Leserbriefe an Vorschau & Rückblick

»Mäuseturm«, um 1900

»Mäuseturm«, um 1900

Zu meinem Artikel „Ein namenloser Turm in Radebeul Ost – gibt’s so was?“ (V&R 01/14) gab es verschiedene Reaktionen von Lesern, darunter einen Brief von Christine Rothe aus Dresden und eine Mail von Harald Wennerlund. Zunächst eine Passage aus Frau Rothes Brief:
Ich bin als Kind (Ende der 50er Jahre) in diesem Gelände herumgestöbert und hatte an dem 2. Turm bzw. der Turmruine eine Bronzetafel entdeckt mit einem Gedicht über die Elbe und den Durchzug napoleonischer Truppen. Daraufhin bin ich ein zweites Mal zu der Turmruine gegangen, um diese Verse abzuschreiben, aber leider war die Tafel nicht mehr da – schade. Ist bekannt, wo sich diese Tafel befindet?
Nun ein Auszug aus der Mail von Herrn Wennerlund:
Dieser Beitrag weckt bei mir Kindheitserinnerungen. In den 1965er Jahren kletterten wir Abenteuer suchenden Kinder im Bilz’schen Grundstück auf einem Turm herum und spielten Bergsteiger. Mit Wäscheleinen ausgerüstet und auch etwas Proviant bestiegen wir den Turm. Ich erinnere mich an marode Holztreppen, welche erst in der 1. Etage begannen sowie Absätze. Was hätte passieren können, bedachten wir nicht, Nun weiß  ich nicht, ob es sich um den in der Vorschau behandelten Turm handelt oder nicht. Ich habe ihn höher und dunkler in Erinnerung.
Ja, hübsche Geschichten zu einem Turm, doch ich kann Herrn Wennerlunds Vermutung nur bestätigen: beide Leser meinen einen ähnlichen, aber doch anderen Turm! Die Kindheitserinnerungen der Leser beziehen sich auf den so genannten „Mäuseturm“ (Volksmund) im Gelände des ehemaligen Bilzsanatoriums, Eduard-Bilz-Straße 53, in Radebeul. Der Oberlößnitzer Friedensrichter Tischer hatte den viergeschossigen, runden Aussichtsturm ca. 1850 am höchsten Punkt seines Grundstücks errichtet – die etwas sachlichere, aber wenig gebräuchliche Bezeichnung „Tischerturm“ bezieht sich also auf den Erbauer. Und tatsächlich wirkte der Turm düster wegen der verwitterten Natursteinfassade. Der Naturheilkundler Friedrich Eduard Bilz kaufte 1890 das große Grundstück samt dem Turm und baute 1894/95 hier die Kurhäuser I und II. Über verschlungene, ansteigende  Wege im parkartigen Gelände konnten seine Kurgäste auch den Aussichtsturm erreichen und besteigen. Nach dem Tod von F. E. Bilz 1922 ging der Kurbetrieb unter Ewald und Willy Johannes Bilz zwar weiter, war aber rückläufig. Es kann angenommen werden, dass der „Mäuseturm“ 1945 noch erhalten war. Als die Kurhäuser zuerst Umsiedlern als Unterkunft dienten und dann später Lehrer-Studentinnen hier einzogen, kümmerte sich niemand mehr um den Turm, so dass er verfiel. Auf die neue Denkmalliste von 1991 wurde er noch als Kulturdenkmal aufgenommen, obwohl da bereits Zweifel bestanden, ihn erhalten zu können. Die von Frau Rothe erwähnte Bronzetafel, die ich nie gesehen hatte, ist offensichtlich schon vor 1991 nicht mehr da gewesen. Etwa 1993 wurde die Turmruine von einem Blitz getroffen, ein halbrunder Stumpf stand noch ein paar Jahre bis schließlich nur noch ein etwa 7m hohes, jedoch schmales, hochgradig einsturzgefährdetes Mauersegment und ein Steinhaufen die Stelle des „Mäuseturmes“ markierten. Die Betreiber der Wohnanlage (ca. ab 2005) im ehemaligen Sanatorium hatten das Grundstück geteilt und heute ist es unklar, wer sich um das Restgrundstück, wozu auch der Turm gehört, kümmert, respektive nicht kümmert. An einen Wiederaufbau dieses Turmes ist nicht mehr zu glauben. Was den Verbleib der o.g. Bronzetafel, bzw. deren Inhalt betrifft, will ich versuchen, mich weiter zu informieren, fürchte aber, dass sie in DDR-Tagen einem Buntmetallsammler zum Opfer gefallen ist. Die im Januarheft beschriebene andere Turmruine und auch eine zweite Ruine in halber Hanghöhe befinden sich im knapp 1km östlich gelegenen Grundstück Augustusweg 110.

Dietrich Lohse

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