Familientaugliches Skandalstück

Zur Premiere von „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ am 1. Adventswochenende an den Landesbühnen Sachsen

Sicherlich nicht ganz ohne Hintergedanken hatte Intendant Manuel Schöbel die Premiere der von ihm verantworteten Neueinstudierung von Brecht/Weills dreiaktiger Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ (1930) auf das 1. Adventswochenende terminiert. Einen Tag nach dem Kaufrausch-Freitag (durch die Werbeindustrie als „Black Friday“ hochgejubelt) fanden am Abend eines der umsatzstärksten Tage des Jahres immerhin doch genug Besucher in das Radebeuler Haupthaus. Bei ihrer Anreise hatten sie deutlich weniger mit Parkplatzproblemen zu kämpfen als die mehreren Zehntausend, die zeitgleich im Elbepark oder in der Dresdner Innenstadt die Kassen klingeln ließen, weil sie den Versuchungen der Rabattangebote, Vorzugspreise und saisonalen Schnäppchen nicht widerstehen konnten.

»Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny« – Premiere war am 30.11.2019

Womöglich also wollten Schöbel und Ausstatter Stefan Wiel dieses Wochenende bewusst mit einer passenden Aufführung bebildern, mit „Mahagonny“ quasi einen Kommentar zur vorweihnachtlichen Konsumvergessenheit und Vergnügungsopulenz (Weihnachtsmärkte allerorten, dazu Weihnachtszirkus im Ostragehege, ein Riesenrad neben dem Goldenen Reiter und weihnachtlich verbrämte Lichtverschmutzung etwa im Schlosspark Pillnitz) abgeben, wozu das Stück ja allemal taugt. Die Vorlage ist bekannt: In 20 Szenen entfaltet sich die Parabel von einer Stadt, die in der Wüste aus Not gegründet bald zum Eldorado für all jene (Männer) wird, denen das Geld locker in der Tasche sitzt und die sich dort nach harter Arbeit in Alaska mit Schnaps, Frauen und (Glücks-)Spiel vergnügen wollen, bis einem von ihnen, Jim, aufgeht, dass jene Verlustierungen nur oberflächliche Betäubung einer eigentlich nach Sinn dürstenden Seele sind und die Geld-ist-Geil-Mentalität die Menschen über kurz oder lang entmenschlicht. So weit so einfach. Was macht nun das Radebeuler Theater daraus? Zunächst überrascht es mit einem interessanten Einfall: Die Bühne verlängert sich über die vorderen zehn Sitzreihen als Rampe in den Zuschauerraum hinein, als wollte sie eine Einladung symbolisieren: Der Weg nach Mahagonny steht allen offen, man muss nur gehen und (an)kommen. Zur Ouvertüre kommen die drei wichtigsten Protagonisten über eben jene Rampe. Leokadja Begbick (Michaela Ische) im Rollstuhl (ein fahrbarer Rollstuhl ja ist immer noch besser als ein in der Wüste liegen gebliebener PKW,) geschoben von Dreieinigkeitsmoses (Paul Gukhoe Song) und begleitet von Fatty, einem Prokuristen (Edward Lee). Wie immer man sich auch Steuerflüchtlinge vorstellt, diese drei sind zwar eitle und am Ende auch brutale, letztlich aber unerfahrene Geschäftemacher und halten während der ganzen Oper nicht nur optisch Distanz zu allen, die Mahagonny nach und nach bevölkern. Vielleicht liegt es auch am Brechtschen Libretto und dieser Oper als eines der wenigen Beispiele für episches Musiktheater, dass das Miteinanderspiel eher wie eine nüchterne Versuchsanordnung daherkommt: Auf der einen Seite die drei benannten Anzugträger (und zwei als „Schatten“ bezeichnete Tänzer, deren Notwendigkeit allerdings nicht herausgearbeitet wird), auf der anderen Jim, Jack, Bill und Joe (Aljaž Vesel, Andreas Petzoldt, Johannes Leuschner, Michael König), deren Namen für das denkbar Durchschnittlichste im Menschen stehen, was die nordamerikanische Gesellschaft in ihrer männlichen Ausprägung hervorzubringen im Stande war und ist. Und so durchschnittlich verhalten sich