Radebeuler Ehrenbürger (Schluss?): Ilja Schulmann und Boris Taranenko

Inzwischen ist es schon gut ein Vierteljahrhundert her, dass das Ehrenbürgerrecht der Stadt Radebeul zum bislang letzten Male verliehen wurde. Geehrt wurden damals, »aus Anlaß des 40. Jahrestages des Sieges über den Hitlerfaschismus und der Befreiung des deutschen Volkes vom Faschismus«, erstmals zwei Ausländer, die Sowjetbürger und ehemaligen Angehörigen der Roten Armee Ilja Schulmann und Boris Taranenko.

Der Beschluss über die Ehrung wurde im Stadtrat unter Vorsitz von Bürgermeister Theuring (LDPD) am 24. April 1985 gefasst und am Tag des Jubiläums, am 8. Mai 1985, von der Stadtverordnetenversammlung bestätigt. Es war ein politischer Akt, keine Frage, ein Bekenntnis zur »unverbrüchlichen Freundschaft« mit dem Land der Befreier, dem »Großen Bruder«, wo sich gerade gewaltige Umwälzungen anzubahnen begannen (zwei Monate vorher war Gorbatschow Generalsekretär der KPdSU geworden), was man aber damals so genau noch nicht wusste. Anders als bei den politischen Ehrenbürgerrechtsverleihungen von 1933 hatten sich die beiden 1985 Geehrten in unterschiedlicher Weise tatsächlich Verdienste um die Stadt Radebeul erworben.

Am augenfälligsten waren die von Ilja Bela Schulmann. Dieser hatte, zu Kriegsende Oberleutnant und Dolmetscher im 290. Gardeschützenregiment des 32. Gardeschützenkorps, beim Vorrücken der sowjetischen Truppen auf die Lößnitz am 7. Mai 1945 von Friedewald aus mehrere bedeutsame Telefonate mit den Stadtverwaltungen von Dresden und Radebeul geführt, die zumindest im Falle Radebeuls maßgeblich zu einer fast kampflosen Übergabe der Stadt beitrugen.

Die genauen Umstände und Folgen dieser Telefonate sind in verschiedenen Quellen recht unterschiedlich beschrieben. Die 2005 vom Bund der Antifaschisten herausgegebene Broschüre »Gegen das Vergessen. Die Tage im Mai 1945 in Radebeul« und ein später dazu nachgereichtes, verschlimmbesserndes Ergänzungsblatt haben die Geschichte noch zusätzlich verwirrt. Die wegen der zeitlichen Nähe zum Geschehen vermutlich verlässlichste, von Willi Sowinski recherchierte Darstellung der Ereignisse im Juniheft der alten ›Vorschau‹ von 1955, S. 6f., berichtet folgendes: »Um 17 Uhr erreichte die Stadtverwal­tung ein telefonischer Anruf aus Friede­wald. Der Anrufer meldete sich als Lebensmittelgeschäft Müller und über­gab die Leitung sofort an einen sowje­tischen Offizier, der in gebrochenem Deutsch aufforderte, die Übergabe von Radebeul und von Dresden vorzuberei­ten. Wenn die Stadt nicht kampflos übergeben werde, müsse sie damit rech­nen, von schwerer Artillerie beschossen zu werden. […] Der sowjetische Offizier gab der Stadt­verwaltung eine Stunde Bedenkzeit, nachdem er sich zuvor nach der Be­schaffenheit der Elbübergänge bei Nie­derwartha und Kaditz erkundigt hatte. Severit versicherte ihm, daß die Stadt nicht verteidigt werde.«

Oberbürgermeister Heinrich Severit – wir erinnern uns an den Stolz, mit dem er 1933 die Dankesschreiben der von ihm gekürten Ehrenbürger Hitler und Hindenburg als Wandschmuck in seinem Dienstzimmer platzierte – hatte seine Amtsgeschäfte bereits kurz vor diesem Telefonat an eine eilig einbestellte Gruppe von ausgewiesenen Antifaschisten übergeben. Unter dem Druck des von Schulmann durchgegebenen Ultimatums wurden die Vertreter der alten und der provisorischen neuen Stadtverwaltung nun gemeinsam aktiv und erreichten, dass die im Stadtgebiet verbliebenen deutschen Truppen, soweit man mit ihnen Verbindung herstellen konnte, abzogen bzw. die Waffen streckten. Sowinski weiter: »Die Verhandlungen mit dem sowjeti­schen Offizier in Friedewald zogen sich mehrere Stunden hin. Noch einige Male wurde hinüber- und herübertelefoniert. Der letzte Anruf aus Friedewald kam um 20 Uhr. Er brachte die Anweisung für die Polizeieinheiten der Stadt, alle Schußwaffen an bestimmten Stellen ihrer Dienststellen zu hinterlegen.« Artilleriebeschuss, der am Nachmittag des 7. Mai in Radebeul einige zivile Todesopfer gefordert hatte, fand danach nicht mehr statt, beim Einmarsch der sowjetischen Truppen in der folgenden Nacht gab es nur wenig Blutvergießen.

