Mit Tom Tagtraum durch das Jahr 2016 – Teil 10

Du musst Träumen ihre Entstehung zulassen, denn nur so kann irgendwann ein Teil davon auch Wirklichkeit werden.

Der Astronom auf dem Domhügel

„Nenn mich einfach Nick. Meinen richtigen Namen wälzt die Wissenschaft wohl noch in fünfhundert Jahren in die eine und dann wieder in die andere Sprache. Und nach all der Zeit sollte ich mich noch entscheiden, ob mein Reisepass zwei- oder dreifarbig gestreift sei! Dabei war das damals völlig gleich und sollte erst recht auch heute nicht mehr wichtig sein.“ Zur See im Norden war Tom sehr lange unterwegs und ungewöhnlich weit östlich angekommen. Ein schmaler Streifen Land trennt dort die See von einem See hinter dem Meer. Tom musste Irek, den Fährmann, auf seinem zinnoberroten Boot erst wecken, damit der ihn zu Nick übersetzte, blieb aber für die Rückfahrt ab dem kleinen Hafen mit Irek verabredet. „Weißt du Tom, eines Tages wird man mich im Dom begraben. Mein Sarg wird sogar unter Glas liegen und Besucher werden Eintritt zahlen müssen, um in die Kirche zu dürfen…Na, der Platz hier steckt aber voller Magie. Schau selbst, die Nacht ist wunderbar dunkel. Kein menschen-gemachtes Licht weit und breit, soweit ich von meinem Turm in den Himmel schaue. Und je mehr ich entdecke, desto mehr Ideen und Fragen kommen mir.“ Tom durfte mitten in einer neumondklaren Nacht durchs Fernrohr schauen und in Nicks Schriften und Zeichnungen stöbern. Mehrere Nächte vergingen so und auch Tage, an denen Tom meist unter einem mächtigen, alten Baum inmitten des Kathedralhügels schlief. Tage, an denen er, kurz erwacht, nur mal zur angelehnten Domtür schlich, um die Schöne Madonna auf der Mondsichel zu bewundern. Nächte, die er bei Nick am Fernrohr im Turmzimmer verbrachte. Der Astronom sah in Wirklichkeit gar nicht so aus, wie ihn die Nachwelt aus einem Kupferstich kennen sollte, wallendes Haar und fern entrückt. Nick war ein Mann vom Meer im Norden. Er hätte auch Bootsmann oder Fischer sein können. Jedenfalls war sein Wesen authentisch mit der Welt der Seen vor dem Meer. Kühler Nordwind war ihm tief in Stirnfalten gegraben und machte seine Gedanken zur Welt, die uns umgibt, erst wirklich.

„Nick, unsere Welt ist also wirklich richtig rund und die Planeten drehen sich nach festen Regeln um die Sonne?“ Tom starrte durchs Fernrohr und wagte vor Sternenfaszination kaum zu atmen. Sein Herz war weit und beklommen zugleich. Was hatte er eben gefragt? Nick dachte nach und formulierte mit nordischer Ruhe eine Antwort. „Das stimmt schon, Tom. Jedenfalls fast. Es wird bestimmt viele hundert Jahre so stimmen und die Leute werden es glauben. In Wirklichkeit ist aber alles ganz anders. Die Erde ist längst keine Kugel mehr, sondern ein Würfel. Und auch das wieder nicht. Die Erde besteht aus vielen Würfeln mit unendlich vielen Ecken und Kanten, die sich von allen Seiten durchdringen. Wichtiger als all die Sternenbahnen am Himmel ist, dass du ständig aufpassen musst, auf der Erde nicht bloß so über diese Kanten und Ecken durchs Leben zu stolpern. Am Ende hast du nichts auf der Welt gesehen, geschweige denn hinterlassen. Viele Leute stürzen dieser und nächster Tage ins Zeitaus, finden nie mehr ins Dies-Zeits zurück. Alles dreht sich immer schneller, dreht und dreht sich. Manche haben dann mit viel Geld alles nur Mögliche eingekauft und die tollsten Erlebnisse gebucht. Gerade denen bleibt mitunter nichts erhalten. Hörst du den Schrei der Graugänse draußen vom Haff? Ihren Flügelschlag? Der Endlosgedanke der Erde ist ein ganz anderer, als ihn deine und meine Gegenwart beschreibt.“ Tom hätte noch viele Fragen, wollte von Nick zum Beispiel wissen, wie das Leben auf die Erde gekommen war und wo die Zeit entsteht, wo der Raum drin ist, den wir als Raum erleben. Aber auf all das wollte Nick keine so rechte Antwort geben. Zum Abschied drückte er Tom einen selbst gezeichneten Sternenatlas in die Hand und brummelte etwas von „vielen verschiedenen Richtungen, Etappen in den Zeiten, Geist, der sich verändert…“. Da verstand Tom längst nicht mehr alles, denn selbst Nick war, wie sich hier herausstellte, auch nur ein Suchender geblieben. Tom ist dann den Domhügel direkt zum kleinen Hafen hinunter gerannt und weckt Käptn Irek, der die ganze Zeit auf dem zinnoberroten Fährboot gewartet hatte. Aber Tom holt nur sein signalrotes Flitzefahrrad mit Weitsprungfunktion von Bord und bedeutet Irek, weiter zu schlafen. Schließlich, nun, es kämen bald sehr stürmische Zeiten.
Trotz Flitzweitsprungfahrrades entfernt sich Tom nur ganz langsam von Nick, dem Astronomen vom Domhügel. Die Landschaft ist hier sanft geschwungen. Es hatte am Morgen noch geregnet. Toms Magen knurrt und dirigiert ganz irdische Dinge: Heiße Fischsuppe, Brot und Krautsalat. Das schmeckt so köstlich, Tom wird es auch morgen bestellen. Und übermorgen. Und üüüü… Nehmen wir einfach an, dass der dunkelrote Zug auf der Fahrt nach Hause nur die üblichen Verspätungen haben wird.

Tobias Märksch

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