Wunderbare Musik und elementare Traurigkeit

Großer Beifall für Giacomo Puccinis »La Bohème« an den Landesbühnen Sachsen

"La Bohème", eine Inszenierung von Horst Kupich

Sie sind die eigentlich tragenden Säulen jenes merkwürdigen Sammelsuriums, das eine Künstlerwelt (La Bohème) erst ausmacht. Und das schon, seit sich die Künste innerhalb der Menschheitsgeschichte überhaupt zu formieren begannen. Gemeint sind der Dichter, der Musiker, der Maler und zudem der Philosoph als ein Meister des tiefgründigen Gedankens. Schon von Anbeginn wurden solche Menschen bestaunt, belächelt und in gleichem Maße beschimpft. Ihr Tun sei ohne Sinn, sie schüfen keine Werte und wären daher eigentlich vollkommen überflüssig; so der Tenor der Vorwürfe. Den Wert und Sinn eines Kunstwerks zu be­greifen; das hatte dem Menschen nie jemand beigebracht.

Dem Italiener Giacomo Puccini nun verdankt die Nachwelt ein winziges Stück an Aufklärung über das schwere und komplizierte Leben von »La Bohème« – der Welt der Künstler und der Künste. Und ebenso auch ein Quentchen an Verständnis für die von jeher so arg geschmähte Gruppe etwas anders denkender und handelnder Menschen. Nimmt man das Libretto (Giuseppe Giacosa und Luigi Illica) von »La Bohème« zur Hand, dann wird bald schon deutlich, womit Puccini die Wahl gerade dieses Themas für seine Oper rechtfertigte. In einer absoluten Begeisterung des Menschen für das schöpferische Tun nämlich. Vollkommen unabhängig von irgendwelchen ökonomischen Zwängen. Not leiden sie nämlich alle vier, in jenem harten Winter in Paris. Und so kann es geschehen, dass Rodolfo (Kay Frenzel), der Dichter, sein gerade erst beendetes Drama kurzerhand verbrennt, damit sich die Freunde daran ein wenig die Hände wärmen können. Den Hauswirt (Dietmar Fiedler), der die Miete eintreiben will, haben sie gerade vergrault. Und das so gesparte Geld wollen sie nun in der Stammkneipe auf den Kopf hauen. Rodolfo bleibt allein zurück und überhört fast das zarte Klopfen an der Tür. Draußen steht Mimi (Stephanie Krone), die ihn um Feuer bittet, um ihre Kerze anzünden zu können. Sie friert, sie zittert und immer wieder wird sie von einem quälenden Husten geschüttelt. Natürlich verlieben sich beide ineinander und damit beginnt eine der schönsten und zugleich traurigsten Liebesgeschichten, die das Musiktheater überhaupt aufweisen kann. Doch nicht nur im Libretto schlechthin, sondern vor allem in der ergreifend schönen Musik, die Puccini diesem Stoff unterlegen konnte.

Die Radebeuler »La Bohème« (Horst O. Kupich) ist stimmig bis auf das so ge­nannte I-Tüpfelchen. Hervorragend stimm­lich wie auch darstellerisch besetzt ragt die Gruppe der Künstler hervor; Iikka Leppänen (der Musiker Schaunard) glänzt mit einem schönen warmen Bariton, während Hagen Erkraths (der Philosoph Colline) Bass scheinbar genau seiner beruflichen Zuordnung entspricht. Norman D. Patzkes Bariton verleiht dem Maler Marcel nicht nur eine ganz be­sondere Farbe, sondern macht zu­gleich auch die an Besessenheit grenzende Leidenschaft eines Malers wunderbar sicht­bar. Stephanie Krone – nach langer Pause auf die Bühne zurückgekehrt – ist sowohl stimmlich mit großartigem So­pran als auch darstellerisch ausgesprochen überzeugend und wird daher auch optisch zum erklärten Mittelpunkt dieser Künstler-Männerrunde. Nicht zu­letzt bringt sich Christine Poulitsi in der Rolle der Musette mit kraftvoll, kämpferischem Sopran ein und spielt zugleich jederzeit überzeugend die hilfsbereite Freundin. Die wunderbaren Melodien Giacomo Puccinis transportieren eine geradezu greifbare elementare Traurigkeit.

Das Bühnenbild (Lena Heeschen) lenkt in seiner Sparsamkeit niemals von der Handlung ab, stützt aber dennoch eine stimmige Atmosphäre. Die Kostüme (Ann Schaper-Jesussek) atmen zwar Zeitlosigkeit, wirken aber zugleich charmant ab­gegriffen und wie irgendwo und ir­gend­wie zusammengeborgt. Ein personell re­duzierter Opernchor wurde ergänzt durch einen sehr agilen und vor allem spielfreudigen Kinderchor. Und Michele Carulli dirigierte letztlich das Ganze, als wähnte er sich in seiner italienischen Heimat und womöglich sogar direkt in Torre del Lago nördlich von Pisa, wo der Meister Giacomo Puccini die schönsten seiner Opern erschuf. »La Bohème« – ein Muss für die Opernfreunde zwischen Meißen und Dresden.

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Ein Trackback

  1. Von Mai | Vorschau und Rückblick am Mo, 2. Mai. 2011 um 20:12

    […] eine großartige Premiere von La Bohème an der Landesbühne berichtet Wolfgang […]

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