Es ist nicht auszudenken, wie Radebeul heute aussähe, wenn die Stadt stattdessen, wie vom Radebeuler Ehrenbürger Martin Mutschmann geplant, als Teil der Festung Dresden verteidigt worden wäre. Die beinahe kampflose Übergabe Radebeuls 1945 war das Ergebnis des besonnenen Handelns mehrerer auf allen Seiten, und Ilja Schulmann spielte dabei eine wichtige Rolle. Als man 1985 in Radebeul durch die Ehrenbürgerrechtsverleihungen ein Zeichen setzen wollte, hätte man kaum einen besseren Kandidaten finden können.

Die besonderen Verdienste von Boris Leontjewitsch Taranenko um Radebeul liegen, genau genommen, im Dunkeln, verborgen hinter den Bretterverhauen, durch die sich die Besatzungstruppen in den beschlagnahmten öffentlichen Gebäuden und Villenquartieren schon bald nach Kriegsende abschirmten. Im Text von Taranenkos Ehrenbürgerurkunde werden Einzelheiten nicht erwähnt. Was man sicher weiß, ist, dass Taranenko, damals im Kapitänsrang (das entspricht dem deutschen Dienstgrad Hauptmann), in den ersten Jahren nach Kriegsende eine Zeit lang die Funktion des Polit-Stellvertreters des Radebeuler Stadtkommandanten bekleidete. Auch wenn diese Besatzungszeit für die Radebeuler Bevölkerung mit zum Teil großen Härten verbunden war, darf man davon ausgehen, dass er seinen Teil zum Wiederaufbau der Verwaltung und des öffentlichen Lebens in der Stadt sowie zum einigermaßen geordneten Funktionieren des Besatzungsregimes beigetragen haben wird. Dass ihn 1985 das Radebeuler Ehrenbürgerrecht ereilte, dürfte wohl damit zusammenhängen, dass er der einzige namentlich bekannte Funktionsträger der einstigen Stadtkommandantur war, der 40 Jahre nach Kriegsende noch unter den Lebenden weilte bzw. ausfindig zu machen war. Über Taranenkos Leben weiß man in Radebeul ansonsten wenig, nicht mal sein Geburtstag im Jahr 1910 ist bekannt. Die Tatsache, dass er als Veteran den Dienstgrad eines Oberstleutnants a.D. führte, deutet darauf hin, dass er nach dem Krieg Berufsoffizier blieb. Er wohnte in Rostow am Don, war Träger des Vaterländischen Verdienstordens der DDR in Silber, hat Radebeul zumindest noch einmal besucht und starb am 19. April 1988 in der damaligen Sowjetunion.

Über Ilja B. Schulmann, den nach Rechtslage momentan einzigen Radebeuler Ehrenbürger, wissen wir mehr. Er wurde am 30. November 1922 als Sohn jüdischer Eltern in Gomel/ Weißrussland geboren, und schon sein Name weist auf deutsche Vorfahren hin. Nachdem ihn Hitlers Krieg die besten Jugendjahre gekostet hatte, nahm er seinen Abschied vom Militär und arbeitete in seiner Heimatstadt jahrzehntelang als Deutschlehrer. Als er 1985 von der unerwarteten Ehrung aus Radebeul erfuhr, soll er bescheiden festgestellt haben, dass er überrascht sei, er habe doch nur seine Pflicht getan – eine sympathische Reaktion auf die plötzliche Umarmung. 1995 erhielt die Stadtverwaltung Radebeul Nachricht, dass es dem Ehrenbürger sehr schlecht gehe, worauf die Stadt Hilfssendungen organisierte; nicht alle haben ihn erreicht. Die wirtschaftlichen und politischen Zustände in Gomel nach dem Zerfall der Sowjetunion waren für ihn und seine Familie dramatisch, so dass er nach Deutschland übersiedelte und heute in Bochum lebt. Ein kürzlich mit ihm geführtes Telefonat ergab wegen seines schlechten Gesundheitszustands leider kaum vertiefende Informationen.

