Zum 5. Todestag am 7. Juli Prof. Dr. phil. Dr. h.c. Richard Müller (Teil 1)

Zum 5. Todestag am 7. Juli Prof. Dr. phil. Dr. h.c. Richard Müller (Teil 1)
Die Silicone machten ihn wetberühmt – er machte die Silicone weltberühmt:

Seine hohen Verdienste sind bereits vielfältig gewürdigt worden und an entsprechend vielen Stellen nachlesbar. Wir führen uns hier nur vor Augen, an wen wir bei Nennung des Namens Richard Müller denken, und sei es bei Betrachten des neuen Radebeuler Stadtplanes. Die Richard Müller-Straße verlauft im Nordosten („Waldstraßenviertel“) zwischen Friedrich-von-Heyden-Weg und Ernst-Kegel-Straße. In der Natur sind diese Straßen noch nicht wahrzunehmen, da ihr Bau in einer späteren Phase vorgesehen ist. Am 17.07.1903 in Hartha bei Waldheim (Mittelsachsen) geboren, erhält er nach Schulbesuch in Hartha, Waldheim und Döbeln 1923 das Reifezeugnis. Das Studium (als Werkstudent) der Chemie, Physik und Mineralogie in Leipzig schließt sich an. In seinen „Erinnerungen“ berichtet er begeistert von dieser Zeit des Wissenserwerbes und seinen Professoren. Unter ihnen nennt er die beiden Nobelpreisträger Werner Heisenberg (Beitrage zur Quantenphysik, Unschärferelation) und Peter Debye. Bei letzterem spricht ihn besonders die Klarheit seiner Vorlesungen an – ein Vorbild für seine spätere eigene Lehrtätigkeit. Auch erwähnt er Hermann Kolbe (Vorgänger eines seiner Professoren), auf dessen Salizylsäure-Synthese die Gründung der Chemischen Fabrik von Heyden in Radebeul zurückgeht. Wir denken hierbei an das Medikament ASS (Acetylsalicylsäure). Sein Studium beendet er 1928. Seine Doktorarbeit „Beitrage zur Kenntnis des Systems Nickeloxyd-Sauerstoff-Wasser“ bei Max LeBlanc – Direktor des Physikalisch Chemischen Instituts und zu dieser Zeit Rektor der Universität – schließt sich an. Wir lesen von der Freude LeBlancs bei einer Begegnung mit Richard Müller 1942 bei der Feststellung, dass dieser kein Nationalsozialist ist. Beide Herren machen ihre Ablehnung der NSDAP sogar mitten im Kriege deutlich. Seine Promotion erfolgt 1931, bald danach seine Anstellung als Forschungschemiker bei von Heyden in Radebeul. 1932 heiratet er seine Ehefrau Lotte, ebenfalls Dr. phil. auf chemischem Gebiet. Er freut sich, bei von Heyden ein vielseitiges Fabrikationsprogramm anzutreffen und seinen Fähigkeiten entsprechend gefordert zu werden. Er dankt dies Rudolf Zellmann, uns als späterer Direktor der Firma bekannt. 1941 dann die historische Entdeckung: Er findet den richtigen Weg, begehrten Silicone auch technisch herstellen zu können. Man weiß schon viel über Silicone, so viel, dass man sie gern hatte, bisher aber nicht. wie man sie sicher und ökonomisch erzeugen kann. Da ist es nun der epochale Fortschritt, dass Richard Müller ein – ja das Verfahren entdeckt, nach dem man Silicone gefahrlos und in erheblichen Mengen herstellen kann. Aber es ist Krieg, und deshalb kann die Produktion noch nicht wie gewünscht aufgenommen werden. Seine Entdeckung erfolgt unabhängig von E. Rochow in den USA, der dort nahezu zeitgleich zum selben Ergebnis gelangt. Und was passiert nun nach Kriegsende? Die sowjetische Besatzungsmacht vermutet in der wissenschaftlichen Tätigkeit Richard Müllers atomphysikalische Untersuchungen, für die sie sich sehr interessiert. „Nur durch Dummstellen – die Silicon-Arbeiten waren noch nicht bekannt bzw. den Russen verheimlicht worden – verhinderte ich, dass ich durch eine deshalb angereiste Expertengruppe zwangsweise mit in die Sowjetunion genommen wurde.“ (Aus seinen „Erinnerungen“).
Jedoch widerfährt ihm wie vielen Radebeuler von dieser Seite anderes Ungemach: Er wird mit Frau und Töchterchen aus seiner schönen Wohnung durch die Besatzungsmacht hinausgesetzt. Er wohnt in der Goethestraße, und diese liegt im sog. Russenviertel benannt nach dem „Gasthof zum Russen“: Ein Russe hatte sich vor langer Zeit dort als Gastwirt niedergelassenen und sein Lokal nichts ahnend so genannt. Bei aller Misslichkeit der Lage finden doch noch etliche Radebeuler den Galgenhumor, darüber zu witzeln, dass die Russen nun ausgerechnet im Russenviertel Quartier beziehen. Unserer Familie Dr. Müller und vielen anderen durfte keineswegs zum Lachen zumute sein. Sie findet zunächst eine Notunterkunft auf dem von Heydenschen Betriebsgelände, später folgen weitere Umzüge, zuletzt sogar in eine sehr schöne Wohnung in Oberlößnitz. Die Chemische Fabrik wird demontiert. Viele wertvolle Produktionsanlagen werden dabei vernichtet, so dass ein regelrechter Wiederaufbau erforderlich wird. An diesem beteiligt sich Richard Müller sehr engagiert. Er setzt setzt sich gegen den Widerstand der Machthaber durch, die aus unserer Chemischen Fabrik eine Filzschuhfabrik machen wollen. Er erreicht auch, dass das Zweigwerk in Nünchritz nicht nur wieder als Schwefelsäure- und Ätznatron-, sondern auch als Siliconfabrik aufgebaut wird.
Dem Wiederaufbau der Radebeuler und Nünchritzer Produktionsstätten kommt sehr zugute, dass die Westalliierten in dem von ihnen zunächst besetzten Westsachsen und Thüringen die dortigen Betriebe unversehrt gelassen haben. Dadurch sind z. B. Zeiss und Schott in der Lage, vieles nach Radebeul zu liefern, was hier für den Wiederaufbau dringend benötigt wird. Richard Müller wird mit der technischen Leitung des Wiederaufbaus betraut. Dabei muss er viel improvisieren, z. B. kann man sich zur Dampferzeugung nur zweier ausrangierter Lokomotiven bedienen. (Wie gut, dass der Bahnhof so nahe gelegen), Methanol lässt sich derzeit nur auf abenteuerlichen chemischen Umwegen gewinnen.
Für sein hohes Verdienst um die Siliconforschung wird er 1951 zusammen mit Bertolt Brecht u. a. mit einem der ersten Nationalpreise der DDR ausgezeichnet. (Damals galt noch ein sehr hoher Maßstab, erst später war es leichter, diese Auszeichnung zu erhalten)
Gerwalt Beyer
(Fortsetzung folgt)
Es empfiehlt sich, auch Ulrich Pohle „Nationalpreistrager Prof. Dr. Richard Müller“ in „Die Vorschau“. Sept 1953, zur Hand zu nehmen. Man findet das Heft und anderes interessantes (nicht nur zu Richard Müller) im Stadtarchiv, Gohliser Str. 1

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