Aus einer Rede von Thomas Gerlach

zur Schlüsselübergabezeremonie am 31.1.2019 in der Stadtgalerie Radebeul

„Überhaupt: Abschied: das Wort klingt auf ganz unangenehme Weise nach Bahnhof, obwohl es hier in West gar keinen Bahnhof mehr gibt, sondern nur einen gesichtslosen Haltepunkt, der offenbar durch Benennung nach einem alten Dorf und den Hinweis auf ein Erlebnisweingut aufgewertet werden soll.
Unter Deiner Obhut, Karin, erlebte der alte Bahnhof einen letzten Höhepunkt: die Empfangshalle und der im Volksmund Harnröhre genannte Tunnel nach Norden waren mit Bildern und Sprüchen von Johanna Mittag und Ju Sobing auf einzigartige Weise attraktiviert worden und Micha Schulz ließ zur Eröffnung auf der Treppe zum damaligen Bahnsteig 1 sein Saxophon erklingen. Die Fahrgäste der Bahn staunten. Heute staunen sie nur noch, dass das schöne alte Haus überhaupt noch steht. Spekulationsobjekte können offensichtlich gar nicht verwahrlost genug sein, um als attraktiv zu gelten. Nun, da schon bald gar nichts mehr zu retten ist, ist sogar der Stadtrat bereit, die Reste zu erwerben. …

Apropos zusammen: Wir beide haben mal im Zuge der Vorbereitung eines Sommerprojektes – ich glaube, es war Alles unterm Nichts – zusammen eine Flasche Whisky ausgetrunken. Ich weiß nicht, ob Du Dich noch an den anderen Morgen erinnerst – mir gings gut, und die Ausstellung wurde ein Erfolg.

Ich habe nicht mitgeschrieben. Folglich ist mir entgangen, wie viele Ausstellungen seit 1984 unter Deinen Fittichen über die Bühne gegangen sind. Alte Fotos zeigen jedenfalls, wie hoffnungslos jung wir mal waren. Ich habe ja nie zu hoffen gewagt, mal als alter Mann zu enden. Du bist da besser dran, Du kannst nie einer werden.

Obwohl Du hin und wieder Wert darauf legst, als Fleischerstochter wahrgenommen zu werden, hast Du es wunderbar verstanden, die moderne Kunst dem – sagen wir – speziellen Radebeuler Publikum ganz vorsichtig nahe zu bringen.
Einmal wurden im Stadtrat Stimmen laut, für die Einladung richtiger, internationaler Künstler auch mal richtig viel Geld locker machen zu wollen. Erstaunt blickten wir uns an: Offenbar weiß in Radebeul trotz Galerie nicht mal der Stadtrat, in welchem Maße Radebeuler Künstler in der Welt der Kunst unterwegs sind. (Es bleibt also viel zu tun für Deine Nachfolger.) Und natürlich fragten wir uns, was die Damen und Herren denn für einen Beuysschen Fettnapf oder einen Kopfstand von Baselitz ausgespuckt hätten…
Apropos hätte: hätte das Rathaus mehr Bedeutung, könnten wir vielleicht Christo gewinnen, es einzupacken …

Die Stunde des Abschieds ist die Stunde des Dankes.
Das klingt schon wieder nach Bahnhof und kleinkarierten Taschentüchern, aber da müssen wir jetzt durch.
Sei also herzlich bedankt, für ein halbes Leben, das immer ein Ganzes war!“

Sascha Graedtke und Bertram Kazmirowski
von der Redaktion »Vorschau & Rückblick« Foto: S. Preißler

Festredner Thomas Gerlach Foto: S. Preißler

 

 

Stadtgaleristin Karin Baum neben dem Abschiedsbild ihrer Kollegen von Gerald Risch Foto: S. Preißler

Der symbolische Akt Foto: S. Preißler

Das neue Galerie-Team mit Alexander Lange und Ingrid May Foto: S. Preißler

Akkordeonspieler Gabriel Jaginiak Foto: S. Preißler

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