100 Jahre Vor|Stadt|Geschichte – Die Lößnitz 1835-1935

1835 war die Lößnitz eine vom heraufziehenden Fortschritt praktisch noch unberührte Weinbaulandschaft, in der sich acht alte Dörfer und Dörfchen und ein paar Dutzend Weingüter malerisch verteilten. Radebeul gehörte eher zu den Dörfchen. Unbestrittener Hauptort war der Marktflecken Kötzschenbroda mit frisch renovierter alter Kirche, zweieinhalb Stunden von Dresden entfernt.

Im gleichen Jahr wurde die »Leipzig-Dresdner Eisenbahn-Compagnie« gegründet. Der Bau dieser ersten deutschen Ferneisenbahnstrecke, von der die Lößnitz das Glück hatte, durchschnitten zu werden, und die sächsischen Reformen jener Jahre – u.a. ist da die Einführung der kommunalen Selbstverwaltung auch auf dem Lande durch die Gemeindeordnung von 1838 zu erwähnen – läuteten eine Zeit tief greifender Veränderungen ein. Hundert Jahre später war die Vereinigung der Lößnitzgemeinden zur »Industrie- und Gartenstadt« Radebeul vollzogen. Dieses »neue Radebeul« hatte mehr Einwohner als heute und achtmal so viele wie die Lößnitz 1835.

Bei der Ausstellungseröffnung am 8. Januar 2010 (Foto K. Gerhardt)

Die goldenen Jahre des »Sächsischen Nizza« waren zum Zeitpunkt des Zusammenschlusses von Kötzschenbroda mit Radebeul am 1. Januar 1935 schon wieder Geschichte. Diese goldene Ära hatte etwa mit der Reichseinigung 1871 begonnen und bis zum Ersten Weltkrieg gedauert. Es war die Periode des Baubooms und der Industrialisierung, die Blütezeit des Kurbetriebs, des Fremdenverkehrs und des bürgerlichen Vereinswesens in der Lößnitz. Damals entstanden die neuen städtischen Kerne von Kötzschenbroda und Radebeul (ohne dass diese Gemeinden zunächst irgendwelche städtischen Ambitionen hegten). Damals wurde die grundlegende Infrastruktur der öffentlichen Daseinsvorsorge geschaffen, die großen Schul- und die schönen Rathäuser gebaut.

Mitten in dieser Zeit wurde auch der Wunsch nach Vereinigung mehrerer, wenn nicht aller Lößnitzgemeinden zu einem größeren Gemeinwesen lauter. – Von außen gesehen erschien die Lößnitz ohnehin schon als eine große zusammenhängende »Vorstadt der sächsischen Residenz«. Die schrittweise Umsetzung dieser Bestrebungen blieb schlechteren Zeiten vorbehalten; wachsende Aufgaben und die Not der öffentlichen Haushalte sowie die Abneigung gegen eine Eingemeindung nach Dresden schweißten zusammen. Vollendet wurde die Vereinigung dann in der allerschlechtesten Zeit. Mit Gewalt brach man eine erst fast reife Frucht vom Baum, die in den hundert Jahren davor gewachsen war.

Viel reifer wäre sie vermutlich nicht mehr geworden, denn 1935 war die Stadt praktisch fertig. Danach passierte lange nicht mehr viel, oder zumindest nicht mehr viel Gutes. Auch die großen Wunschträume, die in den Vereinigungsdiskussionen der 20er Jahre immer wieder eine Rolle gespielt hatten (eine hemmende übrigens – viele sahen damals vor allem die drohenden Kosten…) sind entweder erst Jahrzehnte später (z.B. die Schwimmhalle) oder bis heute noch nicht (oder noch nicht ganz) Wirklichkeit geworden: die Elbbrücke, das zentrale Rathaus, eine halbwegs vernünftige Straße nach Wahnsdorf etc. Der letzte große öffentliche Neubau für lange Zeit war das Sparkassengebäude Kötzschenbroda, das gerade saniert wird, eingeweiht im Dezember 1934.

1835 – 1935. Einige wesentliche Entwicklungen dieses dynamischsten Jahrhunderts unserer Stadtgeschichte werden in der ersten »Ausstellung im Depot« auf etlichen Schautafeln und in ausgewählten Sachzeugen aus öffentlichen und privaten Sammlungen vor Augen geführt. Jedes der angeschnittenen Themen ließe sich vertiefen, viele, ebenfalls bedeutsame Aspekte mussten aus Platz- oder Zeitgründen unberücksichtigt bleiben, zu manchem war auch schlicht nichts Vorzeigbares zu finden. Aber: Diese Ausstellung ist ja auch nur als ein Anfang gedacht, der den Facettenreichtum der Radebeuler Stadtgeschichte ins Blickfeld rücken soll. Weitere Ausstellungen können folgen und vielleicht sogar nicht nur alle »Jubeljahre« einmal.

Dafür ist die kleine AG Stadtmuseum – hervorgegangen aus einem großen Museumsbeirat – auf Unterstützung angewiesen, z. B. durch neue Mitstreiter, Hinweise auf interessante potentielle Exponate in privater Hand oder die Bereicherung der städtischen Sammlungen, die in diesen Räumen ein gutes neues Domizil gefunden haben, um Dokumente aller Art zur Radebeuler Geschichte. Über entsprechende Angebote würden wir uns freuen.

Frank Andert

Die Ausstellung ist bis Jahresende im Obergeschoss des Hintergebäudes (Neubau) der Roseggerschule, Wasastr. 21, zu sehen.

[V&R 2/2010, S. 15f.]

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