Kunst besteht, Wunst vergeht

Zur Landesbühnenuraufführung des Fürstenzugs nach und in Altkötzschenbroda

Seit die Stadt Radebeul von Staats wegen dazu verdonnert ist, sich in nicht unbedeutendem Umfang finanziell am Unterhalt der freistaatlichen Landesbühnen Sachsen zu beteiligen, bemüht sich das Reisetheater seinerseits mit Macht, dem Heimathafen die bittere Pille zu versüßen. Ein besonderes Geschenk im Zuge der Charme-Offensive von Nicht-mehr-ganz-neu-Intendant Manuel Schöbel sollte das Historienspektakel »1645: Fürsten-Zug nach Kötzschenbroda« werden, ein Auftragswerk aus der Feder von Dr. Katrin Lange (Berlin), das eine Sternstunde aus der Kötzschenbrodaer und ergo Radebeuler Geschichte thematisiert und am 31. Mai am historischen Ort in der Friedenskirche seine Uraufführung erlebte.

Szene mit Marc Schützenhofer, Sophie Lüpfert und Matthias Henkel

Szene mit Marc Schützenhofer, Sophie Lüpfert und
Matthias Henkel


Schon der wegen der wohlfeilen Anspielungen etwas zu gewollt-witzig wirkende Titel ließ nichts Gutes erahnen, und die Premiere stand zudem unter keinem glücklichen Stern. Eine Woche lang hatte der Himmel geweint, sodass sich das Bühnengeschehen nicht, wie geplant, großenteils im Kirchhof abspielen konnte, sondern auf den Altarraum beschränkt blieb. Mancher ausstatterische Gag musste deshalb im Ärmel bleiben, und die weiter hinten Sitzenden durften sich über weite Strecken mit Pantomime begnügen. Für die Masse der Zuschauer auf den gut, aber keineswegs voll besetzten Kirchenbänken war der Verzicht auf zusätzliche, umzugsbedingte Unruhe aber vielleicht sogar von Vorteil. Denn das mit reichlich faktischem Ballast aufgetakelte Stück erfordert Konzentration, führt es doch in eine Zeit, deren Läufte und Intrigen selbst historisch interessierten Lokalpatrioten nicht bis in die letzten Verästelungen präsent sind.
Katrin Lange und Co-Autor Gerd Bedszent haben sich bemüht, einige Grundlinien der sächsischen Geschichte von 1591 bis 1645 in anderthalb Stunden anschaulich zu machen. Im Kern geht es auf spärlich möblierter Bühne um den nur holzschnittartig motivierten Zwist der fürstlichen Brüder Christian und Johann Georg, die ihrem Vater Christian I. in der Kurwürde folgten. Den roten Faden bildet ihre Beziehung zum nach dem Tod seines Förderers Christian senior 1691 gestürzten und nach Übernahme der Regentschaft durch Christian junior 1601 hingerichteten sächsischen Kanzler Nikolaus Krell, der im Gegensatz zu den genannten Wettinern als aus Kant, Gandhi und dem jungen Obama amalgamierte historische Lichtgestalt präsentiert wird. Hätte man den Calvinisten machen lassen, so die Botschaft, wäre Europa ab 1618 nicht im Krieg versunken und Johann Georg hätte seinen Gram darüber, regelmäßig auf der falschen Seite zu stehen, nicht ganz so hemmungslos im Suff ertränken müssen, wie er es angeblich getan hat. Frieden ist besser als Krieg, Einigkeit macht stark, Mord ist Mist und Brudermord sowieso, Saufen macht dumm, Rache blind und Liebe glücklich – so oder ähnlich hätte der Theaterkritiker der »Sendung mit der Maus« die moralischen Lehren des Stückes vermutlich zusammengefasst.
Um solche hehren Einsichten zu Herzen gehen zu lassen, brauchte es natürlich eine fesselnde Story um Liebe und Verrat, Schuld und Sühne plus Happyend, und da sich die Handlung samt Rückblenden über mehr als ein halbes Jahrhundert erstreckt, musste diese Mantel- und Degen-, Herz- und Schmerz-Geschichte mindestens epische Dimensionen erhalten. Am grünen Tisch kam, in drei Sätzen zusammengefasst, folgendes heraus: Die kurz vor seinem Sturz geborene fiktive Tochter von Kanzler Krell kehrt 1611 nach Sachsen zurück, verliebt sich in den unschuldigen fürstlichen Henker ihres Vaters, der daraufhin seinerseits – auf Geheiß der eigenen, ebenso fundamentalistisch lutherischen wie überzeugt kaiser- und damit irgendwie auch pabsttreuen Mutter, die schon hinter der Hinrichtung Krells steckte – vom eigenen Bruder ermordet wird. Aus der kurzen fiktiven Liaison der kecken Schönen und des dummen Dicken geht ein in Kötzschenbroda geborener männlicher Spross hervor, der 1645 in schwedischer Uniform hierher zurückkehrt, um »Bier-Jörge«, den nolens volens zufällig anwesenden Mörder des Henkers seines Großvaters, in die ewigen Jagdgründe zu befördern, was aber vom fiktiven Freund seines Opas mütterlicherseits, der nebenbei auch bei