Ich habe nichts

Zum literarischen Lebenswerk von Hanns Cibulka

Hanns Cibulka, der am 20. September 90 Jahre geworden wäre, gehörte zu den meistgelesenen Schriftstellern der DDR. Sein Leben und Schaffen liegt in einem vielgestaltigen Werk, das Gedichtbände und Tagebücher umfasst, als ein offenes Buch vor uns aufgeschlagen. Ein Strom von Teilnahme und Mitleiden durchleuchtet darin unsere zur Existenz erhobene Welt, weitet unser Wissen und möchte uns besser, ja weiser machen. Hanns Cibulka hat eine Atmosphäre so­zialer und kultureller Verantwortung bilden helfen, und ist dafür als ein Jahrhundertzeuge bezeichnet worden, der das vergangene Säkulum nicht nur durchlebt, sondern gewissermaßen protokolliert hat­te. Viele seiner Tagebuchaufzeichnungen möchten der Orientierung dienen: »Das Tagebuch ist Zustrom, Zentrum, Be­kenntnis. Nur dort, wo es bekennt, strahlt es aus, wird »fremdes Dasein im Eigenen« aufgelöst.« Das Tagebuch bietet sich dem Suchenden und Hoffenden zum Gespräch an, die sich auf den Weg begeben, einen prägnanten Punkt und damit auch eine Anleitung zum bewussten Leben zu finden.

Aus Anlass des Jubiläums veröffentlichte der NOTschriftenverlag Radebeul ein Gedenkbuch für Hanns Cibulka, das Beiträge zu seinem Werk, u.a. von den Radebeuler Schriftstellern Jörg Bernig und Thomas Gerlach sowie vom Autor selbst enthält. Einige Arbeiten widmen sich dem lyrischen OEuvre Cibulkas und erinnern somit an ein immer seltener werdendes Genre: »Worte/ Geschunden,/ getreten,/ ausgewiesen,/ zurückgeholt/ und wieder verleugnet./ –

Brennesselwald./ Und dennoch:/ die zartesten aller Gebilde, staublos.«

In seinem letzten Gedichtband: Der Rebstock (1980) heißt es »Drei Weinberge/ liegen hinter meinem Haus,/ drei Wünsche/ stehen mir noch/ offen …/ den letzten/ trägt eine Taube/ als Rebblatt/ um die Welt.«

Für Schlagzeilen sorgte Cibulka im Jahre 1982 mit seinem Rügentagebuch Swantow, das nicht nur im Hinblick auf die Ereignisse in Japan von bestürzender Gegenwärtigkeit ist.

So beschreibt er die Schönheit von Rügens Landschaft. Gleichzeitig quält ihn der Gedanke, dass der Mensch die technischen Kräfte, die er in Bewegung setzte, nicht mehr beherrschen, dass er im Maßlosen nicht mehr das rechte Maß finden könne. In diesen Aufzeichnungen, die als das heimliche Manifest der in der DDR aufkeimenden Umweltbewegung verstan­den und von der Zensur zunächst verboten wurde, setzte er sich mit der Umweltbedrohung auseinander: »Mit der Klafter des Todes/ vermessen Schnelle Brüter/ das Land./ Im Wasserbett Kernstäbe, Primärkreislauf, abgeblasen/ über den Kamin/ die Radionuklide./ Der Mensch/ im Strahlengeviert./ Im Abwasser staut sich/ die Schuld.«

Als das Buch dennoch erschien, war die erste Auflage von 15 000 Exemplaren binnen dreier Tage vergriffen. Innerhalb eines Jahres hatte der Autor in der DDR etwa einhundert Lesungen! Es war die unbedachte Fortschrittsgläubigkeit, die der Schriftsteller anprangerte, unser selbstverliebtes Wiegen in trügerischer Sicherheit, denn das Schutzkleid unserer Erde ist in tödlicher Gefahr…

In seinem letzten Werk: Späte Jahre (2004) spricht Cibulka von der Klimakatastrophe als Antwort der Natur auf die Habgier der Menschen. Der Mensch mordet sich selbst, allerdings ist es ein Mord auf Zeit.

Herausgeber Günter Gerstmann, den eine langjährige Freundschaft mit Hanns Cibulka verband, verfolgt mit dem vorliegenden Buch das Anliegen, das Andenken an einen Schriftsteller wach zu halten, der zu Unrecht in Vergessenheit zu geraten droht. Er teilt dieses Ansinnen mit den Autorinnen und Autoren, die mit ihren Beiträgen und Engagement das Erscheinen des Bandes ermöglicht haben und sich vehement für das Weiterleben seines literarischen Werkes einsetzen.

Das Buch kostet 11,90 Euro und ist im Buchhandel oder beim Notschriftenverlag erhältlich.

Günter Gerstmann

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