Ein viel fotografiertes, aber dennoch verschwundenes Haus im Lößnitzgrund

Das Haus Lößnitzgrundstraße 38 auf Flurst. 2764 bzw. 2764c war ein älteres, eher bescheidenes Wohnhaus neben dem Lößnitzbach, ob der im Volksmund verankerte Begriff „Malerwinkel“ den malerischen Winkel oder die verschiedenen im Grundhof beheimateten Maler meint, bleibt offen. Von mir zu dem Haus befragte Bekannte konnten sich alle nicht erinnern , bis wann es existiert hatte – die Angaben streuten von 1975 bis 1990, aber alle konnten noch beschreiben, wie es ausgesehen hatte. Doch warum wurde es nun so oft fotografiert, wo es doch eher bescheiden war? War es ein Wohnhaus, ein Bauernhaus oder wurde es früher noch anders genutzt?

Neulich bekam ich eine historische Postkarte (um 1910) geschenkt, da wollte ich diese und weitere Fragen für mich beantwortet haben und begann mal wieder zu recherchieren. Aber, um es vorweg zu nehmen, die Quellenlage zu diesem kleinen Wohnhaus war wieder mal dünn. So war bis jetzt das Jahr der Errichtung nicht genau festzustellen – nach meiner Schätzung vielleicht 1. Hälfte 18. Jh..

Das alte Tor, 1975


Wie kam es nun, dass es, als es noch stand, oft fotografiert wurde und von wem? Grund dafür ist ganz sicher die Lage, außer neben dem Bach und seit 1884 auch neben den Gleisen der Schmalspurbahn und gegenüber der Straßenbrücke. Hier auf der Brücke positionierten sich früher häufig Liebhaber der dampfgetriebenen Eisenbahn mit Foto- oder Filmausrüstung und da war fast immer besagtes Haus als Hintergrund zu sehen, was natürlich auch heute ohne das Haus noch so geschieht.

Ein Eisenbahnbild 1972


Unsere verehrte, ehemalige Stadtarchivarin Liselotte Schließer bezeichnete das Haus als Winzerhaus zum Ensemble Grundhof. Das will ich gern glauben, auch wenn der Standort eines tief im Grund gelegenen Winzerhauses nicht so typisch sein dürfte. Zum Grundhof gehörten schon immer Weinberge und dazu braucht man eben einen Winzer. Da das Herrenhaus andere, repräsentative Funktionen hatte, brauchte man damals ein separates Winzerhaus, das zugleich eine Wohnung für den Winzer war. Die Nutzung unseres betrachteten Hauses dürfte sich mit oder kurz nach der Reblauskatastrophe (1886) geändert haben. Seit dem können wir von einem reinen Wohnhaus sprechen. Noch 1940 nennt das Adressbuch als Eigentümer des Grundhofs einschließlich der Lößnitzgrundstraße 38 Dr. med. Johanna und Dr. jur. Ernst Suppes, die im Herrenhaus (Paradiesstraße 66/68) wohnten. Zu dieser Zeit lebten als Mieter im ehem. Winzerhaus Ernst Müller, Bildhauer, und Werner Klein, bei der Bauaufsicht beschäftigt. Es war also nach wie vor ein zusammenhängender Besitz. Nach 1945 wurde eine Trennung des Grundstücks Lößnitzgrundstraße 38 vom Gesamtgrundstück Grundhof durchgeführt. Das Haus war noch bis zur Mitte der 70-er Jahre des 20. Jh. bewohnt gewesen. Der heutige Eigentümer (Eigentümergemeinschaft) Dr. Stephan Cramer kaufte jedoch 1998 dieses Grundstück zurück, so dass der Grundhof wieder vollständig ist. Während der Zeit des Leerstandes gab es mehrere Brände, sei es durch Funkenflug oder Brandstiftung. Jedenfalls hatte die Feuerwehr öfter an der Adresse zu tun. Warum sich keiner gefunden hat, der einen Wiederaufbau betreiben wollte, hatte sicherlich verschiedene Gründe: da wäre die Lage am Bach (Hochwassergefahr), die Lage an der Bahn (u.a. Lärm), die Tallage (starke Verschattung), eine fehlende Zufahrt, zu hohe Kosten oder eventuell auch ungeklärte Eigentumsfragen. Im Lößnitzgrund stand also für einige Jahre eine Ruine und die Sache stagnierte. Dann kam das Jahr 1984 und das brachte der DDR einen hohen Staatsbesuch aus Nordkorea, der auch Dresden sehen wollte. Kim Il Sung hatte im Vorfeld der Reise einen ganz persönlichen Wunsch geäußert: er war Eisenbahn-Fan und wollte unbedingt mal mit der Schmalspurbahn durch den Lößnitzgrund nach Moritzburg fahren. Nun hatten die Organisatoren (Räte des Bezirkes und Kreises, Bahnverantwortliche und sicher auch die Stasi) auf der Gastgeberseite alle Hände voll zu tun. Alles Technische musste klappen, die Sicherheit längs der Strecke musste gewährleistet sein und schließlich musste der Blick aus den Zugfenstern eine heile DDR-Welt bieten. Und genau zu Letzterem passte unsere Brandruine gar nicht!

