Dietmar Kunze

Leben und Wirken eines Radebeuler Architekten

Nach dem im Oktoberheft von Ilona Rau berührend verfassten Nachruf für einen lieben Freund, den Architekten Dr. Dietmar Kunze, will ich nun mit ein wenig Abstand das Leben und die Baustellen von Dietmar etwas ausführlicher vorstellen. Aber es ist auch für mich, einem langjährigen Freund und Kollegen noch immer nicht fassbar, dass er nun nicht mehr um die nächste Ecke geradelt kommen wird, „Hallo“ sagt, ein paar freundliche Worte im Sinne von „was gibts Neues“ mit mir wechselt. Nie mehr!

Mai 2019 Foto: U. Kunze

Was uns bleibt, ist die Erinnerung an ihn und das wird Vielen so gehen. Wenn ich jetzt über Dietmar schreibe, kann es nicht ausbleiben, dass das auch persönliche Erlebnisse einschließt. Ich werde mich aber bemühen, die Fakten von Dietmar Kunzes Lebenslauf, der schon mit 69 Jahren endete, zu notieren.
Am 10. April 1950 wurde Dietmar Arno Kunze in Dresden geboren. Seine Eltern waren Arno und Ursula Kunze, geb. Schubert. Der Vater war Horizontaldreher in der Planeta* Radebeul im Maschinen- und Modellbau, seine Mutter war als Übersetzerin im AWD / Radebeul tätig. Dietmars Kindheit in der Genossenschaftswohnung auf der Bertolt-Brecht-Straße war harmonisch, sein liebstes Spielzeug waren Bausteine und somit war der Berufswunsch bereits vorgezeichnet. Nach der Grundschule besuchte er die Erweiterte Oberschule in Radebeul. 1967 ergab es sich, dass er als Oberschüler mir bei einem Bauaufmaß am „Haus in der Sonne“ – so was gelingt zu zweit besser – half. Da war er seinem Berufswunsch Baumeister, wie er es ausdrückte, etwas nähergekommen. In jener Zeit wurde Dietmar Mitglied des Radebeuler Jugendtheaters „Heiterer Blick“ unter Klaus Kunick. Zwar war das für Dietmar keine Weichenstellung für einen Schauspielerberuf, traf er aber hier seine spätere Frau Ulrike Schmitz.
Ich erinnere mich, dass Dietmar zu dieser Zeit alles hörte und sammelte, was von den Beatles oder Bob Dylan gespielt wurde, er war ein Fan! Nur wenige wissen, dass er auch klassische Musik und Jazz mochte. Dietmar Kunze studierte ab 1968 Architektur an der TU Dresden, worauf ein Forschungsstudium bis 1975 folgte und 1981 erhielt er schließlich den Titel Dr. Ing. Architekt. Seit 1976 war er Mitglied des BdA. Ich glaube mich zu erinnern, dass besonders die Professoren Leopold Wiel und Helmut Trauzettel für sein späteres Berufsleben prägend waren. In der Zeit des Studiums lag ein städteplanerisches Praktikum in Leipzig sowie die Mitarbeit im Büro von Architekt Klaus Kaufmann in Radebeul. In den 70er Jahren waren wir beide freizeitmäßig in einer Gruppe junger Architekten unter Ulrich Aust mit der Rettung des Denkmals „Hellhaus“ in Moritzburg beschäftigt, konnten aber letzten Endes den Verfall nur verlangsamen. Es war eine gute Mischung aus Arbeit und Feiern, eine schöne, spannende Zeit, die auch Freundschaften vertiefte. Das „Hellhaus“ begleitete Dietmar das ganze Leben, im Frühjahr 2018 erhielt sein Büro schließlich den Auftrag zur äußeren Wiederherstellung. Die Zukunft wird zeigen, in welcher Form dies zum Abschluss gebracht wird.
Bald gehörte Dietmar auch dem „Radebeuler Aktiv für Denkmalpflege“ (Kulturbund) an, ebenso ab 1993 dem „Verein für Denkmalpflege und neues Bauen“, worin eine gewisse Kontinuität liegt.
