Glossiert: Couragierte Wortakrobaten

Wer sich in Leipzig auskennt, weiß, dass das dortige Waldstraßenviertel mit seinen Gründerzeitpalästen und seinem besonderen Flair zu den beliebtesten und teuersten Wohnlagen der Stadt gehört. Das im Weiterwachsen begriffene Radebeuler Waldstraßenviertel ist bzw. wird für Häuslebauer und Mieter zwar ebenfalls ein teures Pflaster, aber da hören die Parallelen auch schon auf, denn nicht nur Paläste sucht man hier vergebens. Um von vornherein keine falschen Erwartungen zu wecken, hat sich der neuerdings federführende Bauträger deshalb dazu entschlossen, dem größten Neubaugebiet des Landkreises einen neuen, unverfänglichen Namen zu verpassen: »Dichterviertel Oberlößnitz«. Mit der Straßenneubenennung »Am Dichterviertel« hat die Stadt dieser Bezeichnung inzwischen einen offiziellen Status gegeben.

Anders, als man vermuten könnte, ging es bei der Benennung nicht darum, an Oberlößnitzer Dichter zu erinnern, deren es einige gab, wie leider nur Spezialisten wissen. Poeten wie Heinrich August Ossenfelder, Carl Wilhelm Daßdorf, Friedrich Traugott Hase oder Constantin Julius Becker, die einstmals in der Oberlößnitz ihre Weinberge besaßen, bleiben vergessen. »Dichterviertel« bezieht sich vielmehr auf den Charakter der Bebauung: Hier wohnt man, da die durchschnittliche Parzellengröße die der benachbarten Kleingartensparte deutlich unterschreitet, schlicht und einfach dichter beisammen, dichter jedenfalls als in den gründerzeitlichen Villenquartieren Radebeuls und dichter allemal als in Oberlößnitz. Womit wir beim zweiten Namensteil wären.

Über die althergebrachte Rivalität der früheren Gemeinden Radebeul und Oberlößnitz könnte man manche Anekdote erzählen. Die Gründerzeit hatte in den beiden Landgemeinden Ende des 19. Jahrhunderts ganz unterschiedliche Resultate gezeitigt: Während man in Radebeul fleißig Fabriken gründete und damit nolens volens eine Proletarisierung der Gemeinde in Kauf nahm, gründete man in der Oberlößnitz ebenso fleißig die Fundamente herrschaftlicher Villen für reiche Rentiers. Während sich die Gemeinden baulich aufeinander zu bewegten, bewegten sie sich in sozialer Hinsicht voneinander weg. Jahrzehntelang wehrte man sich infolge dessen in der Villenkolonie Oberlößnitz verbissen, aber letztlich erfolglos gegen eine Eingemeindung nach dem Industriedorf Radebeul. Der Stachel dieser schließlich unter brauner Herrschaft erfolgten Landnahme saß in Oberlößnitz tief, und die Bauträger des neuen »Dichterviertels« haben es sich zur Aufgabe gemacht, hier für symbolische Wiedergutmachung zu sorgen. Sie wissen zwar ganz genau, dass sich ihr Bauland in der Gemarkung Radebeul befindet (die Waldstraße markiert von alters her die Flurgrenze). Trotzdem entschieden sie sich ganz bewusst dafür, das Neubaugebiet – zumindest dem Namen nach – nach Oberlößnitz umzufluren und damit eine alte Scharte auszuwetzen.

Da die Schöpfer des Kunstbegriffs »Dichterviertel Oberlößnitz« beim diesjährigen Radebeuler Kunstpreis leider leer ausgegangen sind (um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Die statt dessen Ausgezeichneten haben den Preis meines Erachtens vollauf verdient) und es eher fraglich scheint, ob sich die hier geplanten Neubauten für den erst in zwei Jahren wieder zu vergebenden Bauherrenpreis qualifizieren werden, wäre es aus meiner Sicht überaus wünschenswert, sie in Anerkennung ihrer Ehrlichkeit (Dichterviertel) und ihres Mutes (Oberlößnitz) wenigstens bei der nächsten Couragepreisverleihung in die engere Auswahl zu nehmen.

Frank Andert

[V&R 22(2011)12, S.32f.]

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