Die Ruine verschwand wie von Geisterhand, Kosten spielten keine Rolle und bis auf ein mit Planen abgedecktes Häufchen Steine war während der Reise von Kim Il Sung im Juni 1984 nichts mehr von der Ruine übrig geblieben. Warum den DDR-Oberen der Gast aus Korea so wichtig war, kann man nur vermuten, um Bananen ging es wohl eher nicht.

Doch nun noch rasch ein paar bautechnische Aussagen zu dem ehem. Winzerhaus. Einen Denkmalstatus hatte es meines Wissens nie, und wenn doch, bloß mal angenommen, hätte das den oben geschilderten, politisch motivierten Abriss auch kaum verhindert. Das Haus bestand aus zwei ähnlichen, sich jedoch in der Größe unterscheidenden Bauteilen – einem zweigeschossigen Wohnhaus mit Satteldach und einem in der Längsachse versetzten eingeschossigen Gebäude (möglicherweise das Presshaus gewesen, später auch zum Wohnen umgebaut) mit ebensolchem Dach. Ich vermute, es waren verputzte Fachwerkhäuser, wie sie im 18. Jh. in unserer Gegend verbreitet waren. Das betrachtete Haus hat im Laufe der Jahrhunderte mehrere Umbauten erlebt, so aktenkundig 1907 als ein flacher Anbau auf der Hangseite erfolgte, neue Zwischenwände und neue Schornsteine gebaut wurden. Einen Keller mit Treppe von außen hatte nur das kleinere Haus, der wegen der Nähe zum Bach wohl nicht immer trocken war. Einen großen Weinkeller gibt es unter dem Grundhof-Herrenhaus. Eine ehemalige Kollegin von mir erzählte, dass ihr in dem Haus ein besonders altertümlicher, rauchfangartiger Schornstein in der Küche erinnerlich war, der für ein Baualter um 1700 sprach. Schmuck im eigentlichen Sinne suchen wir an den Gebäuden vergeblich, aber als Besonderheit können grüne Fensterklappläden im EG und dunkelbraune Verbretterungen der Giebeldreiecke neben hellen Putzflächen angesehen werden. In den besten Zeiten gefiel Vorübergehenden das Haus durch interessante Baugliederung und ausgeglichene Farbigkeit.

Ach ja, etwas Schmückendes fällt mir in der Umgebung des Hauses doch noch ein, ein schmiedeeisernes, etwas desolates Gartentor zum Wanderweg im Lößnitzgrund hin, ca. 20m nördlich des größeren Hauses. Es zeigte Stilmerkmale, die in eine Zeit um 1800 wiesen – trotz der Schäden ein romantischer Anblick. Und genau das hatte in den 70-er Jahren (etwa 1980 existierte es nicht mehr) einen namhaften Dresdner Fotografen zum Betätigen seines Kameraauslösers inspiriert. Da ich das Foto mal irgendwo gesehen hatte, aber nicht besaß, bekam ich vom Künstler Ulrich Lindner das Bild für den Artikel zur Verfügung gestellt.

Mein Dank für Unterstützung und Hilfe bei der Recherche gilt Herrn H. C. Günther aus Dinkelsbühl (ehem. Radebeuler), Herrn Ulrich Lindner aus Dresden, Frau Ingrid Zschaler und Herrn Dieter Krause (Eisenbahnexperte) beide aus Radebeul.

Dietrich Lohse

Literatur:
„Radebeul in alten Ansichten“, Liselotte Schließer, Europ. Bibliothek Zaltbommel / NL, 1992
„Kleinbahn live“, Ingrid Berg, Freiberg Eigenverlag, 2007

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