1975 heirateten Ulrike und Dietmar Kunze in Radebeul und nahmen in der Bennostraße (Haus Steinbach) eine Wohnung. Hier wurde 1976 Sohn Ferdinand geboren, der mit nur elf Jahren an einer schweren Krankheit starb. Für die Eltern war Ferdinand der Familienmittelpunkt. Ich erinnere mich, dass sie ihn bewusst auch zu gesellschaftlichen Ereignissen, wie z.B. Ausstellungseröffnungen mitnahmen. Sein besonderes Interesse aber galt Eisenbahnen – ich traf Dietmar und Ferdinand oft auf dem Bahnhof Radebeul-Ost bei den Dampfloks. Der zweite Sohn Maximilian, geboren im Januar 1989, aber wurde groß (größer als der Vater!), trat beruflich in seine Fußstapfen und sollte schließlich 2019 sein eigenes Architekturbüro gründen.
Dietmars erste Anstellung als Architekt war im BMK IPRO, dann im Gesellschaftsbau. Es war schon kurios, Dietmar saß im selben Büro, aber die Firmennamen änderten sich mehrmals, später durch den politischen Umbruch und diverse Übernahmen noch zweimal: AIT, HPP. Einige seiner ersten Projekte waren die Mitarbeit am Erweiterungsbau des Volkspolizeikreisamtes Dresden, Funktionsgebäude und Gaststätte der Semperoper (er hat sich schon sehr geärgert, dass nach der Wende die von ihm entworfene Inneneinrichtung ohne zwingenden Grund ausgetauscht wurde) und der Beginn der Planung für den Hausmannsturm des Dresdner Schlosses. Dessen Fertigstellung durfte Dietmar – sicherlich seine höchste Baustelle! – nach der politischen Wende 1991 erleben. Das war schon ein Höhepunkt in der Laufbahn des Architekten. Ebenfalls in die frühen 90er Jahre fiel der Umbau und die denkmalpflegerische Sanierung der Yenidze in Dresden. Wichtig für seine berufliche Entwicklung sollte hier auch sein langjähriger Chef Wolfgang Hänsch erwähnt werden. Unter dessen Leitung arbeiteten außer Dietmar noch einige, für Dresdens architektonische Entwicklung prägende Architekten: Eberhard Pfau, Jörg Baarß, Gerd Gommlich, Torsten Gustavs und Marlies Zerjatke, die spätere Büropartnerin von Dietmar. An dieser Stelle sollte festgehalten werden, dass da zwar fleißig gearbeitet, aber auch viele schöne Feste (z.B. Schloss-Fasching) gefeiert wurden und Dietmar da mittendrin war. Hervorzuheben wäre auch, dass Dietmar als Initiator und Regisseur zweier Theaterstücke im Schlosskeller fungierte. – Hatte die Zeit im Jugendtheater doch Spuren hinterlassen? Als intelligenter, humorvoller und belesener Mensch fand er zu allen Partnern, ganz gleich ob Professor, Bauherr oder Handwerker, den richtigen Ton. Der Entschluss, ein eigenes Architekturbüro mit Marlies Zerjatke in Dresden zu gründen, beide als gleichberechtigte Partner einer GbR, wurde 2002 gefasst. Bürositz war in der obersten Etage des von Dietmar Kunze noch bei HPP entworfenen Bürogebäudes Könneritzstraße 31. Als Team suchten die beiden Architekten nach der besten jeweiligen gestalterisch-technischen Lösung eines Projektes, wobei Dietmar diese nach Außen kommunizierte und Marlies Zerjatke sie am Computer zeichnerisch/konstruktiv ausarbeitete. Einen Computer suchte man auf seinem Schreibtisch übrigens vergebens. Sie ergänzten einander beruflich und wurden ein gutes Team. Wichtige Baustellen – ich sehe mich außer Stande alle circa 130 darzustellen – waren die Umgestaltung des AOK-Gebäudes Dresden am Sternplatz (2003), in Bad Elster u.a. die denkmalpflegerische Sanierung des König Albert Theaters und zuletzt der Umbau des Kolonnadencafés in Bad Brambach.

