Zwischen Miniatur und Monument

Werke des Radebeuler Bildhauers Wolf-Eike Kuntsche aus fünf Jahrzehnten künstlerischen Schaffens in der Stadtgalerie

»Beobachte die Form genau, die kleine wie die große, und trenne nicht das Kleine vom Großen, wohl aber vom Ganzen das Kleinliche.« Caspar David Friedrich (1774-1840)

Wer kennt sie nicht, die stadtbildprägenden Plastiken und Denkmale im öffentlichen Raum von Wolf-Eike Kuntsche? In Dresden sind es die Stahlplastik »Völkerfreundschaft« (1986) auf der Prager Straße, die Bronzeplastik »Die Familie Körner und ihr Kreis« (1985-87) am Hotel Bellevue, das Kästner-Denkmal (1987) am Al­bertplatz oder die Installation für Caspar David Friedrich (1988-90) im Brühlschen Garten und in Radebeul die Stahlplastik »Weintraube« (1987) im Hof des Gymnasiums Luisenstift sowie das weithin sichtbare plastische Ensemble »Quintett« (2009) im Bürgerpark neben den Landesbühnen Sachsen, welches als Gemeinschaftsprojekt in Zusammenarbeit mit weiteren vier Ra­debeuler Bildhauern entstand.

Wolf-Eike Kuntsche (2011)

Wohl weniger bekannt ist die andere Seite des künstlerischen Schaffens von Wolf-Eike Kuntsche, der in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag begeht. In einer Ausstellung der Stadtgalerie Radebeul werden bis zum 26. Juni Werkgruppen in Holz, Zement, Bronze und Porzellan aus fünf Jahrzehnten gezeigt. Zeichnungen, Fotografien, Entwürfe und Dokumente er­gänzen die Präsentation.

Wolf-Eike Kuntsche wurde 1941 in Berlin geboren. Ausgebombt zog die Mutter mit ihm und seinem Bruder zu Verwandten nach Seifhennersdorf in die Lausitz. 1949 siedelten sie nach Dresden über. Sehr spät kam der Vater, ein Bauingenieur, aus der Gefangenschaft zurück – da war Wolf-Eike Kuntsche bereits zehn Jahre alt. Den Ambitionen des Sohnes standen die Eltern recht aufgeschlossen gegenüber. Und so fragte schließlich die Mutter den schmächtigen 14jährigen, ob er nicht Lust hätte, im Zwinger Steinbildhauer zu lernen. Einige Jahre arbeitete Wolf-Eike Kuntsche in diesem Beruf bis er 1961 mit einem Studium an der Kunsthochschule Dresden in der Sektion Plastik begann. Unter den Lehrern befanden sich so be­kannte Bildhauer wie Walter Arnold, Hans Steger und Gerd Jaeger. Ausschlaggebend für die weitere künstlerische Entwicklung wurde jedoch der Einfluss von Herbert Naumann, der in Wolf-Eike Kuntsche die Begeisterung fürs plastische Gestalten weckte und von diesem als skurril, belesen und sehr menschlich be­schrieben wird. An der Kunsthochschule hatte er seine spätere Frau kennen gelernt. Mit ihr, der Malerin und Grafikerin Bärbel Kuntsche, kam der junge Bildhauer 1976 nach Radebeul, wo beide bis heute als freischaffende Künstler tätig sind.

In Radebeul befindet sich auch eines der fünf Male, die er in den 80er Jahren als Auftragswerke für den öf­fentlichen Raum gestaltete. Er hatte es für den Schulhof der damals neu erbauten Weinbergschule konzipiert. Seitdem sind 25 Jahre vergangen. Trotz stark veränderter Umgebungsbebauung hält die abstrahierte Stahlplastik »Weintraube« (runde Scheiben punktgeschweißt mit einem realistischen Blatt) künstlerisch stand, ebenso wie all die anderen Werke von Wolf-Eike Kuntsche, die bis heute nichts von ihrer Aussagekraft verloren haben.