Doch noch mal zurück zum Anfang: Bürgermeister Horst Theuring, selbst Kriegsinvalide, war die symbolische Ehrenbürgerrechtsverleihung an zwei der Befreier von 1945 sicherlich auch ein persönliches Bedürfnis, eine Geste der Wertschätzung und ein Beitrag zur Versöhnung. Eigentlich ist es ja erstaunlich, dass diese – seien wir ehrlich: im Grunde hilflose und  propagandistisch aufgeladene – Geste erst vierzig Jahre nach Kriegsende erfolgen konnte, dass keiner der Bürgermeister vorher auf die Idee kam. Trotz der verordneten Brüderschaft und der Parteipropaganda, die die DDR-Bürger per 7. Oktober 1949 zu den guten und die »Bonner Ultras« zu den bösen Deutschen erklärte, war das Kriegs- und Nachkriegstrauma auch in der DDR 1985 noch nicht verarbeitet, sondern lediglich unter den Blümchenteppich der deutsch-sowjetischen Freundschaft gekehrt. Alle Kinder lernten Russisch, aber eine große und ehrliche Rede zum Thema »Tag der Befreiung« wie die, die Bundespräsident Richard von Weizsäcker just am 8. Mai 1985 im Deutschen Bundestag hielt – längst überfällig, aber dann mit gewaltiger Wirkung –, hätte in der Volkskammer nie gehalten werden können. Wir gehörten ja – par ordre de mufti – (zu) den Siegern, die »ewig Gestrigen« und schon gar die »Faschisten« waren die anderen, und zwar schon immer.

Dass die Radebeuler Ehrenbürger von 1985 auf ihren Urkunden mit »Genosse« angesprochen werden und dass der Sekretär der SED-Ortsleitung gleichberechtigt mit dem Bürgermeister unterzeichnete, ist, nebenbei bemerkt, eine stillose Peinlichkeit, wie sie nur zu DDR-Zeiten denkbar war. Hat sich mal jemand gefragt, warum »unser« Ehrenbürger Ilja B. Schulmann, als er die Wahl hatte, zu den »ewig Gestrigen« nach Bochum und nicht ins sonnige »Pensionopolis« nach Radebeul gezogen ist? Schwamm drüber, das ist ja zum Glück alles Geschichte…

Seit April hat ›Vorschau & Rückblick‹ – angeregt durch die IG Heimatgeschichte und aus Anlass des nun zu Ende gehenden Jubiläumsjahrs – alle bisherigen Radebeuler Ehrenbürger in der gebotenen Ausführlichkeit vorgestellt, alles in allem ein rundes Dutzend. Mancher Name und manches Faktum war vielen sicher neu, manches Verdienst konnte in verdiente Erinnerung gerufen werden, und auch das bisher eher schamhaft umgangene Kapitel der »Ehrenbürger« von 1933 erwies sich, bei Lichte besehen, als lehrreich. Ein herzlicher Dank an alle beteiligten Autoren!

Eine vage für diesen November ins Auge gefasst gewesene städtische Veranstaltung zum Thema Ehrenbürgerrecht hat es angesichts drängenderer Probleme an vielen Fronten nicht in den Veranstaltungskalender geschafft. Vielleicht ergibt sich ja unter günstigeren Vorzeichen noch einmal die Gelegenheit, öffentlich darüber zu diskutieren, ob dieser höchste kommunale Ehrentitel auch von der Großen Kreisstadt Radebeul verliehen werden sollte und was dabei zu beachten ist, damit die Auszeichnung ihren Wert behält, parteipolitischen Ambitionen entzogen bleibt und nicht zum schmückenden Selbstlob verkommt. Beispiele dafür, wie man’s macht und wie man’s nicht machen sollte, haben die neun Folgen unserer Serie geliefert.

Eine unvorgreifliche Bemerkung noch zum Schluss: Wer sagt eigentlich, dass Radebeuler Ehrenbürger immer männlich sein müssen?

Frank Andert und Dietrich Lohse

[V&R 12/2010, S. 14-18]

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