Notiz aus seinem letzten Skizzenbuch Foto: U. Kunze

Schließlich leitete er diverse Sanierungsetappen am Schloss Moritzburg und dem Fasanenschlösschen. Letzteres war für Dietmar, der Moritzburg liebte, eine ganz besondere Aufgabe. Hier waren die guten Verbindungen zu Handwerkern, Restauratoren und dem Landesamt für Denkmalpflege vorteilhaft. Im Dezember 2007 konnte ich als Gast an einer Baubesprechung auf dem Jägerturm des Schlosses teilnehmen, das war für mich sehr interessant: Dietmar – bei winterlicher Witterung auf hohem Turmgerüst – einer Gruppe von Handwerkern in aller Ruhe anstehende Fragen zur Wetterfahne souverän beantwortend.
Als der Mietvertrag in der Könneritzstraße Ende 2018 auslief, fand die Bürogemeinschaft um Dietmar Kunze ganz in der Nähe in der Yenidze ein neues Büro. Nach vielen Jahren als praktizierender Architekt blickte Dietmar etwas unruhig dem nahenden Ruhestand entgegen. Die Idee, in dem mittlerweile in Gründung befindlichen Büro des Sohnes ein wenig weiter arbeiten zu können, schien da gut zu passen.
In Radebeul fallen mir nur vier Projekte ein, der Neubau Galenik AWD Radebeul,
die Denkmalsanierung und Erweiterung Haus Dr. Knoch, die energetische Sanierung des Kindergartens „Thomas Müntzer“ und zusammen mit dem ehemaligen Kollegen Thilo Hänsel und seiner Frau Birgit der Wohnhaus-Neubau Rennerbergstraße 19-23, als Architekt und gleichzeitig Bauherr, welches im Jahr 1999 mit dem Radebeuler Bauherrenpreis ausgezeichnet wurde.
Ich will auch Dietmars gelegentliche Beiträge für „Vorschau & Rückblick“ und vor allem die Titelbildgestaltung im Jahr 2018 nennen, an die wir uns dankbar erinnern.
Selbstverständlich beherrschte Dietmar das Konstruieren und Zeichnen am Brett und mit dem Rapidograph für seine Projekte sehr gut, alte Schule eben. Aber er hatte seit dem Studium noch eine andere Leidenschaft, er skizzierte gern, zeichnete Häuser, städtebauliche Räume und Landschaften mehr und besser als viele seiner Kollegen. Durch die Anregung seines 2002 gestorbenen Schwiegervaters Günter Schmitz, Maler und Grafiker in Radebeul, und enge Freundschaften zu anderen Radebeuler und Dresdner Künstlern begann er seinen freien Arbeiten mehr Raum zu geben. So gab es in den letzten fünf Jahren Ausstellungen mit eigenen Blättern von Radebeul, der Ostsee oder weiteren Reisen, u.a. in die Toskana (sh. V+R 07/17). In diesem Frühjahr erfüllte sich der lang gehegte Wunsch, in den Räumen des Pfarrwitwenhauses in Groß Zicker auf Rügen, dem langjährigen Ferienort der Familie, eine Bilderausstellung über drei Generationen der Familie (Günter Schmitz, Dietmar und Maximilian Kunze) zusammen mit dem Keramiker Mario Howard aufzubauen. Wir sahen diese Ausstellung am 31. Juli und waren sehr begeistert. Doch waren zutiefst erschüttert, als wir erfahren mussten, dass Dietmar am frühen Morgen des gleichen Tages an Herzversagen in Groß Zicker verstorben war. Das zuvor als Idee geäußerte Treffen unter Freunden abends im Urlaub, kann in dem Kreis nie mehr stattfinden.
Ich wünsche mir, dass die vielen Freunde Dietmars die zu seiner Beerdigung kamen, etwa 300 von ihnen, sich auch ohne ihn in bisher nicht da gewesenen Querverbindungen treffen und vernetzen könnten, um vielleicht etwas zu befördern und zu bewegen – das wäre wohl in seinem Sinne!

Dietrich Lohse

* Firmennamen werden hier aus Platzgründen in Kurzform genannt, also auch ohne “VEB“.

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