstraße 19 – Gebr. Ziller – 1878
Dr.-Rud.-Friedrichs-Str. 25 – Adolf Neumann – 1893
Eduard-Bilz-Str. 27 – Gebr. Ziller – 1877
Eduard-Bilz-Str. 35 – Gebr. Ziller – 1880
Jägerhofstraße 47 – Gebr. Ziller – 1877/78
Lößnitzgrundstr. 81 – Gebr. Ziller – 1887
Lößnitzgrundstr. 84 – Gebr. Ziller (Meierei) – um 1880
Lößnitzgrundstr. 97 – Gebr. Ziller zugeschrieben – um 1880
Lößnitzgrundstr. 99 – Gebr. Ziller zugeschrieben – um 1880
Lößnitzgrundstr. 103 – Gebr. Ziller (Bilz Kurhotel) – 1887/88
Lößnitzgrundstr. 107 – Gebr. Ziller zugeschrieben – um 1880
Lößnitzgrundstr. 115 – Gebr. Ziller zugeschrieben – um 1880
Lößnitzgrundstr. 117 – Gebr. Ziller – 1884/85
Lößnitzgrundstr. 125 – Gebr. Ziller zugeschrieben (Haus am Hang) – um 1880
Lößnitzgrundstr. 126 – Gebr. Ziller zugeschrieben – um 1880
Paradiesstraße 46 – Moritz Ziller – 1863
Waldstraße 20 – Moritz Ziller – 1860/61
Weinbergstraße 10 – C. E. Johne (neben Meinh. Turmhaus) – 1853
Weinbergstraße 26 – Gebr. Ziller – 1866/67
Winzerstraße 7 – Gebr. Ziller zugeschrieben – um 1890

Dietrich Lohse

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