Geschichte und Geschichten zum Mitfühlen und Mitdenken

Es gibt Wörter und Wortgruppen, die dem Englischen entspringen und in das Gegenwartsdeutsch eingeflossen sind, weil unsere Sprache keine vergleichbar präzise oder griffige Wendung den Sprechern zur Verfügung stellt. Eine solche Formulierung ist „Win-win-Situation“, womit man auf das englische Verb „to win“ (gewinnen) Bezug nimmt und ausdrückt, dass ein bestimmter Vorgang von allen beteiligten Personen als vorteilhaft empfunden wird. Vor ein paar Wochen ist es Wolfgang Zimmermann und mir gelungen, ganz abseits unseres Engagements für „Vorschau & Rückblick“ eine solche „Win-Win-Situation“ hervorzurufen. Von dieser möchte ich kurz berichten, um Sie, liebe Leserinnen und Leser dazu zu ermutigen, vergleichbare Momente zu schaffen. Denn gerade dieses Jahr bietet dafür gute Gelegenheit, denn es ist bereits ein Vierteljahrhundert seit der politischen Wende in der DDR vergangen.
Wolfgang Zimmermann hat eine bewegte Biografie. So bewegt, dass hier nur Schlaglichter gesetzt werden können: Kindheit in DDR und BRD, Fluchtversuch als Jugendlicher, Relegation von der EOS, Jugendwerkhof, Leiter von Klubhäusern, Konzertveranstalter, im Visier der Stasi, Eintritte in die und Rausschmisse aus der SED. Ein exemplarisches Leben zwischen 1945 und 1990, ein Leben als DDR-Bürger, gelebte Geschichte eben. Geschichte? Wie langweilig, denken viele Schüler, für die die DDR eben nur Unterrichtsstoff ist und damit fast genauso weit weg von ihrer eigenen Welt zu sein scheint wie der 1. oder 2. Weltkrieg. Wolfgang Zimmermann aber ist nicht weit weg, sondern sitzt an einem Mittwochvormittag mittendrin in einer 10. Klasse und erzählt von sich. Nimmt die Schüler mit auf eine Zeitreise, ohne auf Lehrbuchmerksätze, Lexikoneinträge oder Lehrplaninhalte eingehen zu müssen. Denn das, was zu wissen und zu lernen ist, wird hier anschaulich durch den Strom des Erinnerns eines Einzelnen, ist Geschichte zum Anfassen, vor allem aber zum Mitdenken und Mitfühlen. Wolfgang Zimmermann schafft es, 24 Teenager über 90 Minuten zu fesseln. Keiner spielt auf dem Handy, niemand denkt daran, heimlich einen Kaugummi hervorzuholen, denn die Blicke sind gebannt auf den Gast gerichtet. Und der redet nicht nur zu, sondern auch mit den Schülern. Sie fragen. Sie zweifeln. Sie sind betroffen. Unterlagen der Staatssicherheit. Fotos „von damals“. Aha, so war es also. Ja. Nein. Es war so und doch auch wieder anders. Aber so eben auch.
Geschichtswissen ist Wissen um Geschichten, und Geschichten hören auch noch die scheinbar coolen und abgebrühten Jugendlichen gern. Liebe Leserinnen und Leser, erzählen Sie Ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln von früher, so lange sie es noch vermögen. Und vertrauen Sie darauf, dass Sie der beste Beweis dafür sind, dass Geschichte nicht etwas ist, was nur in Büchern steht oder in Filmen gezeigt wird, sondern etwas ganz Greifbares ist. Und glauben Sie nicht, dass der Alltag von früher für die Kinder und Jugendlichen von heute uninteressant ist. Sie werden staunen, was die die jüngere Generation alles nicht weiß, aber gern wissen möchte, wenn es an konkreten Personen festgemacht wird.
„Ich spreche gern über mein Leben in der DDR“, sagt Wolfgang Zimmermann. Und sehr gern habe ich ihm dafür Raum in meinem Deutschunterricht gegeben. Eine Win-win-Situation eben. Danke, lieber Wolfgang!

Bertram Kazmirowski

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