Ein namenloser Turm in Radebeul Ost – gibt’s so was?

Neulich fragte mich ein ehemaliger Kollege aus dem Energiebau (heute ABB), ob ich einen ruinösen Turm am östlichen Lößnitzhang und vielleicht seinen Namen kennen würde und er beschrieb mir ein paar Einzelheiten. Er war in diesem Jahr mit dem Malzirkel von Frank Hruschka da gewesen und hatte ein paar Skizzen mitgebracht. Von den sieben Radebeuler Freizeitmalern wusste keiner wirklich etwas zu dem Turm zu sagen.
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Ja, eigentlich könnte ich mich mit einer Antwort sehr kurz fassen, indem ich auf eine Abbildung in Vorschau + Rückblick 04/02 im „Wauer“-Artikel und die Beschreibung des Titelbildes von V+R 02/04 verweise. Doch da sicherlich nur wenige Leser diese Hefte von vor ca. zehn Jahren schnell zur Hand haben werden, möchte ich mich hier ein wenig ausführlicher mit dem als Kulturdenkmal ausgewiesenen Turm beschäftigen und damit die Neugier des Malzirkels sowie anderer Leser befriedigen.

Ansicht vom Jägerberg, um 1850

Ansicht vom Jägerberg, um 1850


Friedrich Eduard Bilz (1842 – 1922), der stadtbekannte Naturheilkundler, hat 1898 die Villa „Jägerberg“, Augustusweg 110, zusammen mit großem Grundstück und dem Turm erworben, also auch den Turm nicht gebaut. Geschäftstüchtig wie Bilz war, hat er auf einem seiner Werbeprospekte den da abgebildeten Aussichtsturm gleich als „Bilz-Burg“ (*1) bezeichnet, doch an diesen Namen hatten sich die Radebeuler nie gewöhnen können. Auch nur wenige Radebeuler werden den korrekteren Namen „Hantzschs Aussichtsturm“ kennen. Dieser Name verweist auf den Erbauer von Villa und zwei Türmen im Hanggrundstück, den Dresdner Weinhändler August Hantzsch. Dieser ließ sich 1844 mit seiner jungen Frau auf dem vom Vater Johann Heinrich Hantzsch 1826 erworbenen Weinberg nieder. August Hantzsch war mit dem Dresdner Architekten Woldemar Hermann (1807 – 1878) befreundet und bat ihn, Skizzen für Villa und Türme im Stil der damals vorherrschenden Neogotik anzufertigen, denen die Entwürfe folgten und die Bauten schließlich auch so ausgeführt wurden. Bilz hat nach 1898 die Villa aufstocken lassen, was die Proportionen nicht verbesserte, das Haus als Kurhaus IV (die Kurhäuser I bis III befanden sich am damaligen Strakenweg (heute Eduard-Bilz-Straße)) bezeichnet und da neben seinen Gästen selbst gewohnt.
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Der von uns betrachtete Turm, der wohl Mitte des 20. Jh. durch bauliche Vernachlässigung und später durch Vandalismus zur Ruine wurde, diente etwa 100 Jahre als Aussichtsturm und Rückzugsbereich für kleinere, private Feiern im Obergeschoss. Zur Zeit der Errichtung trugen auch diese Hänge Wein auf den noch heute im Wald erkennbaren Terrassen, wie eine Abbildung vom Grundstück „Jägerberg“ um 1850 zeigt. Ob der Weinbau hier infolge der Reblaus oder schon früher aufgegeben wurde, wissen wir nicht genau. Damit bleibt offen, ob der Park mit Treppen und Wegen von Hantzsch oder von Bilz angelegt wurde.
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„Hantzschs Aussichtsturm“ (*2) hat einen achteckigen Grundriss, zwei Etagen (zu ebener Erde einen niedrigen Mehrzweckraum, darüber einen kleinen, anderthalbgeschossigen Festraum mit ehemals Sterngewölbe und oben die Aussichtsplattform. Die vertikale Erschließung des Turms erfolgte durch eine eingehauste Wendeltreppe auf der Nordseite, die heute nicht mehr existiert, und endete mit Ausstieg (Spitzdach) auf die zinnenbekrönte Plattform, wie aus den Bauskizzen deutlich wird. Die obere Etage hatte ursprünglich fünf Rundbogenfenster mit „Bullaugen“ darüber nach Osten, Südosten, Süden, Südwesten und Westen – letzteres ist jedoch zugesetzt worden. Der Turm ist in Mischmauerwerk errichtet und innen und außen verputzt gewesen. Vom Turm aus gesehen in südlicher Richtung finden wir eine sich im Halbrund erstreckende große, bastionsartige Terrasse aus unverputztem Syenit-Zyklopenmauerwerk, von der anzunehmen ist, dass diese etwas später gebaut wurde. Auf diesem Plateau finden wir ein wenig versteckt außerdem ein kreisrundes Wasserbecken und etwas weiter nördlich neben dem Tor einen desolaten Brunnenschacht. Rund um den Turm ist heute Laubwaldbestand; beim genaueren Hinschauen sehen wir Reste der Parkbepflanzung (an der Bastion Kastanien, weiter hinten Eichen und Buchen und östlich eine kurze Allee von Ahorn) und auch viel Wildwuchs. Dazwischen unregelmäßige Wege, bzw. Trampelpfade, neben der Bastion aber eine alte, steil nach unten führende, desolate Sandsteintreppe, wie sie typisch ist für die Weinberge in der Lößnitz. Das Bauwerk hat auch als Ruine seinen Reiz: Im Zusammenwirken mit dem verwilderten Park entsteht ein romantisches Ambiente, das besonders von Künstlern geliebt wird. Irgendwie fallen einem gleich Bilder von Caspar David Friedrich ein, der aber wohl nicht hier gewesen ist. Man versteht natürlich das Interesse unseres o.g. Malzirkels an diesem Standort. Ein „Baumensch“ dagegen fragt sich, ob, und wenn ja, wie dieses Bauwerk wieder aufzubauen wäre. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hatte im vorigen Jahr das Stichwort „problematische Denkmale“ für den Tag des offenen Denkmals vorgegeben – ich glaube, unser Turm hätte gut dazu gepasst!
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Die Sanierungsarbeiten an der Villa „Jägerberg“ und den Gebäuden um den Hof sind weit fortgeschritten und die meisten Wohnungen schon bezogen, aber an die Gestaltung des Parks oder den Wiederaufbau des Aussichtsturmes ist vorläufig nicht zu denken. Grundsätzlich handelt es sich um ein Privatgrundstück, das man trotz des offenen oberen Tores und Löchern in der Einfriedungsmauer nicht betreten sollte. Im Bereich der Turmruine und Balustrade besteht Ein- und Absturzgefahr – ein Warnschild verbietet das Betreten! Sie, liebe Leserinnen und Leser sollten also meinen vorliegenden Bericht bitte nicht als Aufforderung zu einem Besuch des Turms betrachten. Wahrscheinlich sind o.g. Malfreunde da auch einen Schritt zu weit gegangen.
Zum Schluss sei noch festgestellt, dass eine zweite Turmruine weiter unten im Park schon immer Ruine war, man sie 1844 im Geiste der Empfindsamkeit bewusst als Ruine errichtete. Durch den „Zahn der Zeit“ und auch Zerstörungen ist sie aber immer kleiner geworden. Denkmalpflegerisch wäre, wenn überhaupt, hier nur der Wiederaufbau bis zum Zustand von 1844 sinnvoll – wohl keine Aufgabe für unsere Häusermakler. Ich könnte mir vorstellen, in V+R auch über diese zweite Turmruine auf dem „Jägerberg“ mal etwas zu schreiben.

