Zum 5. Todestag am 7. Juli Prof. Dr. phil. Dr. h.c. Richard Müller (Teil 2)

Zum 5. Todestag am 7. Juli Prof. Dr. phil. Dr. h.c. Richard Müller
Die Silicone machten ihn weltberühmt – er machte die Silicone weltberühmt:

Es kommt zum 17. Juni 1953 *). Für sein Auftreten dabei zollen ihm die Radebeuler hohe Anerkennung. Die Belegschaft schließt sich dem allgemeinen Streik an und bittet ihn, die Leitung zu übernehmen. Sein mutiger Einsatz macht in Radebeul die Runde. Er wird von der Volkspolizei verhaftet, dann aber an sowjetische Sicherheitsorgane auf deren Verlangen ausgeliefert, die die von deutscher Seite beabsichtigten Handschellen ablehnen (also dort noch ein gewisser Respekt vor dem Wissenschaftler!); verhört wird er von sowjetischen Generalen. Diese fragen vor allem danach, ob der Aufstand organisiert gewesen sei, da er ja an vielen Orten gleichzeitig begonnen habe. Er verneint, die Gleichzeitigkeit beruhe auf der überall gleichen Unzufriedenheit. Dann lässt man ihn frei und – versucht, ihn als Spion anzuwerben. Selbstverständlich versagt er sich.
Der Staatssicherheitsdienst der DDR versucht gar nicht erst, ihn anzuwerben. Hingegen vermutet R. Müller. dass man zwar IM **)  auf ihn ansetzt, aber im Übrigen die Finger von ihm lässt, um nicht das Ansehen der DDR zu beeinträchtigen. Einen frühen Nationalpreisträger und Wissenschaftler von Weltgeltung kann man nicht ungestraft maßregeln. Als einem seiner Mitarbeiter die Republikflucht gelungen ist, kann er sogar noch ohne böse Folgen Briefkontakt mit ihm pflegen. (Ob dieser wohl gar nicht bemerkt worden ist?) 1954 gründet er in Radebeul nach langen Auseinandersetzungen das „Institut für Silikon- und Fluorkarbonchemie” unter Ausgliederung aus der Chem. Fabrik v. Heyden. Die Ergebnisse der betrieblichen und Grundlagenforschung bedeuten hohen wissenschaftlichen und volkswirtschaftlichen Gewinn, innerhalb der DDR werden sie insbesondere im Zweigwerk Nünchritz umgesetzt. England und Frankreich kaufen je eine Lizenz. Von Italien angestrebte Lizenzkäufe werden von der vorgesetzten VVB***) – gegen die wirtschaftlichen Interessen der DDR – verhindert, um das Ansehen des Institutes zu begrenzen (!). Der Siegeszug der Silicone vom einfachen Abdichtmittel über die Basis für zahlreiche Computerteile bis zum Einsatz in der Schönheitschirurgie ist uns ja bekannt. Wenn es übrigens in letzterem Zusammenhang Probleme gegeben haben sollte, so wären diese nicht auf die Silicone, sondern auf den beigefügten Weichmacher zurückzuführen.
Silicone standen zwar bei seinem Schaffen im Vordergrund, es erschöpfte sich aber nicht in ihnen. So war er z. B. in gewissem Sinne an der Entwicklung des Elektronenmikroskopes beteiligt, das die Forschung wesentlich vorangebracht hat.
Er versteht sich als Leiter nicht nur als Vorgesetzter, sondern vor allem als Teil einer guten, kameradschaftlichen Arbeitsgemeinschaft. Und diese verdankt ihm das ausgezeichnete Arbeitsklima, das entsprechend hohe Forschungsergebnisse begünstigt.
Eine ebenso positive Rolle spielt er als Familienvater, wenngleich er sogar zu Hause sehr viel an den Schreibtisch gefesselt ist. Denn auch dort kann er der Wissenschaft dienen. Weil seine Frau – von der er voll Liebe, Dankbarkeit und Hochachtung spricht – und später dazu seine Tochter das erforderliche Verständnis entgegenbringen und ihn von häuslichen Arbeiten entlasten. Wir schließen uns diesem Dank an.
(Fortsetzung folgt)
Gerwalt Beyer
*) Vgl. Gerwalt Beyer: „Mein 17. Juni“ in „Vorschau und Rückblick”, Juni 2003
**) Inoffizielle Mitarbeiter (Informanten des Staatssicherheitsdienstes)
***)Vereinigung Volkseigener Betriebe

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