Ein vollendetes Leben

15. Februar 1927 – Max Manfred Queißer – 4. Mai 2016

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrhundertelang;
und ich weiß nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

(Rilke)

Als geschlossener Kreis ist der Ring eine vollkommene Form; in jedem Schließen eines Kreises liegt Vollendung.

Foto: G. Queißer

Foto: G. Queißer


Am 4. Mai 2016 hat sich der Lebenskreis des Malers Max Manfred Queißer geschlossen. Wie Rilke, so glaube ich, hat auch er versucht, baumgleich seinem Leben Ring um Ring hinzuzufügen, jeden Wandel, jede große oder kleine Veränderung als einen Zugewinn begrüßend. So wurde Manfreds Leben ein vollendetes Leben.

Das war keineswegs selbstverständlich.

Im Februar 1927 wurde er in Freital geboren. Als er 1933 in die Schule kam, war schon alles darauf ausgerichtet, ihn und seine Mitschüler auf das sogenannte große Ziel ihres Lebens vorzubereiten: Den Heldentod. Tatsächlich folgte dann nach einer Lehre zum Maschinenschlosser 1944 die Einberufung zum Kriegsdienst, der für ihn (zum Glück nur) in sowjetischer Kriegsgefangenschaft endete. Es dürfte ihm sehr schmerzlich geworden sein erleben zu müssen, daß das Wort Heldentod nun auch unter uns, in der freiesten aller möglichen Gesellschaften, wieder angekommen ist. An den traumatischen Erlebnissen der Zeit zwischen 1944 und 1948, die er selbst als gestohlene Jahre bezeichnete, hat er bis in seine letzten Tage hinein schwer zu tragen gehabt.

Auf der Suche nach dem Leben begann Manfred zu malen, die Ateliers befreundeter Maler waren hier seine Lehrstuben.

Die Suche nach einem Beruf führte 1968 zu einer Promotion an der TU Dresden, der einundzwanzig Jahre wissenschaftlicher Tätigkeit als Kultursoziologe folgten. Dank enger freundschaftlicher Beziehungen zu Friedrich Kracht, Karl-Heinz Adler und der Genossenschaft Kunst am Bau verlor er die Kunst auch während seiner Berufsjahre nie ganz aus den Augen. Als Mitglied des redaktionellen Beirates der Fachzeitschrift Form+Zweck lag ihm die Belebung des BAUHAUS-Gedankens besonders am Herzen.

So gelang es ihm, Ring um Ring zu einem Leben zu fügen.

Gerlinde, seine zweite Ehefrau, mit der er seit 1976 in Radebeul lebte, brachte neue Farben ins Spiel: Sie teilten nun Leben und Werk. Die agile kleine Frau teilte mit ihm ihre Jugend, die freie Innenarchitektin bezog ihn gern in ihre Projekte ein. Gemeinsam entwickelten sie künstlerische Gestaltungskonzepte. Schließlich ermunterte sie ihn, sich ab 1990 mit neuer Energie der Malerei zu widmen und organisierte ihm, als er die Sicherheit wiedergewonnen hatte, weit über Radebeul hinaus zahlreiche Ausstellungen.

Friedrich Schorlemmer nannte in seiner Gedenkrede drei Säulen, um die sich die Ringe dieses Lebens zogen: eine politische Philosophie, die Musik und die Malerei. Andreas Schorlemmer fügte hinzu, was alle verband: die Liebe.

Frucht dieser Liebe war Sohn Friedemann, der in seinem Namen Vaters Hoffnung trägt, nie wieder einen Krieg erleben zu müssen. Hoffen heißt, schrieb Friedrich Schorlemmer, an einen Überschuß glauben und aus solchem Vertrauen Handlungskraft gewinnen.

Max Manfred Queißer hat, vom Vertrauen der Liebe getragen, eine Handlungskraft besessen, die ihn bis fast zuletzt den Pinsel führen und ihn auch dann noch immer wieder zu Spaziergängen aufbrechen ließ, als ihm das Alter schon das Gehen unmöglich machen wollte. Der große Mann mit dem herzlichen Lachen und dem wehenden weißen Haar fehlt nun im Stadtbild, denn er hat den letzten Ring vollendet und ist ein Teil geworden vom großen Gesang.

Thomas Gerlach

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