Interieur Underground `89

Eröffnung eines neuen Ausstellungsraumes im Lügenmuseum

Wir stellen uns vor.
Wir stellen uns vor, Stille herrscht, vollkommene Stille. Wir hören nur das Blut in den eigenen Ohren und eine Uhr irgendwo. Die Uhr tickt. Leise tickt sie, unaufhörlich leise, aufdringlich leise bis es schmerzt. Aber nein: es tickt keine Uhr.
Es tropft.
Draußen vor der Tür der Bodenkammer tropft Wasser in ein altes morsches Faß. Das Faß ist voll, aber unaufhörlich tropft es durch das undichte Dach.
Wir zählen.
Wenn wir bei 89 sind, läuft das Faß über.
Wenn wir bei 89 sind, brechen alle Dämme.
Nur ein paar alte Dauben schwimmen auf der Flut.

Die Ausstellung Interieur Underground ist in Wirklichkeit eine Tropfensammlung. Es ist eine Sammlung von Tropfen, die ein undichtes, morsches Faß zum Überlaufen brachten, draußen vor der Tür. Vieles war versickert, aber dann ist es doch übergelaufen, weil viele übergelaufen sind als alle Dämme brachen. Nur ein paar Tauben flogen über der Flut. Sie sollten den Ölzweig suchen, aber sie sind nicht zurückgekommen.

Wir stellen uns vor.
Wir stellen uns vor, wie Tropfen fallen.
Sie fallen einzeln, jeder für sich. Und jeder einzelne Tropfen hat die Kraft, uns ganz zu erfassen und mit sich zu ziehen. Es ist ein Strudel. Der Strudel zieht uns hinein in fremdes Erleben. So geraten wir in Gefahr. Und das ist gut so. Wir geraten in Gefahr, das Vergessen zu vergessen. Und das ist gut so.
Die Tropfensammlung ist ein konspirativer Ort gegen das Vergessen.

Genau das ist Interieur Underground: ein konspirativer Ort gegen das Vergessen im Lügenmuseum. Dinge erzählen Geschichten. Die Geschichten ziehen uns hinein in das Erleben Anderer. Sie lassen uns nicht wieder los.
89 Tropfen bringen ein Faß zum Überlaufen. Das Faß war voll. Es war gefüllt mit Banalität, Dummheit und Angst. Angst vergeht nicht. Wer einmal draußen steht, draußen vor der Tür, steht immer draußen. Auch das lehren die Dinge. Ein Schuh, ein selbstgebastelter Stempel, ein Sarg: Tropfen, die das Faß zum Überlaufen brachten. Aber das Lachen blieb aus. Die Taube mit dem Ölzweig kommt nicht zurück.
Noch nicht.

Interieur Underground: Der neue Raum im Lügenmuseum lebt, verborgen hinter einer Bücherwand, vom Archiv des Kurators: einstmals unverkäufliche Kunst, von Künstlerfreunden geschenkt. Der parallel erstellte eigenständige Katalog, der eine eigene Ausstellung wert wäre, spielt mit Erinnerungen: Erinnerungen als Tropfen, die Fässer zum Überlaufen bringen.
Tropfen können leicht sein oder schwer, Tränen der Verzweiflung oder der Erlösung. Das Lügenmuseum ist ein konspirativer Ort gegen das Vergessen.
Und das ist gut so.

Wir stellen uns vor.
Wir stellen uns vor, wir könnten noch einmal lachen. Und dann lachen wir, lachen gegen das Vergessen.
Die Sammlung Interieur Underground im Lügenmuseum ist ein unvergeßlicher Ort.
Thomas Gerlach

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