alle dann auch und sind dadurch eigentlich wie die Menschen überall. Nicht dazwischen, aber sehr prononciert platziert ist Jenny (Kirsten Labonte, die dieser Rolle Charakter und bisweilen auch stimmlichen Glanz verleiht), die die einzige weibliche Rolle mit Tiefgang besetzt. Hinzu kommt eine Großgruppe an weiteren Jims und Jacks und Bills und Joes (Opernchor und Zusatzchor), die sich vor allem daran weiden, was die Mädchen von Mahagonny (neun Darstellerinnen und ein Darsteller in der Rolle einer Drag Queen, jeweils in eindeutig körperliche Vorzüge betonender Kostümierung) und die Saloons anbieten. Allerdings bleiben diese Szenen voller Ausschweifung und Erotik („Erstens kommt das Fressen, zweitens kommt der Liebesakt. Drittens das Boxen nicht vergessen, viertens Saufen, laut Kontrakt.“) alle recht brav und bieder, was umgekehrt bedeutet, dass diese „Mahagonny“-Einstudierung auch von kulturbeflissenen Eltern nebst Heranwachsenden besucht werden kann, ohne dass man verlegen husten (Eltern), peinlich berührt erröten (Kinder) und hinterher noch ein (auf-) klärendes Gespräch führen müsste (beide Seiten). Statt deftiger Szenen zur expliziten Sprache wurde auf großflächige Videoeinspielungen im Bühnenhintergrund gesetzt, die eher Verweischarakter tragen als dass sie konkret sind. Natürlich ist dieser zurückhaltende inszenatorische Ansatz legitim, denn schließlich gibt es ja auch noch die Musik (die Elblandphilharmonie unter Hans-Peter Preu musiziert stimmig die Weillsche Partitur und arbeitet deren stilistische Vielgestaltigkeit schön heraus), die die Handlung kongenial untersetzt. Allerdings mag mancher nicht ohne Berechtigung einwenden, dass eine so weichgespülte Fassung das verstörend-aufrüttelnde Potential der Vorlage, die ja die Zuschauer der Uraufführung irritiert zurückließ und die Nazi-Schergen auf den Plan rief, nicht zur Gänze entfalten vermag. Kritisch anzumerken ist überdies die vielfach mangelnde Textverständlichkeit in den Gesangspassagen, wodurch eine Menge inhaltlicher Impulse verpuffen. Warum werden nicht Übertitel eingeblendet, so wie es an vielen anderen Häusern üblich ist? (Nebenbei: Da nützt es auch wenig, wenn man an der Garderobe auf die Möglichkeit hinweist, dass Träger eines Hörgerätes auf eine Schwerhörigenanlage zurückgreifen können, was ja an sich eine sehr lobenswerte Initiative ist.)
Das durch Jim nach dem überstandenen, die Stadt zwischenzeitlich existentiell bedrohenden Wirbelsturm ausgegebene Motto „Du darfst“ begründet sowohl die wirtschaftlich erfolgreichste als auch die moralisch verdorbenste Ära von Mahagonny. Wenn das Dürfen aber nicht durch ein (Bezahlen-)Können gedeckt ist, fällt das Kartenhaus in sich zusammen, ist der Deal zwischen Käufer und Verkäufer geplatzt und wird Jim am Ende auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet, was zweifellos eine dramatische Überspitzung ist, aber erst in der Übertreibung wird der Schrecken ja deutlich. Dass Geld die Welt regiert, wussten wir schon vorher. Dass Geld letztlich aber auch die Welt in ihrer sozialen Verfasstheit negiert, ist eine Erkenntnis, die Brecht/Weill zwar schon vor 90 Jahren formulierten, deren dramatische Gültigkeit wir aber erst in letzter Zeit angesichts der global zu besichtigenden Auswüchse unserer marktkapitalistischen Gesellschaft zu begreifen beginnen. Freundlicher Beifall zum Ende eines zweieinhalbstündigen Theaterabends, der eingefleischte Brecht/Weill-Fans sicherlich enttäuschte, für andere aber eine willkommene (Erst-)Begegnung darstellte.

Bertram Kazmirowski
Nächste Aufführungen am 10.1. und 19.1.

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