„Wenn eine Tausendjährige erzählen könnte…“

Eine Geschichte über die historische Sommerlinde in Dresden-Kaditz

…so würde sie wie folgt beginnen: 1000 Jahre soll ich sein, ihr glaubt es nicht? So überzeugt euch selbst und kommt zu mir nach Dresden-Kaditz. Ich stehe im Kirchhof genau zwischen ehemaligem Pfarrhaus und Emmauskirche. Gepflanzt haben mich Sorben als Dank, dass sie hier wegen der guten Siedlungsbedingungen sesshaft wurden. Im Mittelalter schlug man mir lange Eisen in den Stamm, ob ich wohl als Pranger diente? Ich weiß leider so vieles nicht mehr so genau. Banges und Trauriges erlebte ich, so auch während des Hussitenkrieges 1429/30. Jan Hus Anhänger setzten die Laurentiuskapelle ganz in meiner Nähe in Brand. (Reste sind noch im heutigen unterem Kirchturm zu sehen). Nur eine günstige Windrichtung schützte mich vor dem Flammentod! Auch 1637 im 30-jährigen Krieg ereilte mich ein ähnliches Schicksal.
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Aber im 18. Jh. wurde ich sogar „geometrisch aufgenommen“ und zwar vom Enkel August des Starken, dem Herzog von Kurland. Ich wurde immer bekannter. Man nannte mich „ein monumentales Stück Natur“ oder das Flaggschiff einer Linde in Sachsen. Und wieder setzten mir zwei verheerende Dorfbrände, 1802 und 1818, Schäden zu. Ich rettete zwar mit meinem Blätterdach die Kirche vor dem Niederbrennen, erlitt jedoch selbst lebensgefährliche Brandverletzungen. Eine Seite brannte bis zum Stammkern aus. Wie ein Wunder bildete sich über alle Brandwunden wieder feste Rinde! Erdwurzeln wuchsen später zu Stammwurzeln und gaben mir Sicherheit. Dadurch konnte ich in den letzten 200 Jahren Stürme, Blitze, Hitze, Kälte, Dürre und Überschwemmungen überstehen, denoch musste ich gestützt werden.

1903 wurde auch ich als alte Kaditzianerin mit nach Dresden einverleibt. Am 7. Juni 1925 hörte ich Schüsse in meiner Nähe! 20 Meter von mir weihte man ein Kriegsdenkmal mit einem grimmig blickenden Adler ein. Trotzdem besuchen mich viele Vögel in meinem herrlichen Blätterdach und befreien mich vom lästigen Ungeziefer. 1998 zum 1. Dorffest saßen sogar drei junge Waldkäuze in meinen Ästen. Auch jungvermählte Brautleute sah ich so um 1970 herum öfters, die durch Pfarrer Scharf symbolisch durch den dicken und dünnen Teil meines Stammes geführt wurden, sprich „künftig zusammen durch dick und dünn gehen“! Schöner Brauch.

In den letzten Jahren konnte ich um meinen Stamm allerlei Trubel beobachten, so jährlich am Johannestag. Nach der Andacht mit der Kirchgemeinde werden schöne alte Volkslieder gesungen. Danach gehen sie alle zur Elbe zum Lagerfeuer. Oder im Sommer nach den Konzerten „Orgel plus“ in der Emmauskirche versammeln sie alle bei mir, da wird gegessen, getrunken und geplauscht in fröhlicher Runde. Auch die Gäste des Radebeuler Kneippvereins (50 Kneippianer aus Donauwörth) bestaunten mich 2005 schon.

Das Grünflächenamt betreibt inzwischen meine Altenpflege, mit 30 weiteren Dresdner Bäumen. Laut Beschluss 266/85 ernannte man mich zum „Biologischen Naturdenkmal“ und trage seitdem das schöne Zeichen mit der Eule. Das garantiert mir auch gesundheitliche Kontrolle. Deshalb erhielt ich 1996 für 16.000 DM meine Kronenverspannung. Viele Kaditzer verhinderten am Ende des 20. Jh. den geplanten Kiesabbau unweit des Dorfes. Ich wäre sicher verdurstet durch den absinkenden Grundwasserspiegel. Im Dezember 2002 erhielt ich eine neue Informationstafel, auf der jetzt sogar mein lateinischer Name steht: Tilia platyphyllos (Sommerlinde) – meine Blattunterseite ist nämlich behaart. Viele Radwanderer oder Besucher der „Offenen Kirche“ im Sommer rasten an den Wochenenden im Schatten meiner Blätter und sitzen auf der um meinen Stamm gebauten Bank. Ich hoffe, dass man mich alte Dame auch weiterhin so respektvoll behandelt!

Berühmt bin ich ohnehin, denn in dem Buch von Bernd Ullrich „Unsere 500 ältesten Bäume“ bin ich auch mit Bild und Text erwähnt, da kann die 1883 gepflanzte Lutherlinde auf dem Kaditzer Dorfanger nicht mit konkurrieren.

Also, ich hoffe, ihr besucht mich mal in Kaditz!

Rosmarie Kühne

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