Unsere alten Handwerksmeister – hier Karl-Heinz Hänsel

Ein Besuch in der Dr.-Külz-Straße 7 soll mir Klarheit bringen über den Beruf eines Rahmenglasers, eigentlich ein Doppelberuf, den beruflichen Werdegang von Karl-Heinz Hänsel und wie es ihm heute geht.

Karl-Heinz Hänsel, Rahmenglaser

Der lebhafte, am 2. November 1928 geborene Junge interessierte sich schon früh für Fußball. So könnte es doch gewesen sein, dass beim »Bebbeln« durch einen straffen Schuss die eine oder andere Fensterscheibe zu Bruch ging und so die Idee aufkam, Glaser zu werden. Lächelnd sagt er darauf, klingt gut, aber so war es nicht. Seine Schule war die Schule Niederlößnitz auf dem Le­ denweg. Das Interesse für das Glaserhandwerk kam auf ihn über den Großvater Fritz Hermann Zschau, bzw. den Urgroßvater Hermann Fritz Zschau, die vor ihm hier arbeiteten. Die damaligen Berufe weichen von den heutigen z.T. etwas ab. So war ein Rahmenglaser sowohl Tischler als auch Glaser und für alle Fenster und Türen, die das Äußere eines Hauses bildeten, zuständig, aber nicht für Innentüren. Ein Rahmenglaser unterschied sich wiederum vom Kunst- oder Bleiglaser.

Karl-Heinz Hänsel begann seine Lehre 1943 beim Großvater, wurde nach Unterbrechung durch Krieg und Gefangenschaft schließlich 1953 Meister und führte ab 1957 den Betrieb in der Dr.-Külz-Straße 7 selbständig. 1950 heiratete Karl-Heinz Hänsel seine Frau und es kamen zwei Kinder. Er konnte hier Lehrlinge ausbilden – zum Betrieb gehörten meist zwei Mitarbeiter und die teilweise im Geschäft mitarbeitende Ehefrau. Ab 1993 wurden durch ihn nur noch Glaserarbeiten durchgeführt, 2002 beendete er dann offiziell die Arbeit in seiner Werkstatt.

An einige größere Aufträge in Radebeul erinnert sich Karl-Heinz Hänsel gern, so im AWD, im Krankenhaus, in der damaligen EOS (heute Gymnasium Luisenstift), in den Konsumläden Augustusweg (inzwischen abgerissen) und der Ernst-Thälmann-Straße, dem HO-Kaufhaus Thälmann-Straße (heute Hauptstraße) und im ehemaligen Badhotel un­ terhalb der Friedensburg. In der damaligen Mangelwirtschaft musste auch ein Glaser Ideen haben und manchmal improvisieren – geht nicht, gab’s für ihn nicht! Kleinere private Arbeiten, meist Reparaturen, gehörten immer zu seinem Programm. Einige Radebeuler werden sich vielleicht erinnern. Oft hat er Bilder für den damals in der Borstraße wohnenden Maler Günter Schmitz verglast, neue oder solche, die bei Transporten und Ausstellungen zu Bruch gegangen waren.

Über die ELG (Einkaufs- und Liefergenossenschaft des Holzhandwerks Dresden) fand Karl-Heinz Hänsel ein zweites berufliches Standbein, den Messeausbau in Leipzig und später u.a. auch für Messen in Brno, Poznan, Budapest, Moskau und Bagdad. Hier spielte besonders die Entwicklung von speziellen Glasvitrinen und –regalen eine große Rolle, aber auch der Aufbau von Spiegelwänden. Die produktivste Zeit seiner Werkstatt waren wohl die siebziger und achtziger Jahre, meint er zurückblickend.

Werkstatt und Meisterbrief

Der Rahmenglaser erinnert sich heute, welche Materialien er damals, also vor 1989, verarbeitet hatte – am meisten Flachglas unterschiedlicher Dicke, Ornamentglas (ohne große Auswahl), Spiegelglas, seltener Farb- oder Drahtglas und in den Achtzigern schon Isolierglas (hier gab es noch oft Qualitätsmängel, wie Luftziehen). Bei den Hölzern war das Sortiment geringer, neben einheimischer Kiefer und Fichte wurde oft Kiefer verarbeitet, die aus der damaligen Sowjetunion kam, seltener auch Eiche, die dann meist aus Jugoslawien. Schließlich brauchte ein Rahmenglaser auch noch Beschläge, Leim, Firnis und Kitt. Kunststoff kam in seiner Werkstatt nicht vor.

Das änderte sich 1990 als ein Vertrag mit PORTA-Fenster aus Westfalen über den Vertrieb von vorgefertigten Fenstern zustande kam, den dann Andreas Hänsel übernahm. Der Sohn von Karl-Heinz Hänsel ist im Fach Quereinsteiger und führte nicht die alte Werkstatt weiter. Diese sieht immer noch so aus, als wäre der Meister eben nur mal weggegangen. So kommt es hin und wieder vor, dass er für Freunde oder Nachbarn mal eine kleine Gefälligkeitsreparatur ausführt.

Der rüstige Eindruck, den Karl-Heinz Hänsel mit seinen 82 Jahren immer noch macht, hängt sowohl mit der Vielseitigkeit seiner früheren Tätigkeit, als auch mit dem Sport, genauer gesagt, dem Fußball zusammen. Im damaligen RBC (an der Steinbachstraße) ist er vom Knabenalter an im Fußball groß geworden, später spielte er bei Chemie Radebeul (heutige Meißner Straße, der Platz ist inzwischen durch ein Autohaus der Nobelmarken überbaut) weiter bis zu den »alten Herren«. Seine Position war linker Läufer (heute würde man von Mittelfeld sprechen), die Zone, wo die Spielzüge eingeleitet wurden. Sofort fallen ihm ein paar Namen seiner damaligen Sportfreunde ein: Heinz Mickan, Arno Kunze und Horst Fischer. Er hatte sich sogar als Schiedsrichter qualifiziert, aber nur kurze Zeit gepfiffen. Noch heute weiß er Bescheid, wie es um das Wohl und Wehe seines RBC steht. Natürlich schaut er sich einige Spiele der z.Z. laufenden Fußball-WM im Fernsehen an und ist enttäuscht über das vorzeitige Ausscheiden der Deutschen. Ob sein Tipp für die USA als die neuen Weltmeisterinnen richtig ist, können wir bei Drucklegung überprüfen.

Schließlich soll nicht unerwähnt bleiben, dass Karl-Heinz Hänsel schon immer ein interessierter Vorschau-Leser ist und unser Blatt auch schon gefördert hat.

Ob er heute, frage ich ihn, wenn er noch mal von Vorne anfangen könnte, den gleichen Beruf wählen würde? Im Prinzip ja, sagt er, aber er brauche sicherlich diese oder jene neue Maschine und ein paar gute Ideen. Vielleicht würde er sich dann mehr dem Denkmalschutz in seiner Branche zuwenden.

Mit einem herzlichen »Glück Auf«, einem alten Bergmanns- und Handwerksgruß verabschiede ich mich von Herrn Hänsel.

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