Karel Gott ein letztes Mal in Radebeul

Die Lage ist ernst für das Theater „Heiterer Blick“

Zum diesjährigen Herbst- und Weinfest in Radebeul bot der „Freundliche Hof“ auf dem Anger in Altkötzschenbroda eine kleine Sensation, die im Trubel der vielfältigen Angebote dieser drei Tage fast untergegangen wäre. Aus dem „goldenen Prag“ trat der Mann mit der „goldenen Stimme“ auf und sang eins seiner schönsten Lieder. Freilich ist der 80jährige Künstler nicht selbst nach Radebeul gekommen. Jan Dietl vom Theater „Heiterer Blick“ playbackte den Sänger in exzellenter Weise, begleitet von zwei etwas in die Jahre gekommenen Ballettösen.

Szene aus Shakespeares »Romeo und Julia« mit Roswitha Schubert (†) als Amme und Axel Poike als Romeo, aufgeführt vom Jugendtheater Radebeul 1980 Foto: H. J. Klatt

Das Publikum hatte an dieser wie den folgenden Darbietungen der Theatergruppe seine helle Freude. Unter dem Titel „Für immer jung in der Erinnerung“ führte die Gruppe eine musikalische Programmfolge auf, welche von der stimmgewaltigen italienischen Sängerin Milva, eindrucksvoll parodiert von Silli Gur, bis zum Gospelgesang eines Nonnenchores viel für Augen, Ohren und die Lachmuskeln bereit hielt. Durchs Programm führten das Conférencier-Duo Uwe Wittig und Louis Stritzke, welches durch eine nicht mehr ganz junge aber quirlige Praktikantin (Gabi Köckeritz) immer wieder aus dem Konzept gebracht wurde.
Freilich zeigte die Aufführung auch kleine dramaturgische Unzulänglichkeiten, darstellerische Schwächen und technische Probleme (Wackelkontakt am Mikrophon). Das Publikum jedenfalls nahm es der Gruppe nicht krumm, sondern spendete reichlichen Szenenapplaus und am Ende der halbstündigen Darbietung lang anhaltenden Beifall. Für den Auftritt reichte den Akteuren ein schwarzer Vorhang, kombiniert mit einem glitzernden Rückenprospekt. Die stilechten Kostüme der Spieler entschädigten reichlich und trugen so zum Gelingen des Gebotenen bei.
Das Theater „Heiterer Blick“ ist seit langem eine kulturelle Institution in der Stadt, welche sich eng mit ihr verbunden fühlt. Immer wieder war die Gruppe in der Vergangenheit bei kulturellen Ereignissen mit ihren Inszenierungen präsent. Da sind nicht nur ihre langjährigen Auftritte beim Herbst- und Weinfest oder ihre Teilnahme an der Radebeuler Kasperiade mit einer eigenwilligen, aber gekonnten Märcheninterpretation. Sie wirkte bei den Radebeuler Begegnungen mit, traten zu Weihnachtsmärkten in der Hoflößnitz oder zur Eröffnung des Bürgertreffs in Radebeul West auf. Mit „Nosferatu. Harmonie des Grauens“ weihte sie die Schalterhalle des Kulturbahnhofes in Radebeul-Ost 2010 als Veranstaltungsraum ein.
Sicher kann sich der eine oder andere Radebeuler wie auch die Radebeulerin noch an Zeiten erinnern, wo dieses Ensemble unter dem Namen „Jugendtheater Radebeul“ aufsehenerregende Inszenierungen herausbrachte. Kunick’s „Der letzte Mohikaner“(1967) auf einer eigens geschaffenen Freilichtbühne in Radebeul, Brechts „Die Antigone des Sophokles“ (1976) oder Shakespeare’s „Romeo und Julia” (1980). Die Gruppe, die es sich leisten konnte in ihre Spielstätte, dem Klubhaus „Heiterer Blick“ von VEB Druckmaschinenwerk Planeta Radebeul, ein eigenes Theateranrechtssystem zu unterhalten, zählte spätestens seit Mitte der 1970er Jahre zur Spitze des DDR-Amateurtheaters.

Zum Herbst- und Weinfest 2019 waren im »Freundlichen Hof« Susanne Hanke als Tänzerin Kitty und Jan Dietl als Tenor Peter Hansen bei der Interpretation des Liedes »Junger Mann« aus dem Revuefilm »Karneval der Liebe« von 1943 zu erleben Foto:K. U. Baum

Gegenwärtig allerdings steht der Gruppe das Wasser buchstäblich bis zum Hals. Das einst zeitweise über 100 Mitglieder umfassende Theater zählt heute nur noch wenige Personen. Auch die finanzielle Situation hat sich dramatisch verschlechtert. Die Truppe kann sich künftig nicht mal mehr ihren Proben- und Requisitenraum im Vereinshaus leisten. Es fehlen mindestens 1.000 Euro um die Mietkosten zu begleichen, notwendige Aufwendungen für Inszenierungen und sonstige Ausgaben beiseite gelassen. Diesem traditionsreichen Theater droht im 75. Jahr seines Bestehens 2020 ein trauriges Ende und der Stadt Radebeul damit ein unwiederbringlicher Verlust. Ohne Probenraum keine Inszenierungen, ohne Inszenierungen keine Vorstellungen, ohne Vorstellungen keine Einnahmen und ohne Einnahmen keinen Probenraum! Lässt sich dieser Teufelskreis nicht durchbrechen und der „Heitere Blick“ vor dem Untergang retten?

Karl Uwe Baum

 

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