Stahlplastik »Weintraube« (1987)

Die laufende Ausstellung spannt sowohl zeitlich als auch inhaltlich ei­nen weiten Bogen. Zu sehen sind erste künstlerische Versuche aus Kindertagen sowie Köpfe und figürliche Darstellungen, die in den 60er und 70er Jahren entstanden sind – darunter die Halbfigur »Junges Mädchen« mit dem Titelzusatz »Prager Frühling« aus dem Jahr 1968. Aufbruch und Scheitern sind in diesem Werk auf anrührende Weise vereint.

Die Gestaltung von Medaillen ge­hört zu Wolf-Eike Kuntsches Spezialgebiet. Seine erste Medaille mit dem Porträtkopf von Carl Maria von Weber schuf er 1972. Allerdings be­findet sich diese derzeit in einer an­deren Ausstellung. Fast alle kleinplastischen Objekte und Reliefs aus Bronze entstanden ab 1980 auf Symposien. Man hatte dort internationale Kontakte und an Material herrschte kein Mangel. Das war besonders für Bildhauer wichtig, gab es doch in der DDR lange Wartelisten, um einen Bronzeguss ausführen zu können.

Bronzeplastik »Großes Finale« (1984)

Auf dem internationalen Symposium für Medaillenkunst und Kleinkunst in Ungarn lernte Wolf-Eike Kuntsche das Wachsausschmelzverfahren kennen, welches feinste Modellierungen, Zeichnungen, Gravuren und Abdrücke zulässt. Diese Technik eröffnete ihm völlig neue Möglichkeiten. Mit poetisch hintergründigem Humor arrangierte er stilllebenhaft reale Dinge und ließ diese ins Surreale übergleiten. Dabei arbeitete er häufig mit Symbolen wie Schneckenhaus und Uhr. Zyklen und Reihungen betonten diese angestrebte Prozesshaftigkeit. Besonders ab Mitte der 80er Jahre spielte Wolf-Eike Kuntsche in seinem künstlerischen Schaffen zunehmend auf die politischen Verhältnisse an. Beispielgebend hierfür sind die Objekte »Großes Finale« 1984 und »Ende der Vorstellung« 1989 (Ein Schelm, der da­bei an die Landesbühnen Sachsen denkt!). Anstelle von Menschen agieren bei Wolf-Eike Kuntsche meuchelnde Puppen, die wie Marionetten an Fäden hängen, was die Bosheit etwas mildern soll, aber letztlich das Geschehen noch unheimlicher wirken lässt. Verschnürungen, Abdrücke, Masken, Verhüllungen wecken Bilder im Kopf, die heute wieder erschreckend aktuell sind, wie die Maske »Tschernobyl« aus dem Jahr 1986.

Maske »Tschernobyl« (1986)

Doch Wolf-Eike Kuntsche entlässt die Besucher der Ausstellung in heiterer Zuversicht, denn ein bisschen Spaß muss sein. Alle Arbeiten aus Porzellan sind im Jahr 2002 während eines zweiwöchigen Symposiums unter dem Motto »Arkadien liegt in Potschappel« in der Porzellan-Manufaktur Freital-Potschappel entstanden. Sie tragen Titel wie »Die Köcher des Amor«, »Werkzeug für zarte Hände«, »Gestrandetes Flugobjekt« oder »Tablett De Corsage«. Im projektbegleitenden Katalog heißt es erklärend: »Arkadien ist ein paradiesischer Ort voller Harmonie, dessen Bewohner im Einklang mit den Göttern und der Natur ihrer Beschäftigung nachgingen und musische Wettstreite austrugen.« Bleibt nur noch hinzuzufügen, wie schade es ist, dass Arkadien in Potschappel liegt und nicht in Radebeul.

Die Ausstellung ist bis zum 26. Juni zu sehen.

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