seiner, des Grafen von Monte Krell, Geburt geholfen hatte und im zarten Alter von um die 90 in Kötzschenbroda nur deshalb noch als Totengräber tätig sein kann, weil wiederum sein, des einstigen Prinzenerziehers ungeliebter Sohn dessen Leben mit der Erschleichung von Christians II. Unterschrift unter Krells Todesurteil erkauft hatte, gemeinsam mit einer gebrochen sächselnden Gödschenbrodaer Göre glücklich vereitelt wird. Der historische Waffenstillstandsvertrag soll dann auch noch irgendwie unterschrieben werden, was zeitweilig aus sehr persönlichen Gründen infrage stand und insgesamt nur ganz am Rande von Bedeutung ist, weil irgendwie gerade und schon seit geraumer Zeit irgendwie Krieg war.
Obwohl einem die Muster bekannt vorkommen müssen, fällt es nicht ganz leicht, dieser ohne viel Rücksicht auf historische Plausibilität konstruierten Räuberpistole zu folgen. Das mal zu kopf-, mal zu bauchlastige Spektakel passt perfekt in die Reihe der aus Fernsehen, Film und Dresdner Zwinger so inflationär wie unrühmlich bekannten Doku-Dramen, die Geschichte nach Belieben zurechtkneten und in den Ankündigungen stets als tolle Tiger springen, um sich bei näherer Betrachtung genau so regelmäßig als biedere Bettvorleger zu entpuppen. Der Teufel steckt dabei, wenn man das angesichts des Spielorts überhaupt so formulieren darf, schon im Ansatz und dann auch im Detail. Niemand, der sich ernsthaft mit sächsischer Geschichte beschäftigt hat, würde zum Beispiel behaupten, wie es im Stück zu hören und im Programmheft zu lesen ist, der Waffenstillstand von Kötzschenbroda sei im September 1645 verhandelt und besiegelt worden. In Sachsen und in Schweden – andere Parteien waren nicht beteiligt – galt damals der julianische Kalender, und unter dem Vertrag steht der 27. August; alle Jubiläen des großen Ereignisses wurden an diesem Datum gefeiert, und auch der darauf bezügliche Radebeuler Couragepreis wird, wenn terminlich möglich, Ende August verliehen, nicht Anfang September. Zum erfolgreichen Volksstück, das macht schon dieser an sich nebensächliche Schönheitsfehler deutlich, fehlt es dem fiktiven »Fürstenzug« neben Originalität und Witz vor allem an Bodenständigkeit. Mit Radebeuler Geschichte hat er nur dem Titel nach zu tun.
Alle Akteure des Abends, Regisseur und Technik haben sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten Mühe gegeben, der überfrachteten Geschichtsklitterung, die ganz am Anfang sogar einige poetische Momente hatte, so etwas wie Leben einzuhauchen. Wirklich glänzen konnte keiner, mit Ausnahme vielleicht der Ausstatterin, der man allerdings den – im Hinblick auf den Spielort wenig sensiblen und historisch absurden – Fauxpas anlasten muss, den habsburgischen Gesandten in einen Bischofsornat zu stecken. Wir freuen uns darauf, den »Bruderzwist im Hause Habsburg«, »Macbeth« oder »Kabale und Liebe« irgendwann einmal wieder nicht in kruden Versatzstücken, sondern im Original und gewohnt qualitätvollen Inszenierungen im Stammhaus der Landesbühnen zu erleben. Dafür geht der städtische Zuschuss schon in Ordnung, Theater muss sein. Auch der einen oder anderen volkstümlichen Performance des Ensembles zum Karl-May-Fest oder beim Wandertheaterfestival – gern auch mit Lokalkolorit – sehen wir erwartungsvoll entgegen. Sie sollten aber von Herzen kommen und nicht wie bemühte, belang- und nutzlose Trostpflästerchen wirken.
Dass sich ein aufmerksamer Techniker die Mühe gemacht hatte, das in der Friedenskirche hängende, echt zeitgenössische Porträt Johann Georgs I. und den nur (aber immerhin) vielleicht authentischen »Friedenstisch« während der Aufführung dieser »fiktiven Fußnote zur Geschichte« hinter einem schwarzen Vorhang zu verbergen, sei anerkennend erwähnt. Der freundliche, aber alles andere als überschwängliche Premierenapplaus ehrte in erster Linie das Publikum; aus Höflichkeit und leidvoller Erfahrung lässt man sich in Kötzschenbroda so einiges gefallen. Mancher der Zeugen der Premiere konnte dem trotz besten Wollens – selbst Petrus hatte die Schleusen des Himmels vorübergehend geschlossen – seltsam verkorksten Abend immerhin etwas abgewinnen. »So intensiv wie heute habe ich mir die wunderbaren Altarfenster noch nie angeschaut«, hörte ich eine Besucherin beim Verlassen der Kirche sagen. Kunst besteht, Wunst vergeht.

Frank Andert

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