Eine interessante Begegnung, ein Grabmal und das Kunstwerk Neue Peter-Pauls-Kirche in Coswig/Sa. (Teil 2)

Gedanken über die Architektur und die künstlerische Ausstattung der Coswiger Kirche als Beispiel für ein sakrales Bauwerk aus der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert

Woldemar Kandler entwarf für Coswig eine Kirche im Stile des Historismus mit deutlicher Dominanz der Renaissance, im Gegensatz zu seinem vorangehenden Projekt, der St.-Nicolai-Kirche in Wilsdruff (erbaut 1896 – 1899), die er in Anlehnung an die Spätgotik gestaltet hatte. Auch in der Innenraumgestaltung finden wir Stilelemente der Renaissance. Hatten die Auftraggeber und Gestalter der Coswiger Kirche erkannt, dass sie in einem ähnlichen ideologischen Wandel stehen, wie die Menschen jener Zeit?
Die bildkünstlerische Ausschmückung der Peter-Pauls-Kirche zeigt einen interessanten Stilwandel: Während die streng graphisch in Grisaillemalerei ausgeführten Bilder in der Kanzelbrüstung „Jesus und Nikodemus“ (Johannes 3,1-21) und „Jesus bei Maria und Martha“ (Lukas 10,38-42) und die farbenfrohen Glasbilder in den Apsisfenstern Historismus sind, sehe ich im Altarbild „Christi Himmelfahrt“ Jugendstil. Christus erhebt sich als ätherische Figur in einem lichten Raum; vor ihm links als dunkle Gestalten knien die Grabwächter in Demut, seitlich rechts stehen als helle Figuren freudig erstaunt Anbetende. Dieses leuchtend optimistische Bild holt der schwere Renaissance-Rahmen in den Historismus zurück. Der Spruch darunter in der Predella „Siehe ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Matthäus 28,20b) unterstreicht den Optimismus des Bildes. Der Höhepunkt des Bildprogrammes der Kirche liegt im Scheitel des Triumphbogens: Christus, die rechte Hand siegreich erhoben, die linke zur Kanzel weisend – umgeben von Engeln. Das ist reiner Jugendstil – moderne Kunst vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Inschrift des Bogens: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Johannes 14,6) fügt die Bilder zusammen wie eine Predigt zum Lobe Jesus Christus.

Portalfassade der Neuen Peter-Pauls-Kirche in Coswig

Portalfassade der Neuen Peter-Pauls-Kirche in Coswig


Die bildkünstlerische Ausgestaltung lag in den Händen von Ludwig Otto. Seine in der Kirche angewandten Techniken der Bilddarstellungen sind Grisaillemalerei auf Holz, Ölmalerei auf Leinwand, Secco-Malerei auf Putz. Er war ein vielseitiger, sehr fähiger Künstler: Porträt- und. Historienmaler, Graphiker, Radierer und Illustrator. Geboren ist er in Borna in Sachsen, gestorben in Dresden – heute zu Unrecht nahezu vergessen.

Unsere Neue Kirche in Coswig vereinigt künstlerische Ideen mehrerer Jahrhunderte. Stilelemente von Romanik, Gotik und Renaissance sind verbunden zu einem Bauwerk im Stil des zur Erbauungszeit modernen Historismus, und die Innenraumgestaltung führt vom Historismus weiter zu dem damals neuen Jugendstil.

Das Grabdenkmal der Familie Haymann. Foto Brigitte Grunert.

Das Grabdenkmal der Familie Haymann. Foto Brigitte Grunert.


Sicher haben wir Pfarrer Haymann die Gedanken zu diesem einzigartigen Kunstwerk zu verdanken. Im Stil des Grabmals der Familie Haymann – später Jugendstil oder Purismus – findet diese stilistische Entwicklung ihre logische Fortsetzung, die schon zu einer künftigen Kunstrichtung hinweist.

Pfarrer Haymann überliefert uns aber nicht nur seine Kunstauffassung, er vermittelt uns auch durch die Inschriften seine ganz auf Jesus Christus gerichtete Theologie – von der Neuen Coswiger Peter-Pauls-Kirche bis hin zu seinem Grabmal.

Prof.i.R. Dr. habil. S. Grunert
Coswig in Sachsen

Literatur

– Mai, Hartmut: Alte und Neue Kirche Coswig. Große Baudenkmäler Heft 524, Deutscher Kunstverlag München Berlin. 1. Auflage 1997.

– Goldstein, Franz & Ruth Kähler: Dictionary of monograms, 1. books. Google.de/books.isbn=3110144530. Darin: Otto, Ludwig: geb. 1850 Borna i.S. gest. 1920 Dresden. Porträt- u. Historienmaler, Graphiker, Radierer, Illustrator, ThiBe OL 280.

– Grunert, Brigitte, Siegfried Grunert : Ein ungewöhnliches Kunstwerk. Zur Gestaltung des Vorplatzes der Neuen Peter und Paul Kirche zu Coswig. Vorschau und Rückblick Monatsheft für Radebeul und Umgebung. Herausgeber: Radebeuler Monatshefte e.V., März 2013.

– Grunert, S.: Eine ungewöhnliche Begegnung. Über die Fenster der (Neuen) Peter-Pauls-Kirche (in Coswig). (gering gekürzte Fassung) Ev.-Luth. Peter-Pauls Kirchgemeinde Coswig. Monatsplan Februar und März 2009. S. 16.

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