„Stats, mein Freund Walter“ von Burkhard Zscheischler

Buchkritik

Das Buch im Paperback-Format, eine Neuerscheinung von 2011 aus dem Radebeuler Notschriftenverlag, ist die Biografie des Künstlers und Kommunisten Walter Howard. Ob denn das jemanden interessiert, heute, gut 20 Jahre nach dem Ende der DDR? Ich denke schon, zumal Professor Howard 28 Jahre (von 1963 bis 1991) Radebeuler Bürger war, er z.T. besonders in den letzten Jahren dem aus dem Ruder laufenden Sozialismus kritisch gegenüber stand und wohl alle hier seine „Sterngucker“, eine erst kürzlich reparierte Bronzeplastik vor der Sternwarte kennen.

»Stats, mein Freund Walter« Buchcover

Im Leben Howards spiegelt sich ein Großteil deutscher Geschichte wider: ein Leben beginnend 1910 in etwas schwierigen Familienverhältnissen, mit Schicksalsschlägen (als Junge verliert er bei einem Unfall ein Bein), im Schulinternat bei Nonnen, ein Beruf als Setzer und Drucker, von Anfang an gewerkschaftlich tätig, dem frühen Beitritt zur KPD, folgerichtig nach 1933 als Politischer in verschiedenen Gefängnissen, immer wieder Ortswechsel innerhalb Deutschlands (u.a. Oldenburg, Berlin, später Dresden/Radebeul), zunächst künstlerische Arbeiten in Ton, erste Ehe und Kinder, Kriegserfahrungen, Studium in Berlin-Weißensee, zweite Ehe und weitere Kinder, Berufung als Professor für Bauplastik an die TU Dresden, Wohnsitz in Radebeul, Wendeerlebnis mit Zweifeln am DDR-Sozialismus, gescheiterter Ruhesitz in Sachsen-Anhalt und schließlich Tod (fühlte sich bis zum Schluss als Kommunist) 2005 in Dippelsdorf. In diesem Lebenslauf wird natürlich die künstlerische Entwicklung – kleinere Tonarbeiten am Anfang, nach dem Studium größere Bildhauerarbeiten, auch Staatsaufträge (u.a. Karl-Marx-Denkmal, Hermann Duncker-Standbild), dazu schöne Plastiken wie die „Sterngucker“ und zum Ende hin wieder kleinere Stücke u.a. aus Steinfunden – anschaulich dargestellt. Er beherrschte als Künstler beides, Plastik und Bildhauerei, war aber auch immer wieder kritisch gegenüber dem Geschaffenen. Erstaunlich, welche schweren körperlichen Arbeiten Howard, der ja, wie oben gesagt, Invalid war, gerade für große Bronzearbeiten wie die „gespaltene Nonne“ sich zugemutet hat! Schließlich wurde er für seine künstlerische Arbeit auch mit verschiedenen Preisen geehrt.

»Die Sterngucker«, Bronze, 1971

Spät, erst 1991, haben sich Howard und der nach Sachsen zugezogene Journalist Burkhard Zscheischler kennen gelernt, sind aber trotz gewisser Gegensätzlichkeiten oder gerade deswegen Freunde geworden. Diese Freundschaft drückte sich zum einen darin aus, dass uns Howard als eine seiner letzten Arbeiten eine Porträtplastik von Zscheischler hinterließ und zum anderen Burkhard Zscheischler eben dieses Buch über Howard geschrieben hat. Dabei wurden Tonbandaufnahmen und Gesprächsnotizen zu Howards Lebzeiten und Recherchen nach Howards Tod verwendet. Der Journalist hat akribisch geforscht und fast alle Orte aus Howards Leben und auch Personen, die ihm nahe waren, aufgesucht und Auskünfte erhalten. Die Künstlerbiografie liest sich auch deshalb flüssig, weil Zscheischler in längeren Passagen Howard direkt zu Wort kommen lässt und in sparsameren Einfügungen seine direkten Eindrücke wieder gibt. Diese Teile sind sowohl in den sprachlichen Formulierungen als auch im Schriftbild unterschiedlich, das ist so geschickt gemacht, dass dabei der Zusammenhang nicht verloren geht. Vielleicht sind die Berliner Jahre im Text etwas zu breit angelegt, anderseits war das wohl die Zeit in Howards Leben, in der er als Künstler am stärksten gefordert war.

Ich war besonders an den Kapiteln interessiert, die in Dresden spielen, weil ich als Student bei Professor Howard Vorlesungen gehört und seine Übungen miterlebt habe. Es war auch aufschlussreich, welche Professorenkollegen mit Howard gut (z.B. Prof. Leopold Wiel und Prof. Hans Nadler) zusammenarbeiten konnten und welche weniger. Aber nicht nur aus dem Grunde habe ich das Buch zügig und mit gewisser Spannung gelesen – ich kann es auch Ihnen, liebe Leser, sehr empfehlen. Das Buch ist im Handel für 14,90 € erhältlich.

Dietrich Lohse

schlechtbescheidenmittelmäßiggutexzellent (1 Wertung(en), Durchschnitt: 5,00 von 5)
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Ein Kommentar

  1. Howard
    Veröffentlicht am Mo, 2. Apr. 2018 um 12:56 | Permanenter Link

    Das Buch ist fesselnd und realistisch geschrieben. Walter Howard war mein Uropa, ich habe ihn nicht oft gesehen, doch wenn, dann sah ich ihn immer wieder begeisternd an und ließ mich mitreißen. Er hat mir als Kind meine handwerkliche, kreative und fantasievolle Seite an mir gezeigt. In dem Buch wird deutlich das er nicht nur ein Beruf ausgeübt hat,nein!…es war sein Leben. Die Kunst, das Leben festzuhalten, alles was er tat hat er aus Überzeugung und Begeisterung getan. Das hat mich als Kind so sehr fasziniert. Das Buch ist eine wundervolle Erinnerung an einen großartigen Künstler. Danke Herr Zscheischler, für die tolle Auflage

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