Editorial 7-20

Liebe Leserinnen und Leser,
gut drei Wochen hatte die Wahl zur Bestimmung des neuen Leiters des Kulturamts die Gemüter vieler Radebeuler bewegt und unsere Stadt in die Schlagzeilen gebracht – bundesweit. Nun ist seit dem 2. Wahlgang bzw. der Wahlwiederholung vom 15. Juni klar, dass nicht der umstrittene Schriftsteller Jörg Bernig, sondern die noch voraussichtlich bis Jahresende in Annaberg-Buchholz tätige Kulturmanagerin und promovierte Romanistin Gabriele Lorenz den vakanten Posten ab Januar 2021 bekleiden wird. So weit, so gut? Ja und nein. Ja, denn ich finde, Gabriele Lorenz ist eine geeignete Kandidatin für dieses Amt, nach allem, was ich über sie erfahren konnte. Ich wünsche ihr einen erfolgreichen Start in der für sie neuen Aufgabe. Nein, denn mit etwas Abstand muss ich mir sagen, dass aus den Vorgängen rund um den 1. Wahlgang mit der Wahl Jörg Bernigs Lehren gezogen werden sollten. Von der Stadtverwaltung wünsche ich mir, dass sie Stellenausschreibungen und nachgeordnete Auswahlprozesse so gestaltet, dass die fachliche Eignung der Bewerber für den jeweiligen Posten bzw. deren Berufserfahrung im Vordergrund stehen. Von den Mitgliedern der Fraktionen im Stadtrat wünsche ich mir, dass sie nicht vordergründig eigene (politische) Ziele verfolgen, sondern stets mit Augenmaß und Weitsicht Entscheidungen treffen und deren Folgen für die Stadt realistisch einschätzen. Von Bewerberinnen und Bewerbern wünsche ich mir eine kritische Sicht auf die persönliche Eignung für eine Funktion, für ein Amt. So hätte im aktuellen Fall ein für sein literarisches Werk zu Recht geehrter Individualist zeitig genug erkannt, für ein Verwaltungsamt mit Personalführungsaufgaben nicht ausreichend qualifiziert zu sein, ganz unabhängig von seinen politischen Ansichten. Von der Stadtgesellschaft, also von uns allen, wünsche ich mir, dass wir miteinander Demokratie (aushalten) lernen und akzeptieren, dass sie anstrengend ist. Auch 30 Jahre nach den ersten freien Wahlen ist das offenbar etwas, worin sich viele von uns fortgesetzt üben sollten.

Bertram Kazmirowski

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