Dietrich Lohse

*Literaturhinweise: 1. Jürgen Helfricht, „Friedrich Eduard Bilz – Altmeister der Naturheilkunde
in Sachsen“, Sinalco AG Detmold u. Stadtverwaltung Radebeul, 1992
2. Walter Schleinitz, „Aus Jugendtagen des romdeutschen Baumeisters
und Malers Woldemar Hermann (1807-1876)“, …

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Ein Kommentar

  1. Harald Wennerlund
    Veröffentlicht am Mi, 1. Jan. 2014 um 18:50 | Permanenter Link

    Dieser Beitrag weckt bei mir Kindheitserinnerungen.
    In den 1965er Jahren kletterten wir Abendheuersuchenden Kinder im Bilz´schen Grundstück auf einem Turm herum uns spielten Bergsteiger. Mit Wäscheleinen ausgerüstet und auch etwas Proviant bestiegen wir den Turm. Ich erinnere mich an marode Holztereppen welche erst in der „1. Etage“ begannen und Absätze. Was hätte passieren können, badachten wir natürlich nicht.
    Nun weiß ich nicht, ob es sich um den hier beschriebenen Turm handelt oder nicht.
    Ich habe ihn höher und dunkler in Erinnerung.
    Vom Augustusweg stiegen wir rechts neben der Oberlößnitzer Schule (in der meine Tante und mein Onkel Hausmeisterehepaar waren) zur „Aussicht“ und dort im Hinterland befand sich jener Turm.
    Auch haben wir dort eine Nächtliche Fete abgehalten. Mit heutigem Maßstab gemessen, sehr harmlos.
    Eventuell weiß der Autor um welchen Turm es sich handelt und wie es ihm heute geht?

    Ein gutes und gesundes Jahr allen Redaktionsmitgliedern und allen Lesern in Nah und Fern.

    Harald Wennerlund

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